![]() |
03/1999 | |||||
|
||||||
|
Der Arbeitsmarkt für Ärzte hat sich während der letzten beiden Dekaden drastisch gewandelt. Wurden in den siebziger Jahren noch Bedarfspläne gegen eine drohende ärztliche Unterversorgung erstellt, so erfuhr das Thema bereits zu Beginn der achtziger Jahre eine völlig andere Stoßrichtung: 'Ärzteschwemme: Zweckpropaganda oder Realität von morgen?' fragte beispielsweise das 'Deutsche Ärzteblatt' am 9. April 1981. Etwa aus der gleichen Zeit stammen mehrere Hochrechnungen zur Arztzahlen-Entwicklung bis zum Jahre 2000. Die Feststellung des PROGNOS-Gutachtens 'Entwicklung des Bedarfs an Ärzten' aus dem Jahre 1982, 'daß es einen objektiven, eindeutigen Ärztebedarf nicht gibt', bekräftigte der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen in seinem Jahresgutachten 1994. Wesentliche Ursache für die unverändert hohen Arztzahlen ist die seit Jahren hohe Studienanfängerzahl des medizinischen Nachwuchses. Die für das Hochschulwesen zuständigen Bundesländer widersetzten sich - trotz vieler Mahnungen, vor allem aus der Ärzteschaft - einer Beschränkung der Studentenzahlen, um 'nicht die Bildungschancen junger Menschen zu gefährden', wie Dr. Gölter, ehemals Sozialminister von Rheinland-Pfalz begründete. Mitte der 70er Jahre konkurrierten sieben bis neun Bewerber um einen Medizinstudienplatz. Die absolute Höchstzahl der Bewerber (36 083) wurde seit Bestehen der ZVS für das WS 83/84 registriert; zugelassen werden konnten 7 170. Wenn auch das Interesse am Arztberuf spürbar zurückgegangen ist, so bewerben sich noch heute um jeden Medizinstudienplatz zum WS ca. zwei, zum SS ca. vier Kandidaten. Nachdem der für eine Zeit obligate Medizinertest wegen der gesunkenen Nachfrage zum Sommersemester 1998 abgeschafft worden war, kam es erneut zu einer deutlichen Zunahme der absoluten Zahl der Bewerber für das WS 98/99: 21 406 Bewerbern standen 7 398 Studienplätze zur Verfügung. Änderungen in den Zulassungsverfahren (nunmehr 60 Prozent nach Abiturnote, 40 Prozent nach Wartezeit) führen nach den Erfahrungen der ZVS 'immer auch zur Veränderung bei den Bewerberzahlen. Diese versprechen sich durch die Veränderung mehr oder weniger gute Chancen, ihren Studienwunsch doch noch realisieren zu können.' Dies ist um so erstaunlicher, weil auch die 'nichtärztliche' Öffentlichkeit vermehrt durch die Medien über die zunehmend schwierigere Situation auf dem ärztlichen Arbeitsmarkt erfährt. Dazu gehört auch die in den letzten Jahren stetig steigende Arbeitslosigkeit der Ärztinnen und Ärzte, die seit 1994 auch Langzeiteffekte offenbart. 1997 waren erstmals mehr als 9 000 (9 396) Ärzte arbeitslos gemeldet; von diesen waren alleine 2 072 Fachärzte! Wenn auch im Vergleich zu anderen akademischen Berufen der Anteil der Arbeitslosenquote eher gering ist, so ist aber folgendes zu bedenken: Ein Studienplatz in der Medizin verschlingt mit ca. 350 000,- DM mit Abstand das meiste Geld, wobei die relativ spezialisierte Ausbildung nur geringe Ausweichchancen bietet. Die Bundesanstalt für Arbeit hält ' im Gegensatz zu einigen Repräsentanten der Ärzteschaft - den Anteil 'verdeckter Arbeitslosigkeit für nicht besonders hoch. Da Ärzte bereits nach Abschluß der AiP-Phase wie auch nach jeder unfreiwilligen Unterbrechung der Weiterbildung i.d.R. Arbeitslosengeldansprüche erwerben bzw. erworben haben, die jeweils entsprechende Meldungen beim Arbeitsamt nach sich ziehen, ist eine solche lückenlose Erfassung der Arbeitslosigkeit vor allem bei jüngeren Medizinern zu unterstellen. Aus diesem Grund kann davon ausgegangen werden, daß der Teil beschäftigungsloser Ärztinnen und Ärzte, die zwar auf Arbeitssuche sind, aber nicht in der offiziellen Arbeitslosenstatistik erscheinen, zumindest nicht größer ist als bei anderen Akademikergruppen'. Zur Problematik un' bzw. unterbezahlter ärztlicher Tätigkeit hat die Kammerversammlung der Ärztekammer Niedersachsen im Herbst 1998 noch einmal festgestellt, 'daß es gemäß der Berufsordnung der Ärztekammer Niedersachsen unwürdig ist, in unlauterer Weise einen Kollegen ohne angemessene Verfügung oder unentgeltlich zu beschäftigen oder eine solche Beschäftigung zu bewirken oder zu dulden. Wird bekannt, daß ein zur Weiterbildung ermächtigtes Kammermitglied Ärztinnen und Ärzte während der Weiterbildung unentgeltlich oder nur geringfügig entgeltlich beschäftigt, so ist der Widerruf der Ermächtigung der Weiterbildung wegen mangelnder persönlicher Eignung des Weiterbilders zu prüfen. Eine neue Weiterbildungsermächtigung darf nur erteilt werden, wenn sich das Kammermitglied bzw. die Weiterbildungsstätte schriftlich gegenüber der Ärztekammer zur künftigen Gewährung eines angemessenen Entgeltes verpflichtet.' Mit dem Antrag auf Zulassung zur Weiterbildungsprüfung sind in Niedersachsen neben den erforderlichen Zeugnissen und Nachweisen gemäß ß 11 der Weiterbildungsordnung zum Nachweis der hauptberuflichen Tätigkeit auch die Arbeitsverträge lückenlos vorzulegen. Daraus muß sich die hauptberufliche Tätigkeit während der Weiterbildung auch durch den Nachweis eines angemessenen Honorars für die ärztliche Tätigkeit während der Weiterbildung ergeben. Nur in begründeten Ausnahmefällen kann auf den Nachweis angemessener Vergütung verzichtet werden, beispielsweise zur Erfüllung anderweitig nicht erreichbarer Weiterbildungsinhalte in kurzen Weiterbildungszeiten, zur Erledigung von Restabschnitten, etwa zur Erfüllung von Auflagen des Weiterbildungs- oder Prüfungsausschusses. So soll der einzelne Weiterzubildende geschützt werden. Damit ist er aber zugleich auch von jeder weiteren beruflichen (nicht nur monetären) Entwicklungsmöglichkeit abgeschnitten! Zum ärztlichen Alltag gehören, insbesondere während der Weiterbildung, leider auch die Nichteinhaltung des Arbeitszeitgesetzes sowie die Nichtabgeltung von Mehrarbeit. Der häufige Verweis älterer Kollegen auf frühere Zeiten ist dabei wenig hilfreich. Der Ärzteschaft wird, unter Hinweis auf ethische Verpflichtungen, das abverlangt, was andere Berufsgruppen mit Recht nicht hinzunehmen gewillt sind. Die Rahmenbedingungen ärztlicher Berufsausübung kennzeichnen Stellenreduzierungen im Krankenhaus, Budgetierungen, der zunehmende Verbleib von Fachärzten in den Kliniken wegen der Notwendigkeit der Erfüllung des Facharztstandards, die Niederlassungssperre und die daraus resultierenden verschlechterten Berufsperspektiven für in Krankenhäusern arbeitende Ärzte, Bezahlung unter Tarif, unentgeltliche Arbeit auf der Grundlage von Gastarztverträgen, fehlende Weiterbildungsmöglichkeiten sowie die wirtschaftliche Situation der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte. Keine Patentrezepte ... Der Handlungsspielraum ist für die Ärzteschaft angesichts der Dimension dieser Probleme äußerst begrenzt. Welche Wege können arbeitslosen Kolleginnen und Kollegen aber empfohlen werden, damit sie (erneut) Zugang zum ärztlichen Beruf finden? Ein Patentrezept gibt es hierfür nicht. Ärztinnen und Ärzte sollten akzeptieren, daß sie ihren Platz nicht nur in der ursprünglich vielleicht einmal angestrebten patientenbezogenen, kurativen Medizin finden, sondern daß sie ihre Kenntnisse und Erfahrungen in andere Bereiche einbringen müssen. Eine Prämisse ist insbesondere die Bereitschaft, Mobilität und Flexibilität zu zeigen. Dies wurde auch auf dem 1. Niedersächsischen Ärztinnentag deutlich. Nur wer hierzu bereit ist, hat Chancen! Die klassischen kurativen ärztlichen Tätigkeitsfelder bieten derzeit kaum nennenswerte Arbeitsmöglichkeiten, obwohl die demographische Entwicklung von der Alterspyramide zum Alterspilz, verbunden mit Multimorbidität bei höherer Lebenserwartung, dies eigentlich erforderten. Die derzeitigen ökonomischen Bedingungen sind offenbar für lange Zeit fest zementiert. Dennoch ist der Ausbau ärztlicher Tätigkeitsfelder, etwa im Umweltschutz, in der Gesundheitsförderung und Prävention, der Hospizarbeit und Rehabilitation denkbar. 'Job-Sharing' und Teilzeitarbeit wären auch vermehrt zu nutzen. Perspektiven eröffnet auch die 1998 in die Weiterbildungsordnung der Ärztekammer Niedersachsen eingeführte Zusatzbezeichnung Qualitätsmanagement. Diese Zu-satzqualifikation kann zum Beispiel beim Zentrum für Qualitätsmanagement der Ärztekammer Niedersachsen, (Zentrum für Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen, Berliner Allee 20, 30175 Hannover, Tel.: (05 11) 3 80-25 06; www.zq-aekn.de) erworben werden. Die Sicherung der Qualität des medizinischen Angebots ist nicht nur einer der aktuellsten Aufgaben, sondern sie bildet die Basis für alle zukünftigen Entwicklungen im Gesundheitswesen. ...aber durchaus Perspektiven Auch für Absolventen des Postgraduierten Studiengangs Public Health scheinen noch gute Perspektiven zu bestehen. Voraussetzung sind ein abgeschlossenes Studium und Berufserfahrung. Die Ausbildungsprogramme sollen Experten für Planungs- und Entscheidungsprozesse im Gesundheitswesen, die Beratung im Bereich der Gesundheitsplanung und Politik, die Entwicklung, Durchführung und Evaluation von gesundheitsfördernden und präventiven Programmen und für Fortbildung und Lehre qualifizieren. Im Norddeutschen Raum bieten die Universitäten Bielefeld, die Medizinische Hochschule Hannover, Abt. Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung (OE 5410, 30623 Hannover), Tel. (05 11) 5 32-44 58 und Bremen diesen Studiengang mit jeweils unterschiedlichen Studienschwerpunkten an. Ein Tätigkeitsfeld mit ansteigenden Zuwachsraten ist auch die Medizinische Informatik; die Medizin der Zukunft mit ihren neuen Informations- und Kommunikationstechnologien erfordert auf vielen Feldern und in vielen Institutionen entsprechende Kenntnisse. Mit fortschreitender Technisierung - der Begriff 'Apparatemedizin' ist bereits geprägt - ergibt sich zunehmend Bedarf an qualifizierten Fachkräften. Diese müssen neben ihrem abgeschlossenen Medizinstudium gute Kenntnisse in Maschinenbau, Elektrotechnik, Informatik und Naturwissenschaften besitzen. Entsprechende Aufbaustudiengänge bieten u.a. in einer Kooperation die drei wissenschaftlichen Hochschulen Hannovers (Medizinische Hochschule Hannover, Institut für Biomedizinische Technik und Krankenhaustechnik, Carl-Neuberg-Straße 1, 30625 Hannover, Tel. (05 11) 5 32-33 49, an. Ein Fernstudium 'Technik in der Medizin' bietet seit kurzem die Universität Kaiserslautern in Zusammenarbeit mit der Westpfalz Klinikum GmbH an. Es richtet sich in erster Linie an Ärztinnen und Ärzte, die sich noch am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn befinden. Das Fernstudium (Dauer: vier Semester) kann bereits während des Praktischen Jahres aufgenommen werden. Die Einschreibung erfolgt nur während des Wintersemesters. Die Kosten betragen 600,ó DM pro Semester. Teilnahme an einer Präsenzphase in der Regel an einem Wochenende pro Semester ist verpflichtend (Zentrum für Fernstudien und Universitäre Weiterbildung, Universität Kaiserslautern, Erwin-Schrödinger-Straße, Gebäude 58, 67663 Kaiserslautern, Tel. (06 31) 20 17-216. Kongreß als Jobbörse Der 2. Kongress 'Via Medici, Zukunftschancen für junge Mediziner' am 18. und 19. Juli 1999 im Kongresszentrum Mannheim bietet Informationen und Beratungen zu allen kurativen und nicht kurativen Berufsbildern für angehende und arbeitssuchende Mediziner (Merke Kongress, Kaiserdamm 82, 14057 Berlin, Tel. (0 30) 30 67 25-0, Fax: (0 30) 30 67 25-52). Die Ärztekammer Nordrhein gibt in einem siebzigseitigem Manual eine erste Orientierung über 16 'Alternative Berufsfelder' außerhalb der klassischen ärztlichen Tätigkeiten, wovon das eine oder andere Tätigkeitsgebiet sich durchaus zu einem klassischen Tätigkeitsbereich wird entwickeln können. Es ist auch für Nichtmitglieder bei der ÄK Nordrhein bei Einsendung von Briefmarken in Höhe 10,ó DM erhältlich (Ärztekammer Nordrhein - Stichwort: Manual Alternative Berufsfelder -, Tersteegenstraße 31, 40474 Düsseldorf). Die Bundesanstalt für Arbeit hält auch für Ärzte umfassende Informationen und Beratungsangebote vor: Die Berufsinformationszentren BIZ der Arbeitsämter bieten die Möglichkeit, sich auch über Fragen der Bewerbung und Vorstellung umfassend und ohne vorherige Anmeldung zu informieren. Man sollte sich grundsätzlich an das nächstgelegene Arbeitsamt wenden. Alle Arbeitsämter sind durch EDV miteinander vernetzt. Regional oder bundesweit vorhandene Stellenangebote für Akademiker können sowohl im Internet (http://www.arbeitsamt.de) als auch im Rahmen des in jedem Arbeitsamt vorhandene Stellen-Informations-Systems (SIS) selbst eingesehen und ausgewählt werden. Es stehen Telefone bereit, die eine kostenlose erste Kontaktaufnahme mit Arbeitgebern ermöglicht. Seit April 1998 ist mit dem Arbeitgeber-Informations-Service (AIS) eine weitere Auswertungsbank bundesweit verfügbar: Arbeitgeber können sich (auch über Intranet-Adresse: http://www.arbeitsamt.de) die Daten aller bei den 850 Dienststellen im Bundesgebiet registrierten arbeitslosen Mediziner abrufen. Bei Interesse kann der Kontakt zu diesen über den zuständigen Arbeitsvermittler im jeweiligen Arbeitsamt hergestellt werden. Die Bundesanstalt für Arbeit hat ferner 'Hochschulteams' an Standorten mit mehr als 20 000 Studenten zur Beratung von Studierenden höherer Semester sowie von Absolventen kurz nach Abschluß des Studiums eingerichtet. Für die Vermittlung von Führungskräften im medizinischen Bereich in der oberen und obersten Leitungsebene, in Industrie und Öffentlichem Gesundheitswesen ist grundsätzlich die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Frankfurt/Main zuständig. In der Abteilung Management National ist ein spezielles Vermittlungsteam 'Ärztliche Führungskräfte/Klinikmanagement' vorhanden. Weitere Auskünfte erteilt bei der ZAV Herr Dr. Martin, Tel.: (0 69) 71 11-393. Über die Abteilung Management Vermittlung International der ZAV, Tel.: (0 69) 71 110, ist auch eine Vermittlung ins Ausland möglich. Vor allem nach Dänemark, Norwegen, England sowie Südafrika sind in der jüngsten Zeit deutsche Ärztinnen und Ärzte vermittelt worden. Man muß sich stets bewußt sein, daß 'Nischen' auf dem Arbeitsmarkt einem harten Wettbewerb, auch mit anderen akademischen Berufen, unterliegen. Hier gilt es, ärztliche Tätigkeitsfelder zurückzugewinnen oder, besonders qualifiziert, neu zu besetzen. |
||||||
|
[nä] [Z-aktuell] [Forum] [Bücher] [Verlag] [Aktuell] [Kontakt] [Home] Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998, 1999. Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 22.03.1999 Design by Tim Schmitz-Reinthal, webmaster@haeverlag.de. |