- Zeit in der Psychotherapie" , Psychologie, Psychotherapie">
aktualisiert am: 08.08.2001
niedersaechsisches aerzteblatt
 

08/2001


"Psychotherapie in der Zeit
- Zeit in der Psychotherapie"

S. Gunkel


Das Thema "Zeit und Psychotherapie" stand in diesem Jahre im Mittelpunkt der Langeooger Fortbildungswoche für ärztliche Psychotherapeuten. Der vielversprechende Tagungstitel nahm nicht nur Bezug auf unterschiedliche Perspektiven namhafter Vertreter verschiedener Wissenschaftsdisziplinen, sondern war auch als Hinweis auf den Jubiläumscharakter der diesjährigen Veranstaltung zu verstehen. Hierauf wies Dr. Gunther Kruse (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Hannover/Langenhagen) als Tagungsleiter in seiner Begrüßungsansprache vor den über 600 teilnehmenden Ärzten und Psychologen hin. Dr. Cornelia Goesmann, die stellvertretende Präsidentin der Ärztekam-mer Niedersachsen, überreichte im Rahmen ihres Grußwortes drei ärztlichen Kollegen, die zwischen 20 und 28 Mal in Folge an der Fortbildungswoche teilgenommen hatten, als Anerkennung ein Präsent.
Wie in den Vorjahren waren wieder fast alle Fortbildungskurse ausgebucht. Die Zufriedenheit der Teilnehmer mit dem Seminar- und Vorlesungsprogramm, soweit diese in sog. Evaluationsbögen und im Applaus zum Ausdruck kommt, erwies sich als ausgesprochen hoch, so daß der Veranstalter, die Akademie für ärztliche Fortbildung der ÄKN, für das kommende Jahr (15. - 25. Mai 2002) mit noch mehr Anmeldungen rechnet.

"Alles hat seine Zeit" - Bremsen als negative Beschleunigung

Den eher philosophisch-soziologischen Auftakt bildete ein Referat des Schweizer Publizisten Dr. Michel Baeriswyl (Zürich), das die gesellschaftlichen bzw. psychosozialen Konsequenzen der "veloziferischen"1 Geschwindigkeitsmaximierung der Jetztzeit in fast allen Bereichen (Kommunikationstechnik, Wirtschaft, Tierzucht, Alltagsleben usw.) skizzierte, sich aber gegen die zu kurz greifende Dichotomie von Beschleunigung und Verlangsamung wandte. Baeriswyl plädierte dafür, nicht pauschal die Entschleunigung aller technischen Prozesse anzustreben, sondern die spezifischen "Eigenzeiten" der Dinge aufzuspüren und dabei die Rhythmen, Zyklen sowie die Grenzen der Natur und Kultur im Blick zu behalten.

Heiterkeit im Umgang mit Wahn?

Das "Lachen in die Psychiatrie bringen ..." wollte der Begründer des Psychodramas (J. L. Moreno), einer auf Aktion, Als-ob-Darstellung sowie kathartische Abreaktion basierenden Rollenspieltechnik. Die Möglichkeiten semirealer Inszenierung psychotischer "Traumlogik", insbesondere die Intervention des "Doppelgängerdialoges" beschrieb Dr. Reinhard T. Krüger in seinem Vortrag für die Arbeit mit Psychosekranken im ambulanten Setting einer Nervenarztpraxis. Das von ihm beschriebene theoretische Modell des Oszillierens zwischen Alltags- und Traum-Ich illustrierte der Referent mit eindrucksvollen klinischen Beispielen und vignettenhaften Bühnendemonstrationen. Die identifikatorische Doppeltechnik biete sich an, weil der Psychotherapeut mit seinen Kommentaren und sonstigen Verhaltensreaktionen z.B. die wahnhaften Ideen eines psychotischen Patienten aufgreift, ausmalt, damit temporär verstärkt und widerspiegelt, was deren Überwindung erleichtert. Denn nach den Erfahrungen des Referenten distanziert sich der Patient oftmals spontan von zuvor geäußerten Wahninhalten und macht den Weg zu einem realitätsnäheren Dialog frei.

Synergieeffekte durch Zusammengehen der Psychofächer

Der Neurobiologe Prof. Gerald Hüther (Göttingen) hielt einen brillanten Vortrag, der anhand von Beispielen aus der Hu-mananthropologie und Ethologie die integrative Funktionsweise der komplexen neuronalen Verarbeitungsstrukturen des Menschen veranschaulichte. Prototypisch für eine multiperspektivische Betrachtung humaner Phänomene zeigte der Referent ein dynamisches Modell der Reaktion auf Streß, bei dem Regelkreisen eine zentrale Bedeutung zukommt. Beeindruckend waren auch die Bilddarstellungen und grafischen Schemata, mit denen Hüther die Notwendigkeit einer interdisziplinären Sichtweise des menschlichen Verhaltens verdeutlichte. Eine wichtige Erkenntnis sei, daß es bei der Entwicklung kognitiver Strukturen, mithin beim Lernen und der Ausbildung sozialer Interaktions- und Kommunikationsfähigkeit entscheidend auf die Nutzungsbedingungen ankommt: stabilisierende vs. destabilisierende Faktoren fördern bzw. hemmen die Bildung neuer synaptischer Verbindungen auf cortikaler Ebene ("... das Hirn gestaltet sich so aus, wie man es nutzt"), sogar im höheren Lebensalter! Einen anderen wissenschaftlichen Leckerbissen stellte ein lerntheoretisches Modell zur Entstehung von Lust und Selbstvertrauen vs. Angst und Selbstzweifeln dar: Je nachdem ob eine Situation als Herausforderung oder als Belastung erlebt wird, wird Erfolg (Selbstvertrauen) oder Scheitern (Selbstzweifel) bei der Bewältigung wahrscheinlich, was wiederum positive oder negative Erwartungen hervorruft, bzw. neugieriges Aufsuchen (Lust) versus Vermeiden (Angst) von neuartigen Stimulusbedingungen induziert.

Zeitgefühl und Therapiezeit

Die Psychoanalytikerin Dr. Karin Bell (Köln) sprach zunächst über die Entwicklung des Zeitempfindens beim Kind und verwies hierbei auf primäre Erfahrungssequenzen wie das Erreichen der Mutterbrust beim Trinkvorgang oder die Harnentleerung und Defäkation (Unlust-Erfüllungssequenz), durch die sich bereits der Säugling die zeitliche Organisation von Geschehensabläufen als Schema zur Strukturierung von Realität aneignet.
Ferner behandelte die Referentin die zentrale Bedeutung und den Umgang mit Aspekten wie Zeitpunkt und Dauer im Kontext einer psychoanalytischen Langzeittherapie. Angesprochen wurden hierbei Phänomene wie Pünktlichkeit, Geduld und Therapiebeendigung sowie die Indikation für eine Langzeitbehandlung. Im letzten Teil des Vortrages ging Bell auf die Notwendigkeit aber auch auf Gefahren einer ausgedehnten analytischen Therapie ein. Ineffektiv würde es, wenn die Behandlung wegen Überlänge zum Stillstand kommt, gefährlich sogar, wenn die durchgeführte Psychoanalyse zum Selbstzweck oder zur Lebensnahrung gerate. Es gehe um "die Kunst der Langsamkeit, die dem Rhythmus des Lebens einen Sinn gibt".

Kurz und (dennoch) gut?

Die Kurzzeittherapie (KZT) verhaltenstherapeutischer Prägung stellte Dr. Serge K. D. Sulz (München) als funktional-strategischen Ansatz zur Induktion durchgreifender Verhaltensänderungen dar. KZT sei geeignet, innerhalb einer beschränkten Zeit, d.h. binnen weniger Sitzungen, gesteckte Ziele zu erreichen, wenn es gelingt, einen Fokus zu setzen, die Bedeutung der Symptomatik (stabilisierende Auswirkungen, aufrechterhaltende Verstärker) zu verstehen, dem Patienten eine tiefgreifende emotionale Erfahrung zu ermöglichen und damit eine signifikante Veränderung in die gewünschte Richtung zu provozieren. Sulz legte dar, wie wichtig es sei, zunächst die "Strategie der Symptomatik" (z.B. die subjektive "Überlebensregel" oder den latenten Autonomie-Dependenz-Konflikt) zu erkennen, um eine "Strategie der Beziehung und der Therapie" zu entwickeln, die aus der Fixierung herausführt. Die symptomorientierte Kurztherapie, so wie der Referent sie skizzierte, tastet mitnichten an der Oberfläche, wie es strengen Verhaltenstherapeuten oft zum Vorwurf gemacht wird. Seine Ausführungen gaben Anlaß zu einer lebhaften Diskussion, Sulz handelte sich allerdings hierbei den Vorwurf ein, er präsentiere alten Wein in neuen Schläuchen. Ein Diskutant sprach sogar von Etikettenschwindel, weil Sulz zahlreiche bewährte Strategien unterschiedlicher psychotherapeutischer Richtungen eklektisch unter dem Attribut verhaltenstherapeutisch subsumiere. Der Referent hielt diesem Einwand entgegen, daß man als Behandler ja dumm wäre, gute Therapietechniken und Strategien nicht zu nutzen, nur weil sie einen anderen ideologischen Urheberstempel tragen.

Beistand und Trost für den seelisch Leidenden ist eminent wichtig

Der Medizinhistoriker Prof. Dietrich von Engelhardt (Lübeck) präsentierte - ebenso routiniert wie lebendig - einen von einer humanistischen Geisteshaltung geprägten Vortrag über die Entwicklungslinien dreier zentraler psychotherapeutischer Konzepte: Krankheitsbegriff, Behandlungsziel und Arzt-Patient-Beziehung - angefangen von der antiken Heilkunde bis zur neuzeitlichen naturwissenschaftlich geprägten Psychiatrie bzw. Psychotherapie. Seine Ausführungen waren gespickt mit weisen Zitaten von Sokrates bis Jaspers und untermalt mit Farbabbildungen von Kunstwerken, welche bedeutsame Gesichtspunkte der ärztlich-therapeutischen Einstellung zu körperlicher Krankheit und seelischem Leiden ausdrücken.
Das Credo des Redners war unterdessen nicht zu überhören und erreichte - wie der kräftige Applaus zeigte - auch die Zuhörer. Mit eindringlichen Worten mahnte von Engelhardt eine ganzheitliche Betrachtung des kranken Menschen an, die die Leib-Seele-Spaltung möglichst überwindet und bei der Gesichtspunkte wie menschliche Zuwendung, Beistand und Trost durch den ärztlichen Therapeuten einen zentralen Stellenwert haben. Das würdevolle Miteinander-Umgehen, der Respekt vor der einzigartigen Subjektivität des Anderen schließe eine Konzeption von psychischem Defekt, den es zu reparieren gilt, aus. Trotzdem bliebe die Arzt-Patient-Dyade - anthropologisch betrachtet - ein asymmetrisches Gebilde, bei dem sich der eine Mensch (Therapeut) dem kranken, d.h. in Not befindlichen Menschen (Patient) in Freundlichkeit zu dessen Wohl zuwendet.

Psychotherapeuten bindungsunfähig?

Prof. Peter Müller (Göttingen) untersuchte die in der wissenschaftlichen Literatur vernachlässigte Frage, ob und wie Psychotherapeuten länger andauernde Liebesbeziehungen eingehen und in welchem Verhältnis das Vorhandensein bzw. die Qualität solcher privater Bindungen zu der therapeutischen Beziehung steht. Empirische Hinweise gäbe es, daß Psychotherapeuten eine eher depressive Persönlichkeit aufweisen, zu Drogenabusus und Arbeitssucht neigen, ein erhöhtes Suizidrisiko haben und sich auch in Bezug auf den Familienstand deutlich von anderen Berufsgruppen unterscheiden. Sie sind häufiger alleinstehend, geschieden oder getrennt lebend. Ob sich hinter der gering ausgeprägten Neigung, sich per Heirat zu binden, schizoide Bindungsangst verbirgt oder eher Abneigung gegenüber konventionellen Prinzipien, gesteigerter Mut zu alternativen Beziehungsformen oder auch eine erhöhte Bereitschaft von Therapeuten, Konsequenzen zu ziehen, d.h. sich vom Partner zu trennen, wenn unüberwindlich scheinende Beziehungsprobleme auftauchen, ließ Müller offen.
Spekuliert wurde auch, ob Psychotherapeuten im Sinne einer neurotischen Kompromißbildung eventuell eigene Nähebedüfnisse innerhalb der Behandlungen - und damit ohne Verpflichtung - unbewußt befriedigen. Dankbare und bewundernde Klienten sind (möglicherweise auch auf Dauer) angenehmer als ein Aufmerksamkeit fordernder Ehepartner. Eine strikte Job-orientierung, regelmäßige Intervision und eine die eigene Lebensqualität sichernde Strukturierung von Beruf und Alltag sei - so Müller - wichtig, um nachteilige Folgen für das Arzt-Patient-Verhältnis zu vermeiden.

Kinderzeit und Vaterverlust

Im Anschluß stellte Prof. Matthias Franz (Düsseldorf) eindrucksvoll die zentralen Befunde einer epidemiologischen Kohortenstudie aus Mannheim zum Langzeitverlauf psychogener Erkrankungen vor. Die repräsentative Befragung von mehreren hundert Personen ergab nicht nur, daß in der Normalbevölkerung stabil bei rd. 26 % solche Störungen vorkommen (im Allgemeinpraxenklientel sogar 40 %), sondern daß die Beeinträchtigungen - unter Berücksichtigung des breiten Manifestationsspektrums (Symptomverschiebung, Comorbidität) - durchaus über Jahrzehnte persistieren. Etwa zwei Drittel aller früher erheblich Beeinträchtigten litt auch 15 Jahre später unter gleichen oder ähnlichen psychischen Problemen. Von ursprünglich 600 Probanden der Geburtsjahrgänge 1935, 1945, 1955 konnten 15 Jahre später immerhin die Hälfte untersucht werden. Interessanterweise näherten sich die Fallraten von Männern und Frauen in diesem Zeitraum an, offenbar hat sich die Quote der unter Angst, Depression und somatischen Beschwerden leidenden Frauen mittlerweile verringert, während diese Symptome bei Männern im Kommen sind. Ob dies an einer verbesserten materiellen Situation der Frauen oder generell günstigeren Copingstrategien liegt, ließ Franz offen. Der Referent zeigte anhand der Daten, daß der mächtigste Prädiktor für das Fortbestehen von Gesundheitsstörungen die klinische Symptomatik selbst darstellt. Einen entscheidenden Beitrag zur Varianzaufklärung lieferte jedoch auch das Fehlen oder Ausfallen von primären Bezugspersonen, hier insbesondere die Nichtpräsenz des Vaters in den sensiblen Entwicklungsjahren. Das "biografische Echo" der im II. Weltkrieg gefallenen Familienväter (jeder achte deutsche Mann starb infolge von Kriegseinwirkung: ca. 4,7 Mio.!) ließ sich hier mit einer zeitlichen Latenz erstmals deutlich nachweisen. Schließlich zeigte der Referent einige Implikationen der Befunde zur transgenerationalen Pathogenese psychogener Störungen für die heutige Zeit auf, die bekanntlich geprägt ist von hohen Scheidungsraten, einem hohen Anteil allein erziehender Mütter und nach wie vor relativ geringer Zuwendung von Männern zu ihren Kindern.

Systemveränderungen in kürzester Zeit

Das Referat von Dr. Carmen Beilfuß (Magdeburg) über "zielgerichtete Lösungsentwicklung" im Rahmen systemisch ausgerichteter Kurzzeittherapie, stellte dar, wie in einer überschaubaren Frist (2 - 10 Sitzungen) greifbare Veränderungen im interpersonellen Bezugssystem des Klienten hervorrufbar sind. Von Patienten sprächen systemische Therapeuten ungern, lieber ginge man von selbstbewußten und motivierten "Kunden", aus, die an sich etwas verändern wollen, z.B. neue Sichtweisen gewinnen und ungewohnte Verhaltensvarianten ausprobieren möchten. Den Mut zur Modifikation bisheriger (suboptimaler) Strukturen, fassen Klienten innerhalb einer durch Freundlichkeit, Zugewandtheit, Ermutigung, Ermunterung, Anregung, insbesondere auch Wertschätzung geprägten Kooperationsbeziehung zum Systemischen Therapeuten. Kurz kann eine Behandlung werden, wenn es gelingt eine Ziel- bzw. Lösungsfokussierung vorzunehmen. Ein an ätiologischen Fragen orientiertes Vorgehen hält Beilfuß für ineffektiv, weil sich ihrer Erfahrung nach verblüffende und tragfähige Lösungen auch ohne Graben in der Vergangenheit ergäben (Gefahr der "Problemtrance"). Therapeuten könnten eher absichtslos und gelassen bleiben, da sich bei einem die Ressourcen betonenden Verfahren quasi von selbst kreative Lösungen entwickelten. Indessen zeigte sich das Saalpublikum ob des präsentierten überschwenglichen Optimismus beim Applaus und in der Diskussion reichlich skeptisch. Zum einen wurde der Positivismusvorwurf (amerikanischer Pragmatismus) geäußert und zum anderen wurde - angesichts der bislang nicht vorhandenen abrechnungstechnischen Anerkennung des Verfahrens bei den Krankenkassen - gefordert, daß die Vertreter der Systemischen Therapie sich stärker als bisher geschehen um den wissenschaftlichen Nachweis der Wirksamkeit insbesondere im Bereich der Psychotherapie und Psychiatrie bemühen sollten - es sei denn, man beschränkte die Tauglichkeit systemischer Methoden auf Anwendungsbereiche wie Beratung, Supervision und Organisationsentwicklung.

Identitätsbewahrung in Krisenzeiten

Mit der Überschrift "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" hatte Prof. Jürgen Ott (Düsseldorf) den sehr persönlichen Bericht über Abschnitte seines eigenen Lebens in der DDR bis zur Ausreise (vor der Maueröffnung) und der anschließenden Integration in Westdeutschland versehen. Die Episoden aus dem beruflichen Alltag, insbesondere die demütigenden Erfahrungen als Pionier der psychoanalytischen Gruppentherapie im sozialistischen Teil Deutschlands, sowie die auf subtile seelisch-geistige Zermürbung ausgerichteten Methoden des DDR-Machtapparates und Otts vergebliche Versuche der auf Fachkenntnis aufbauenden Opposition waren für die Zuhörer ebenso ergreifend wie die subjektiv erlebten Kränkungen, die sich noch nach der Ausreise für den Neuankömmling in der Bundesrepublik ergaben.

Historische Zeitenwenden

Einen letzten Höhepunkt - gewissermaßen als philosophisches Finale - erfuhr die Tagungswoche durch die Ausführungen von Prof. Joseph Vogl (Weimar), der über drei bedeutsame "Zeitenwenden" (1800, 1900 und 2000) referierte, die jeweils - wie der Geisteswissenschaftler an Beispielen zeigte - einhergehen mit einschneidenden Veränderungen der gesellschaftlichen Repräsentation von Wissen.
Als erste Zeit- und somit auch Wissenswende beschrieb der Redner den Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert, der mit der Veröffentlichung grundlegender philosophischer Schriften, und damit der Einführung neuer Ebenen der übergreifenden Reflexion von Zeitgeschehen einhergeht. Den resultierenden Stil kritischer Auseinandersetzung des Subjektes mit sich, seiner Vergangenheit und Gegenwart nennt Vogl den "historischen Apriorismus".
Um das Jahr 1900 datierte er die zweite signifikante Zeitenwende, vom Autor als "Normal- oder Weltzeitdebatte" bezeichnet. Bedingt durch einen rasanten technologischen Fortschritt, insbesondere in der Nachrichten- und Verkehrstechnik, sei es zur Konvergenz und schließlich zur Überwindung der zahlreichen Ortszeiten, aber auch zu einer zunehmenden medialen Partizipation des Individuums an bedeutsamen Ereignissen gekommen.
Der dritte monumentale Schritt ist für Vogl der Wechsel ins dritte Jahrtausend, welches er als Periode der Zeitökonomie und Vervielfältigung von Zeit sieht. Charakteristisch hierfür sei die Etablierung von "Gleichzeitigkeit des Hier- und Dort-Seins" in den Köpfen der Subjekte, vor allem auch die fortschreitende Digitalisierung der Objekte sowie deren beschleunigte Abbildverarbeitung und Simultanübertragung in alle Regionen der Erde. Als ebenso faszinierende wie erschreckende Phänomene der neuen Wissensformen kann man die Parallelität der Darstellung von Welten, besonders auch die Techniken der Simulation (virtual reality), betrachten.


Anschrift des Verfassers:

Dipl.-Psych. Stefan Gunkel
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Rohdehof 3
D-30853 Langenhagen
email:
Stefan.Gunkel.Langenhagen@Klinikum-Hannover.de

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Die auf der 30. Psychotherapiewoche referierten Beiträge liegen gedruckt vor als Band 6 der Reihe "Impulse für die Psychotherapie" (Titel: Psychotherapie in der Zeit - Zeit in der Psychotherapie, herausgeg. von G. Kruse & S. Gunkel, Hannoversche Ärzte-Verlags-Union, Hannover, 2001). Die Publikation, der auch die Abb. entnommen sind, kann im Buchhandel oder beim Verlag (Tel.: (05 11) 3 80-22 82, Fax: 3 80 -22 81, http://www.haeverlag.de/buecher; email: info@haeverlag.de) zum Preis von 39,- DM bestellt werden.

 
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