aktualisiert am: 08.03.2001
niedersaechsisches aerzteblatt
 

03/2001


Partydrogen Soziokulturelle und individuelle Hintergründe und Risiken

H. Gerhard


Serie Lifestyle-Drogen


Lifestyle-Drogen - Eine Artikelserie im niedersächsischen ärzteblatt
Einführung

Der bereits in den 20er Jahren aus dem Amerikanischen übernommene Begriff "life style" hat besonders in den 90ern des hinter uns liegenden Jahrhunderts eine umfassende Renaissance erfahren. Der Inhalt dieses neudeutschen Modewortes umfaßt "modernes" Lebensgefühl und die Berücksichtigung aktueller Leitbilder einer Gesellschaft und/oder einiger von deren Gruppierungen. Dieses führt dazu, daß der einzelne Mensch in seinen Aktivitäten (Sport, Ernährungsform, Anstreben und Erreichen von bestimmten Körperform- und Leistungsidealen, berufliche Zielstellungen, Freizeitgestaltung, Erlebnis-"Organisation", Gesundheits-"Herstellung", Gesundheitsfürsorge etc.) eine weitgehende und unbedingte Annäherung an Leitbilder und Realisierung echter oder vermeintlicher damit zusammenhängender Vorteile für sich anstrebt.

Besonders die Verwendung von Wirkstoffen, die gezielt dem Erzielen und dem Aufrechterhalten von derartigen Idealen dienen sollen (z.B. Fitneß, Körperform des jugendlichen Menschen, körperlich-sportliche Leistungssteigerung, Erhaltung oder Steigerung der sexuellen Potenz und Erlebnisfähigkeit, Erlebnis- und Kontaktfähigkeit in Gruppen u.a.) werfen neben allgemein-sozialen eine Reihe medizinischer Probleme auf. Beispielhaft seien hier Nebenwirkungen und andere gesundheitliche Risiken genannt, die diese Stoffe wie alle klassischen und modernen als Heilmittel verwendeten Wirksubstanzen aufweisen.
Ferner sind die modernen Möglichkeiten des Zugangs zu diesen "life style-drugs" (Internet, illegale Formen des Handels, unkontrollierter Dauergebrauch) als gesundheitsgefährdender Risikofaktor zu nennen. Schließlich sind persönlichkeitsabhängige und sozio-ökonomische Faktoren anzuführen, die sowohl als Grundlage als auch als Folge des Gebrauchs von nicht fachlich suffizient kontrollierten Wirkstoffen unter Umständen ärztlich zu berücksichtigen.

Wir haben uns deshalb entschlossen, im Rahmen der Pharmakotherapiekurse der Sektion Klinische Pharmakologie* aus der inzwischen recht umfangreichen Palette von Wirkstoffen, die mit dem Begriff "Lifestyle" assoziiert zum Einsatz gelangen, vier Themen (Partydrogen, Haarwuchsmittel, Adipositastherapeutika, Sildenafil) von ausgewiesenen Fachleuten darstellen zu lassen und zu diskutieren. Die außerordentlich positive Resonanz dieser Veranstaltung hat uns bewogen, die Thematik im Hessischen Ärzteblatt und als Nachdruck auch im niedersächsischen ärzteblatt einem größeren Kreis von Kolleginnen und Kollegen zugänglich zu machen.

Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. med. A. Horst Staib
Horloffstraße 24
61209 Echzell


Spätestens seit den 90er Jahren registrieren wir einen zunehmenden Gebrauch von Drogen im Kontext öffentlicher und privater Parties. Die Bindung des Konsums wie der Konsumenten an eng umschriebene jugend- bzw. subkulturelle Szenen hat sich gelockert, die Gewohnheiten des Konsums haben sich ausdifferenziert. Hier spiegeln sich allgemeine gesellschaftliche Wandlungstendenzen in Richtung einer Individualisierung und Pluralisierung von Lebensformen. Der von Jugendlichen häufig ohne Unrechtsbewußtsein praktizierte Drogenkonsum ist Ausdruck eines genuß- und erlebnisorientierten Lebensstils, wobei sich bei Teilgruppen durchaus problematische bzw. pathologische Gebrauchsmuster finden.

Dieser Beitrag geht in einer interdisziplinären soziologisch-psychologischen Perspektive den Ursachen, Gebrauchsmustern und Funktionen des Partydrogenkonsums nach. Wir diskutieren zunächst die Begriffe "Partydrogen" und "Designerdrogen" (1.) und konzentrieren uns dann auf "Ecstasy", die zur Zeit am meisten verbreitete sogenannte Designerdroge: Dargestellt werden die Wirkungen dieser Substanz und die (medizinischen/psychiatrischen) Risiken und Gefahren des Konsums (2.). Es folgt ein kurzer kulturgeschichtlicher Abriß der Konsummuster und -trends bei illegalen Drogen in den letzten gut 30 Jahren (3.); daran anschließend stellen wir entwicklungspsychologische Überlegungen zur Funktionalität des Drogenkonsums im Rahmen der Jugendentwicklung dar (4.). Schließlich werden die Szenen des Partydrogenkonsums (am Beispiel der "Techno-Szene") (5.) sowie die Konsumenten(-gruppen) genauer in Augenschein genommen (6.).

1. "Partydrogen" und "Designerdrogen"

Der Begriff "Partydroge" ist eine umgangssprachliche Sammelbezeichnung für Drogen, deren Konsum modischen Strömungen unterworfen ist: insbesondere Cannabis, Designerdrogen (Ecstasy), Amphetamine (Speed), Halluzinogene (LSD), auch Kokain. Während der plakative Begriff "Partydrogen" auf den Konsumkontext verweist (öffentliche und private Parties), bezeichnen synonym verwendete Begriffe wie "synthetische Drogen" und "Designer-Drogen" den Prozeß der Herstellung: Diese erfolgt in synthetisierender Weise, wobei die Substanz - entweder von natürlichen Ausgangsstoffen abgeleitet oder ganz ohne natürliche Grundlagen - gleichsam auf dem Reißbrett "designed" wird. Diese Vorgehensweise begründet sich dadurch, daß versucht wird, die strafjustizielle Verfolgung zu umgehen, der die Ausgangsstoffe unterliegen. (1)
Die Substanzen, die unter dem Begriff "Designer-Drogen" zusammengefaßt werden, weisen oft wenig chemische Übereinstimmungen und auch kein einheitliches pharmakologisches Wirkungsspektrum auf. (vgl. die Übersicht bei Thomasius 2000a)

Im Gegensatz zu den USA spielt das breite Spektrum dieser Drogen in Deutschland bisher eine untergeordnete Rolle - mit Ausnahme der Methylendioxyamphetamine, zu denen Ecstasy und andere Amphetaminabkömmlinge gerechnet werden.


Literaturverzeichnis


1. Gerhard, H.: "You Gotta Move". Drogengebrauch und Beschleunigung; in: Rakelmann, G. A. (Hg.): Bewegung. Festschrift für Reimer Gronemeyer, Gießen 1999, S. 95 - 113

2. Hurrelmann, K., 1996: Die Ecstasy-Welle? - Ein Symptom für den Trend von den betäubenden zu den aufputschenden Drogen?; in: Drogenkonferenz 1995 Rheinland-Pfalz: Lebensgefühl mit Designer-Drogen

3. Hurrelmann, K., S. Hesse, 1991: Drogenkonsum als problematische Form der Lebensbewältigung im Jugendalter; in: Sucht 37, Heft 4/91, S. 240 - 252

4. Nordlohne, E., 1995: Drogenkonsum im Kontext von Entwicklungsanforderungen im Jugendalter: Ansätze für die Prävention; in: Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (Hrsg.): Suchtprävention - (k)eine Aufgabe der Jugendhilfe, Freiburg i. Br., S. 17 - 30

5. Schivelbusch, W., 1980: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft. Eine Geschichte der Genußmittel, München Wien

6. Schroers, A., 1999: Ecstasy & Saver Rave. Die Neubelebung akzeptierender Drogenarbeit mit Blick auf drogenkulturelle Trends; in: I. Sahler u. H. Scherer (Hrsg.): Tolleranz - Neue Ansätze in der Drogen-Diskussion, Wiesbaden, S. 21 - 42

7. Silbereisen, R. K. u. P. Kastner, 1985: Jugend und Drogen: Entwicklung von Drogengebrauch - Drogengebrauch als Entwicklung?; in: R. Oerter (Hrsg.): Lebensbewältigung im Jugendalter, VCH Verlag, S. 192 - 219

8. Thomasius, R., 2000a: Designer-Drogen; in: F. Stimmer (Hrsg.): Suchtlexikon, München Wien, S. 97 - 104

9. Thomasius, R., 2000b: Ecstasy; in: F. Stimmer (Hrsg.): Suchtlexikon, München Wien, S. 170 - 175
 

2. Ecstasy

"Ecstasy" war ursprünglich die Bezeichnung für die Substanz MDMA (Methylendioxy-methamphetamin), ist inzwischen aber zu einem Sammelbegriff für verschiedene Substanzen mit einem recht ähnlichen Wirkungsspektrum geworden.

Ecstasy wird in Gestalt (runder und flacher) Tabletten mit verschiedenen Prägungen und Farben und - wenn auch selten - als (große oder kleine) Kapsel verkauft. In den Pillen finden sich neben MDMA häufig auch verwandte Substanzen wie etwa MDA (Methylendioxyamphetamin), MDE (Metylendioxyethylamphetamin, auch "Eve" genannt), MMDA, MBDB etc.; ferner Kombinationen dieser Wirkstoffe oder auch Coffein, Amphetamin bzw. unterschiedliche Gemische, die Ephedrin, Chinin oder Paracetamol enthalten. Da MDMA aber noch immer den zentralen Wirkstoff in der Mehrzahl der Ecstasy-Tabletten bildet, werden im folgenden die Bezeichnungen MDMA und Ecstasy synonym verwendet.

Ecstasy wurde bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts synthetisiert; die Substanz ist weder als Reaktion auf das Verbot anderer, ähnlicher Substanzen erfunden noch eigens unter modischen Aspekten entworfen worden. Seit dem 1. 8. 1986 unterliegt Ecstasy dem Betäubungsmittelgesetz (BtmG) als nicht verkehrsfähiges Betäubungsmittel.

Wirkungen

MDMA bewirkt die Ausschüttung des Neurotransmitters Serotonin mit einer Wirkdauer von drei bis fünf Stunden, wobei die Wirkung nach etwa 20 bis 60 Minuten einsetzt und nach zwei Stunden langsam wieder abzuklingen beginnt.

MDMA ruft sowohl eine amphetamintypische Aktivierung und Stimulierung als auch eine geringe halluzinogene, d.h. sinnestäuschende und bewußtseinsverändernde Wirkung hervor und führt zu einer als wohltuend erlebten Entspannung.

Ecstasy erleichtert einerseits den Kontakt zu eigenen Gefühlen, Gedanken und Sinnesreizen und fördert andererseits den Kontakt zu anderen Menschen. Die Ecstasywirkung erzeugt ein "In-sich-Hineinversinken" bei gleichzeitiger Steigerung der Kontaktfreudigkeit, Stimulierung der Gefühle, Intensivierung der Sinnesreize. Unter dem Einfluß von Ecstasy entwickeln Menschen ein beträchtliches Vermögen, auf andere einzugehen (Empathie) sowie die Fähigkeit, ihr Herz zu öffnen; letzteres ist auch als "Heartopener-" ("Herzöffner"-)Effekt beschrieben worden. Konsumenten berichten, man fühle sich "auf Pille" glücklich, sei sozial, sehr freundschaftlich und den anderen Menschen zugewandt, Hemmungen und Ängste würden verschwinden. Das spezifische Wirkungsspektrum von Ecstasy führte zu dem Vorschlag, MDMA einer neuen Substanzklasse, den Entaktogenen (= "das Innere berührende Drogen") zuzuordnen. (2)

Risiken und Gefahren

Akute Gesundheitsrisiken liegen insbesondere bei

• unbekannten Inhaltsstoffen: Konsumenten wissen beim Kauf einer Pille nie, wieviel Wirkstoff darin enthalten ist. Sie wissen nicht einmal, ob sie überhaupt MDMA oder nicht eine gänzlich andere Substanz erworben haben.

• polyvalentem Gebrauch, d.h. der Kombination von Ecstasy mit anderen Drogen: hierbei können die Wirkungen sich addieren und potenzieren und zu unerwarteten Rauschverläufen führen. Ca. 90 Prozent der Ecstasy-Konsumenten verfügen über Erfahrungen mit Cannabis, Amphetaminen und u.U. zusätzlich mit LSD und Kokain.

Weitere Risiken bestehen in der Gefahr einer Überdosierung sowie einer Überhitzung (Hyperthermie), die auf den Frischluft-Mangel bei Tanzveranstaltungen sowie die Ausschaltung des körpereigenen Alarmsystems durch die Drogenwirkung zurückzuführen ist.

Die Folgen von häufigem und dauerhaftem Gebrauch von Ecstasy sind bisher noch unzureichend erforscht. (3)

Unstrittig ist die Gefahr von Hirnveränderungen (betroffen ist insbesondere die für Gedächtnisprozesse und Angstentstehung bedeutsame Hippocampus-Formation), wobei die Irreversibilität der Schädigungen nicht nachgewiesen werden konnte.

Neben dem Abhängigkeitsrisiko und den damit verbundenen individuellen und sozialen Begleiterscheinungen werden als potentielle psychiatrische Komplikationen und Folgewirkungen berichtet: Panikzustände, Derealisations- und Depersonalitätsstörungen, depressive Syndrome, drogeninduzierte, paranoide und atypische Psychosen. Psychiatrische Komplikationen manifestieren sich "in Folge eines komplexen dynamischen Prozesses, in den vielfältige Faktoren einwirken (Vererbungsanlagen, frühkindliche Bindungserfahrungen, Erziehungs- und Kommunikationsstile, seelische Traumen und deren Bewältigungsmöglichkeiten, soziale Aspekte, Rauschmittelzusammensetzung etc.)" (Thomasius 2000b: 172)

Generell erhöhen sich Risiko und Ausmaß der Nebenwirkungen und Erkrankungen durch Ecstasy bei häufigem Konsum, hochdosiertem Konsum und bei kombiniertem Konsum mit anderen Drogen. Bedeutsam für das Auftreten von Komplikationen ist zudem die kumulative Gesamtdosis (d.h. die jemals konsumierte Gesamtmenge an Reinsubstanz), sowie eine hohe Vulnerabilität für psychische Erkrankungen.

3. Konsummuster und -trends bei illegalen Drogen

Schivelbusch (1980) hat konstatiert, daß jede geschichtliche Phase offenbar über diejenigen Rauschmittel verfügt, die sie verdient, die sie benötigt und die sie verträgt. Drogengebrauch und Suchtverhalten können somit als Spiegel des Zustands einer Gesellschaft betrachtet werden. (vgl. zum folgenden auch Gerhard 1999)

Ende der 60er Jahre entwickelten sich Spielarten eine Jugendsubkultur, die gegen die Normen der Leistungsgesellschaft protestierte und den Rückzug, den Ausstieg aus ihr propagierte (Hippies etc.). Der Konsum von Drogen, in der Regel von Cannabis und LSD, war Ausdruck des Versuchs von Revolte und geistiger Erneuerung ("Bewußtseinserweiterung"). "Die Generation, die Haschisch und Marihuana raucht, setzt sich symbolisch und pharmakologisch gegen die alkoholtrinkende Vätergeneration ab, so wie umgekehrt diese sich durch den Drogengenuß der Jüngeren bedroht fühlt. Der ÔJointÕ wird zum Symbol dieser Jugendbewegung. Zigarettenrauchen und Alkoholtrinken stehen für Leistungsprinzip, Autorität usw., Haschisch und Marihuana für die Befreiung davon." (Schivelbusch 1980: 236)

Heroin und andere "Downer" hatten ihr "Hoch" in einer Zeit (Mitte/Ende der 70er Jahre), die eher durch Resignation, Rückzug und Isolation gekennzeichnet gewesen ist - so wie sich generell die Konsummotive im Laufe der vergangenen 30 Jahre von der Suche nach Rausch, Ekstase und Bewußtseinserweiterung hin zu Motiven einer Flucht vor Einsamkeit, einer Verdrängung von Angst und Verzweiflung, aber zunehmend auch dem Bestreben verlagerten, die eigene Leistungsfähigkeit zu steigern und dem Konkurrenzdruck standzuhalten.
In den "satten Achtzigern" wurden Leistung und Erfolg wieder gepriesen, verknüpft mit Leitwerten wie Aktivität und Jugendlichkeit, und abgestützt durch neue Drogen, die Leistung, Kraft und Ausdauer stimulieren, wie Speed und Kokain.

Spätestens seit Mitte der 90er Jahre ist insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Popularität von Ecstasy und verwandten Substanzen gewachsen (mit steigender Tendenz) - während der Konsum sedierender, betäubender Substanzen an Bedeutung verloren hat (auch wenn die Fallzahlen etwa bei Heroin auf hohem Niveau stagnieren). Dies ist ein Veränderungsprozeß, der sich im gesamteuropäischen Raum vollzieht. (vgl. Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht 1997; nach: Thomasius 2000a: 98)
Speed, Ecstasy und andere Designerdrogen lassen sich als Zeitgeist-Drogen der 90er Jahre bezeichnen; sie sind Ausdruck unserer modernen Zeit, die sich durch Schnelligkeit und Schnellebigkeit (ein "Länger-schneller-weiter") auszeichnet, sowie durch ein Lebensgefühl, das auf individuelles Vergnügen ausgerichtet ist. Wir beobachten heute verbreitet einen Gebrauch mehrerer Drogen gleichzeitig (polyvalenten Gebrauch), wobei funktionale Kriterien den Ausschlag dafür geben, wie welche Drogen miteinander kombiniert werden. Drogen werden zur - "sozial lautlosen" - intrapsychischen Affekt- und Spannungsregulierung ebenso genutzt wie etwa zu rekreativen Zwecken im Kontext einer Lifestyle- und Erlebnis-Kultur. "Wahrnehmungsverändernde Drogen werden nicht mehr, wie zu Beginn der 70er Jahre, als 'Ausstiegsdroge' benutzt, sondern de facto als Genußmittel, mit dem Ziel der Erlebnissteigerung wie auch zur Erholung und Entspannung." (Schroers 1999: 28)

4. Drogenkonsum im Kontext adoleszenztypischer Verhaltensweisen und Entwicklungsanforderungen

Illegale Drogen sind längst zu einem integrierten Bestandteil der modernen Gesellschaft geworden. Sie sind in einem nie gekannten Ausmaß verfügbar, so daß die heutige Jugendgeneration es aufgrund der Angebotssituation wahrscheinlich schwerer hat als je eine Generation vor ihr, "nein" zu sagen. Trotz dieser weitreichenden Verfügbarkeit aber werden die meisten Konsumenten nicht süchtig, so daß deutlich unterschieden werden muß zwischen dem Konsum von illegalen Drogen und der Gefahr einer Abhängigkeitsentwicklung.
Unter entwicklungspsychologischen Aspekten ist der Gebrauch von - legalen wie illegalen - Drogen als eine Variante jugendspezifischen Experimentier- und Risikoverhaltens zu begreifen. Der Gebrauch von Drogen kann der Befriedigung vielfältiger alters- und entwicklungsbezogener sowie ereignis- und lebenslagenspezifischer Bedürfnisse von Jugendlichen dienen. Vor allem die folgenden psychosozialen Funktionen sind in der Literatur immer wieder herausgestellt worden; sie wurden ursprünglich von Silbereisen / Kastner (1985: 210) als die "sechs Wege zum Drogengebrauch" bezeichnet:

"Drogenkonsum

• kann der demonstrativen Vorwegnahme des Erwachsenenalters dienen;

• kann eine bewußte Verletzung von elterlichen Kontrollvorstellungen zum Ausdruck bringen;

• kann Ausdrucksmittel für sozialen Protest und gesellschaftliche Wertkritik sein;

• kann ein 'Instrument' bei der Suche nach grenzüberschreitenden, bewußtseinserweiternden Erfahrungen und Erlebnissen sein;

• kann dem Versuch dienen, sich auf einfache Weise Entspannung durch Genuß zuzufügen;

• kann die Teilhabe an subkulturellen Lebensstilen symbolisieren." (Nordlohne 1995: 21)
Für einen Teil der Konsumenten kann sich der Konsum legaler und auch illegaler Drogen zu einer "problematischen" Form der Lebensbewältigung auswachsen - problematisch deswegen, "weil das Verhalten immer durch das Risiko von Abhängigkeit und Sucht gekennzeichnet ist, und auch deshalb, weil es schnell zu einer unproduktiven, eine Weiterentwicklung der Persönlichkeit blockierenden Form der Lebensbewältigung werden kann." (Hurrelmann / Hesse 1991: 241)

Letztlich ist jeder Drogenkonsum ein Versuch, sich den Anforderungen der Alltagsbewältigung zu stellen und sich mit diesen auseinanderzusetzen, und hierbei liegen konstruktive und weniger taugliche Formen dicht nebeneinander.

5. Techno-Kultur und Ecstasy-Konsum

Aufkommen und Verbreitung des Ecstasykonsums stehen in Deutschland in Verbindung mit einem relativ jungen Musikstil - Techno und House - und der "Techno- und Rave-Szene" als der prägendsten Jugendkultur der 90er Jahre. Die Mehrzahl der Ecstasykonsumenten - drei von vier - rechnen sich dieser Szene zu. Ecstasy wird häufig im Rahmen von Techno-Parties konsumiert. Polizeiliche Schätzungen gehen davon aus, daß ca. 50 - 70 Prozent der "Raver" stimulierende Drogen konsumieren. (4)

Innerhalb der Techno-Szene stellt Ecstasy aufgrund des spezifischen Wirkungspotentials die beliebteste Droge dar, aber Cannabis, LSD, Kokain und "Speed" werden ebenfalls häufig gebraucht. Der Konsum dieser Drogen ist eingebettet in eine vorwiegend hedonistisch ausgerichtete Jugendkultur. Die Wirkung der stimulierenden Substanzen - die 'fit' macht für nächtelanges Tanzen und Sinnesreize und Sozialkontakte intensiviert - und die kulturellen Kontextbedingungen: Musik, Tanz, Lightshow, Laser, Dekoration, Klamotten, Discjockey und spezifische Umgangsformen fügen sich zu einem "Gesamtkunstwerk". Dies macht die besondere Attraktivität der Technokultur aus.

Je durchorganisierter, funktionalisierter und monotoner unsere Welt einerseits wird, so scheint es, desto größer werden auf der anderen Seite die Bedürfnisse nach Erleben, Phantasie, Sinnlichkeit und Abenteuer. Die Verhaltensbotschaften, die eine immer expansivere Konsum- und Freizeitindustrie auch an die Erwachsenen richtet, lauten: Lebe für den Augenblick, "be yourself", genieße dein Leben. Freizeitkulturelle Angebote bedienen diese Bedürfnisse: immer exotischere Fernreisen, Adventure-Tours, Bungee-Jumping sind Indikatoren dafür. Die Spaß-Orientierung der Erwachsenenwelt findet ihr Pendant im Fun-Prinzip der Jugendkultur. Hurrelmann (1996: 25) hat davon gesprochen, daß "die Techno-Musik wohl ein trivialer Versuch einer Verzauberung des Alltags (ist), weil der Einzelne durch die Gruppentrance und das Gemeinschaftsgefühl aus seiner Vereinzelung gezogen wird." Die Techno-Kultur befriedigt ein Bedürfnis nach sozialer Einbindung und Gruppenzugehörigkeit ("We are one family") ebenso wie dasjenige nach exzessivem Selbsterleben und individuellem Selbstausdruck ("We are all different").


Fußnoten

1 - In einer pharmakologisch-forensischen Perspektive versteht man unter Designer-Drogen - ich zitiere - "Substanzen, welche die rauscherzeugende Eigenschaft einer psychotrop wirksamen Substanz enthalten, die der strafrechtlichen Verfolgung unterstellt ist und deren Molekularstruktur infolgedessen geringfügig abgeändert wurde, um eben diese justitielle Konsequenz zu umgehen. Im 'Idealfall' führen Designer-Drogen also die Rauschwirkungen der Herkunftssubstanzen herbei, ihr chemischer Aufbau wird aber von Drogengesetzen nicht erfaßt." (Thomasius 2000a: 99)

2 - "Der Rausch führt zu einer allgemeinen Stimulierung und Euphorisierung. Es entstehen intensive Gefühle von Nähe zu anderen Menschen. Die Kommunikationsbereitschaft ist erhöht, Kontaktbedürfnisse werden gesteigert. Die Unterscheidungsfähigkeit zwischen der eigenen Person und der Umwelt, zwischen Selbst und Nichtselbst, ist herabgesetzt. Einige Konsumenten berichten sogar über ekstatisch-mystische Verschmelzungserlebnisse. In vielen Fällen gehen diese Veränderungen im interpersonalen Erleben außerdem mit einer Steigerung des Selbstwertgefühls und Selbstbewußtseins einher. Darüber hinaus beschreiben die Konsumenten eine Zunahme ihrer Introspektionsfähigkeit, das heißt also, einen verbesserten Zugang zu den eigenen Gefühlen, Stimmungen und Konflikten. Halluzinatorische Effekte fehlen beim E.-Rausch weitgehend. Die Selbstkontrolle bleibt erhalten. Wahrnehmungsveränderungen sind aber recht häufig (verschwommenes Blickfeld, Nachbilder, Geräuschempfindlichkeit etc.)" (Thomasius 2000b: 170 f.)

3 - Einer Untersuchung des Max-Planck-Instituts zufolge weist eine Teilgruppe der Konsumenten exzessive Gebrauchsmuster auf: immerhin 17 Prozent der Ecstasy-Konsumenten nahmen das Mittel mindestens drei- bis viermal in der Woche.

4 - Ist der Konsum von Ecstasy zunächst im Umfeld der Techno-Szene lokalisiert gewesen, so hat sich der Gebrauch dieser Drogen im Verlauf der 90er Jahre aus dieser kulturellen Anbindung immer mehr gelöst. Immer häufiger tauchen die Pillen auch auf privaten Parties und Schulfesten auf, so daß Ecstasykonsum nachgerade zu einem jugendkulturellen Massenphänomen geworden ist.
 

6. Konsumentengruppen

Die Hauptkonsumentengruppe von Partydrogen sind Jugendliche und junge Erwachsene. Epidemiologischen Untersuchungen zufolge gebrauchen in Deutschland zwischen zwei und vier Prozent der Altersgruppe der 15- bis 25-jährigen Ecstasy. Seit Beginn der 90er Jahre registrieren wir eine Verdreifachung des Konsums, wobei sich das Einstiegsalter in immer jüngere Altersgruppen vorverlagert (bei Mädchen manchmal 12 - 13 Jahre, bei Jungen ein bis zwei Jahre später). Am häufigsten wird Ecstasy (ebenso wie Amphetamine, LSD und Kokain) von den 16- bis 18-jährigen konsumiert.

Auffallend ist, daß der Anteil von Frauen unter den Ecstasykonsumenten mit ca. 50 Prozent vergleichsweise hoch ist; in der Altersgruppe bis zu 18 Jahren überwiegen sogar deutlich die Mädchen bzw. Frauen. Die besondere Attraktivität von Ecstasy für das weibliche Geschlecht rührt sicherlich von dem "unauffälligen und angepaßten Charakter" ("Medikamenten-Touch") sowie von der appetitzügelnden und gewichtsmindernden Wirkung dieser Substanz her.

Die Gruppe der Ecstasy-Gebraucher ist keineswegs homogen. Wir können unterscheiden (nach Thomasius 2000b: 173):

Anteil am Gesamt aller Ecstasy-Konsumenten:
Experimentierer (20 - 40 Prozent)
Gelegenheitskonsumenten (30 - 65 Prozent)
Dauerkonsumenten (5 - 20 Prozent)

Die meisten Ecstasy-Konsumenten der ersten beiden Kategorien sind sozial gut integriert und gehen einer regelmäßigen Arbeitstätigkeit nach oder befinden sich in Schul- und Berufsausbildung. Sie zeichnen sich überwiegend durch eine ausgeprägte Leistungsorientierung aus, sind keine "Aussteiger" aus der Gesellschaft, sondern "Einsteiger".
Die Gruppe der Gelegenheitskonsumenten weist zyklische Gebrauchsmuster auf. Ecstasy wird hier an den Wochenenden in Diskotheken und im Rahmen von Tanzveranstaltungen als eine "Freizeitdroge" eingenommen, die temporär in eine schillernde, bewußt als Kontrast zum "öden" Alltag erlebte Partywelt entführt.

Dauerkonsumenten versuchen innerseelische oder soziale Konflikte gezielt durch den Gebrauch von Ecstasy und anderen synthetischen Drogen zu lösen; für sie hat der Konsum die Qualität einer psychosozialen Bewältigungsstrategie. "In diesem Fall wird die Entwicklung nichtsüchtiger Bewältigungsstrategien immer stärker behindert. Hier droht die Gefahr einer Gewöhnung an das Suchtmittel, schlimmstenfalls der Einstieg in eine Drogenkarriere." (Thomasius 2000b: 172)


Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Autor sowie Redaktion und Verlag des Hessischen Ärzteblatts

(Die Zahlenangaben in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis bzw., wenn kursiv, auf die Fußnoten)

Anschrift des Verfassers:

Horst Gerhard M.A.
Bleichstraße 8
35390 Gießen
Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998-2001.
Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 08.03.2001.

Design by Tim Schmitz-Reinthal, webmaster@haeverlag.de.