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| aktualisiert am: 08.07.2002 | ||||||
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07/2002 |
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Wenn das System der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in Deutschland überleben will, muß es grundlegend reformiert werden - "Reförmchen" in Kostendämpfungsabsicht genügen nicht mehr. Diese grundsätzlich nicht neue Erkenntnis war aber nicht alles, was eine Fachtagung der Techniker Krankenkasse (TK) Landesvertretung Niedersachsen, des Zentrums für Gesundheitsethik (ZfG, Hannover) und der Ärztekammer Niedersachsen am 22. Mai im Ärztehaus der Landeshauptstadt erbrachte: nachdenklich machende Anregungen aus Ethik, Philosophie, Ökonomie, Krankenversicherung und Politik, die auf einen breiten Diskurs in Ärzteschaft und Öffentlichkeit hinzielten. In seinen einleitenden Worten verteidigte Kammerpräsident Prof. Dr. Heyo Eckel die Prinzipien der Solidarität, der Eigenverantwortung und - als Oberbegriff - des Sozialen. Gegenüber ausufernden Forderungen der "konsumorientierten Spaßgesellschaft" nach Sozialleistungen appellierte er an alle Teilnehmer als Repräsentanten wichtiger gesellschaftlicher Gruppen, ihrer Vorbildfunktion gerecht zu werden und die Sozialpflichtigkeit jedes Handelns zu beachten: "Ohne Solidarität und Eigenverantwortung, vor allem im Gesundheitswesen, muß ein Gemeinwesen zugrunde gehen." Die Ärzteschaft leide zunehmend unter Rahmenbedingungen, die ein sozialethisches Handeln erschwerten, erläuterte Eckel in der späteren Pressekonferenz. Sie müßte ihren Patienten immer häufiger medizinisch sinnvolle Therapien vorenthalten. Die Stimmung unter den niedergelassenen und Krankenhausärzten in Niedersachsen sei "miserabel" - wenn auch schlechter als die tatsächliche Lage. Viele Krankenhausärzte fühlten sich ausgebeutet; so wundere es nicht, daß erstmals unbesetzte Arztstellen in der MHH und in Göttingen festzustellen seien. Zur Diagnose "Krise des solidarisch verfaßten Gesundheitswesens" signalisierte die maßgeblich mitveranstaltende TK Zustimmung. Ernst Thiel, Leiter der TK-Landesvertretung, meinte, auch heute noch seien Begriffe wie Solidarität und Mitgefühl positiv besetzt. In solidarischen Zwangsgemeinschaften wie einer Krankenkasse oder einer KV habe sich das Solidaritätsbewußtsein jedoch abgeschwächt. Das könne mit der wachsenden Zahl von Mitgliedern und der zunehmenden Anonymität zusammenhängen. Zur Solidargemeinschaft gehöre aber auch die Eigenverantwortung jedes einzelnen. Warum sollte dann ein verantwortlich gesundheitsbewußt lebender Versicherter nicht auch die Möglichkeit haben, bei seiner gesetzlichen Krankenkasse einen preiswerteren Tarif mit Selbstbehalt zu wählen? Solche Vorschläge sogleich als "unsolidarisch" abzuwürgen, sei nicht sachgerecht. Konstruktive Vorschläge befürwortete auch Dr. med. Andrea Dörries, Leiterin des ZfG. Sie bedauerte den Vertrauensverlust der GKV bei vielen Versicherten und Patienten. Die Mehrheit der Bevölkerung bejahe die Solidargemeinschaft grundsätzlich. Allerdings müßten auch die kritischen Stimmen besonders von Jüngeren ernstgenommen werden, die ihre Beitragsbelastung zugunsten anderer beklagten. Die frühere Kinderärztin forderte, über eine zeitgerechte, tragfähige Ausgestaltung des Systems ausgiebig zu diskutieren - nicht nur unter Fachleuten, die häufig Gruppeninteressen verträten. Wichtig sei eine Transparenz bei der Verteilung der Gesundheitsleistungen, damit jeder seinen nicht gedeckten Leistungsbedarf unter Umständen zusätzlich versichern könne. "Stimmt die durchschnittliche Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem dann wieder, kann Solidarität in der Sozialversicherung auch weiterhin gelingen." Das mit "Solidarität" Gemeinte sei auch philosophisch im heutigen Sozialsystem anzuerkennen, wobei der Begriff Solidarität besser aus gesetzlichen Versicherungen herausgehalten und auf simple Haftungsverbände beschränkt bleiben sollte, so Prof. Dr. phil. Ulrich Steinvorth vom Philosophischen Seminar der Universität Hamburg. Eine erzwungene stärkere Belastung mancher Versicherter zugunsten anderer sei unter drei Bedingungen zu rechtfertigen: Zumutbarkeit der Belastung; Belastung als Abschöpfung eines Werts, der dem Gemeineigentum natürlicher Ressourcen entspringt. Drittens, die Belastung entspricht dem Klugheitsgebot, die unangenehmen Folgen von Klassengegensätzen zu vermeiden. Pro SystemwechselAls einziger Referent forderte Prof. Dr. Günter Neubauer (Institut für Gesundheitsökonomik der Universität der Bundeswehr München) eine völlige Abkehr vom herkömmlichen System der "solidarischen Krankenversicherung": "Die Probleme des gesellschaftlichen Wandels ("Entsolidarisierung"), des (teuren) medizinischen Fortschritts und einer älter werdende Bevölkerung lassen sich mit dem GKV-System alter Prägung nicht mehr bewältigen." Eine Solidargemeinschaft sei nicht mehr vorhanden. Appelle und Reformgesetze könnten nichts ausrichten. Bloße Zulassung von mehr Wettbewerb genüge nicht, sondern das ganze System müsse so gestaltet werden, daß Wettbewerb sinnvoll wirken könne. Dazu sei erforderlich, daß sich der Staat auf die Gestaltung von Rahmenbedingungen einer (privatwirtschaftlich orientierten) Krankenversicherung beschränke. Demgegenüber müßten die Beteiligten - Versicherte/Patienten, Ärzte/Leistungserbringer und die Versicherungsunternehmen jeweils ausreichende Gestaltungsfreiheit haben. Für die Ärzteseite heiße dies: Freie Zulassung für Niedergelassene und Kliniken, freie Wahl der Betriebsform, freies Organisationsrecht, Aufhebung des Werbeverbots. | ||||||
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