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"Das Arbeitszeitgesetz ist leistungsfeindlich"
Der Arztberuf ist einer der schönsten. Das wußte bereits Rudolf Nissen, einer der großen deutschen Chirurgen:mit seiner Feststellung: "Durch die Jahrhunderte hindurch ist für den guten Arzt bezeichnend gewesen, seine ständige Bereitschaft, dem Kranken in Not und Sorge zu helfen. Für einzelne Disziplinen der Medizin, wie für die Chirurgie, gilt das in stärkerem Maße als für andere. Der individuelle Patient, der uns anvertraut ist, hat Recht auf unsere Anwesenheit und Hilfe, wenn kritische Situationen sein Leben oder seine Psyche gefährden. Eine solche Verpflichtung läßt sich nicht in die Fesseln eines Acht-Stunden-Tages oder einer Fünf-Tage-Woche pressen".
Der Beruf hat an Attraktivität verloren. Wegen der Arbeitszeit? Unsinn! Wenn lange Arbeitszeiten junge Menschen vom Studium der Medizin abgehalten hätten, so hätte es weder eine Vor- noch eine Nachkriegsgeneration von Ärzten gegeben. Die heutige Generation wäre nur halb so groß und ohne Lehrer, ohne Vorbilder aufgewachsen. Nein, die Attraktivität des Arztberufes leidet unter der zunehmenden Auflösung des Arzt-Patient-Verhältnisses, (begründet in Schichtdiensten mit den bekannten Risiken für den Patienten) und der inflationär wachsenden Zahl von Verordnungen, Budgets und Budgetverantwortung, DRGs, MDK, Controlling, ärztlicher Verwaltungsarbeiten. Welcher aktive und aufstrebende junge Mensch sucht ein Arbeitsfeld, das sich zumindest formal in "gedeckeltem" Zustand ohne quantitative Entwicklungsmöglichkeiten darstellt? Bei vielen Krankenhausärzten äußert sich die aus dem Verlust eigentlicher ärztlicher Tätigkeit gespeiste Frustration in dem Wunsch nach reduzierter Arbeitszeit. Ergebnis: Der Krankenhausarzt soll in die für alle Berufsgruppen formatierte Schablone des Arbeitsschutzgesetzes eingepaßt werden. Eine solche Regelung ist unsinnig und verantwortungslos!
Daher macht sich eine mutmaßlich isolierte Gruppe von Ärzten einer chirurgischen Klinik auf, das Dekret der 48-Stunden-Woche zu attackieren. Es ist ihnen klar, daß eine so begrenzte Arbeitszeit niemals ausreichen wird, um notwendige klinische Erfahrung als Chirurg zu erwerben. Es reicht für eine - noch so gut strukturierte - Weiterbildung nicht, die ja jetzt schon von in Katalogen vorgesehenen Zeiten massiv entfremdet wurde. Eine gleichzeitige wissenschaftliche Qualifikation wird unerreichbar, studentische Lehre entfällt. Diese Gruppe von Ärzten will länger arbeiten, um ihre Patienten ordentlich zu versorgen und um selbst zu guten Chirurgen, Wissenschaftlern und Lehrern zu werden. Sie erfüllen damit den Auftrag aus ihren (befristeten) Arbeitsverträgen. Wenn sie diese aber einhalten, verstoßen sie gegen das Arbeitszeitgesetz.
Überhaupt: Wen oder was will dieses Gesetz eigentlich schützen? Die Arbeit? Die Arbeitszeit? Wer aber schützt die Interessen der Ärzte, die aus Verantwortung für die von ihnen operierten Patienten länger arbeiten wollen und die gleichzeitig Zeiten für Fort- und Weiterbildung benötigen? Wer schützt die Interessen eines Patienten, der mit einem chirurgischen Problem aufgenommen wird, obwohl das Arbeitszeitkontingent bereits erfüllt und dessen Überschreitung bußgeldbewehrt ist? Wer stellt sicher, daß Organtransplantationen durchgeführt werden, daß der Arzt sich nicht der unterlassenen Hilfeleistung schuldig macht und dem Rechtsanspruch des Transplantatempfängers auf die Operation genügt?
Ein Blick in das Erwerbsleben schlechthin zeigt, daß dort, wo überdurchschnittlich hohe Verantwortung getragen wird, die 48-Stundenwoche eine Fiktion ist. Es sind häufig Berufe, in denen vor monetärem Interesse die Freude an der Arbeit im Vordergrund steht. Mit dem Dekret der 48-Stundenwoche würden jungen, aufstrebenden Klinikern und Wissenschaftlern bewußt Entwicklungschancen entzogen, die sie in anderen freien Berufen hätten. Es wird ihnen die Möglichkeit genommen, sich verantwortliche Positionen zu erarbeiten, weil ihre dazu unabdingbare Mehrarbeit im Vorfeld kriminalisiert wird. Ich verstehe, warum unsere Mitarbeiter dieses leistungsfeindliche Modell nicht wollen. Bei allem Verständnis für diejenigen, die nicht mehr Arbeit leisten wollen oder können (die dann auch nicht angeordnet werden darf), stehe ich mit vielen Kollegen, nicht nur in der Chirurgie, hinter der Absicht meiner Mitarbeiter, einem unsinnigen und verantwortungslosen befohlenen Schutz der Arbeitszeit nicht zu folgen. Der von uns zur Diskussion gestellte Vorschlag einer "48 plus 12 Stunden-Regelung" für Krankenhausärzte würde eine maximal 48-stündige Arbeit am Patienten zur Vermeidung von Übermüdung ebenso beinhalten wie eine freiwillig erbringbare zusätzliche Arbeitsleistung von bis zu 12 Stunden pro Woche für Fortbildung, strukturierte Weiterbildung, Forschung und Lehre, wobei, versteht sich, eine vollständige Vergütung der erbrachten Arbeitsleistung zu verlangen ist. Eine solche Regelung würde der individuellen Weiterentwicklung des Arztes ebenso dienen, wie der Versorgung der Patienten, die sich vertrauensvoll in unsere Obhut begeben.
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"Keine rechtsfreien Räume zulassen"
Als 1994 das Arbeitszeitgesetz in Kraft trat, ging es den Verfassern der zugrunde liegenden Europarichtlinie um den Gesundheitsschutz von angestellten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. 48 Stunden pro Woche im Durchschnitt von 24 Wochen und in einzelnen Wochen bei entsprechendem Freizeitausgleich auch 60 Wochenarbeitsstunden sind jetzt gültige Höchstwerte. In Handwerksbetrieben, in der Industrie, in forschenden Unternehmen stellte man sich auf die neue Gesetzgebung ein und organisierte dort um, wo es notwendig war. Seither hat man auch aus Spitzenunternehmen keinen Protest gegen die Höchstgrenzen gehört. Hier geht der Trend vielmehr in eine noch viel stärkere Verkürzung der Wochenarbeitszeit bei gleichzeitig hoher Flexibilisierung. Aus den medizinischen Fakultäten und medizinischen Hochschulen hörte man nichts. Erst jetzt, 6 Jahre nach Ende der Übergangsfrist für Krankenhäuser und nach katastrophalen Prüfergebnissen bei der Überprüfungsaktion der Gewerbeaufsichtsämter gibt es einen Aufschrei aus einigen Abteilungen. Der Niedergang der Hochleistungsmedizin wird als Schreckgespenst an die Wand gemalt. Eine Begründung wird nicht gegeben, sondern eine mindestens 60 Stunden dauernde Arbeitswoche als Grundlage erst gar nicht in Frage gestellt.
Dabei ist sicher Verständnis für die unmittelbar Betroffenen aufzubringen, denn sie stehen zur Zeit in einem für sie selber nicht lösbaren Konflikt: Da ist auf der einen Seite der Wunsch zu forschen und vielleicht auch in der Lehre tätig zu sein (das, wie man hört, schon deutlich wenigerÉ) um seine Habilitation zu schaffen. Dies ist für viele umso wichtiger, als durch die Hochschulreform der "Juniorprofessor" mit all seinen negativen Auswirkungen am Horizont droht. Außerdem will man ja seine Weiterbildung zum Chirurgen abschließen, und dies muß innerhalb der durch die Befristung des Arbeitsverhältnisses vorgegebenen Zeitspanne erfolgen. Dazu kommt zumindest in der MHH ein nicht unerhebliches Organisationsdefizit. Und über die finanziellen Interessen der Arbeitnehmer an bezahlten Überstunden gilt es an dieser Stelle nicht zu spekulieren.
Die Frage muß erlaubt sein, ob eine Aufgabenhäufung in dieser jetzigen Form so sein muß? Warum sind zunehmend die Zeitanteile für Forschung und Lehre zu Gunsten der Patientenversorgung verkürzt und Forschungstätigkeit in die Freizeit verlagert worden? Weil bei begrenzten Budgets eine ausreichende ärztliche Personalausstattung für die medizinische Versorgung nicht zu erreichen war. Als Antwort wurde das Bild einer Elite geprägt: "Nur der ist scheinbar ein guter Arzt, der sich selber ausbeutet und mindestens 60 Stunden pro Woche arbeitet". Die Erkenntnisse der Arbeitsmedizin scheinen wohl spurlos an den betroffenen Abteilungen vorbeigegangen zu sein. In Zeiten, wo in der Industrie und insbesondere im Spitzenmanagement über Life Balance intensiv nachgedacht wird (denn nur wenn privater und beruflicher Bereich sich die Waage halten, werden Spitzenleistungen auf Dauer möglich), gelten Kollegen, die diesem Druck gesundheitlich nicht standhalten oder ein Burn-out-Syndrom entwickeln eben nicht als Elite. Von den familiären Auswirkungen einmal ganz abgesehen.
Dabei gäbe es durchaus Lösungsansätze. Warum nicht zusammenhängende Forschungszeiten sich abwechseln lassen mit Zeiten, in denen die Versorgung der Patienten und die Weiterbildung im Mittelpunkt stehen? Dieses bedarf sicher mehr Personal und bedeutet eine erhebliche Umorganisation der Abläufe. Jede Reorganisation setzt erst einmal Widerstände frei. Nur bedeutet der Satz "Das geht nicht!" häufig genug "Ich will nicht!". Nicht das Arbeitszeitgesetz ist der Killer der Hochleistungsmedizin, sondern die Unfähigkeit, sich den veränderten Umständen anzupassen. Und hier liegt das Versagen insbesondere der Leitung der MHH. Anstatt den gesetzlichen Bestimmungen zu entsprechen und mit Phantasie in eine Reorganisation einzutreten, werden die alten Strukturen lieber beibehalten und der Untergang der Elite heraufbeschworen. Dieser Untergang fand jedoch gerade immer dann statt, wenn eine Führungs(schicht) sich den dynamischen Veränderungen der politischen und ökonomischen Einflüsse mit starrem Blick auf alte Strukturen zu entziehen suchte, anstatt elitär im eigentlichen Sinne zu sein und Führung als Anpassung an die Veränderungen zu verstehen.
Interessanterweise gelingt die Anpassung in anderen Häusern der Maximalversorgung durchaus. Vielleicht sollte die Führung der MHH die Denkblockaden aufgeben und den guten Beispielen folgen. Und noch immer gilt die Aussage von Konfuzius:
"Wer sich erinnern kann, ist Herr der Vergangenheit. Aber nur wer sich ändern kann, ist Herr der Zukunft!"
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