| Home | nä | Z-aktuell | Forum | Links | Bücher | Verlag | Kontakt |
![]() |
03/2000 |
|||||
|
||||||
|
Wenn du arm bist, mußt du früher sterben". Eher das Gegenteil scheint der Fall, wenn es um Allergien und ihre Folgen geht. Das Risiko, an einer Allergie zu erkranken, ist nämlich bei Kindern von Eltern mit höherer Schulbildung um bis zu 20 Prozent höher gegenüber denjenigen Kindern, deren Eltern vor der zehnten Klasse ihre Schulausbildung beendet haben und damit häufig den sozial schwächeren Bevölkerungsschichten zuzurechnen sind. Zu diesem Zwischenergebnis kommt die Auswertung einer seit einem Jahr laufenden Studie der Kinderklinik Delmenhorst, für die bis Ende dieses Jahres rund 3500 Eltern von Neugeborenen in den niedersächsischen Kleinstädten Delmenhorst, Wilhelmshaven und Leer befragt werden. Ein Grund für dieses Phänomen ist aus der bisherigen Erhebung noch nicht zu erkennen. Eine Vermutung, so Dr. Johann Böhmann, Leiter der Studie und Chefarzt der Kinderklinik Delmenhorst: "Die Kinder von Intellektuellen haben vermutlich häufiger mehr allergentragendes Spielzeug - Teil des sogenannten neuen Lifestyles - wie Stofftiere im Zimmer oder in der Wohnung." Eine andere Ursache für dieses Phänomen sieht Hermann Pohlabeln vom Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin (BIPS), das gemeinsam mit der Klinik Delmenhorst die Studie mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung durchführt, in den unterschiedlichen Wohnbedingungen und den hygienischen Standards. Nach Ansicht von Pohlabeln mehren sich die Anzeichen, daß in Familien mit höherem Standard das Immunsystem dieser Kinder "nicht ausgelastet ist" und deshalb, wie Pohlabeln sich ausdrückt "andere Feinde wie Tierhaare, Pollen oder Hausstaubmilben bekämpft". Dabei käme es dann zu Überreaktionen des Organismus, durch die Allergien und Asthmaanfälle ausgelöst würden. Ziel der Studie ist, das sozialmedizinische Umfeld von asthma- und allergiegefährdeten Kindern genau zu untersuchen, um daraus Schlüsse für präventive Maßnahmen zu gewinnen. "Wir wollen durch diese umfangreiche Fragebogenaktion erfahren, wo die Risikoschwerpunkte liegen, inwieweit Kinder vorbelasteter Eltern stärker betroffen sind und wie wir diese Risiken im Rahmen gezielter Aufklärung vermindern können", so Böhmann. Es gilt im Rahmen des Projektes festzustellen, ob eine gezielte Allergieberatung der Eltern neugeborener Kinder zu einer Verringerung der Allergierate bei Kleinkindern führt. Bisheriges Ergebnis der ersten Auswertung: Bei Eltern mit Asthma bronchiale, Pollinosis oder atopischer Dermatitis - bei rund 35 Prozent aller Deutschen ist ein Elternteil vorbelastet - besteht ein zwei bis dreifach höheres Risiko der Kinder, an einer derartigen Krankheit zu erkranken. Sind beide Eltern betroffen, steigt das Risiko sogar auf 60 Prozent gegenüber zehn Prozent bei Kindern von Eltern ohne Allergie. Allergierisiko durch Raucher und einige HaustiereNoch keine eindeutigen Schlüsse können aus dem Zusammenhang zwischen Rauchverhalten der Eltern und Asthma- und Allergieerkrankungen gezogen werden. Es bleibt, die weiteren Erhebungen im Laufe der kindlichen Entwicklung der Neugeborenen abzuwarten, ob das Rauchverhalten der Eltern Auswirkungen auf die Anfälligkeit für atopische Erkrankungen dieser Kinder ergibt. Immerhin zeigen die vorliegenden Erhebungen, daß 40 Prozent der Mütter während der Schwangerschaft das Rauchen aufgeben, 50 Prozent schränken ihren Rauchkonsum ein und nur zehn Prozent rauchen unvermindert weiter. Rauchen während der Schwangerschaft zeigt zudem, daß die Säuglinge mit einem zwischen zehn und 20 Prozent deutlich geringerem Geburtsgewicht zur Welt kommen. Klar bleibt und das haben andere Studien ergeben, daß sich das Rauchen der Mütter negativ auf die kindliche Entwicklung und die Krankheitsanfälligkeit auswirkt.Auch Haustiere, insbesondere Vögel, erhöhen nach ersten, aber noch nicht endgültigen Ergebnissen das Risiko zwischen 15 und 25 Prozent. Entgegen der weit verbreiteten Meinung, daß Katzen besonders allergiegefährdend sind, konnte dies nicht nachgewiesen werden. So sind Geschwisterkinder, die mit einer Katze in der Wohnung aufwachsen, nicht häufiger von Allergien betroffen im Vergleich zu ihren Altersgenossen ohne Katze im Haus. In Delmenhorst und Wilhelmshaven werden Kinder mit Hauskatzen sogar deutlich weniger von Allergien geplagt, was möglicherweise mit Exposition im frühen Alter zusammenhängt. Das deckt sich auch mit dem Ergebnis einer Studie der Universität Göteborg. Danach sind Kinder, die in den ersten Lebensjahren mit Hund oder Katze aufwachsen bei einer Nachbeobachtungsstudie im Alter von 12 und 13 Jahren weit weniger auf Hunde und Katzen sensibilisiert gegenüber Kindern, die später mit den Tieren in Berührung kommen. Sie sind weit weniger anfällig für tierbedingte Allergien, der Katzen-Prick-Test fällt seltener positiv aus. Die Göteborger Forscher ziehen daraus den Schluß, daß ähnlich einer frühen Pollenexposition, die eine Toleranz gegenüber pollenbedingten Erkrankungen induziert, es sich auch bei der Exposition mit Hund oder Katze verhält. Schutzfaktor MuttermilchDie Delmenhorster Studie mit ihrer differenzierten in über 30 Einzelfragen (Fragebogen nach ISAAC International study of asthma and allergies in childhood, Asher et al. 1995) unterteilten Erhebung sozialmedizinischer Daten verdeutlicht in retrospektivischer Betrachtung des bisherigen Umfeldes ferner, welche Rolle Ernährung und Stillen, die Situation im Wohnumfeld - dazu zählen auch Möbel, Teppiche, Tapeten - und das Verhalten der Eltern spielen.Anfälligkeit und StillenSo sind beispielsweise Kinder, die von ihren Müttern ausreichend lange gestillt wurden, weit weniger anfällig. Mit dem Abnehmen des Stillverhaltens beim zweiten und dritten Kind steigt proportional das Allergierisiko. Muttermilch scheint danach ein guter Schutz vor Asthma, Heuschnupfen und Neurodermitis zu sein.Die Erhebung der anamnestischen Daten von Eltern Neugeborener ist prospektiv auf zwei Jahre für die gesamten Geburtsjahrgänge 1999/2000 angelegt und zwar unabhängig von der Allergieanamnese der Eltern. In den darauffolgenden Jahren wird auf drei weiteren Fragebögen gemeinsam mit den Vorsorgeuntersuchungen U 5 / U 6 / U 7 nach 6, 12 und 24 Monaten der weitere gesundheitliche Verlauf der Kinder in Bezug auf Allergieerkrankungen festgehalten. Dazu wurden inzwischen auch die niedergelassenen Kinder- und Hausärzte der drei Städte zur Mitarbeit gefordert. Den Eltern der Neugeborenen aus Delmenhorst wird begleitend zur Untersuchung eine ausführliche Allergie-Präventionsberatung angeboten. Sie besteht aus intensiver Aufklärung über Tierhaarallergie, dem Verzicht aufs Rauchen in Wohnräumen, die Benutzung milbenabweisender Wäsche und Bodenbeläge, die Behandlung von Stofftieren (Kochen oder Tiefgefrieren) und das ausgiebige Stillen als vorbeugende Abwehrmaßnahme. Eine Ärztin betreut während der gesamten Dauer der Studie die Eltern und hält jeden Monat ein Abendseminar als festes Curriculum ab. In Wilhelmshaven und Leer dagegen findet keine intensive Beratung statt. Dadurch soll eine exakte Analyse der Prävalenzraten sowohl der Risikogruppen wie auch der Gruppen ohne genetische Disposition ermöglicht werden. In einer ähnlichen Studie (Halken et al. 1992), die aus Dänemark stammt, war die kumulative Prävalenz atopischer Symptome mit 32 Prozent signifikant kleiner gegenüber 74 Prozent der Kontrollgruppe. Dabei konnte durch Präventionsmaßnahmen, wie Böhmann sie in seiner Vergleichsstudie vorsieht, die Erkrankungsrate um über 50 Prozent gesenkt werden. Kostendämpfung durch PräventionSollte es gelingen nachzuweisen, daß sich die Häufigkeit kindlicher atopischer Erkrankungen durch Präventionsmaßnahmen senken läßt, hätte dies auch einen nicht unerheblichen Einspareffekt angesichts der derzeitigen Diskussion um die Kostensenkung im Gesundheitswesen zur Folge. "Allein bei atopischer Dermatitis", so Böhmann, "fallen in den ersten drei Jahren durchschnittlich 15.000 DM an Behandlungskosten an. Bundesweit sind dies rund 200 Millionen DM." Rund 150 Millionen könnten nach seiner Einschätzung jährlich eingespart werden, würden Präventionskurse und -angebote überall unterbreitet. Mit der Studie hofft man, dies exakt nachweisen zu können.Die Stadt Delmenhorst unterstützt das Präventionsvorhaben mit jährlich 20.000 DM. Gefördert wird das Projekt auch durch die Ärztekammer und die KV Niedersachsen (Bezirksstelle Oldenburg) sowie vom Verein Gesundheit im Kindesalter Delmenhorst (GiK), der begleitend dazu einen Gesundheitsbericht für Kinder der Region vorbereitet. "Sollte uns mit diesen vorgestellten, einfachen Mitteln eine effektive Allergieprävention bei Säuglingen und Kleinkindern gelingen, wollen wir unsere Ergebnisse bundesweit allen geburtshilflichen Stationen und Hebammenverbänden zugänglich machen und versprechen uns davon, daß die Allergieprävention Teil eines bundeseinheitlichen Vorsorgeprogramms wird", kündigt Böhmann an. Somit könnte man der ständig steigenden Zahl von Allergieerkrankungen in unserer Wohlstandsgesellschaft erfolgreich entgegenwirken. Dr. Jo Kanders |
||||||
| Home | nä | Z-aktuell | Forum | Links | Bücher | Verlag | Kontakt |
|
Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998-1999. Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 10.03.2000 Design by Tim Schmitz-Reinthal, webmaster@haeverlag.de. |