aktualisiert am: 13.08.2001
niedersaechsisches aerzteblatt
 

08/2001


Klinische Infektiologie: EuCID-Kongreß reduziert Wissenslücken (I)

U. v. Hase


EINLEITUNG

Infektionserreger mit ihren vielfältigen Escapemechanismen wie z. B. Änderung des Wirtsspektrums und Erwerb von neuen Resistenzeigenschaften werden auch in diesem Jahrhundert ihre Bedeutung nicht verlieren, möglicherweise sogar, wie am Beispiel des HI-Virus erkennbar, an Relevanz noch gewinnen. Führende Infektiologen sehen ein, daß die Überlebenspotentiale bei Mensch und Erreger nahezu ausgeglichen sind. Von der These, daß Infektionskrankheiten weltweit überwunden werden könnten, ist man heute bis auf die Eradikation einiger weniger viraler Erreger wie Pocken-Virus und in naher Zukunft auch Polio-Virus, weit entfernt. Umso mehr sind unser Respekt für die nahezu unbegrenzt wandelbaren Lebensformen der mikrobiellen Umwelt und unsere nicht nachlassende Aufmerksamkeit im Umgang mit Infektionserregern gefordert.

Bei allen Erfolgen in Entwicklung und Einsatz von Antibiotika und antiviralen Substanzen ist die Anzahl unerwünschter, teilweise auch schwerer Nebenwirkungen, mit denen der Patient sich auseinandersetzen muß, genauso wenig zu übersehen wie die zunehmende Entwicklung von Multiresistenzen der Erreger auf zuvor hochwirksame Medikamente. Hinzu kommt ein steigender Kostenaufwand für Diagnostik und Behandlung von Infektionskrankheiten im Gesundheitssystem. Damit gewinnt die Infektions-Prävention durch Beachtung notwendiger Hygienemaßnahmen sowie Aufklärung über Infektionsmechanismen, adäquaten Umgang mit antiinfektiösen Medikamenten, umfassende Impfprogramme, Reiseprophylaxe und verantwortliches Handeln in Herstellung und Vertrieb von Lebensmitteln eine überragende Bedeutung.

Der Anfang Mai 2001 in Leipzig veranstaltete "6. Kongreß für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin" (European Congress on Infectious Diseases; EuCID 2001) hat eindrucksvoll das breite Spektrum in Forschung und klinischer Erfahrung bei den Erfolgen und Schwierigkeiten in der Auseinandersetzung mit Infektionskrankheiten belegt. Einige Schwerpunkte möchte dieser in zwei Teilen aufbereitete Bericht aufzeigen.
1. HIV-Infektion
2. Virale Hepatitis B und C
3. Prion-Erkrankungen
4. Bakterielle Multiresistenz
5. Nosokomiale Infektionen im Krankenhaus
6. Epidemiologie: "Tick-Borne Diseases" und Helicobacter pylori-Infektion
7. Neue Antibiotika
8. Neue Antimykotika
9. Reisemedizin

1. HIV-INFEKTION

Antiretrovirale Therapie (ART) und
Therapiepausen:
Bei der ART gibt es inzwischen 15 zugelassene Einzelsubstanzen mit drei Angriffszielen: Nucleosidale Reverse-Transcriptase-Inhibitoren (NRTI), nicht-nucleosidale Reverse-Transcriptase-Inhibitoren (NNRTI) und Protease-Inhibitoren (PI). Die zur Verfügung stehenden Medikamente werden seit 1996 in unterschiedlichen Kombinationen angewendet (3 NRTI,
2 NRTI + 1 NNRTI, 2 NRTI + 1 PI, 2 NRTI + 2 PI, 1 NRTI + 1 NNRTI + 2 PI) und haben zur entscheidenden Verzögerung der Krankheitsprogression bei der HIV-Immundefizienz und der Verhinderung des Ausbruchs opportunistischer Infektionen beigetragen. Die Behandlung ist lebenslang, da eine Eradikation des Virus nicht möglich ist (Persistenz des Virusgenoms in der DNA von Lymphozyten / Makrophagen sowie Virusreplikation in Kompartimenten, die mit ART kaum oder nicht erreicht werden). ART wird empfohlen: Im Vollbild AIDS, in der symptomatischen HIV-Infektion Stadium II, im asymptomatischen Stadium, wenn die CD4-Zellzahl unter 350/µl abgefallen (diskutiert wird <200/µl) oder die Viruslast auf >20 000 Kopien/µl angestiegen ist, in der akuten HIV-Infektion, in der Prophylaxe zur Vermeidung der Infektion des Kindes durch die Mutter während der Geburt und in der Postexpositions-Prophylaxe (Goebel, München). Kombination der Medikamente und Dauer der Primärtherapie sind entscheidend für den weiteren Verlauf der Erkrankung. Ein Therapieversagen durch Ausbildung von Mutationen und Entwicklung von Resistenzen muß schnell erkannt werden und erfordert ein regelmäßiges Monitoring. Je häufiger wegen Resistenzentstehung die Medikamente gewechselt werden müssen, umso schneller zeigt sich in den nachfolgenden Behandlungen ein Therapieversagen und eine Progredienz der Erkrankung.

Bei der Menge der Tabletten, der Zubereitung, den strengen Anwendungsregeln und den Unverträglichkeiten ist die ART trotz der vielfältigen Anstrengungen der Pharma-Industrie eine "therapeutische Zumutung" (Goebel, München). Wunsch des Patienten, Therapiemüdigkeit, zusätzliche Erkrankungen und veränderte Indikationsstellung haben zu Beobachtungs-Studien mit strukturierten Therapiepausen geführt. An diesen Studien waren bisher nur wenige Patienten beteiligt. Ergebnisse:
1) Der Wegfall des Selektionsdrucks bei Reduktion der Medikamenten-Kombination bewirkt in der Mehrzahl der Fälle einen Shift weg vom resistenten Virus hin zum Wildtyp und zur Ausbildung verringerter Resistenz gegen die eingesetzten Medikamente (Read & Taylor, Science 292: 1099-1102; 2001). Der HIV-Wildtyp hat eine höhere virale Potenz (man spricht auch von "viraler Fitness") als das resistente Virus und damit eine deutlich höhere Replikationsfähigkeit. Damit wird in der akuten HIV-Infektion durch die Therapiepause eine Stimulation der Immunantwort durch zytotoxische T-Lymphozyten ("Autovakzination") ausgelöst.
2) Hinsichtlich der CD4-Zellzahl kommt es besonders bei Ausgangswerten von <200/µl im Beginn der Therapiepause zu einem dramatischen Abfall der CD4-Zellen und damit zur akuten Verschlechterung des Immunstatus. Patienten mit CD4-Helferzellzahlen <200/µl sollten daher keine Therapiepausen machen. Das Immunsystem braucht selbst bei adäquater Therapie unter Umständen einige Jahre, um sich wieder zu erholen, und erreicht die Ausgangswerte von 200 CD4-Zellen/µl in nur ca. 50 % der Fälle (Staszcewski, Frankfurt/Main). Die Therapie-Unterbrechung läßt keinen Vorteil erkennen (Ausnahme ist möglicherweise die akute HIV-Infektion) und kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht empfohlen werden.

Stoffwechselstörungen unter ART:
Wichtige unerwünschte Nebenwirkungen sind Insulinresistenz, gestörte Glucosetoleranz (60 % der Patienten), Hyperlipidämie (20 bis 50 % der Patienten) sowie die Fettverteilungsstörung (Lipodystrophie) mit peripherer Fettgewebsatrophie (stigmatisierend ist u.a. der Verlust des Wangenfetts) und zentraler Fettakkumulation. Die viszerale Adipositas besitzt ein deutlich erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen. Das Risiko für koronare Herzerkrankung und Myokardinfarkt ist gegenüber dem nicht-therapierten Patienten nahezu um das Dreifache erhöht und steigt zusätzlich mit dem Alter des Patienten, einem Cholesterinwert >300 mg/dl und der Dauer der Therapie mit PI. Für die Lipodystrophie werden vor allem PIs, aber auch NRTIs verantwortlich gemacht. Der Entstehungsmechanismus ist derzeit noch ungeklärt.

Die Entwicklung einer ausgeprägten Fettleber kann zur Erhöhung des Laktatspiegels durch den fehlenden Laktatabbau führen und damit zur Entstehung einer Laktatazidose mit Müdigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und niedrigem Bicarbonatspiegel. Die lebensgefährliche Laktatazidose ist jedoch ein seltenes Ereignis und wird meist bei ART durch den Einsatz von NRTI ausgelöst (Goebel, München). Weitere unerwünschte Nebenwirkungen sind arterielle Hypertonie, endokrine Funktionsstörungen, vorzeitige Osteoporose, periphere Neuropathien und die sexuelle Dysfunktion. Erst kürzlich sind Osteonekrosen des Hüftkopfs (meist symptomfrei) bei 4 % bis 5 % der therapierten Patienten beschrieben worden (Roudière & Viard, AIDS 14: 2056; 2000)

Neue antiretrovirale Substanzen:
Nur 70 % der Patienten mit ART zeigen den gewünschten Erfolg (Rockstroh, Bonn). Die ART ist in ihrer Strenge und großen Anzahl an Unverträglichkeiten der Chemotherapie in der Onkologie oder der immunsuppressiven Therapie in der Transplantationsmedizin vergleichbar. ART erfordert eine hohe Eigenverantwortlichkeit des Patienten. Inadäquate Medikamenteneinnahme führt zu suboptimalen Medikamentenspiegeln im Blut mit konsekutiver Resistenzentwicklung des HI-Virus.
Eine Verbesserung der Therapiekonzepte ist weiterhin erforderlich und wird bei den derzeit zugelassenen Medikamenten über eine verbesserte Pharmakokinetik angestrebt (Boosterung der Wirkung von PI durch Ritonavir). Weitere Ziele sind erhöhte Ansprechbarkeit auch bei resistenten Virusstämmen, vereinfachte Anwendung mit neuen Formulierungen (z.B. 2 PI in einer Tablette wie Lopinavir/Ritonavir oder Amprenavir/Ritonavir), geringere Tablettenanzahl und Verminderung der Nebenwirkungen. Neue Substanzen, die derzeit in Studien geprüft werden, sind u.a. bei den NRTIs Tenofovir und Emtricitabine (FTC-303), bei den NNRTIs Capravirine, DPC 083 (ein NNRTI der "zweiten Generation") und bei den PIs Mozenavir und Tripranavir. Neue Angriffsziele bieten HIV-Integrase-Inhibitoren und Fusionsinhibitoren (z.B. T20 mit subkutaner Applikation), die sich in klinischer Prüfung befinden. An der Entwicklung von Antagonisten gegen die HIV-Corezeptor-Proteine auf der Zelloberfläche von Lymphozyten (CCR5) oder Makrophagen (CXCR4) wird gearbeitet. In Tierversuchen zeigte die therapeutische Vakzination mit DNA-Vakzine bei Primaten eine verstärkte Immunantwort in der Frühinfektion und damit eine bessere Kontrolle der Virusreplikation.

Für die präventive Impfung befindet sich zur Zeit ein Impfstoff in Erprobung (Phase III - Wirksamkeitsstudie in Thailand), der aus rekombinantem gp120 von HIV-1 (allerdings nur der Subtypen B und E) besteht und eine starke Antikörperantwort gegen das entsprechende Glycoprotein bewirkt. Ob damit eine HIV-Infektion verhindert werden kann, bleibt zum jetzigen Zeitpunkt offen.

2. VIRALE HEPATITIS B UND C

Therapie der HBV-Infektion:
In der antiviralen Therapie der Hepatitis B ist seit 1999 neben Interferon-a auch Lamivudine (Zeffix‰) zugelassen. Die Therapie der akuten Hepatitis B ist symptomatisch. Bei Virusnachweis 6 Monate nach Infektion einschließlich Transaminasenerhöhung und histologisch-pathologischem Befund wird eine Interferon-a Therapie durchgeführt. Bei Versagen der Interferontherapie nach ca. 6 Monaten (weiterhin erhöhte Transaminasen, fehlende Serumkonversion oder positiver HBV-DNA-Nachweis) wird Lamivudine eingesetzt, außerdem bei Patienten mit bereits bestehender HBV-induzierter Leberzirrhose. HBV-Precore-Mutanten haben ein negatives HbeAg sowie ein positives Anti-HBe bei positivem HBV-DNA-Nachweis. Sie zeigen ein schlechtes Ansprechen auf Interferon und werden ebenfalls mit Lamivudine behandelt (Fröhlich et al., Med Welt 52: 109-114; 2001). Ein Problem stellt die Resistenz-Entwicklung gegen Lamivudine dar. Die Therapie sollte dennoch bis zur Serokonversion von HbeAg zu Anti-HBe weitergeführt werden (Manns, Hannnover). Ein Rückgang der Leberfibrose/Leberzirrhose konnte histologisch gezeigt werden. Daten für eine langfristige positive Wirkung existieren noch nicht. Eine Verminderung der Inzidenzrate für das Leberzellkarzinom wird erwartet. Die Kombination mit Interferon-a bringt keine Erfolgsverbesserung.
Neu ist der Ansatz einer therapeutischen Vakzination mit HBV-DNA-Vakzine zur Durchbrechung der bestehenden Immuntoleranz nach Stimulation der HBV-spezifischen zellulären Immunantwort. Zugrunde liegt die Beobachtung, daß die Ausheilungsrate bei verstärkter Immunantwort in der frühen Phase der nicht behandelten HBV-Infektion ansteigt (Wedemeyer, Hannover). Verbesserte Impfstoffe bei der präventiven Impfung (Hepacare‰ und Hepagene‰), die bereits in USA zugelassen sind und deren Zulassung in Deutschland in ca. zwei Monaten erwartet wird, ergeben auch für Non-Responder eine höhere Ansprechrate (71 % bis 85 % nach der zweiten Impfung; Löscher, München).

Therapie der HCV-Infektion:
Die antivirale Behandlung der akuten und chronischen Hepatitis C ist bei bestehender Transaminasenerhöhung etabliert. Durchgesetzt hat sich der Einsatz der neuen pegylierten Interferone-a mit vereinfachter Anwendung (sc. 1x / Woche) in der Kombination mit oraler Ribaviringabe (Manns, Hannnover). Beide Substanzen werden gewichtsadaptiert dosiert. Überraschend und erfreulich ist, daß sich unter dieser Therapie nicht nur die Ansprechrate (d.h. dauerhafte Virus-Elimination bei ca 80 %, je nach Genotyp) deutlich erhöht hat, sondern auch in ca 50 % der Fälle histologisch eine Reduktion der Leberfibrose nachgewiesen werden konnte. Bei bestehender Leberzirrhose wird der Einsatz einer Interferon-Dauertherapie diskutiert (Manns, Hannnover). Die Einführung einer präventiven Impfung ist noch nicht in Sicht.

3. PRION - ERKRANKUNGEN

Bovine spongiforme Encephalopathie (BSE):
Prione (PrPSc) sind infektiöse Proteine, die keine Nukleinsäure enthalten. Sie sind in ihrer Aminosäurensequenz identisch mit normalen Oberflächen-Proteinen (PrPC) von vielen Körperzellen, insbesondere von Nervenzellen. 1984 wurden Prione, die eine Schlüsselrolle in der Genese der spongiformen Encephalopathien spielen, von Prusiner beschrieben (N Engl J Med 310: 661-663, 1984). PrPSc unterscheidet sich bei gleicher Aminosäurensequenz von
PrPc in seiner dreidimensionalen Struktur (Umfaltung von a-Helix-Sekundärstrukturen zu b-Faltblattstrukturen). Im Gehirn kann die Protein-Fehlfaltung durch Akkumulation von PrPSc über lokale Aktivierung von Gliazellen zur Ausbildung von Amyloid-Plaques führen (Prusiner, N Engl J Med 344:1516-1526; 2001). Seit 1986 ist BSE in England bekannt mit inzwischen über 180 000 betroffenen Rindern bei sinkender Inzidenz (11,8 Fälle pro 100 000 im Jahr 2000 vs. 316 Fälle pro 100 000 im Jahr 1992). In Deutschland sind ca. 50 BSE Fälle bekannt geworden (Eckert et al., Naturwiss. Rundschau 54:1-7; 2001). Die Inkubationszeit für BSE beträgt im Mittel 5 Jahre, die Krankheitsdauer 1 Jahr; die Erkrankung, einmal ausgebrochen, führt unweigerlich zum Tode. Rinder scheiden nach bisherigen Erkenntnissen den Erreger nicht aus.

Humane spongiforme Encephalopathien:
Es wurden acht verschiedene Formen beschrieben. Die familiäre Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK), das Gerstmann-Sträussler-Scheinker-Syndrom (GSS) und die fatale familiäre Insomnie (FFI) sind durch eine PrPC-Gen-Mutation verursacht und werden autosomal-dominant vererbt. Bei der sporadischen CJK und bei der 1999 beschriebenen sporadischen fatalen Insomnie (SFI) sind als Ursache ebenfalls Gen-Mutationen anzunehmen. Eine exogene Infektion gilt als gesichert:
1. Für die iatrogene CJK (iCJK) bei Transplantation von Dura mater oder Cornea oder über die Kontamination bei der Herstellung vor allem von Wachstumshormon aus Leichen-Hypophysen;
2. für die jetzt ins Blickfeld geratene neue Variante der CJK (nvCJK) und
3. für die seit 1957 bekannte, durch Kannibalismus verbreitete Kuru-Krankheit (Zerr & Poser, Bundesgesundhbl 44: 341-349; 2001). Im Jahr 1995, 10 Jahre nach Bekanntwerden von BSE, trat der erste Fall von nvCJK in England auf. Der Zusammenhang von BSE mit nvCJK wurde durch Infektion von genetisch veränderten ("transgenen") Mäusen aufgezeigt, die mit PrPSc aus Läsionen von BSE oder nvCJK inokuliert wurden (Scott et al., Proc Natl Acad Sci USA 96: 15137-15142; 1999), und nvCJK wurde als neue Krankheit definiert (Will, Edinburgh). In England sind inzwischen 98 Fälle von nvCJK bekannt geworden, in Frankreich 3 Fälle und in Irland 1 Fall; in England nehmen die Fallzahlen jährlich zu, für das Jahr 2000 wurden bereits 27 Fälle gemeldet. Schätzungen gehen von insgesamt 6 000 Infizierten aus, die möglicherweise erkranken werden (Will, Edinburgh). Bei vorsichtiger Kalkulation wurde in England pro Person ca. 50 mal infiziertes Fleisch verzehrt.

Klinik von nvCJK:
NvCJK unterscheidet sich von der sporadischen CJK durch das junge Alter der Patienten (<40 Jahre), eine längere Krankheitsdauer bis zum Tode (14 Monate) und Beginn in der Frühphase mit psychischen Alterationen (Angst, emotionale Labilität, Apathie, Depression). Erst im weiteren Verlauf der nvCJK treten neurologische Symptome wie Ataxie, Myoklonien und choreatiforme Bewegungsstörungen auf sowie Akinesie und Demenz im Endstadium der Erkrankung (Ruf, Leipzig). Die pathohistologische Aufarbeitung des Gehirns zeigt sogenannte "floride Plaques" mit zentralen, immunologisch nachweisbaren Prionablagerungen und Vakuolen in der Umgebung (Prusiner, N Engl J Med 344:1516-1526, 2001). Höchste Konzentrationen von PrPSc besitzen Hirn, Rückenmark und Auge; nachweisen läßt sich PrPSc auch in Lymphknoten, Tonsillen und Milz (Kretschmar, 1. Kongreß für Viruskrankheiten, ConVir 2000, München).

Die Übertragung geschieht nach dem jetzigen Wissensstand durch orale Aufnahme des infektiösen Prionproteins mit der Nahrung, Es wird angenommen, daß nach Durchbrechung der intestinalen Schleimhautbarriere mit möglicher Aufnahme in follikulär dendritische Zellen (FDC), B-Lymphozyten und Makrophagen des intestinalen Lymphgewebes (Tonsillen, Peyersche Plaques) PrPSc über Lymphe und Blutweg in andere lymphatische Organe wie Lymphknoten, Thymus und Milz transportiert und dort an FDC und Makrophagen gebunden wird (Gürtler, Greifswald). Diskutiert wird auch die Bindung an Plasminogen beim Transport von PrPSc über das Blut (Fischer et al., Nature 408: 479-483; 2000). Bei Vermehrung und weiterer Ausbreitung ist b-Lymphotoxin, das von B-Lymphozyten gebildet wird, beteiligt (Aguzzi, Nature Med 7: 289-290, 2001). Transferwege der Prion-Proteine ins Gehirn sind neben dem Blutweg wahrscheinlich das periphere Nervensystem. Auf der Nervenzell-Oberfläche veranlaßt PrPSc die Umfaltung von normalem PrPc-Proteinen zu weiteren PrPSc-Proteinen, die nicht abgebaut werden. Ein früher Zelltod ist die Folge und führt damit zur weiteren Freisetzung von infektiösem Prion-Protein und Befall benachbarter Hirnzellen (Gürtler, Greifswald). Mit zunehmendem Untergang von Hirngewebe durch Plaquebildung kommt es zu neuropsychiatrischen Ausfällen und zum Tod des infizierten Patienten.

Prione und Desinfektion:
Infektiöse Prion-Proteine haben im Gegensatz zu PrPc aufgrund ihrer Tertiärstruktur (Faltblattstruktur) eine hohe thermische und chemische Stabilität (Rüden, Berlin). Die derzeit angewendeten Sterilisationsverfahren bieten keinen ausreichenden Infektionsschutz. Hygiene-Richtlinien des Robert Koch-Instituts Berlin (RKI) für Personal-Verhalten, Desinfektion und Sterilisation von Instrumenten sowie Raum- und Flächendesinfektion bei und nach medizinischen Eingriffen an Patienten mit vermuteter oder nachgewiesener CJK liegen vor (Simon & Pauli, Bundesgesundhbl 7: 279-285; 1998). Wichtig ist, daß vor jeder Desinfektion sämtliche Gewebereste von den Instrumenten mechanisch entfernt werden müssen, möglich auch durch Ultraschallbehandlung (Rüden, Berlin). Dies wiederum beinhaltet eine Gefährdung des Personals durch Aerosole. Desinfektion mit Natronlauge (1 - 2 M NaOH) und nachfolgende Dampfsterilisation bei 134ˇC über 1 Stunde oder Verbrennung des Materials bei >800ˇC werden als sicher eingestuft. Nicht dampfsterilisierbare Instrumente und Materialien sind zu vermeiden und stattdessen Einmalmaterial einzusetzen (Simon & Pauli, Bundesgesundhbl 7: 279-285; 1998). In Diskussion und Vorbereitung sind Empfehlungen zum Management bei operativen Eingriffen am asymptomatischen, möglicherweise mit PrPSc infizierten Patienten (Tel. Auskunft, RKI). Zur Vermeidung der Übertragung von nvCJK bei Bluttransfusionen ist spätestens ab dem
1. Oktober 2001 die Leukozytendepletion von zellulären Blutprodukten zur Transfusion verpflichtend (Bundesanzeiger Nr. 174 vom 14. 09. 2000).


Literatur


Aguzzi A. (2001) Blood simple prion diagnostics. Nature Med 7: 289-290
Eckert et al. (2001) Fragen und Antworten zum Rinderwahnsinn (BSE). Naturwiss Rundschau 54: 1-7

Fischer et al. (2000) Binding of disease-associated prion protein to plasminogen. Nature 408: 479-483

Fröhlich et al. (2001) Das Hepatitis-ABC. Med Welt 52: 109-114
Prusiner SB. (1984) Some speculations about prions, amyloid, and Alzheimer's disease. N Engl J Med 310: 661-663

Prusiner SB. (2001) Neurodegenerative diseases and prions. N Engl J Med 344: 1516-1526

Read A. & Taylor H. (2001) The ecology of genetically diverse infections. Science 292: 1099-1102

Roudiére L. & Viard JP. (2000) Osteonecrosis of the hip, lipodystrophy and antiretroviral treatment. AIDS 14: 2056

Scott et al. (1999) Compelling transgenic evidence for transmission of bovine spongiform encephalopathy prions to humans. Proc Natl Acad Sci USA 96: 15137-15142

Simon D. & Pauli G. (1998) Krankenversorgung und Instrumentensterilisation bei CJK-Patienten und CJK-Verdachtsfällen. Bundesgesundhbl 7: 279-285

Zerr I. & Poser S. (2001) Spongiforme Encephalopathien des Menschen. Bundesgesundhbl 44: 341-349

 

4. BAKTERIELLE MULTIRESISTENZ

Die Existenz von Resistenzgenen, die beim Erreger primär oder erworben sein können (z. B. durch Plasmid-Gen-Transfer), und der Selektionsdruck durch Behandlung mit Antbiotika führen zur Resistenzentwicklung (Werner, Wernigerode). Zunehmende Resistenzentwicklung vieler Keime ist ein nicht zu übersehendes Problem und kompliziert die antibiotische Therapie. Wichtige Resistenzmechanismen sind Inaktivierung der Hemmsubstanz (z.B. bei Penicilin durch Bildung von b-Lactamasen), verminderte Penetrationsfähigkeit durch die Zellwand von Gram-negativen Bakterien (Veränderung von Zellwand-Porinen), Veränderung der Affinität von Bindungsproteinen (Penicillin-bindende Proteine) für Antibiotika und vorschneller Efflux aus der Zelle (Werner, Wernigerode). Unterschiedliche Resistenzmechanismen können gleichzeitig zusammenwirken. Resistenzen sind spezifisch für Erreger, Antibiotikum und medizinisches Versorgungsgebiet. Es besteht lokal eine direkte Korrelation zwischen der Häufigkeit des Einsatzes des jeweiligen Antibiotikums und der Zunahme resistenter Erregerstämme auf das eingesetzte Medikament. Schätzungen gehen davon aus, daß 40 % aller Antibiotika hinsichtlich Dosierung, Dauer und Kombinationstherapie nicht adäquat angewendet werden (Ruf, Leipzig). In Deutschland ist die Resistenz für Methicillin-resistente Stämme von Staphylococcus aureus (MRSA) in den letzten Jahren von 1,5 % auf 15,2 % der getesteten Patienten-Proben angestiegen (in Italien auf 26 %, in USA auf 35 %, in Dänemark und Holland <1 %). Zu beachten ist das Wirtsreservoir resistenter Erreger. Geschätzt wird, daß z.B. die gesunde Bevölkerung in Deutschland zu 1 % mit MRSA, Personen im Pflegeheim zu 2,4 % und im Krankenhaus tätige Personen bis nahezu 15 % besiedelt sind (Werner, Wernigerode). Weitere Problemkeime sind die Glycopeptid-resistenten Stämme von Enterokokken (GRE) mit einer Resistenz von 3 - 4 % der untersuchten Patienten-Proben in Deutschland (in USA 24 %), die multiresistenten Coagulase-negativen Staphylokokken, Ciprofloxacin- bzw. Cotrimoxazol-resistente E. coli, Carbapenem-resistente Stämme von Pseudomonas aeruginosa und weitere wie z.B. der multiresistente Subtyp DT 104 von Salmonella typhimurium. Im Jahr 1992 betrug in Deutschland der Anteil Penicillin-resistenter Stämme bei Pneumokokken 1,6 %, 1999 bereits 5,4 % (Ewig, Bonn). Auch die Makrolid-Resistenz von Pneumokokken hat deutlich zugenommen (nachgewiesen in 15 % bei Proben von Erwachsenen, in 25 % bei Kindern im Jahr 2000; Reinert, Aachen). In anderen Industrienationen liegt die Penicillin-Resistenz für Pneumokokken weitaus höher (z.B. für 1999 in Spanien bei 37 %, in Frankreich bei 45 %), während die Makrolidresistenz in Spanien 35 %, in Frankreich 58 %, in USA 40 % und in Japan bereits 78 % betrug (Appelbaum, Philadelphia).

Teil 2 des Kongreßbericht, der sich u.a. mit nosokomialen Infektionen im Krankenhaus und der Reisemedizin befaßt, folgt in der Septemberausgabe dieser Zeitschrift.


Anschrift der Verfasserin:
Ulrike von Hase
Fachärztin für Innere Medizin
Funktionsoberärztin Infektiologie
Klinikum Hannover-Nordstadt
Medizinische Klinik
Haltenhoffstr. 41
30167 Hannover

 
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Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 13.08.2001.

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