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03/2003 |
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Biß allein reicht nicht. Für den beruflichen Erfolg braucht der Mensch mindestens zwei weitere Dinge: persönliche Förderung und ein gutes Team im Rücken. Davon ist Dr. Ute Thyen, kommissarische Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Lübeck, überzeugt. Diese Einstellung prägt das Wirken der 45jährigen - im Berufsleben ebenso wie im Privaten, im Handeln genauso wie in ihren konzeptionellen oder politischen Überlegungen und Forderungen. Thyen versteht sich als Anwältin. Sie macht sich stark für jene, die ihre Bedürfnisse und Wünsche selber nicht vertreten können. Das sind für die Pädiaterin selbstverständlich zuerst die Kinder. Deren Interessenvertretung sei stark zurückgegangen, weil in immer weniger Haushalten Minderjährige lebten und das Durchschnittsalter der Bundesdeutschen beständig steige. "Man muß jetzt Lobbyarbeit machen, um die verminderte Repräsentation von Kindern und Jugendlichen durch politische Maßnahmen auszugleichen, etwa durch spezielle Kinderbeauftragte oder durch Veränderungen im öffentlichen Gesundheitswesen", sagt Thyen. Doch die Interessenvertretung allein auf institutioneller Ebene reiche bei weitem nicht aus. Man müsse darüber hinaus dafür sorgen, daß das Gesundheitssystem und seine Angebote die jeweilige Zielgruppe auch erreiche, sagt die Medizinerin mit Nachdruck. Wenn es nach ihr ginge, gebe es in Kindergärten und Schulen deshalb sozialpädiatrische Assistentinnen und Assistenten, kinderärztliche Sprechstunden sowie Beratungsangebote zu körperlicher Fitneß und Ernährung. "Und ein Bewegungsprogramm würde ich auch sofort einführen", sagt die Klinikleiterin. Außerdem plädiert Thyen, selber Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern, für viel mehr aufsuchende medizinische und soziale Versorgung von Familien, weil das bestehende Gesundheitssystem zehn bis 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen gar nicht mehr erreiche, Tendenz steigend. Doch nicht nur der Nachwuchs, sondern auch junge Eltern bräuchten Unterstützung: "Mütter und Väter müssen lernen, die Signale ihres Kindes zu verstehen, seine Entwicklung zu beurteilen und zu fördern und sich nicht frustrieren zu lassen, wenn der Sohn oder die Tochter schwierig ist und nicht den eigenen Erwartungen und Wünschen entspricht." Thyen fordert für das öffentliche Gesundheitswesen Fachpersonal, das gemeinsam mit den Erziehungsberechtigten darauf achtet, ob etwa sozialpädagogische Familienhilfe benötigt wird, die Zeit gekommen ist, sich um einen Kindergartenplatz zu kümmern und daß Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen eingehalten werden. "Es ist wichtig, eine möglichst positive und verläßliche Eltern-Kind-Bindung aufzubauen, das ist das Unterpfand für jegliche weitere psychosoziale und emotionale Entwicklung", betont die Klinikleiterin. In anderen Ländern wie England oder Frankreich gebe es eine solche Begleitung für junge Familien längst, im deutschen Gesundheitssystem hingegen müsse sich jeder selber um Unterstützung kümmern. Sozial marginalisierte Bevölkerungsschichten fielen da schnell durch das bestehende Raster, weiß Thyen und nennt ein Beispiel: "Ich erlebe oft, daß ausländische Eltern gar nicht verstehen, warum sie mit ihrem Kind zum Arzt gehen sollen, wenn es gesund ist, das muß man vielen erst mal erklären." Die zart wirkende, doch starke Überzeugungen vertretende Ärztin setzt sich zudem dafür ein, angesichts der Möglichkeiten von Präimplantations- und Pränataldiagostik die Begriffe "gesund", "krank" und "behindert" zu überdenken. Familien, besonders Frauen, stünden unter einem enorm hohen Druck, perfekte Kinder zur Welt bringen zu müssen - mit der Konsequenz, daß behinderte Babys selbst dann noch im Mutterleib getötet würden, wenn sie als Frühgeborene eigentlich schon lebensfähig wären. "Was ist denn das für eine Gesellschaft, in der Behinderung und Krankheit zum extremen Makel geworden sind und Frauen befürchten müssen, daß ein Kind mit Handicap ihr Leben zerstört?", kritisiert die Kinderärztin. Die meisten Leute hätten nicht begriffen, daß der medizinisch-technische Fortschritt in gewissem Umfang zwar genetisch bedingte Krankheiten und Behinderungen erkennen helfe, die weitaus größte Zahl an körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen jedoch erst später erworben wird, etwa durch Sauerstoffmangel während der Geburt, eine Blutung, einen Unfall oder eine schwere Infektionskrankheit. Natürlich hoffe jeder, daß sein Kind das schönste und gesündeste werde. Aber es gehöre nun einmal zum Menschsein dazu, daß nicht alle gleich fit, kompetent oder begabt sind, solche Erfahrungen seien unverzichtbar für eine tolerante und demokratische Gesellschaft: "Wenn wir dieses Anderssein verhindern, berauben wir uns der Chance, gemeinsam an der Bewältigung dieser Probleme zu wachsen", sagt Thyen. Um die Effektivität von Beratung und Vorsorge zu erhöhen, macht sich die Vizepräsidentin der Gesellschaft für Sozialpädiatrie, die außerdem Vorstandsmitglied und Beraterin zahlreicher weiterer Verbände ist, für eine zunehmende Vernetzung aller beteiligten Institutionen stark. Kinderkrankenhäuser, Pflegedienste, sozialpädiatrische Zentren, öffentliche Kinder- und Jugenddienste, niedergelassene Ärzte und Behörden einer Region müßten sich gemeinsam an einen Tisch setzen, um den Bedarf an medizinischer und sozialer Versorgung von Kindern und Jugendlichen optimal zu decken. "Die Schnittstelle von sozialer Fürsorge und Gesundheitsvorsorge muß noch viel besser organisiert werden", sagt Thyen. Dazu ist Teamgeist ist gefragt, Respekt gegenüber den Interessen und Kompetenzen anderer Menschen und Institutionen und die Fähigkeit, Konflikte so auszuhandeln, daß keiner verlieren muß - typisch weibliche Managementstrategien, sagt Thyen, sehr erfolgreiche zumal. Bloß leider kaum genutzt: Noch immer schaffen es nur wenige Frauen in die Führungsetagen von Kliniken und Universitäten, in vielen Gremien sei sie die einzige weibliche Teilnehmerin, keine weitere Universitätskinderklinik in Deutschland werde von einer Frau geleitet. Heute sage zwar niemand mehr, "Du kannst das nicht, weil du eine Frau bist". Die Mechanismen seien subtiler geworden, wie ein unsichtbares Dach versperrten sie den Weg nach oben. Das System sei nach wie vor eher auf die Fähigkeiten von Männern ausgerichtet, Ärztinnen hingegen erhielten noch immer häufig das Signal "Du paßt hier nicht rein". Dabei könnten Organisation und Vernetzung von Einrichtungen von Frauen und deren konstruktiven Managementformen enorm profitieren "Doch viele Frauen kehren sogar von sich aus diesem Milieu den Rücken, weil sie sich darin nicht zu Hause fühlen", ist Thyens Erfahrung. Zu ihren Aufgaben zählt die kommissarische Klinikdirektorin deshalb auch, eine Arbeits- und Forschungsatmosphäre zu schaffen, zu der sich Frauen gern zugehörig fühlen. Sie will junge Medizinerinnen in deren beruflichen Werdegang bestärken, ihnen Rückmeldung geben und sie mit anderen Kollegen und Einrichtungen vernetzten. Sie selbst habe als Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes von so einem Mentorenmodell profitiert. "Die Stiftung hat mich während der gesamten Studienzeit begleitet und mir so in dem Massenfach Medizin ein Stück Heimat gegeben", berichtet die Ärztin. Mehr Akzeptanz und Unterstützung seitens der Wissenschaft will Thyen auch für ihr Fach, die Sozialpädiatrie, erreichen. Noch suche die Forschung das Heil der Medizin in der Genetik, nicht in der Vorsorge. Rehabilitation und Public Health, speziell in der Pädiatrie, fänden in Deutschland bedauerlicherweise noch immer kein Pendant in der Forschung. Dabei müsse man die Wirksamkeit von Präventionsprogrammen unbedingt wissenschaftlich begleiten, um sie zu evaluieren, schon aus Kostengründen. Etwa, ob Schulungen für chronisch kranke Kinder eine Alternative zu stationären Aufenthalten sind, oder wie man die Welle von adipösen, an Bluthochdruck oder psychischen Störungen leidenden Kindern aufhalten kann. Die Wissenschaft sei gefordert, damit der öffentliche Gesundheitsdienst neu definiert und gestaltet werden kann - und erweitert. "Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr öffentlichen Gesundheitsdienst, wenn wir auch gesellschaftliche Randgruppen erreichen wollen", bekräftigt Thyen. - Solveig Vogel | ||||||
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