05/1999

Ärztliches Engagement für Wohnungslose:
Modellprojekt der Ärztekammer Niedersachsen bietet in Hannover eine medizinische Grundversorgung
 

In enger Kooperation mit kirchlich-caritativen und kommunalen Einrichtungen hat jetzt auch die Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) ein Modellprojekt zur medizinischen Grundversorgung obdachloser Mitbürgerinnen und Mitbürger ins Leben gerufen. Bei dem zunächst auf die niedersächsische Landeshauptstadt Hannover beschränkten Versorgungsmodell können in dieser Stadt lebende Wohnungslose drei verschiedene Arten von Versorgungsleistungen in Anspruch nehmen:

• Sondersprechstunden außerhalb der üblichen Sprechzeiten in hannoverschen Arztpraxen.

• Das ärztlich zu besetztende 'Sanitätsmobil' der Caritas (in der Startphase zunächst nur sonntags), das bekannte Treffpunkte Wohnungsloser zu folgenden Zeiten anfährt:
- montags 8.30 bis 9.30 Uhr Klagesmarkt, 10.00 bis 11.00 Uhr Küchengarten;
- donnerstags 8.00 bis 9.00 Uhr Ständehausstraße, 9.30 bis 10.30 Uhr Clemenskirchplatz;
- sonntags 14.00 bis 15.00 Uhr Vahrenwaldertreff (Vahrenwalder Kirchengemeinde).

• Wöchentliche regelmäßige Sprechstunden in div. Obdachloseneinrichtungen, dem Tagestreff 'Kötnerholzweg' in Linden sowie die von der Caritas betriebene Teestube am Leibnizufer.

Darüber hinaus ist auch die Krankenwohnung in der Güntherstraße 7 in Trägerschaft des Diakonischen Werkes eine seit Juli 1998 bewährte Stätte hausärztlich unterstützter medizinischer und psychosozialer Hilfen für diese Randgruppe der Gesellschaft. Insgesamt haben sich nach einem Aufruf der ÄKN 20 Ärztinnen und Ärzte für die medizinische Versorgung dieser Menschen zur Verfügung gestellt. Bedarf bestand dabei vor allem an den Fachgebieten Allgemeinmedizin, Dermatologie, Chirurgie und Psychiatrie.

90 Prozent objektiv krank

Die stellvertretende Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, die hannoversche Allgemeinärztin Dr. med. Cornelia Goesmann, weiß von etwa 540 000 Menschen, die in der Bundesrepublik Deutschland als sog. Wohnungsnotfälle gelten und ein Dasein zwischen Notunterkünften und Straße fristen. 35 000 von ihnen leben und übernachten direkt auf der Straße, ohne irgendein festes Dach über dem Kopf zu haben. 1 700 sollen es allein in der niedersächsischen Landeshauptstadt sein.
90 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe sind nach übereinstimmender Meinung von Fachleuten als 'objektiv krank' zu bezeichnen und dringend behandlungsbedürftig. Bei häufiger Multimorbidität ist das Krankheitsspektrum vor allem durch Hautkrankheiten, Bronchialerkrankungen, Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates, Verdauungsstörungen, Lähmungserscheinungen und Vitaminmangel gekennzeichnet. Besonders eklatant sei die Häufigkeit manifester psychischer Erkrankungen, die laut einer aktuellen Studie für den Bereich der Stadt München bei mehr als 90 Prozent liegt, wobei ein hoher Suchtmittelkonsum, vor allem von Alkohol, auffällt. Darüber hinaus bestimmen Angststörungen und sogar Schizophrenie in gehäufter Form die psychischen Krankheitsbilder bei Wohnungslosen.

Trotz des in der Bundesrepublik Deutschland quantitativ und qualitativ umfassenden medizinischen Versorgungsangebots mit seiner leichten Erreichbarkeit offenbaren Wohnungslose eine extrem hohe Hemmschwelle gegenüber der Nutzung dieser Angebote - obwohl sie nach den Bestimmungen des SGB V oder des Bundessozialhilfegesetzes kostenfreien Zugang zur medizinischen Regelversorgung bei freier Arztwahl hätten. Selbst durch körperliche Gewalt erlittene Verletzungen, die ebenfalls der Münchner Studie zufolge bei diesen Menschen häufig vorkommen, sowie die überdurchschnittlich hohen Raten von sexuellen Belästigungen oder sexuellen Mißbrauchs sind offenbar nicht ausreichende Motivation, einen Arzt aufzusuchen. 'Bei keiner Bevölkerungsgruppe ist die Diskrepanz zwischen objektivem und subjektivem Behandlungsbedarf so eklatant wie bei Menschen, die auf der Straße leben,' meinte dazu Dr. Goesmann. Um überhaupt etwas tun zu können, seien daher niedrigschwellige Angebote mit aufsuchenden Hilfen unverzichtbar. Die ÄKN hofft mit ihrem Projekt, das auch anderen niedersächsischen Regionen ein Vorbild sein könnte, auf ähnlich gute Erfahrungen, wie sie bereits eine ganze Reihe bundesdeutscher Großstädte melden. So gebe es u.a. ermutigende Ansätze in Berlin, Bielefeld, Bochum, Dortmund, Köln, Düsseldorf und Münster, die mit wesentlicher Hilfe von Ärztekammern und Kassenärztlichen Vereinigungen eingeleitet worden sind, sagte die ÄKN-Vizepräsidentin, die trotz aller Hilfsangebote den eigentlichen Kern des Problems nicht verkennt - die Wiederbeschaffung bezahlbaren Wohnraums für diese Menschen.
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