aktualisiert am: 08.07.2002
niedersaechsisches aerzteblatt
 

07/2002


Konzertierte Warnung vor zunehmender Impfmüdigkeit in Deutschland


Vor einer zunehmenden Impfmüdigkeit in Deutschland haben Ärzteorganisationen in Hannover gewarnt. In den vergangenen fünf Jahren habe die Zahl der Impfungen um zehn bis fünfzehn Prozent abgenommen, sagte der Präsident des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes, Prof. Adolf Windorfer. Während es bei Babys und Kleinkindern in der Regel eine gute Impfrate gebe, hapere es bei Jugendlichen und Erwachsenen. Viele ließen die nötigen Auffrischungen nicht vornehmen.

"Impfungen sind die preiswerteste und erfolgreichste Prävention", betonte Windorfer. Allein durch Impfungen seien zum Beispiel die Pocken völlig ausgerottet worden. Die Kinderlähmung gebe es zumindest in den westlichen Staaten nicht mehr. Nach Windorfers Angaben beträgt die Impfrate bei Säuglingen und Kleinkindern 90 bis 92 Prozent. Allerdings liege sie bei Kindern aus ausländischen Familien oft drastisch niedriger. Gegen Hepatitis B, die durch Sexualkontakte übertragen wird, seien nur noch 30 bis 50 Prozent der Jugendlichen geimpft. Und nur rund 20 Prozent der älteren Menschen von 60 Jahren an seien gegen Grippe geimpft, was in dieser Altersgruppe ratsam sei.

"Viele Eltern sind heute - im Willen, das Beste für ihr Kind zu tun - zumindest impfkritisch, wenn nicht sogar impffeindlich", bedauerte der Landesvorsitzende des Berufsverbandes Kinder- und Jugendärzte, Dr. Tilman Kaethner. "Versagter Impfschutz durch Eltern und Ärzte ist für mich ein Fall unterlassener Hilfeleistung", meinte die Vizepräsidentin der Ärztekammer Niedersachsen, Dr. Cornelia Goesmann, die vor Entwicklungen warnte wie im fränkischen Coburg, wo es am Jahresanfang eine Masern-Epidemie mit insgesamt
1 166 Masernfällen gegeben hatte. Diese konzentrierten sich fast ausschließlich auf Schüler einer Waldorf-Schule. Dabei hätten offenbar auch einige Ärzte in Coburg ein gehöriges Maß an Mitverantwortung, weil sie Eltern von der Impfung abrieten.

Regelimpfungen sollten Windorfer zufolge für folgende Krankheiten vorgenommen werden: Tetanus, Diphtherie, Kinderlähmung, Keuchhusten, Hepatitis B, Masern, Mumps und Röteln. Außerdem sei eine Vorsorge gegen die Bakterien Haemophilus influenzae B erforderlich. Sie können zu Hirnhautentzündung führen. Kaethner wies darauf hin, daß es Impfstoffe gebe, in denen mehrere Impfungen zusammengefaßt sind. Dadurch seien weniger Behandlungen nötig. Allerdings seien dadurch auch die Vergütungen für die Ärzte stark gesunken, weil diese nur pro Injektion bezahlt werden. Der Verbandsvorsitzende forderte deshalb eine Angleichung an Honorare wie in Süddeutschland, wo zwischen 19 und 22 Euro für eine Sechsfach-Impfung gezahlt werde.
lni/r.
 
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