aktualisiert am: 08.07.2003
niedersaechsisches aerzteblatt
 

07/2003


Vorsorge treffen

Die Ärztekammer Niedersachsen unterstützt die von Bund und Land geplanten Pockenschutzimpfungen


as für eine Ironie der Politik und ihre Folgen: Mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung für die gängigen Impfungen, wie sie derzeit die Pockenimpfung erhält, kann sich ein Amtsarzt kaum erhoffen. Dabei ist der Anlaß alles andere als wünschenswert. Nicht mehr mögliche Nebenwirkungen der Impfungen, sondern vor allem der Irak-Krieg und eine daraus abgeleitete mögliche Bedrohung durch Bioterrorismus haben die kritische Diskussion über das Für und Wider von Pockenschutz entfacht. Angesichts eines möglichen Anschlags mit Pockenviren hat das Robert-Koch-Institut, zentrale Forschungs- und Referenzeinrichtung für Infektionskrankheiten des Bundesgesundheitsministeriums, erklärt: "Die Bundesregierung hat durch die Beschaffung eines nationalen Vorrates an Pockenimpfstoff für den - extrem unwahrscheinlichen - Fall einer Bedrohung durch Pockenviren Vorsorge getroffen. Derzeit gibt es keine konkreten Anhaltspunkte für eine solche Bedrohung, ein allgemeines Impfprogramm ist deshalb nicht erforderlich" (www.rki.de/infekt/
bioterror/pocken_faq.pdf).

Der Vorsorge dient auch die Strategie, bei ansteigender Risikostufe (siehe Kasten) zunächst versorgungsrelevante Zielgruppen (darunter auch die Ärzteschaft) und erst in Stufe 3 die Gesamtbevölkerung zu impfen.

Die Position der Kammer

Die Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) hat schon frühzeitig ihre Kompetenz in diese Überlegungen eingebracht. Nach eingehender Erörterung teilt sie die (Vor-)Sorge der Bundes- und Landesregierung und befürwortet daher die hierfür geplanten Maßnahmen des Bund-Länder-Rahmenkonzeptes "Organisation von Pockenschutzimpfungen" und unterstützt den Appell von Niedersachsens Sozialministerin Dr. med. Ursula von der Leyen (CDU).

Es ist davon auszugehen, daß die Politik eine Massenimpfung der Bevölkerung beim tatsächlichen Auftreten eines Pockenfalls in Deutschland bereits in der Phase 3 a des Stufenschemas ernsthaft erwägen wird. Die ÄKN hält zwar die in der Phase 3 a geplanten Riegelungsimpfungen für seuchenhygienisch sinnvoll und notwendig. Einer präventiven Massenimpfung aber steht sie angesichts der möglichen Nebenwirkungen kritisch gegenüber. Sie wird sich daher an der aktuellen Diskussion weiter engagiert beteiligen. Dieser noch bestehende Erörterungsbedarf stellt den Wert des Rahmenkonzepts jedoch nicht in Frage, da Strategien für eine Massenimpfung der Bevölkerung auch für andere seuchenhygienische Notsituationen wie etwa eine Influenza-Pandemie entwickelt werden müssen. Somit bietet die Pockenimpfplanung Anlaß und Gelegenheit, sich auf jedweden rasch erforderlichen Impfschutz der Bevölkerung einzustellen.

Ärzteschaft ist gefordert

Die ÄKN sieht die Ärzteschaft in doppelter Hinsicht bereits in der Phase 2 gefordert: Sie soll Impfärzte bereitstellen und so zu einer möglichst zügigen Durchimpfung der Bevölkerung bei großer Pockengefahr (Phase 3) beitragen. Außerdem soll sie mit der Impfung von Ärztinnen und Ärzten in Kliniken und Praxen in der Phase 2 a dafür sorgen, daß in einer eventuellen Phase 3 die Kontinuität der ärztlichen Versorgung der Bevölkerung jederzeit vollständig gewährleistet bleibt.

Neue Fortbildungen

Damit die Ärzteschaft für das Schutzprogramm vorbereitet ist, bedarf es entsprechender Fortbildungsangebote zur Pockeninfektion, -impfung und -therapie. Die ÄKN wird ein solches Kursangebot gemeinsam mit den niedersächsischen Hochschulen, dem Landesgesundheitsamt sowie den Amtsärztinnen und -ärzten auf Landes- und Bezirksstellenebene organisieren. Dies umfaßt sowohl die Aufnahme des Themas in das generelle Fortbildungsangebot der ÄKN (etwa "Bioterrorismus am Beispiel der Pocken", "Behandlung von Pockenkranken") als auch die gezielte kurzfristig realisierte Fortbildung einzelner Arztgruppen, die in der Phase 2 a als Impfärzte tätig werden sollen. Hierzu gehören Arbeits- und Betriebsmediziner, Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes sowie Ärztinnen und Ärzte, die sich in Hilfsorganisationen engagieren beziehungsweise den kassenärztlichen Impfkurs absolviert haben.
Die Kammer unterstützt den Besuch dieser Pockenschutz-Fortbildungen, indem sie sie mit dem Prädikat "empfohlen" kennzeichnet und mit sechs Punkten zertifiziert. Darüber hinaus stellt die ÄKN auf ihren Internetseiten Fachinformationen inklusive einer Linksammlung zur Verfügung.

Neben der Fortbildung trägt die ÄKN auch organisatorisch zur Realisierung des Rahmenkonzepts bei. Auf Landesebene wird ein Pockschutz-Beauftragter als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Für die Bezirksstellen sind deren Präventionsbeauftragte und die beratenden Ärzte als Ansprechpartner vorgesehen. Sie stehen nicht nur für Fragen aus der Ärzteschaft zur Verfügung, sondern sorgen auch für die Organisation und Durchführung von Fortbildungsveranstaltungen und unterstützen die Amtsärztinnen und -ärzte in ihren jeweiligen Bezirken.

Die nächsten Schritte

Zunächst wird die ÄKN die Präventionsbeauftragten und die beratenden Ärzte sowie Verbandsvertreter aus den Bereichen Öffentliches Gesundheitswesen, Arbeits-/Betriebsmedizin und Rettungswesen zur Erörterung der Pockenimpfung einladen. Im Vordergrund steht dabei die Operationalisierung der Strategien auf der Ebene der Bezirksstellen. Hierzu gehört unter anderem auch die Vorbereitung des Arbeitsumfeldes für den Fall der Massenimpfung. Die ÄKN würde es begrüßen, wenn die Ärztinnen und Ärzte für die Impfaktion auf die Unterstützung des Assistenzpersonals zurückgreifen könnten, mit dem sie auch im Alltag zusammenarbeiten. Sie regt daher an, diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ebenfalls für eine Beteiligung an den Impfungen zu gewinnen.

Offene Fragen klären

Die ÄKN geht davon aus, daß die Gesundheitsbehörden so bald wie möglich definitive Regelungen (insbesondere auch zur Phase 2) über die Impfstoffzulassung sowie zu Fragen des Haftungsrechts, des Verdienstausfalls und des Umgangs mit Impfschadensfolgen treffen. Eine Klärung dieser Aspekte ist für die Akzeptanz und Umsetzung des Bund-Länder-Rahmenkonzeptes zwingend erforderlich.
Die vergangenen Monate haben uns über ein fernes Kriegsgeschehen hinaus mit einer neuen, schwer kalkulierbaren Bedrohung konfrontiert, die auch die Ärzteschaft betrifft. Sie mutet unfaßbar irreal und beängstigend zugleich an. Möge sie Theorie bleiben, uns aber auch lehren, konkrete sinnvolle Schritte der Vorsorge zu gehen.


Anschrift des Verfassers:
Dr. med. H.-Bernhard Behrends
Arzt für Allgemeinmedizin und
Öffentliches Gesundheitswesen
Leiter des Fachbereichs Gesundheit der Region Hannover
Weinstr 2
30171 Hannover

 
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