"Sprache und Handeln - Was bewirkt die Wirklichkeit?"
Das anregende Wortspiel im Untertitel der diesjährigen psychotherapeutischen Fortbildungswoche der Akademie für ärztliche Fortbildung der Ärztekammer Niedersachsen beinhaltet eine anspruchsvolle Fragestellung, der sich auf der Insel Langeoog elf Experten aus Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Psychologie, Linguistik, Neuro- und Sozialwissenschaften in Vorträgen widmeten. Hierbei wurde die besondere Bedeutung von Sprache und Handeln im Kontext psychotherapeutischer Behandlung von den Referenten jeweils vom Standpunkt der eigenen Forschungsrichtung aus hervorgehoben.
Neben den vormittäglichen Hauptreferaten zum Leitthema hatten die Organisatoren den mehr als 600 angereisten Ärzten und Psychologen wieder ein reichhaltiges Seminar- und Kursprogramm unterbreitet. Ebenso wie in den Vorjahren waren die Veranstaltungen ausgebucht und wurden - wie Applaus und Teilnehmerbefragungen zeigten - ausgesprochen positiv bewertet. Als Tagungsleiter dankte Dr. Gunther Kruse (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikum Hannover) dem Organisationskomitee, dem wissenschaftlichen Beirat sowie den engagierten Referenten und Kursleitern für die überaus erfolgreiche Ausrichtung der Fortbildungwoche. Das legendäre "Langeoog-feeling", eine spezielle veränderungswirksame Mischung aus fachlicher Information, persönlicher Inspiration und positiven geographisch-meteorologischen Einflüssen der Insel, war offenbar auch im Mai 2002 nicht nur bei "Langeoog-Routiniers" wieder stark zu spüren, denn sogar eine erstmals auftretende Referentin erfaßte die betreffende Fortbildungsstimmung gleich und hob sie während ihres Vortrages lobend hervor.
Frühe affektive Kommunikation und psychosomatische Störungen
Das Einleitungsreferat von Prof. Rudolf Klußmann (München) beschäftigte sich mit körperlichen Manifestationen intrapsychischer Konfliktlagen, die ihre Ursachen in einer frühen Störung der affektiven Austauschbeziehung zwischen Mutter und Säugling haben. Pathogene Konstellationen (Überprotektion, Vernachlässigung) können auf unbewußtem Wege in der Gegenwart auftreten und dort persistieren. Klußmann empfahl, auf spontan hervorgebrachte Selbst- und Symptombeschreibungen des Patienten zu achten, weil sich in den Verbalisierungen unbewußt die kommunikative und intrapsychische Funktion des psychosomatischen Phänomens abbilde ("Weisheit des Körpers").
Konversationsmuster als "Fenster zur Störung"
Aus psychoanalytischer Perspektive plädierte Prof. Michael B. Buchholz (Göttingen) für eine Überwindung der traditionellen psychotherapeutischen Medizin, die das Beziehungsgeschehen, mithin das prozeßhafte und interaktive Betrachten von Handlungsabläufen ignoriert. Er hält z.B. die Details und die Form der in der Analyse produzierten "Geschichten und Erzählungen" für wesentlich, um Psychopathologie verstehen und korrigieren zu können. Die per Sprache dargebotenen "Narrative" seien abgesehen vom Inhalt auch kooperative Akte bzw. Konversation, die bestimmten Zielen dient. Kooperationsstörungen, die im Dialog zwischen Therapeut und Patient auftreten, seien vor allem Rückzug, Kampf oder Pseudo-Allianz. Solche Barrieren, die einer Veränderung entgegenstehen und den dyadischen Dialog moderieren, sollte man nicht als Widerstand abtun, sondern als "Fenster zur Störung" verstehen. Im verbalen Rapport träten sie u.U. sehr prägnant in Erscheinung, etwa als fragmentiertes, inkohärentes oder amorphes "Erzählformat" (z.B. Selbstunterbrechungen oder hingeworfene Informationsbröckchen).
Psychotherapie im Alter ist möglich und wird zunehmend wichtiger
Ein weiteres Highlight der Vortragsreihe bildeten die Ausführungen von Prof. Gereon Heuft (Münster) zur "Gegen- und Eigenübertragung" in der Psychotherapie älterer Menschen, einem angesichts epidemiologischer Entwicklungen sträflich vernachlässigten Gebiet. Der Referent wies eindrücklich auf den Behandlungsbedarf und vor allem die erfolgreiche Therapierbarkeit von Menschen jenseits von 60 Jahren hin. Energisch trat Heuft mit Zahlen und Fakten dem Mythos von der Unwirksamkeit von Psychotherapie im letzten Lebensdrittel und dem Defizitmodell des Alters entgegen. Oftmals seien es ungeprüfte oder schlicht falsche Annahmen, die eine indizierte Behandlung nicht zustande kommen lassen. Es handele sich nicht selten um in Vorurteile eingekleidete Hemmungen bzw. Ängste jüngerer Therapeuten angesichts des letzterem noch bevorstehenden Alters und damit verbundener Hilflosigkeit (Eigenübertragung). Nicht immer müsse das psychotherapeutische Gespräch Tod, körperlichen Verfall und soziale Isolation zum Thema haben. Eine strenge Korrelation zwischen körperlichen Beschwerden und dem Alter sei ohnehin nicht gegeben, wie Untersuchungen des Referenten belegten. Ein mutiges Zugehen auf ältere Menschen in der Psychotherapie verbunden mit einer stärkeren Betonung der Ressourcen könne zu ausgesprochen guten Resultaten führen.
Jugendlichen vom Agieren zum Sprechen verhelfen
Die Kinder- u. Jugendpsychiaterin Dr. Annette Streeck-Fischer (Tiefenbrunn) thematisierte in ihrem Vortrag stationär behandlungsbedürftige psychische Störungen von Jugendlichen. Diese präsentierten sich weit überwiegend in Verhaltensauffälligkeiten, während die sprachliche Ebene des Ausdrucks hier noch nicht in dem Maße entwickelt ist. Aus diesem Grunde bewirkten verbale Therapiemethoden wenig. Bei Jugendlichen dominiere das Agieren (als ungehörte "gehandelte Botschaft"). An dieser Stelle wies Streeck-Fischer auch auf den Amoklauf des Erfurter Schülers Robert Sch. hin. Aus langjähriger Erfahrung mit pubertierenden Patienten leitet die Referentin ab, daß bei jungen Patienten mit dissoziativen, mit auto- bzw. fremddestruktiven sowie dissozialen Störungen oftmals schwere Traumatisierungen vorliegen, die mangels ausgebildeter sprachlicher Symbolisierungsfähigkeit der verbalen Bearbeitung nicht zugänglich sind. Sie reinszenierten unbewältigte Erfahrungen, nicht selten in dramatischer und destruktiver Weise, weil ihre Affekt- und Impulsregulation nur unzureichend ausgebildet werden konnte. Zudem brächen Adoleszente die Psychotherapie häufig vorzeitig ab, nachdem eine gewisse Stabilisierung als Voraussetzung für weitergehende schrittweise Bearbeitung der prägenden Traumata erreicht ist.
"Hopp, hopp Hippocampus!" Psychotherapie trainiert gelernte synaptische Verschaltungen ab
Der prominente Bremer Neurobiologe und Hirnforscher Prof. Gerhard Roth beleuchtete in verständlicher Weise das Verhältnis von Gefühlen und Verstand. Als zentrale das Gedächtnis organisierende subcorticale Struktur beschrieb der Referent den Hippocampus. Hingegen sei das limbische System die zentrale Bewertungsinstanz, während der Hypothalamus basale Affekte wie Wut, Territorialverhalten, den Sexualtrieb oder das Nahrungsverhalten moderiere und die Amygdala als Zentrum für die emotionale Konditionierung gelten könne. Die letztgenannte Region habe den Cortex gewissermaßen "fest im Griff" - so der Forscher -, denn hier würden die normalen und traumatischen Erlebnisse eines Menschen fast irreversibel via "Verschweißung von Synapsen" als Erinnerungsspur "eingebrannt". Einsicht und Vernunft hätten gegenüber in dieser Weise generierten automatischen neuronalen Verbindungen nur "wenig Chancen", sie hätten lediglich beratende Funktion, entscheiden würden sie nichts. Hippocampus, Amygdala und mesolimbisches System bilden nach Roth das "individuelle Erfahrungsgedächtnis". Bei der Handlungssteuerung hätte das "emotionale Erfahrungssystem", mit anderen Worten die Gefühle, das "erste und das letzte Wort", d.h. sowohl bei der Entstehung von Wünschen, Absichten und Plänen als auch am Ende der Kette bei der Entscheidung, ob das, was geplant ist, auch ausgeführt wird. Charakter und Persönlichkeit würden früh und vorbewußt geformt; sie seien weitestgehend resistent gegen spätere Erfahrungen. Entscheidende Korrekturen seien nur mit "Aufwand" möglich, bedürften sozusagen einer "emotionalen Revolution". Psychotherapie müsse vor allem emotional wirken, um den biologischen Prägungen entgegenzuwirken; Einsichtsappelle bewirken aus hirnphysiologischer Sicht nichts.
Mimetische Anähnelung
Prof. Hinderk M. Emrich (Hannover) sprach in seinem philosophischen Vortrag über das "uneinholbare Rätsel" Sprache; sie sei intransparent und somit "von sich selbst nicht ablösbar". Schon Brentano habe von einer "geheim bleibenden Berührung" gesprochen, wenn Sprache als "Medium des Uneigentlichen" tiefere Schichten des mentalen Daseins oder einen prägnant werdenden Gefühlszustand interpersonell vermittelt. Solche mimetischen Annäherungen exemplifizierte Emrich an Briefen des Malers van Gogh, der seinerzeit beschrieb, wie aus dem "Feuer der Seele" sowie der "Naturvertiefung" das Wesen der Dinge förmlich in die Malerei strömte und wie er selbst gewissermaßen zu dem Bauern würde, den er auf die Leinwand bringt. Den Zuhörern wurde der Vorgang des Hineingezogenwerdens, der "mimetischen Angleichung" in dramaturgisch überzeichneter Weise veranschaulicht durch die Karikatur des "Mr. Zelig", der Hauptfigur eines gleichnamigen und erfolgreichen amerikanischen Kinostreifens mit Woody Allen in der Titelrolle, aus dem ein kurzer Ausschnitt vorgeführt wurde.
"Psychotherapie als Geschichten erzählen"
Eine andere Dimension von Sprache thematisierte Prof. Otto Kruse (Erfurt), dem es kurz gesagt um die Heilsamkeit des Erzählens in Alltag und Psychotherapie ging. Narrative Betätigung bringe Struktur und Sinn in den Ereignisstrom des Lebens. Psychotherapie stelle eine ritualisierte Erzählsituation her, bei der individuelle Geschichte dialogisch hergestellt wird. Der Therapeut greife durchaus in den Erzählfluß seines Gegenübers ein und fungiere als "Mitherausgeber der Lebensgeschichte". So erhält der Patient Unterstützung bei der Integration fehlender Teile seiner "story" und bei der Umformung einer Leidens- zur Heldengeschichte. Angesichts der multimedialen Entwicklung unserer Tage ("Gameboy statt Märchenoma") verkümmere die Erzählkunst, aber auch das alltagsweltliche Erzählen, zunehmend. Diesbezüglich erwähnte ein Diskutant eine interessante medizinische Untersuchung, nach der bei deutschen Kindern eine Stimmbandverkürzung eingetreten ist, weil sie weniger sprechen und singen.
Interkulturelle Verständnisprobleme
Dr. Cornelia Oestereich (Wunstorf) berichtete über spezielle Kommunikationsschwierigkeiten im psychotherapeutischen Kontakt mit Migranten aus fremden Kulturräumen. Wesentlich sei die Hinzuziehung unabhängiger professioneller Dolmetscher, die eine inhaltlich exakte und metapherngetreue Wiedergabe des gesprochenen Wortes garantieren. Die Referentin regte zudem an, mit wohlwollendem Interesse auf ausländische Patienten zuzugehen und hierbei auch auf besondere nonverbale Hilfsmittel zurückzugreifen. Vorgestellt wurde zum einen das sog. "Genogramm", eine graphische Darstellung des u.U. komplexen Netzwerks familiärer Verwandschaftsbeziehungen, zum anderen das "Skulpturenbrett", eine Möglichkeit zur Visualisierung bzw. Symbolisierung intra- und interpersoneller Wirklichkeiten. Beides könne gesprächsunterstützend eingesetzt werden.
Die äußere Wirklichkeit der Patienten stärker beachten!
Prof. Ulrich Rüger (Göttingen) beklagte in seinem Vortrag über die Bedeutung gegenwärtiger sozialer Wirklichkeit des Patienten, daß Behandler hierüber i.d.R. kaum informiert seien. Zwar fragten sie nach der Kindheit und aktuellen psychischen Problemen, doch zeigten Untersuchungen, daß über aktuelle private Beziehungen und den Lebenspartner sowie über die ökonomische, berufliche und die augenblickliche Wohnsituation kaum Kenntnisse vorhanden sind. Solche Kontextbedingungen sollten unbedingt berücksichtigt werden, auch im Rahmen eines dynamischen tiefenpsychologischen Vorgehens.
Linguistische Gesichtspunkte des psychotherapeutischen Dialoges
Dr. Karin Martens-Schmid (Köln) vertrat die Ansicht, daß die beziehungsstiftenden Aspekte der Sprache und des Sprechverhaltens mit allen nonverbalen Komponenten seitens der Psychotherapeuten noch zu wenig reflektiert und für den Behandlungsprozeß genutzt würden. An einem Transkriptionsausschnitt verdeutlichte die Referentin die Funktion bestimmter Sprechweisen und narrativer Redestile (sachlich argumentierendes Berichten vs. das subjektive Erleben vergegenwärtigende Erzählen) sowie die Implikationen der Verwendung von Metaphern.
Realität wird im Kopf konstruiert
Als Schlußredner entführte der Autor und "Storyteller" Dr. Hans Geisslinger (Berlin) die Zuhörer mit einem spannend dargebotenen Erlebnisbericht in den Grenzbereich zwischen Realität und Vision und vermittelte dadurch einen Eindruck davon, wie Fiktionen und Rollenspiele durchaus in ein Stadium intensiv erlebter subjektiver Wirklichkeit übergehen können. Auch das Publikum geriet streckenweise in den Bann seiner Schilderung eines Experimentes, bei dem Kinder im Rahmen einer Jugendfreizeit verstrickt wurden in die Phantasie, einen Hollywood-Spielfilm zu produzieren. Die Rollenübernahme gestaltete sich ausgesprochen heftig, so daß die Schüler stark emotional involviert waren, sich förmlich mit Leib und Seele in diese Fiktion hineinbegaben. Der nicht enden wollende Applaus der Zuhörer entsprang einer spontanen Begeisterung über die mitreißende Ausdruckskraft des Redners, war sicher auch Reaktion auf die hiermit gegebenen Denkanstöße hinsichtlich der brennenden Frage "was ist eigentlich real?".
Die Akademie für ärztliche Fortbildung hat bereits den Termin für die nächste PTW festgelegt und bekannt gegeben. Sie findet vom 24. 5. bis 1. 6. 2003 statt; das Programm wird Mitte Januar kommenden Jahres in gedruckter Form verschickt, es kann aber auch per Internet bzw. E-Mail abgerufen werden;
die Homepage-Adresse lautet:
http://www.aekn.de. Auch die Anmeldung wird im Internet möglich sein.
Unter dem Titel "Sprache und Handeln - Was bewirkt die Wirklichkeit?" sind die auf der 31. Psychotherapiewoche Langeoog gehaltenen Vorträge als Band 7 der Reihe "Impulse für die Psychotherapie" erschienen (herausgeg. von G. Kruse & S. Gunkel, Hannoversche Ärzte-Verlags-Union, Hannover, 2002 (
http://www.haeverlag.de/buecher/;
E-Mail:
info@haeverlag.de;
Tel.: 0511 / 3 80 - 22 82, Fax: - 22 81).
Die Publikation kann im Buchhandel oder beim
Verlag zum Preis von

19,95 bestellt werden.
Anschrift des Verfassers:
Dipl.-Psych. Stefan Gunkel
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
des Klinikum Hannover
Rohdehof 3
D-30853 Langenhagen
E-Mail: Stefan.Gunkel.Langenhagen@Klinikum-Hannover.de