aktualisiert am: 08.01.2003
niedersaechsisches aerzteblatt
 

01/2003


Zerstörte Seelen - Projekt mit exilafghanischen Ärztinnen in Kabul startet hoffnungsvoll


Alarmierende Zustände in den Kliniken Kabuls, aber auch viel Engagement und Aufbruchsgeist - das ist das Fazit, das Monika Hauser nach einem Besuch in der afghanischen Hauptstadt zog. Fünf der Ärztinnen unseres Projektes "Doctorane Omid" ("Ärztinnen der Hoffnung") haben mittlerweile ihren ersten Kurzzeiteinsatz in Kabuler Kliniken geleistet.

"Dieses Krankenhaus ist das Schlimmste, was ich je gesehen habe", sagt Monika Hauser während einer Pressekonferenz kurz nach ihrer Rückkehr über das Krankenhaus Rabia Balkhi. "Ich bin entsetzt über den Zustand der Kliniken in Kabul. Der Standard der medizinischen Versorgung und die Ausstattung spotten jeder Beschreibung. Auch angesichts der in Millionenhöhe versprochenen internationalen Hilfe kann ich diese Bilder kaum fassen."
Auch den in Deutschland lebenden, exilafghanischen Ärztinnen geht es nicht anders. Schockiert notiert Najiba Behmanesh in ihrem Tagebuch: "In der so genannten Intensivstation liegt die 24-jährige Fereshta zusammengekrümmt unter der alten Decke in ihrem Bett. Blaß, schweißgebadet, zitternd stöhnt sie vor Schmerzen und kann kaum Luft holen. Ich frage sie, was sie hat. Sie verträgt die Antibiotika nicht, die sie wegen ihrer Herzwandentzündung bekommt. Ich frage nach, warum sie nicht ein anderes Medikament bekommt. Im Krankenhaus gibt es jedoch nur dieses Antibiotikum. Entweder sie nimmt es oder sie stirbt an ihrer Krankheit. So geht es Tausenden von Menschen in Afghanistan."

Es mangelt an allem

Der Zustand der vier Krankenhäuser, die Monika Hauser besuchte und in denen die exilafghanischen Ärztinnen arbeiteten, ist allesamt katastrophal. Es mangelt, so schreibt Najiba Behmanesh weiter, "an allem - von Medikamenten bis zu Hygieneartikeln, vom Labor über medizinische Geräte, Betten und Bettwäsche. Sogar das Essen, das die Patienten vom Krankenhaus bekommen, ist ungenießbar."

"Einer der Dreh- und Angelpunkte", erläutert Monika Hauser, "ist - neben mangelnden Medikamenten und Ausstattung - das Personal. Die meisten der afghanischen Ärztinnen und Ärzte, mit denen ich gesprochen habe, sind selbst schwer traumatisiert. Sie wirken apathisch, ausgebrannt, völlig erschöpft. Täglich kämpfen sie gegen den chronischen Mangel, stehen frustriert da, wenn sie einer Patientin nicht helfen können, weil mal wieder eines der einfachsten Medikamente fehlt. Sie brauchen psychologische Unterstützung, Motivation durch eine bessere Ausstattung und sie brauchen die Hoffnung, etwas bewirken zu können!"

Wie mag es erst auf dem Land aussehen?

Kabul gilt nach den Maßstäben der Weltgesundheitsorganisation WHO als "überversorgt". Wie mag es erst auf dem Land aussehen? Manchmal erhalten die Ärztinnen einen grausamen Eindruck davon, wenn die Frauen vom Land es schaffen, sich nach Kabul zu schleppen, oft in tagelangen Fußmärschen. So wie im Fall einer 16-jährigen Mutter. Sie kommt mit ihrem kleinen Sohn. Er ist stark unterernährt, seine Knochen sind wie Gummi, seine Gliedmaßen in alle Richtungen zu drehen, seine Gelenke kaum ausgebildet. Sie sitzt an seinem Bett, völlig erschöpft, ihre Augen leer, als sei sie im Moment nur froh, jemand gefunden zu haben, der sich um ihn kümmert. Ihr Mann, mit dem sie vor drei Jahren zwangsverheiratet wurde, ist 30, sie hat noch ein weiteres Kind. Der Zustand des Jungen ist so schlecht, daß es schwer sein wird, ihn durchzubringen.

Auf sexualisierte Gewalt angesprochen, wissen fast alle der in Kabuler Kliniken arbeitenden ÄrztInnen von vielen Fällen - trotz des extremen Tabus. Afghanistans Frauen brauchen Unterstützung auch bei der Bewältigung der durch sexualisierte Gewalt entstandenen Traumata. Das wird eine langwierige, schwierige Aufgabe werden. Es geht hier nicht um Einzelfälle - es geht um massenhaft ausgeübte Menschenrechtsverletzungen an Frauen.
Erfolgversprechendes Konzept

Der Weg, den medica mondiale mit dem Ärztinnenprojekt "Doctorane Omid" eingeschlagen hat, hat sich als richtig erwiesen: Nach meist anfänglicher Skepsis sind die Ärztinnen alle mit Sympathie und Freude an den Krankenhäusern aufgenommen worden. Bis Ende des Jahres werden weitere fünf Ärztinnen - in Deutschland von medica mondiale in Basiswissen über Trauma geschult - nach Afghanistan gehen. Bereits jetzt stehen mehr als 20 weitere in Deutschland lebende afghanische Ärztinnen auf der Warteliste. Wenn es uns gelingt, die finanziellen Mittel dafür aufzubringen, werden wir das Programm im kommenden Jahr fortführen.


Wie Sie dabei helfen können und weitere Informationen erfahren Sie auf unserer website: http://www.medicamondiale.org

Das Projekt "Doctorane Omid" wird unterstützt vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit sowie der Carl-Duisberg-Gesellschaft. Wir danken außerdem
action medeor für die Ausstattung der Ärztinnen mit Arztkoffern.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin, der Herausgeberin und des Verlags.

Nachdruck aus:
medica mondiale journal 2/2002
Herausgeberin: medica mondiale e.V.
Hülchrather Straße 4
50670 Köln
Tel. 02 21/93 18 98-0, Fax 02 21/93 18 98-1,
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