Jahrelang wurde in der politischen Diskussion von einem Überschuß an Ärzten in Deutschland gesprochen. Das war einmal. In Zukunft droht der Ärztemangel. Denn auf der einen Seite gehen in den nächsten Jahren viele Ärzte in den Ruhestand. Auf der anderen Seite bricht der medizinische Nachwuchs weg. Besonders die Bundesländer im Osten sind betroffen. Eine Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik (ZI) belegt die drohende Krise erstmals mit Zahlen zur wahrscheinlichen Altersstruktur- und Arztzahlentwicklung in Deutschland und ihren Konsequenzen.
Der Nachwuchs bleibt aus
Das Durchschnittsalter der Vertragsärzteschaft ist seit 1993 um etwa drei Jahre auf rund 49,5 Jahre im Jahre 2000 gestiegen. Das Durchschnittsalter der Krankenhausärzte erhöhte sich im gleichen Zeitraum um etwa zwei Jahre.
Noch dramatischer nimmt sich die proportionale Verschiebung zwischen den Altersgruppen aus. Zwischen 1995 und 2000 ist der Anteil der über 59-jährigen Ärzte an allen Vertragsärzten um 40 Prozent gestiegen, der Anteil der über 59-jährigen Ärzte an allen berufstätigen Ärzten ist sogar um knapp 45 Prozent angewachsen. Zugleich sinkt der Anteil der jungen Ärzte. Waren 1991 noch 27,4 Prozent aller berufstätigen Ärzte unter 35 Jahre alt, so betrug dieser Anteil im Jahre 2000 nur noch 18,8 Prozent - ein Rückgang um rund ein Drittel.
Die Nachwuchsentwicklung ist alarmierend. Zwar ist die Zahl der Studienanfänger in den letzten acht Jahren relativ konstant geblieben. Gleichzeitig aber sank in den letzten sieben Jahren die Gesamtzahl der Medizinstudenten um insgesamt 11,3 Prozent. Seit sechs Jahren ist die Zahl der Absolventen rückläufig - um insgesamt 23 Prozent. Die Zahl der Studienabbrecher bzw. Studienplatzwechsler ist ständig angestiegen und steigt weiter - von den 12.000 Studenten, die mit einem Medizinstudium beginnen, machen nur knapp 9.500 den Abschluß. Und davon beginnen nur etwa 7.500 mit ihrem Praktikum. Die Zahl der Ärzte im Praktikum ist zwischen 1994 und 2000 um ein Viertel gesunken, die Zahl der Approbationen um 22 Prozent. Bei den Facharztanerkennungen ist eine leicht rückläufige Tendenz zu erkennen.
Laut Statistik gibt es keine meßbare Zahl an Auswanderungen von (approbierten) deutschen Ärzten, der Wanderungssaldo ist vielmehr positiv. Etwa ein Fünftel der Absolventen beginnt nach der Absolvierung des Studiums nicht mit dem ärztlichen Praktikum, wollen somit nicht ärztlich tätig werden. Alarmierend dabei ist, daß diese Zahl in den letzten Jahren drastisch angestiegen ist.
Der Anteil der berufstätigen Ärzte, der in anderen Bereichen tätig ist, liegt seit Jahren bei etwa neun Prozent und ist damit relativ konstant. Damit gibt es keinen Hinweis darauf, daß (approbierte) Ärzte ihren klassischen Tätigkeitsfeldern - Krankenhaus und Praxis - den Rücken kehren und sich vermehrt Tätigkeiten in anderen Bereichen zuwenden.
Die Zahl der arbeitslos gemeldeten Ärzte ist seit dem Erreichen des Höhepunktes im Jahre 1997 kontinuierlich rückläufig. Die Stellenangebote nehmen seitdem Monat für Monat zu und haben mit 3.600 offenen Stellen im November 2001 einen neuen Höhepunkt erreicht.
Sorge um die Versorgung
Die Politik wünscht beim Verhältnis von Hausärzten zu Fachärzten eine Relation von 60 zu 40. Diese existierte im Jahre 1991. Seitdem ist der Fachärzteanteil um ein Fünftel auf knapp 48 Prozent gestiegen. Der Trend zur fachärztlichen Versorgung ist allerdings seit langem zu beobachten.
Schätzt man die zukünftige Entwicklung auf Grund der Altersstruktur ab, so kommt man zu dem Schluß, daß ab dem Jahre 2004 verschiedene Facharztgruppen sehr wahrscheinlich mit einem Rückgang der Vertragsarztzahlen zu rechnen haben. Dies wird im Jahre 2004 die Augenärzte betreffen und im Jahr darauf die Radiologen. Ab dem Jahre 2006 werden aller Voraussicht nach die Zahlen der Allgemein-/Praktischen Ärzte, Frauenärzte und Kinderärzte sinken. 2007 betrifft es dann die HNO-Ärzte, Urologen und Internisten. Schließlich wird im Jahre 2008 auch die Zahl der Chirurgen, Hautärzte und Orthopäden sinken.
In absoluten Zahlen gemessen führt diese Entwicklung auf den ersten Blick nicht zwangsläufig in einen Engpaß. Durch das altersbedingte Ausscheiden von Ärzten kommt es zunächst zu einer Konsolidierung der Vertragsarztzahlen. Die gegenwärtig bestehende Einwohner-Vertragsarzt-Relation verändert sich bis zum Jahre 2010 kaum, da auch die Bevölkerungszahl rückläufig ist.
Berücksichtigt man dabei allerdings den sich abzeichnenden Wandel in der Altersstruktur, ist sehr wohl Anlaß zur Sorge gegeben. Das Ansteigen des Durchschnittsalters der Bevölkerung hat zur Folge, daß die damit einhergehende Wandlung des Morbiditätsspektrums und die Ausweitung der Multimorbidität eine erhöhte Zahl an Ärzten zwingend notwendig macht, um den Behandlungserfordernissen gerecht werden zu können. Darüber hinaus zeigt die Erfahrung, daß der medizinische Fortschritt notwendig zu höherem Behandlungsaufwand im Gesundheitswesen führt und damit zwangsläufig einen erhöhten Ärztebedarf nach sich zieht.
Einbruch bei den Hausärzten
Die Zahl der Allgemein-/Praktischen Ärzte hat im Zeitraum 1995 bis 2000 in den alten Bundesländern um etwa 0,7 Prozent und in den neuen Bundesländern um 3,2 Prozent abgenommen. Diese Entwicklung wird zunehmen: Bis zum Jahre 2010 werden aller Voraussicht nach knapp 22.000 Hausärzte ausscheiden. Eine Analyse ergibt, daß auch über das Jahr 2003 hinaus, nach dem Auslaufen des Initiativprogramms, Anreize gegeben werden müssen, damit genügend Allgemeinmediziner weitergebildet werden, denn die Masse der Abgänge ist erst ab dem Jahre 2005 zu erwarten.
Dringender Handlungsbedarf kristallisiert sich in den neuen Bundesländern heraus. Die Altersstruktur der dortigen Hausärzte legt den Schluß nahe, daß es in den neuen Bundesländern nicht fünf vor, sondern bereits fünf nach zwölf ist. In den nächsten zehn Jahren werden sehr viele ältere Ärzte in den Ruhestand gehen - etwa 35 - 40 Prozent aller dortigen Hausärzte. Zugleich ist kein Nachwuchs vorhanden, der die entstehenden Lücken schließen könnte. Die verbleibenden Ärzte werden nicht ausreichen, um die hausärztliche Versorgung sicherstellen zu können. Die hausärztliche Versorgung in den neuen Bundesländern wird daher in naher Zukunft zusammenbrechen, wenn keine geeigneten Gegenmaßnahmen ergriffen werden.
Die Situation bei den Kinderärzten stellt sich bei detaillierter Analyse nicht dramatisch dar, da der Kinderarztrückgang mit einem Absinken der Kinderzahlen zusammenfällt. Bis 2010 wird die Zahl der Kinderärzte sowie die Zahl der Kinder und Jugendlichen voraussichtlich um neun Prozent zurückgehen, wobei sich die Betreuungsrelation Kinder je Vertragsarzt noch verbessern wird. Allerdings wird in den neuen Bundesländern die flächendeckende Versorgung mit niedergelassenen Kinderärzten problematisch.
In den letzten fünf Jahren sind verstärkt Ärzte aus Osteuropa, speziell der ehemaligen Sowjetunion und des ehemaligen Jugoslawiens, nach Deutschland gekommen. Osteuropa ist folglich ein Reservoir, aus dem entstehende mögliche Lücken in der ärztlichen Versorgung geschlossen werden könnten. Ärzte aus diesen Ländern sind überproportional bereit, nach Deutschland zu ziehen und hier zu arbeiten. Dabei ist allerdings zu beachten, daß ein Ärztezuzug aus diesen ohnehin schon ärztlich nicht gerade gut versorgten Ländern die dortige Versorgungslage verschärfen würde.
Resümee: Die deutsche Ärzteschaft überaltert und bekommt ein Nachwuchsproblem. Vor allem in den neuen Bundesländern wird es in der Allgemeinmedizin zu Versorgungsproblemen kommen, wenn nicht gegengesteuert wird. Auch im Krankenhausbereich werden viele Arztpositionen nicht mehr besetzt werden können. Dies wird zunächst nur die ländlichen Gebiete betreffen, zunehmend aber auch die größeren Städte. Die notwendige Schlußfolgerung ist, daß die Medizinerausbildung praxisnäher und die Arbeitsbedingungen der Ärzte im Krankenhausbereich wie im ambulanten Sektor attraktiver gestaltet werden müssen, damit sich junge Menschen wieder stärker für den Beruf des Arztes interessieren.
Dr. Uwe Köster
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