05/1999

'Interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Patientenversorgung'
MHH-Modellseminar für Studierende der Medizin und anderer Gesundheitsberufe
G.C. Fischer, J. Fehr, S. Geyer, M. Raub, C. Rosendahl, I. Weber

 

1. Ausgangslage

Die Zusammenarbeit zwischen Arzt und anderen Gesundheitsfachberufen bilden eine unabdingbare Basis optimaler Patientenversorgung.

Innerhalb der letzten 20 Jahre haben sich die Formen der innerbetrieblichen Zusammenarbeit in der freien Wirtschaft auch in Europa tiefgreifend gewandelt. Starre Lenkungsformen und -strukturen wurden zugunsten einer anhaltenden Diskussion und Umsetzung neuer Konzepte eines qualitäts- und effektivitätsfördernden Managements aufgelöst.

Zentrale Ziele dieser Bewegung lassen sich in grober Vereinfachung zusammenfassend beschreiben als das Bemühen um
- erweiterte Delegation und Übernahme von Verantwortung bis hinein in periphere und hierarchisch 'niedrigere' Bereiche,
- bessere Abgrenzung und Nutzung der Kompetenz einzelner Fachgruppen,
- Delegation definierter Teilaufgaben an umschriebene Teams,
- Verbesserung der Teamarbeit und
- vermehrte Patientenorientierung.

Im Gesundheitswesen in Deutschland sind moderne Managementprinzipien vor allem unter dem Blickwinkel interdisziplinärer Zusammenarbeit erst in geringen Ansätzen zu finden. Dem stehen Entwicklungen und Zukunftsperspektiven unseres Gesundheitswesens gegenüber, die verstärkt Formen der Kooperation verlangen.

Die praktische Medizin weist bei der interprofessionellen Zusammenarbeit noch immer erhebliche Mängel auf - gemessen an den o.g. Zielen eines modernen Qualitätsmanagements. Die schon seit Jahrzehnten bekannten Defizite in Kommunikation, Patientenorientierung und einer gezielten patientenbezogenen Versorgungsplanung im Team unter systematischer Einbeziehung der verschiedenen professionellen Kompetenzen scheinen noch nicht beseitigt. Ärzte und andere Gesundheitsfachberufe arbeiten vielfach aneinander vorbei, Arbeitsziele werden nicht vereinheitlicht. Der Patient wird oftmals- sowohl in der psychologischen Ausrichtung als auch im Sachgehalt - mit unklaren oder widersprüchlichen Einflüssen und Informationen belastet.

Die genannten Gesichtspunkte finden bisher in der Ausbildung zum Arzt/zur Ärztin keinerlei und in der Ausbildung von Pflegekräften sowie anderen Gesundheitsfachberufen allenfalls eine marginale Berücksichtigung.

2. Modellseminar
'Interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Medizin'

2.1 Idealtypische Anforderungen


Die inhaltlichen Schwerpunkte richten sich auf:

1. Teamarbeit
2. Kommunikation
3. Kenntnis von Ausbildung und Kompetenzen der jeweils anderen Gesundheitsberufe und
4. auf rechtliche Aspekte.

Ad 1.
Den Studierenden sollen die Anforderungen und Kennzeichen einer gelungenen Teamarbeit vermittelt werden. Sie sollen verstehen, wissen und in praktischen Übungen erproben, welche Teilaufgaben von den einzelnen Berufen übernommen werden, wie diese sich in die Teamarbeit einbringen, hier zusammenführen und für die weitere patientenbezogene Fragestellung nutzen lassen können.
Sie sollen lernen, wie patientenorientierte Versorgungsziele sowohl im Hinblick auf Teilschritte als auch für das angestrebte Gesamtergebnis gebildet und gemeinsam nach Plan erarbeitet werden. Weitere Lehrinhalte sind Prinzipien der Rollen- und Verantwortungszuweisung und das Üben charakteristischer Informationswege innerhalb des Teams.

Ad 2.
Kommunikationsorientierte Lehrinhalte beziehen sich einerseits auf die Verständigung innerhalb des interprofessionell organisierten Teams, zum anderen auch auf die Kommunikation mit Patienten undAngehörigen, ferner auf die komplementär beteiligten Institutionen und Personen wie Hausärzte, Reha-Einrichtungen, Krankenhausverwaltungen, Kostenträger usw..

Ad 3.
Erst die Kenntnis der Ausbildungswege und der erworbenen Kompetenzen der Team-Kollegen versetzt die einzelnen Berufsgruppen in die Lage, sich den Versorgungsbeitrag der anderen ausreichend vorstellen, um dann selbst daran anknüpfen zu können.

Ad 4.
Hinsichtlich rechtlicher Aspekte bestehen besonders bei Ärzten erhebliche Wissensdefizite. Stationsärzten ist (siehe oben) vielfach nicht bewußt, daß sie nicht nur für die eigenen, sondern auch für alle in ihrem Einflußbereich durchgeführten medizinischen Maßnahmen haften. So gilt es, charakteristische Kompetenz-Schnittstellen zwischen den einzelnen Berufsgruppen vor dem allgemeinen rechtlichen Rahmen herauszuarbeiten und so zu üben und zu erläutern, daß die Studierenden in der Lage sind, den Lehrstoff auf konkrete Versorgungssituationen zu übertragen.

Typische Anforderungen an die Teamarbeit ergeben sich aber auch daraus, daß in den interdisziplinären Settings im Gesundheitswesen regelhaft professionale Statusgruppen unterschiedlicher Ausbildungsgrade zusammenarbeiten wie Famulanten, Ärzte im praktischen Jahr, Ärzte im Praktikum, in Weiterbildung befindliche Assistenzärzte, Kranken- und Pflegeschülerinnen, examinierte Pflege- und Rehabilitationskräfte und soziale Dienste in unterschiedlichen Ausbildungsstadien sowie zunehmend angelernte Hilfskräfte. Die Studierenden müssen also in ersten Schritten lernen, wie man sich vor Delegation einer Aufgabe über die Kompetenzen der mit der Aufgabe betrauten Person vergewissert.

2.2 Praktische Erfahrungen

Im Sommersemester 1998 wurde erstmals an der Medizinischen Hochschule Hannover ein interdisziplinäres Seminar mit dem Titel 'Der Arzt im interprofessionellen Team' durchgeführt.

Beteiligte Institutionen waren:
- Medizinische Hochschule Hannover, Abteilung Allgemeinmedizin
- Medizinische Hochschule Hannover, Krankenpflegeschule
- Evangelische Fachhochschule Hannover, Studiengang Sozialarbeit/Sozialpädagogik im Fachbereich Sozialwesen
- Universität Hannover, Fachbereich Erziehungswissenschaften, Bereich Bildungsforschung

Der Kurs setzte sich zusammen aus jeweils 3 - 6 Studierenden/Schülerinnen/Schüler
- der Medizin
- der Krankenpflegeschule
- der Sozialarbeit / Sozialpädagogik.

Der Kurs, der im Sommersemester 1998 stattfand, wurde von der Leiterin der Abteilung Allgemeinmedizin unter themenbezogener Hinzuziehung zweier allgemeinmedizinischer Lehrbeauftragter geleitet. Der didaktische Aufbau einschließlich der praktischen Durchführung, z.B. des Rollenspiels, erfolgte durch eine Mitarbeiterin des Fachbereichs Erziehungswissenschaften der Universität Hannover.

Wesentliche Elemente des Seminars waren:
- Analyse kooperativer Defizite im Gesundheitswesen auf der Basis der Erfahrungen der Kursteilnehmer
- Erwartungen und Zielvorstellungen der Kursteilnehmer in bezug auf das Seminar
- Darstellung der Ausbildungswege und des aktuellen Ausbildungsstandes der verschiedenen im Kurs vertretenen Professionen.
- Grundlagen von Teamarbeit und Kommunikation
- praktische Orientierung des Seminars an einem konkreten vorgegebenen, nachfolgend geschilderten Fall:

Die Kursteilnehmer stellen sich vor, als Team einer Station zusammenzuarbeiten. Es wird ein 78jähriger Patient mit Apoplex und rechtsseitiger Hemiparese bei erhaltenem Bewußtsein und Sprachvermögen eingeliefert. Er wird vom Krankenwagenpersonal auf Station gebracht und von der aufgeregten, weinenden 77jährigen Ehefrau begleitet.
Zu dieser Situation wurde ein Rollenspiel durchgeführt, das dem Team den Auftrag gab, die Versorgung soweit voranzutreiben, daß der Patient im (richtigen) Bett, richtig gelagert und die medizinische Erstbehandlung erfährt.
Weitere konkrete Aufgaben in diesem Fallbeispiel waren der Umgang mit den Angehörigen, hier besonders einem 'schwierigen' Schwiegersohn.
Den Kursabschluß bildete das Üben einer Teamsitzung bei vorgegebenem o.a. Sachverhalt mit dem Zweck, die Entlassung zu planen.

In dem Seminar zeigte sich großes Engagement aller Studierenden, Schülerinnen und Schüler. Anfängliche gegenseitige Skepsis und Vorurteile konnten vor allem durch die Darstellung der Ausbildungsgänge und der vermittelten Kompetenzen der Kursteilnehmer abgebaut werden. Hier zeigte sich aber auch die weitgehende Ahnungslosigkeit aller Studierenden über den beruflichen Werdegang und die Qualifikation ihrer späteren Kooperationspartner.
Das Rollenspiel deckte in kürzester Zeit eine Fülle klassischer Kooperationsdefizite im Stationsdienst auf, die in der anschließenden Aufarbeitung von den Kursteilnehmern klar identifiziert und verbessernd weiterbearbeitet werden konnten.
Das Rollenspiel zeigte ferner exemplarisch die Probleme einer nicht zufriedenstellend gelösten Kommunikation mit dem Patienten, teilweise auch mit der hilflosen Ehefrau.
Aus dem Rollenspiel konnten übertragbare Richtlinien abgeleitet werden, die sich in Bezug auf das Verhalten im Team, auf eine zielgerichtete Teamarbeit, auf die Rolle der einzelnen Berufsgruppen und auf den Umgang mit dem Patienten und den Angehörigen beziehen.

Das Seminar wurde in das Medizinstudium, Pflichtkurs Allgemeinmedizin, integriert.

Anschrift für die Verfasser:

Prof. Dr. med. Gisela Fischer
MHH, Abt. Allgemeinmedizin
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover
 
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