aktualisiert am: 11.08.2003
niedersaechsisches aerzteblatt
 

08/2003


Streß macht krank

Immer mehr und immer jüngere Ärztinnen und Ärzte leiden am Burn-out-Syndrom. Die chronische Erschöpfung belastet Arbeitsfähigkeit und die Beziehung zu den Patienten


Es ist epidemologisch nachgewiesen, daß Gesundheitsrisiken wie Tod durch Suizid, verkürzte Lebenserwartung oder Alkohol- und Suchtmittelmißbrauch unter Ärzten gehäuft auftreten. Auch das sogenannte Erschöpfungssyndrom (Burn-out-Syndrom) scheint, zumindest in den westlichen Industrieländern, in immer jüngerem Lebensalter zum Problem zu werden.

Als Symptome des Burn-out-Syndroms gelten gemeinhin der Eindruck chronischer Überforderung, sich ausgelaugt fühlen, Niedergeschlagenheit, Depressivität, Verminderung des Selbstwertgefühls, zunehmender Verlust der Arbeits- und Lebensfreude, Verschlechterung der Arzt-Patient-Beziehung mit der Tendenz zur Gleichgültigkeit oder zum Zynismus und der potentiellen Gefahr von Behandlungsfehlern.

Die Ursachen eines Erschöpfungssyndroms durch ärztliche Tätigkeit in Praxis oder Klinik sind rasch genannt: zunehmende Leistungsanforderungen, auch in bezug auf nichtärztliche Tätigkeiten wie Abrechnung, Beantwortung von Anfragen und dergleichen mehr, Konflikt zwischen eigenem Anspruch (Ich-Ideal des Arztes) versus Rahmenbedingungen des Gesundheitssystems, Überlastung durch Zeit- und Personalmangel, soziale Isolation; zu wenig Anerkennung für die eigene ärztliche Leistung, Mangel an Schlaf und Rekreationsmöglichkeiten, unzulängliches Zeitmanagement, zu geringe Beachtung der eigenen Grenzen (Selbstausbeutung).

Die diagnostische Einordnung des Burn-out-Syndroms ist schwierig und die Grenze zum behandlungsbedürftigen (häufig depressiv getönten) Erschöpfungssyndrom nur schwer zu ziehen. In Deutschland wird die Klassifikation psychischer Störungen nach Kapitel F der ICD 10 (International Classification of Diseases) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgenommen. Dort wird unter ãF 48.0 sonstige neurotische Störung/ Neurasthenie" das Erschöpfungssyndrom mit den folgenden drei diagnostischen Leitlinien beschrieben:
1| entweder anhaltende und quälende Klagen über gesteigerte Ermüdbarkeit nach geistiger Anstrengung oder über körperliche Schwäche und Erschöpfung nach geringsten Anstrengungen;

2| mindestens zwei der folgenden Empfindungen: Muskelschmerzen und -beschwerden, Schwindelgefühle, Spannungskopfschmerzen, Schlafstörungen, Unfähigkeit zu entspannen, Reizbarkeit und Dyspepsie;

3| die vorliegenden autonomen oder depressiven Symptome sind nicht anhaltend und schwer genug, um die Kriterien für eine der spezifischen Störungen zu erfüllen.

Der Begriff Burn-out-Syndrom hingegen steht in der sogenannten Z-Kategorie unter Z 73 ãProbleme verbunden mit Schwierigkeiten bei Lebensbewältigung: Z 73.0 Erschöpfungssyndrom (Burn-out-Syndrom)". Bei den Z-Syndromen handelt es sich um Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten führen.

Jenseits solcher eher theoretisch-wissenschaftlichen Erörterungen zeigt die klinische Erfahrung, daß depressive Erschöpfungssyndrome als psychiatrisch-psychotherapeutisch behandlungsbedürftige Krankheiten in Sprechstunde und Klinik zwar zunehmen, Ärztinnen und Ärzte jedoch eher selten den professionellen Rat von Psychotherapeuten suchen. Fehlende oder verspätete Hilfe zählt zu den Ursachen des Burn-out-Syndroms. Die entscheidenden Kennzeichen der Erkrankung wie zunehmende Ermüdbarkeit und Schwäche sowie Verminderung der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit können zur Dienst-, oder Arbeitsunfähigkeit führen und bedürfen deshalb der besonderen Aufmerksamkeit.


Die Kammer kümmert sich


Die Ärztekammer ist nicht nur zum Regulieren, Prüfen und Verfügen da. Ihre gewählten Vertreterinnen und Vertreter haben darüber hinaus den Anspruch, Ideen und Initiativen zu entwickeln, die Ihnen helfen, den Arbeitsalltag mit seinen vielfältigen Anforderungen noch besser zu meistern. So verstehen wir auch unser Angebot eines Workshops zur körperlichen Rekreation und aktiven Auseinandersetzung mit Problemen im Berufsleben Ende Oktober 2003 in Bad Pyrmont. Zur Prävention und Intervention bei beruflicher Überlastung und Erschöpfung bieten wir außerdem Coaching und Selbsterfahrung sowie eine Notfall-Hotline unter der Telefonnummer 08 00-61 966 66.

Vertrauliche Beratungen zu den genannten Angeboten erhalten Sie von mir unter der Telefonnummer (05 11) 3 80 22 70 sowie den Kollegen Professor Dr. med. Friedhelm Lamprecht, Telefon (05 11) 53 20 und Professor Dr. med. Rolf Meermann, Telefon (0 52 81) 60 83 31. Fragen zu Anmeldung, Reservierung und Programm beantwortet Ihnen ÄKN-Mitarbeiterin Kathrin Wichmann unter Telefon (05 11) 3 80 21 98.

Dr. med. Cornelia Goesmann
Stellvertretende Präsidentin
der Ärztekamer Niedersachsen
 

Ärztekammer bietet Hilfe

Ein eineinhalbtägiges Informations- und Präventionswochenende in Bad Pyrmont im Oktober 2003 bietet betroffenen Ärztinnen und Ärzten (gern auch mit Partnern oder Partnerinnen) Unterstützung. Zweck und Ziel der vom Vorstand der Ärztekammer Niedersachsen und zwei Chefärzten psychosomatischer Kliniken initiierten Veranstaltung sind

> Basisinformationen über ãFrühwarnzeichen" (Prodromi) und Symptome von Burn-out- beziehungsweise Erschöpfungssyndromen zu vermitteln;
> eine Bilanz der persönlichen Streßbelastung ziehen und kritisch das eigene Gesundheitsverhalten zu reflektieren;
> in Kleingruppenarbeit Ziele und Werte für die persönliche Berufspraxis zu entwickeln;
> sich mit anderen Kollegen auszutauschen, über die praktischen Aspekte ärztlicher Tätigkeit ebenso wie über die finanziellen;
> Strategien zu üben, um den Streß im Berufsalltag, etwa im Umgang mit schwierigen Patienten, zu reduzieren und Techniken zur Erschöpfungsprophylaxe zu lernen;
> Entspannungstechniken zu lernen;
> Coaching im Sinne von Lebens- und Laufbahnberatung.

Das Seminar im Hotel Steigenberger in Bad Pyrmont beginnt am Freitag, 31. Oktober 2003, um 18 Uhr, und endet am Sonntag, 2. November 2003, gegen 12 Uhr. Teilnehmer, die im Einzelzimmer übernachten, bezahlen 279,20 Euro, im Doppelzimmer 239,20 Euro pro Person. Teilnehmern mit Begleitperson kostet das Seminarwochenende im Doppelzimmer 435,20 Euro.
Im Preis enthalten sind zwei Übernachtungen mit Frühstück, Abendessen am Freitag, Mittagessen am Sonnabend und Sonntag sowie die Tagungspauschale. Hinzu kommen noch 150 Euro für die Bezahlung der Referenten und das Rahmenprogramm.

Weitere Informationen zum Burn-out-Syndrom gibt es bei der Psychosomatischen Fachklinik in Bad Pyrmont, Bombergallee 10, 31812 Bad Pyrmont unter der kostenfreien Telefonnummer 80 06 19 66 66. ÄKN-Mitarbeiterin Kathrin Wichmann nimmt unter (05 11) 3 80 21 98 Anmeldungen entgegen, Auskunft zu Referenten und Programm erteilt die Akademie für ärztliche Fortbildung unter 3 80 24 93.


Empfehlenswerte Literatur zum Thema "Burn-Out-Syndrom":

1| ENZMANN, D & KLEIBER, D, Helfer-Leiden. Streß und Burnout in psychosozialen Berufen, Roland Asanger Verlag Heidelberg 1989
2| FENGLER, J, Helfen macht müde. Zur Analyse und Bewältigung von Burnout und beruflicher Deformation, 2. Auflage, München: Pfeiffer, 1992 (Reihe Leben lernen; Nr. 77)
3| PINES, A M, ARONSON, E. & KAFRY, D, Ausgebrannt. Vom Überdruß zur Selbstentfaltung, Klett-Cotta, Neunte Auflage, 2000
 
Anschrift der Verfasser:
Dr. med. Cornelia Goesmann
Vizepräsidentin der
Ärztekammer Niedersachsen
Berliner Allee 20
30175 Hannover

Prof. Dr. med.
Friedhelm Lamprecht
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover

Prof. Dr. med. Rolf Meermann
Psychosomatische Fachklinik
Bad Pyrmont
Bombergallee 10
31812 Bad Pyrmont






 
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