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| aktualisiert am: 16.06.2000 | ||||||
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06/2000 |
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Danger Mines!" Entlang der Hauptstraße Nr. 5, die Pnomh Penh mit dem Nordwesten Kambodschas verbindet, auf dem Weg in Reisfelder und Landstraßen, finden sich die roten Schilder, in Englisch und der Sprache der Khmer. Einige Landbewohner haben sie zur makabren Dekoration ihrer Häuser zweckentfremdet, oder auch um Diebe und böse Geister abzuhalten. Der "böse Geist" der Landminen ist in Kambodscha allgegenwärtig: sechs Millionen Minen sollen sich auf kambodschanischem Boden befinden, zwei Millionen davon gelten als aktiv. Die Räumungsarbeiten gleichen der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Minenräumkommandos beschreiben ihre Arbeit wie folgt: "Stellen Sie sich vor, sie stecken einen Bleistift bis zu 6 cm tief in den Boden. Auf einem Viertelquadratmeter müssen Sie das 400 mal machen, um ihn erfolgreich zu untersuchen." So wundert es nicht, daß die Minenräumer 1994 ganze 849 Hektar Land untersuchen konnten, dabei aber immerhin 21 170 sog. "Antipersonenminen" und 132 Anti-Panzerminen fanden. James Cobey, Gastreferent des "Katastrophentags" bei "Medicine Meets Millennium" (MMM) am 13. August, eröffnet die "Afternoon Session" der Tagesveranstaltung, die um 14.00 Uhr beginnt. Er lehrt in Boston, USA, und ist einer der Autoren der Untersuchung "Medical and Social Consequences of Landmines in Cambodia", die u.a. zu der Feststellung gelangte, daß Kambodscha weltweit den höchsten Anteil von Amputationen bei Mi-nenopfern in der Welt hat, 36 000 der 8,5 Millionen Einwohner des Landes haben einen Körperteil verloren, das ist jeder 236. Kambodschaner. Dabei ist die medizinische Versorgung im Land mehr als unzureichend: von den 450 einheimischen Ärzten, die vor 1975 im Lande arbeiteten, überlebten nur 45 die Zeit der "Roten Khmer", weitere 20 verließen nach der Invasion Vietnams das Land. Mit Spannung dürfen die Besucher der Veranstaltung also den Vortrag und die Vorschläge von James Cobey zur Bewältigung von Kriegsfolgen erwarten, der die weltweit agierende Organisation "Physicians for Human Rights" und die "Internationale Kampagne zum Verbot von Landminen" (letztere wurde 1997 mit dem Nobelpreis geehrt) vertritt. Wenn es einen "Arzt ohne Grenzen" in Person gibt, so ist es sicherlich James Orbinski, der im Anschluß an Cobey referieren wird. Der Kanadier, Präsident von "Médecins sans frontiéres" (MSF), kennt Kriege und Katastrophen zur Genüge aus eigener Anschauung: 1992 war er während der Cholera-Epidemie in Peru, 1992/93 im Bürgerkrieg in Somalia, 1994 am Khyber Paß in Afghanistan im Hilfseinsatz unter 150 000 Flüchtlingen, noch im gleichen Jahr Leiter des Einsatzes seiner Organisation in Rwanda und so Zeuge und Helfer, umgeben von Massenmord und Krieg. Er ist ein strikter Anhänger der Trennung von militärischem und humanitärem Engagement, zumal seiner Meinung nach heute "die Zivilbevölkerung legitimes Ziel von Kriegen geworden ist", zumal "de facto der legitime Krieg Hunger und Flucht befördert und die Notwendigkeit grundlegender humanitärer Hilfsleistungen leugnet". Auf einen Nenner gebracht, sagt Orbinski: "Sie schicken doch keinen Priester oder Soldaten, um die Arbeit eines Arztes zu machen. Ein Arzt ist ein Arzt, ein Priester ein Priester und ein Soldat ein Soldat". Orbinski (der 1999 vom schwedischen Nobelpreiskomitee die seiner Organisation zugedachte Ehrung in Empfang nehmen durfte) ist in den Schilderungen seiner Erfahrungen in Katastrophengebieten Partei, weil, wie er sagt, "Schweigen tötet": "Ich erinnere mich, daß einer meiner Patienten in Kigali zu mir sagte: "Ummera, Ummera - sha". Dies ist eine ruandische Redensart, die sich ungefähr übersetzen läßt mit "Mut, Mut, mein Freund - finde deinen Mut und halte ihn lebendig". Die Frau, die es dort im Krankenhaus zu mir sagte, war zwar nicht mit einer Machete angegriffen worden, aber ihr ganzer Körper war systematisch verstümmelt worden. Ihre Ohren waren abgeschnitten worden. Und ihr Gesicht war so sorgfältig entstellt worden, daß sich in den Schnitten ein Muster erkennen ließ. An jenem Tag wurden Hunderte Frauen, Kinder und Männer zum Krankenhaus gebracht, so viele, daß wir sie teilweise auf die Straße legen mußten. Und häufig operierten wir sie gleich dort, so daß das Wasser im Rinnstein um das Krankenhaus herum buchstäblich rot vor Blut war. Sie war eine unter vielen, die unmenschliches und unbeschreibliches Leid erdulden mußte. Wir konnten in dem Moment nicht viel mehr für sie tun, als mit wenigen Stichen ihre Blutung zu stillen. Wir waren völlig überwältigt und sie wußte, daß sie eine von vielen war. Sie wußte es und ich wußte es. Sie befreite mich aus meiner eigenen unentrinnbaren Hölle. Mit der klarsten Stimme, die ich je gehört habe, sagte sie zu mir: "Allez, allez ... ummera, ummera sha" - "los, los ... mein Freund, finde deinen Mut und halte ihn lebendig". Einen anderen Ansatz der Katastrophenbewältigung als Orbinski vertritt Generalmajor Sergei Goncharov vom Allrussischen Zentrum für Katastrophenmedizin "Zaschita", ein weiterer Gastredner bei MMM. Für ihn ist die Einhaltung militärischer Prinzipien von Hierarchie, eine strikte vertikale Unterordnung, die Basis einer effizienten Katastrophenmedizin. Folglich ist die "Symbiose von militärischer und ziviler Medizin diktiert und notwendig für den Erwerb von Erfahrungen auf beiden Seiten". Womöglich ist das der Grund, weshalb Goncharov in der "Morning Session I" als Redner plaziert wurde, unmittelbar nach Claude de Ville de Goyet, dem Leiter des Notfallvorbereitungs- und Katastrophenschutzprogramms der panamerikanischen Gesundheitsorganisation in Washington, USA, der einführend einen Überblick über Katastrophen als ein globales Gesundheitsproblem geben wird. Im Anschluß an Generalmajor Goncharov wird Xavier Leus, der Direktor der Abteilung für Notfall- und humanitäre Maßnahmen der Weltgesundheitsorganisation in Genf, Schweiz, die Mitveranstalter von MMM ist, über die Verteilung und Zuordnung nationaler und internationaler Res-sourcen beim Katastrophenschutz sprechen. Nichtsdestotrotz ist ein Zusammentreffen von Orbinski und Goncharov durchaus möglich: beim Forum "Humanitarian action is a worldwide responsibility: strategies for help", das die Vorträge am 13. August beschließt und um 16.00 Uhr beginnt. Weiterer Teilnehmer der Forumsdiskussion wird Muneo Ohta sein, der hautnahe Erfahrungen einer Naturkatastrophe beisteuern wird. Ohta, Direktor des Senri Critical Care Medical Centers in Osaka, Japan, wird sich in seinem Vortrag innerhalb der "Morning Session II", die um 11.00 Uhr startet, mit der Darstellung der Erfahrungen und Schlußfolgerungen aus dem Einsatz von Ärzten und Hilfskräften beim Erdbeben im Januar 1995 in Kobe beschäftigen. Damals starben 5 096 Menschen, 26 797 wurden verletzt, ein Fünftel der Bevölkerung der 1,5 Millionen-Stadt wurde ob-dachlos. Ohta gehört zu den Mitbegründern der "Japanese Association for Disaster Medicine" und ist Board Member der "World Association for Disaster and Emergency Medicine". Vor ihm referieren Pierre Perrin, der Leiter des Internationalen Roten Kreuzes, aus Genf, der sich mit den Schwierigkeiten der Gesundheitssicherung trotz international vereinbarter ethischer und humanitärer Richtlinien in kriegerischen Auseinandersetzungen beschäftigen wird, und José Luis Zeballos, als Vertreter des Regionalbüros Amerika der Weltgesundheitsorganisation in Mexiko. Er wird eine Zusammenfassung über die Auswirkungen des El Nino Effektes als Beispiel für weitreichende Auswirkungen einer Naturkatastrophe liefern. Für Perrins Organisation, das Internationale Rote Kreuz, das 1945 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde (Er selbst ist Autor des "Handbook on War and Public Health", einem mehr als 400-seitigem Manual für Personal bei Hilfseinsätze in militärischen Konflikten), dürfte die Bilanz knapp 140 Jahre nach der Gründung der Organisation und mehr als 50 Jahre nach Unterzeichnung der Genfer Konvention auch angesichts der immensen Hilfsbereitschaft in aller Welt und des medizinischen Fortschritts eher ernüchternd ausfallen. Den Vorsitz der Tagesveranstaltung, in die Prof. Siegfried Piepenbrock, der Leiter der Klinik für Anästhesiologie und Spezielle Schmerztherapie der Medizinischen Hochschule Hannover einführt, führt als Chairwoman eine Medizinerin, die selbst aus einem Krisengebiet kommt: Rayana Bu-Haka, arbeitet im Medical Center der American University of Beirut, Libanon, deren zentraler Hörsaal am frühen Morgen des 8. November 1991 von einer Bombenexplosion zerstört wurde. Zum Anspruch der Veranstaltung wie aller 31 MMM-Kongreßtage gehört es, nicht nur der Fachöffentlichkeit Raum zu geben. Interessierte Laien sind willkommen - insbesondere beim Gesundheitsforum, zu dem die Ärztekammer Niedersachsen am Abend einlädt und das um 18.00 Uhr im Kongreßzentrum beginnt. Unter dem Motto "Apocalypse now - ... und später: Globale Katastrophen - ausgeliefert und beherrschbar?" werden die Sorgen vieler Menschen thematisiert. Referentinnen aus Weißrußland und Japan werden auf der vom Präsidenten der Ärztekammer geleiteten Veranstaltung berichten. -low | ||||||
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