aktualisiert am: 09.03.2001
niedersaechsisches aerzteblatt
 

03/2001


Ein Pilotprojekt geht in Serie: "Rhetorik und Multimedia für berufspolitisch interessierte Frauen im Gesundheitswesen" findet großen Anklang


Vielversprechender Beginn! Bedarf vorhanden! Fortsetzung dringend erwünscht!", so lauten weitere Schlagzeilen über das im Januar erstmals realisierte Pilotprojekt der Ärztekammer Niedersachsen zu "Rhetorik und Multimedia für berufspolitisch interessierte Frauen im Gesundheitswesen".

Auf Initiative des Ärztinnen-Ausschusses wurden im letzten Jahr die Inhalte der einzelnen Module für diese bundesweit einzigartige Veranstaltung erarbeitet und die Rahmenbedingungen abgesteckt. Die Fortbildungsveranstaltung kann als praktische Umsetzung von Zielen der Ausschußarbeit betrachtet werden, die dieser selbst wie folgt definiert:

"Der Ausschuß Ärztinnen

• vertritt die Berufsinteressen von Ärztinnen in der ärztlichen Selbstverwaltung
• vertritt die Belange von Ärztinnen im Vorfeld der Gesetzgebung und beim Deutschen Ärztetag
• organisiert den "Niedersächsischen Ärztinnentag" und Veranstaltungen auf örtlicher und überregionaler Ebene".

Schon bald nach der Ankündigung im niedersächsischen ärzteblatt zeichnete sich ab, daß das große Interesse Folgeveranstaltungen nach sich ziehen wird und damit das Projekt "in Serie gehen" kann. Um so interessanter war für die Veranstaltergemeinschaft, der Ausschuß Ärztinnen, die Akademie für ärztliche Fortbildung und die Heimvolkshochschule Stephansstift, die unmittelbare Resonanz der Teilnehmerinnen, um Hinweise auf notwendige Verbesserungen zu erhalten. Die Veranstaltung wurde evaluiert. Um den Leserinnen und Lesern des nä einen Einblick in die Veranstaltung zu geben, haben wir einige Teilnehmerinnen um die Schilderung ihrer Eindrücke gebeten.

Christa Dörr, Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapeutische Medizin (51), niedergelassen in eigener Praxis mit psychosomatischem Schwerpunkt in Burgwedel, zu Modul 1 "Rhetorik":

"Freitag 14.00: Mit hängender Zunge gerade noch pünktlich - wie so oft mußten in der Praxis plötzlich ganz dringend gewordene Aufgaben unbedingt noch vor dem Wochenende erledigt werden -, hinein in die freundliche Beschaulichkeit des Stephansstiftes Hannover, hinter dessen Mauern nur noch Schrittfahren erlaubt ist.
Zum Empfang eine Tasse Tee, freundliche Begrüßung seitens der Akademie für ärztliche Fortbildung und des Ärztinnenausschusses der ÄKN - nach dunklen Winterwochen lachte uns sogar die Sonne bis in den Seminarraum hinein.
15 Teilnehmerinnen aus ganz Niedersachsen wünschten sich in der Vorstellungsrunde vor allem: Mehr Sicherheit im Auftreten, eigene Anliegen deutlicher und erfolgreicher vertreten zu lernen und solidarische Rückmeldungen über eigene kommunikative Schwächen.
Von Anfang an gelang es der Referentin Almuth Kwauka durch eine ansprechende Mischung von lebendigem Vortrag, Übungen und zusammenfassenden Diskussionsrunden uns so zu begeistern und mitzureißen, daß sogar das scheinbar trockene Thema "Grundlagen aller Kommunikationssituationen" noch spannend war.
Gestärkt durch eine Phantasiereise, in deren Verlauf wir uns auf die eigenen Fähigkeiten und individuellen Ressourcen besinnen konnten, hatte anschließend jede Teilnehmerin ihren persönlichen Auftritt auf der Bühne des Seminarraumes, begleitet von wohlwollenden, kritischen Blicken und dem Applaus der Gruppe.
In welchem Ausmaß Tonfall, Tonhöhe, Sprechmelodie und Sprechgeschwindigkeit, Gestik, Mimik und Körperhaltung unsere Botschaften beeinflussen, stellte uns die Referentin anhand ihres eigenen Vortrages in lebendiger Weise dar. Es war faszinierend zu erleben, wie sehr sich die Wirkung eines Satzes verändert, einmal mit ruhiger, tiefer "Kapitänsstimme" - ein andermal mit der Stimme einer gestreßten Stewardeß vorgetragen. Übungen zur Atemtechnik, Sprechübungen und Konzentrationsübungen machten uns gegen Abend nochmals fit für die Abschlußrunde.
Fazit dieses Einführungstages, der trotz anstrengender Arbeit schließlich wie im Fluge vergangen war:

• Kommunikation als Spiel mit unendlichen Variationen, bei dem Versuch und Irrtum ausdrücklich erlaubt sind, kann Spaß machen.
• Wir Frauen verfügen über viel mehr kommunikative Kompetenz als angenommen, allerdings müssen wir lernen, unsere Fähigkeiten gezielter einzusetzen.

"Lust auf Mehr" befand auch das Abschlußplenum, möglicherweise in Form eines dreitägigen Aufbauseminars, zu dem die Referentin schon ihre Bereitschaft signalisiert hat".

Stefanie Seele, Fachärztin für Allgemeinmedizin und für Arbeitsmedizin (33), tätig bei BAD Gesundheitsvorsorge und Sicherheitstechnik GmbH (Hannover), über
Modul 2 "Präsentation, Moderation und
Verhandlungen":

"Die Stellung und Rolle der Arbeitsmediziner in Betrieben erfährt seit einigen Jahren eine beeindruckende Wandlung. Neben den im Arbeitssicherheitsgesetz definierten und bekannten Aufgaben des Betriebsarztes wird von Firmen und Beschäftigten zunehmend das professionelle Abhalten und Organisieren von Vorträgen, die Teilnahme an Verhandlungen oder auch die Moderation von Gesundheitszirkeln erwartet. Mit professionell meine ich neben der inhaltlichen Kompetenz zum Thema vor allem den perfekten äußeren Rahmen. Kreativität und Phantasie beim Erstellen von Folien, der Auswahl von Formulierungen und inhaltsschwangeren Zitaten, Kenntnis der technischen Gerätschaften werden vorausgesetzt - ohne den Verlust der eigenen Persönlichkeit und Weiblichkeit, das rechte Maß an Improvisationsvermögen - aber alles bitte spontan, schlagfertig, geistreich, stets humorvoll und charmant. Letzteres gilt in jedem Fall für Frauen, ganz gleich in welcher Position.
Getragen von der Hoffnung in die geheim gehaltenen Anleitungen zur perfekten Moderation und Verhandlungskunst eingeführt zu werden, war ich glücklich mich sofort angemeldet zu haben. Das Eigenstudium einschlägiger (Frauen-)Literatur mit lebensbejahenden Ratschlägen zu Schlagfertigkeit in Verhandlungen unter dem Aspekt des Tierkreiszeichens der teilnehmen Verhandlungspartner, "Schön sein und bleiben im Konfliktgespräch!", Grenzen der Körpersprache im zu eng gewordenen Kostüm oder "Welcher Schuh paßt zu welchem Vortrag?" erfüllt mich schon lange mit Unbehagen und somit war dieses Kursangebot genau das Richtige für mich. Von der Teilnahme erwartete ich mir insbesondere praxisnahe Ratschläge, wie sie eben nicht in der mittlerweile unübersichtlichen Masse an Schriftgut zu finden sind. Das Angebot von Seiten der Ärztekammer versprach und hielt zudem Seriosität und Finanzierbarkeit.

Leider fand ich meine Optimismen nur zum Teil erfüllt. Praxisnahe Tips gab es leider nur wenige und ich war verwirrt, als uns Folien und deren Inhalte zum Thema "Präsentation" so dargeboten wurden, wie man es tunlichst nicht machen sollte. Gerade aus Vorlesungen nimmt man ja als Student die nie öffentlich diskutierte Tatsache mit, das wissenschaftliche Vorträge wohl dröge, humorlos und schlecht lesbar sein müssen. Aber zum Legastheniker degradiert zu werden, ist eine bis zum heutigen Tag praktizierte Unsitte unter Vortragenden. Es ist sicher stets nett gemeint, aber man muß mir nicht vorlesen, was auf der Folie geschrieben steht!
Die praktischen Anteile des Seminars am Nachmittag waren zum Teil sehr unterhaltsam und lehrreich. Daß die Videokamera noch anfänglicher Sorge um Zeitmangel dann doch noch zum Einsatz kam, war sehr bereichernd. Sich selbst bei einer Präsentation zu sehen und zu hören, ist erkenntnisreicher als alle Bücher und Tips der Welt!

Aber ich bin doch eine seriöse Ärztin und keine Entertainerin! Daß wir zunehmend beides im professionellen Stil sein sollen, ahnte ich insgeheim schon lange und wurde nun bestätigt. Viele gute Ratschläge diesbezüglich bekomme ich von Nicht-Medizinern: Autoverkäufer, Versicherungsvertreter und Top-Manager haben uns Ärzten in vielerlei Hinsicht einiges an Sachkompetenz voraus. Aber das ist ja auch deren Job, dachte ich, wir haben ja "nur" Medizin studiert, und das Studium bereitet gewiß nicht auf diesen zunehmend von uns erwarteten professionellen Umgang mit Selbstdarstellung vor. Humorvolle und unterhaltsame Diskussionsbeiträge und Vorträge bleiben bewiesenermaßen intensiver haften, wobei es hierbei gewiß nicht immer um Inhalte geht. Jeder Zu-Hörer ist in erster Linie Zu-Schauer und alle wollen unterhalten werden! Und gegen einen verbalen Flirt hat auch eine von Wissenschaftlern dominierte Zuhörerschaft in aller Regel nichts einzuwenden.

Mit dem Angebot dieser Module hat die Ärztekammer einen Schritt in die richtige Richtung getan und die Resonanz der Anmeldungen hat es ja vollends bestätigt. Viele, und dies gilt nicht nur für Frauen, haben diesen an sie gestellten Anspruch erkannt und wollen sich in der Kunst der guten Moderation und Präsentation verbessern oder am eigenen Stil feilen. (Ich möchte aber ausdrücklich betonen, daß solche Kurse unbedingt auch von männlichen Kollegen wahrgenommen werden sollten.)
Meine inhaltlichen Erwartungen wurden bedauerlicherweise nur unzureichend erfüllt, was nicht allein an der knapp bemessenen Veranstaltungszeit lag. Dies wurde tags zuvor von der Referentin des Moduls 1 bewiesen. (Den Vorschlag zur etwas anderen Protokollführung habe ich mittlerweile mit Erfolg umsetzen können.)
In Zukunft werde ich intensiver darauf achten, was mich an Vorträgen und Vortragenden fesselt - aber vor allen, was nicht!
Die angenehme Atmosphäre rund um das Stephansstift, die technische Ausstattung und Räumlichkeiten sowie die weiteren organisatorischen Rahmenbedingungen haben sicher sehr zum Gelingen der Veranstaltungen beigetragen. Und bei einer solchen Veranstaltung so viele nette Kolleginnen kennenzulernen, lohnte die Teilnahme allemal".

Daniela Kegel, Assistenzärztin (37) in der Psychosomatischen Roswitha-Klinik (Bad Gandersheim) zu Modul 3 "Internet":

"Das Modul 3 der Veranstaltung fand in den Räumlichkeiten der Ev. Fachhochschule in Hannover statt. Die Teilnehmerinnenzahl war auf 20 beschränkt. Die Seminarteilnehmerinnen rekrutierten sich aus Klinik und Praxis. Die Referenten/innen waren Dr. Sixtus Allert, Frau Dr. Claudia Choi und Dagmar Schumann von der Fa. Medunet, Hannover.
Unter sachkundiger Anweisung dieser drei wurden die Teilnehmerinnen Schritt für Schritt angeleitet, das Internet unter beruflichen bzw. ärztlichen Aspekten kennenzulernen. Schwerpunkt war, zu erlernen, Informationen zu spezifischen Fragestellungen zielgerichtet aus dem Internet abrufen zu können. Des weiteren wurden praktische Tips zum Nutzen von Suchdiensten und z.B. zum Errichten einer eigenen Homepage gegeben. Geübt wurde anhand von Beispielen aus dem beruflichen Alltag. Zwei Teilnehmerinnen bedienten jeweils einen Rechner. Durch Overheadprojektion war es mit Unterstützung der Trainer möglich, gut angeleitet jeden Schritt sicher nachzuvollziehen. Trat dennoch ein Problem auf, so wurde sofort individuell geholfen.

Am Schluß der Veranstaltung erhielten die Kursteilnehmerinnen noch eine schriftliche Zusammenfassung der gelernten Inhalte, zusammen mit einer Zusammenstellung medizinrelevanter Internetadressen. Ich denke, auf diese Art und Weise konnten alle Teilnehmerinnen von der Fortbildung profitieren, so daß es sicher wünschenswert wäre, diese Schulung noch einmal anzubieten. Hierbei wäre eine Berücksichtigung der unterschiedlichen Vorkenntnisse im EDV-Bereich zu beachten. Vielleicht könnte unter diesem Aspekt eine Aufteilung in "Anfängerinnen" und "Fortgeschrittene" durchgeführt werden.

Im Rahmen der vom Ärztinnenausschuß ist dieses Modul eine Bereicherung für uns als Ärztinnen. Es eröffnet die Möglichkeit, sich individuell mit dem Internet auseinanderzusetzen - eine Notwendigkeit, der sich heute keine Medizinerin mehr entziehen sollte oder kann. Dieser Tag hat Mut gemacht, sich einer solchen Herausforderung zu stellen".

Dr. med. Ragnhild Siebald, Betriebsärztin (48), tätig bei Überbetriebliche Dienste Evers (Braunschweig), schreibt uns über ihre Eindrücke von Modul 4 "Berufspolitik":
"Die Erfahrungen der Referentinnen und die anschließenden Diskussionen zeigten meines Erachtens, daß immer noch Politik und eben auch Berufspolitik Männersache ist. Geprägt von Netzwerken, in denen Sachfragen anscheinend nur eine untergeordnete Rolle spielen, sind gut organisierende Frauen, oft als Quotenfrau, eigentlich nur störend. Erschreckend ist meines Erachtens, daß sich offensichtlich in dieser Hinsicht in den letzten Jahrzehnten wenig bewegt hat.

Erfahrungsaustausch durch Kurse wie diesem wird von vielen, auch deutlich jüngeren als mir Endvierzigerin, als ein guter Einstieg gesehen. Dies belegt das rege Interesse, da die Plätze sehr schnell belegt waren. Ich freue mich auf die anderen Module, obwohl nach dieser eher düsteren Realperspektive die Chancen für Frauen in der Berufspolitik eher mager sind".

Die kommenden Veranstaltungen in diesem Jahr (19. - 22. 4. 2001 und 27. - 30. 9. 2001) werden die wertvollen Hinweise zur Weiterentwicklung der Veranstaltung berücksichtigen.
Nutzen Sie die Möglichkeit dabei zu sein!


(Weitere Informationen erhalten Sie bei der
Akademie für ärztliche Fortbildung
Ursula Marchionna
Tel. (05 11) 3 80-24 93
E-Mail: ursula.marchionna@aekn.de)

R. Dehmlow
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