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| aktualisiert am: 07.01.2002 | ||||||
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01/2002 |
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Dr. med. Ulrich Seemann empfängt mich in seiner Praxis. In Ovelgönne bei Celle ist er nun wieder angekommen nach seinem 14-tägigen Einsatz für "humedica". Eigentlich ist es ihm ein bißchen peinlich, daß ausgerechnet er als "Newcomer" auf dem Gebiet der humanitären Hilfe von seinem Aufenthalt im Iran und Afghanistan berichten soll. "Nichts Besonderes" sei das, was er dort macht, hat er vorher der "Celleschen Zeitung" im Interview gesagt. Nun sind humanitäre Einsätze niedergelassener Mediziner nicht die Regel, und so stellte sich im Gespräch bald heraus, daß auch der Einsatz von Dr. Seemann durchaus etwas Besonderes war. Zu Beginn unseres Gesprächs erläutert mir Dr. Seemann in knappen Worten die Zielsetzung von "humedica", einer christlich orientierten Hilfsorganisation mit einem Jahresbudget von etwa 10 Mio. Mark, die fünf festangestellte Mitarbeiter beschäftigt und für die ca. 400 ehrenamtliche Ärzte in ihrer Freizeit im Einsatz sind, jeweils über einen Zeitraum von 14 Tagen an wechselnden Einsatzorten. Vor einiger Zeit hatte sich auch Dr. Seemann, der selbst in christlichen Organisationen wie dem Marburger Kreis aktiv ist, an "humedica" gewandt und seine Hilfe angeboten. In diesem Jahr war er dann erstmals während der Erdbebenkatastrophe in Indien und Ende Oktober in Afghanistan. nä: Wie verlief Ihr Einsatz, was sind Ihre Eindrücke von Ihrer doch außergewöhnlichen Mission? Dr. Seemann: Es war eine ziemlich problematische Aufgabe dort zu erledigen. Ich bin ja nicht gleich in eine bestehende Arbeit eingestiegen, sondern war mit anderen das Erkundungsteam. Wir sind mit ca. 100 kg Medikamenten und eigenem Gepäck, insgesamt 160 kg, nach Teheran gekommen und mußten erst mal sehen, daß wir die einzelnen administrativen Stellen in Teheran abklappern, um die Genehmigung zu bekommen ins Land zu kommen. Das ist sehr schwer gewesen. Die Iraner sind ein sehr freundliches Volk. Aber jeder kleine "Gebietsfürst" hat sein O.K. zu geben. Alle wollen sie ihre Macht demonstrieren, indem sie genauestens auf die Einhaltung ihrer Privilegien achten. Wir haben den ersten guten Tip von der Deutschen Botschaft erhalten. Ein kompetenter Mitarbeiter der Botschaft erklärte uns, daß wir zuerst zur sogenannten "ICRI" gehen sollten. Das ist eine internationale Organisation für Flüchtlingsfragen im Iran. Diese "ICRI" wird von einer Iranerin geleitet, die uns dann ihren Sekretär zur Seite stellte, der uns in phantastischer Weise geholfen hat. Ohne ihn hätten wir erhebliche Probleme gehabt. Er besorgte uns alle Unterschriften, zunächst einmal über die BAFIA, die Organisation für die afghanischen Flüchtlinge im Iran. Die Zentralstelle der BAFIA in Teheran wird von einem hervorragenden Mann geleitet. Probleme hatten wir dann mit den Gesundheitsorganisationen, dem Gesundheitsamt bzw. dem Gesundheitsministerium und dem "Roten Halbmond". Nach Tagen (wir hatten uns dann schon geteilt, wir waren ja zwei Ärzte und ein Koordinator) ging es dann langsam weiter. Der Koordinator war schon nach Z‡hedan voraus geflogen. Wir kämpften in Teheran noch weiter, um unsere Medikamente durch den Zoll zu bekommen und dann endlich in den Süden Irans fliegen zu können, an die afghanische Grenze. Das gelang uns schließlich. Wir sind dann nach Záhedan geflogen, das etwa 1 500 - 2 000 km von Teheran entfernt im Süden liegt. Diese Stadt ist nur von Wüste umgeben. Sie hat ein ganz anderes politisches Klima als Teheran. Die offizielle Meinung im Iran ist talibanfeindlich. In der Provinz ist die Sympathie ganz anders verteilt. Die Taliban haben hier sehr viele Anhänger. Wir hatten ja die Absicht, auf das Gebiet der Mudschahedin zu gehen, um dort zu helfen. Das hat nicht unbedingt die ungeteilte Freude bei den einzelnen Stellen hervorgerufen. Wir waren sehr überrascht, daß wir dann in Z‡hedan schon andere Gruppen fanden, z.B. von "Ärzte ohne Grenzen" und "Medecins Du Monde". Die verschiedenen Gruppen versuchten verzweifelt, die Genehmigung zum Übertritt nach Afghanistan zu bekommen, keiner hatte sie. Erstaunlicherweise bekamen wir als erste die Genehmigung, weil wir so ein bißchen den iranischen Halbmond übergangen hatten und uns an die BAFIA gewandt hatten - später sollte das auch Konsequenzen haben. Wir bekamen dann auch in Z‡hedan sämtliche Unterschriften, die wir brauchten, nur diesmal nicht von der Zentral-, sondern der Regionalregierung. Dann sind wir mit dem Auto nach Zabul gefahren, das etwa 200 km von Z‡hedan entfernt liegt. Zabul ist ähnlich wie eine Kreisstadt. Dort mußten wir nochmals Unterschriften einholen und sind dann über die afghanische Grenze gebracht worden. Wir sind dort von den Mudschahedin mit einer unglaublichen Herzlichkeit in Empfang genommen worden und später in das Flüchtlingslager gebracht worden, das Mile 46 heißt, weil es - mitten in der Wüste - am Meilenstein 46, also genau 46 Meilen von der Grenze entfernt liegt. Dort ist in einer reinen Steinwüste vom iranischen "Roten Halbmond" dieses Lager aufgebaut worden. Mile 46 ist ein Lager mit etwa 1 000 Flüchtlingen, das auch vom iranischen "Roten Halbmond" geführt wird. Man könnte es als Vorzeigelager bezeichnen, ideal geführt mit Zelten, die mit Decken ausgelegt sind. Wir bekamen sofort unser Zelt zugewiesen und erhielten zehn Decken, die von Japan geliefert worden waren. Japan hatte tausende Decken geliefert, eine sehr wertvolle Lieferung. Dort gab es genügend zu essen, genügend Wasser, ja es gab sogar Strom. Nachts lief ständig ein Generator, so daß sogar eine Art von Straßenbeleuchtung vorhanden war. Dort war das, was sie als Klinik bezeichneten, eine Art Ambulanz. In dieser Ambulanz haben wir gearbeitet. Sofort, eine halbe Stunde nachdem wir dort angekommen waren, mußten wir schon in den Einsatz, weil gerade ein paar Flüchtlinge angekommen waren, die zum Teil bis zu 2 000 km von der usbekischen, von der tadschikischen Grenze und aus Kabul gelaufen waren, und die dann Entzündungen hatten. So fing unsere Arbeit an. Wir arbeiteten dort auch nachts. Am Tage kam vormittags ein iranischer Arzt, der die Patienten dort mit versorgte. Wir hatten geplant, nicht nur in diesem Lager der Mudschahedin zu bleiben, sondern wir wollten in das Hinterland dieser sogenannten Nimrus-Provinz, in der wir uns befanden. Die Nimrus-Provinz war zu 2/3 von den Taliban besetzt und zu 1/3 hielten die Mudschahedin diese Provinz an der sogenannten Nimrus-Front. Wir haben dann dort am nächsten Tag angefangen, im Lager zu arbeiten. Wir hatten unsere Medikamente dabei und waren verhältnismäßig autark. Wir stellten bald fest, daß wir in dem Lager nicht so sehr gebraucht wurden wie im Hinterland. Wir sind dann tags darauf auf der Ladefläche eines Pickup mit sechs Personen und fünf schwerbewaffneten Soldaten in das Hinterland gefahren, entlang dem Helmond-Fluß in ein afghanisches Dorf. Der Helmond-Fluß ist ein breiter Strom, völlig ausgetrocknet, seit über vier Jahren hat es dort nicht mehr geregnet. Zu der politischen Katastrophe kommt ja noch die ökologische Katastrophe! Dort ist alles vertrocknet, was man sich eben denken kann. Wir kamen dann in ein Dorf. Das Besondere an den Dörfern in dieser Gegend ist, daß dort nicht mehr nur ein paar Dorfeinwohner wohnen, sondern eine Vielzahl von Flüchtlingen. So waren insgesamt in der Nimrus-Provinz 10 000 Menschen zu versorgen, die überhaupt gar keine ärztliche Betreuung mehr hatten und dorthin zu ihren Verwandten, die in diesen Dörfern wohnten, geflohen waren. Dort haben wir angefangen zu behandeln, vor allen Dingen Darmerkrankungen, bedingt durch das schlechte Wasser. Ich habe beobachtet, wie die Leute dort Wasser gewinnen. Das ist unglaublich! Die Frauen gingen in eine Mulde, sie kratzten dann den Sand von der Oberfläche, bis das Grundwasser kam. Dieses Grundwasser haben sie dann zum Wasserverbrauch gewonnen - der Fluß war ja ausgetrocknet. Dementsprechend hieß es dann: "Diese Mädchen haben faules Wasser getrunken." Eine Vielzahl der Erkrankungen waren Darmkrankheiten, weniger Wurmerkrankungen und natürlich auch Malaria. Sie haben ja diese Malaria tropica Plasmodium falciparum, die sehr, sehr gefährlich werden kann, darüberhinaus infolge dieser sehr ungünstigen Bedingungen mit dem Wassermangel häufig Nierenerkrankungen und damit verbunden Bluthochdruck, was wir überhaupt nicht erwartet hatten. Bluthochdruckerkrankungen kommen ausgesprochen oft vor und wir hatten dafür nicht die entsprechenden Medikamente dabei, erst unser Nachfolgeteam brachte diese Medikamente mit. Wir sind wirklich positiv mit einer kolossalen Herzlichkeit empfangen worden und hatten dann die Absicht, dort regelmäßig Visiten zu machen. Das Problem war, daß wir immer wieder in unser Camp zurückfahren mußten, in dem wir nachts immer blieben und nach vier Tagen - wir waren gerade wieder auf dem Weg zurück - bekamen wir vom "Roten Halbmond" die Nachricht, daß wir nicht mehr fahren dürften. Wir mußten innerhalb einer Stunde Afghanistan verlassen! Das wurde mit der Gefährdung durch die Taliban begründet. Aber offensichtlich war es ganz einfach so, daß wir nicht die Regeln in ausreichendem Maße beachtet hatten und den iranischen "Roten Halbmond" übergangen hatten. So sind wir also Hals über Kopf zurückgegangen. Dort stellte sich dann heraus, daß der "Rote Halbmond" gar nicht die Autorität dazu hatte, diese Anordnung zu geben. Es gab wohl ziemlich viel Krach zwischen BAFIA und "Rotem Halbmond" in Teheran. Wir fingen nun wieder von vorn an, uns um Genehmigungen zu bemühen, trafen auch unsere Partner von den anderen Organisationen, die z.T. über einen Monat gebraucht haben, um die nötigen Genehmigungen zu bekommen. "Ärzte ohne Grenzen" und "Medecins Du Monde" hatten überhaupt noch keine. Das war die große Schwierigkeit. Die Iraner haben uns das Leben dort sehr schwer gemacht. So mußten wir also dann wieder unverrichteter Dinge zurück nach Z‡hedan und warteten dort auf unsere Ablösung, die dann schnell durchkam. Sie hatte die Genehmigung von der BAFIA bekommen und konnte am nächsten Tag nach Zabul und dann rüber nach Afghanistan. Allerdings fing dann der Angriff auf die Taliban an und sie mußten am Abend immer wieder zurück in den Iran, so daß sie nur tagsüber in Afghanistan arbeiten konnten. Das bedeutete natürlich, daß sie nicht in der Lage waren, in das Hinterland zu gehen. Ich bin im Moment nicht informiert, ob unser Trupp bereits im Hinterland arbeiten kann. Das ist dringend erforderlich, denn dort werden wir am meisten gebraucht. nä: Das heißt, Ihre Arbeit war erfolgreich. Sie waren ja Wegbereiter. So konnten sich die Nachfolgetrupps auf Ihre Tätigkeit stützen. Dr. Seemann: Die Nachfolgetrupps konnten so direkt weiter arbeiten. Insofern war das also eine ganz erfolgreiche Arbeit. Inzwischen scheint es relativ unproblematisch zu gehen. Momentan werden marodierende Talibantruppen befürchtet, so daß man sich nicht traut, die Teams in das Hinterland zu lassen, wie es unser Plan gewesen wäre. nä: Hier hat man ja gesagt, der Iran wäre als Partner bei der humanitären Hilfe viel zu sehr vernachlässigt worden. Die ganze Versorgung dieser Grenzregion ist ja wohl auch lange Zeit unbeachtet geblieben. Dr. Seemann: Das ist richtig. Da kommt natürlich hinzu, daß das Flüchtlingsproblem kein neues Problem im Iran ist, sondern ein uraltes. Seit 20 Jahren, das heißt seit Beginn des Bürgerkrieges in Afghanistan, ist der Iran mit den Flüchtlingen belastet. Es leben im Iran immerhin zwei Mio. Flüchtlinge. Man schätzt, daß ein Flüchtling pro Tag zwei Mark kostet. Der Iran gibt für die Iranflüchtlinge also am Tag etwa vier Mio. Mark aus. Diese Flüchtlinge leben in Flüchtlingslagern an der afghanischen Grenze auf iranischem Gebiet, und dort ist die Not natürlich unverhältnismäßig größer als in dem Camp, in dem wir gearbeitet haben. Das war eher ein Camp, das man gern der Presse vorgeführt hat. Ganz in der Nähe dieses Camps war noch ein anderes Camp, das sogenannte Makaki-Camp. Das wurde von den Taliban geführt. Die Taliban hatten uns speziell angefordert und darum gebeten zu kommen, sie würden für unsere Sicherheit garantieren. Wir wurden aber von verschiedener Seite intensiv gewarnt, und man hat uns erklärt, daß wir - wenn wir das tun würden - fast sicher sein könnten, daß wir in Gefangenschaft geraten und als Geiseln benutzt werden würden. Das Makaki-Camp war von wesentlich mehr Flüchtlingen belegt, immerhin 8 000 - 10 000 Menschen. Die Situation dort war wesentlich erbärmlicher als im Camp Mile 46. Wir wissen nicht, wie die Flüchtlinge geleitet oder speziell umgeleitet worden sind. nä: Wie haben denn die Kollegen nun nach Ihrer Rückkehr reagiert? Gab es Rückmeldungen? Dr. Seemann: Es gab sehr positive Rückmeldungen, was mich sehr gefreut hat. Erst einmal hat mich die Hilfsbereitschaft der Kollegen sehr gefreut, insbesondere hier vor Ort. Ohne meine Kollegen hier zuhause könnte ich so etwas gar nicht machen. Man muß ja außerordentlich flexibel sein, weil man nur erfährt, daß es irgendwann - innerhalb von drei Tagen - losgeht und ich signalisiere das dann meinen Kollegen. Ich bekomme meinen ""Marschbefehl", meinetwegen am Freitag, für den nächsten Mittwoch. Die Kollegen müssen dann alle meine Dienste machen, und genau so ist es auch passiert: Sie haben natürlich alle meine Dienste gemacht. Was hier sehr erfreulich ist - es gibt mehrere Kollegen in der Umgebung, die so etwas machen. Ich denke zum Beispiel an Dr. Voss aus Hermannsburg - er war in Somalia, Dr. von Dewitz war in Albanien, Dr. Riske war in Albanien, Indien, Kolumbien und Mosambique, alles Leute, die gewisse Erfahrungen haben. Es ist auch gut, daß man Leute hat, die Erfahrungen haben und mit denen man sich austauschen kann. Ich habe auch festgestellt, daß mir mein erster Einsatz sehr hilfreich bei der Planung des zweiten Einsatzes zugute kam. Ich war beim zweiten Einsatz optimal ausgestattet, ich wußte, was ich brauche. Man ist dann doch sehr schnell erfahren. Was mich natürlich sehr gefreut hat, ist, daß mein Einsatz auch von den Patienten sehr positiv aufgenommen wurde. Sie waren so begeistert, daß manche kamen und sofort spendeten. (Mit Dr. med. Ulrich Seemann, Ovelgönne, sprach Raimund Dehmlow) humedica e.V. arbeitet als überkonfessionelles christliches Hilfswerk seit 1979 in Notstands- und Katastrophengebieten. Medizinische Versorgung und der Einsatz ehrenamtlicher Ärzteteams bilden neben Nahrungsmittelverteilungen und Kinderhilfe die Schwerpunkte des humanitären Engagements von humedica. humedica e.V. Am Riederloh 6 D-87600 Kaufbeuren Tel.: 08341/98204 Fax: 08341/98206 E-Mail: info@humedica.org Internet: www.humedica.org Spenden: Stichwort "Ärzteteam" Sparkasse Kaufbeuren (BLZ 734 500 00), Konto 4747 | ||||||
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