aktualisiert am: 08.09.2000
niedersaechsisches aerzteblatt
 

09/2000


Traumazentrierte Psychotherapie auf einer Spezialstation für Frauen


Viele schwere psychische Symptombildungen und Persönlichkeitsstörungen weisen eine hohe Inzidenz von Traumatisierungen in der Kindheit auf, besonders die Borderline-Persönlichkeitsstörung. Als Kindheitstraumata gelten insbesondere aggressive Kindesmißhandlung, sexualisierte Gewalt, Deprivation, Gewalterfahrung von Familienangehörigen untereinander, Elternteilverlust, schwere schmerzhafte Kinderkrankheiten und Kriegserfahrungen.

Die Psychodynamik der Traumabewältigung: Ein traumatisches Ereignis ist ein intensives Geschehen, das aufgrund seiner Plötzlichkeit oder Heftigkeit die Verarbeitungsfähigkeit des Ich für Streßreize massiv überfordert. Ein Stressor löst reflexhaft auf neuronalem und hormonellem Weg die Fähigkeit zur Streßbewältigung durch Kampf oder Flucht aus. Problematisch wird es, wenn ein Streß weder durch Kampf noch durch Flucht bewältigt werden kann. Im Tierreich ist die Situation des "inescapable shock" potentiell lebensgefährlich. Menschen können Ohnmacht-Situationen durch dissoziative Mechanismen (Wahrnehmungsveränderung) beeinflussen: Sie können den Körper per Depersonalisation verlassen, die äußere Realität per Derealisation.

Nach einem Trauma schwankt ein Mensch physiologischerweise zwischen Phasen der Intrusion (Flash-backs und Reaktualisierungen des Traumas) einerseits und Phasen der Konstriktion (Stumpfheit, Anhedonie und Teilnahmslosigkeit) andererseits. Triggerreize können unverarbeitete traumatische Szenen und Erfahrungsfragmente "triggern". Alte Bilder können die Gegenwart und die aktuellen Beziehungen überlagern, so daß der Getriggerte "im falschen Film" ist. Solche Triggerreize können phobisch oder zwanghaft vermieden werden. Intrusionen und dissoziative Zustände können durch Abususverhalten oder reizvolle Lebensgestaltung abgewehrt werden. Für viele Patientinnen mit dissoziativen Störungen ist selbstverletzendes Verhalten (SVV) das sicherste Antidissoziativum.

Seit Juni 1996 haben wir in der Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie NLKH Göttingen die Station 9 für inzwischen 18 Frauen mit traumabedingten Symptombildungen, überwiegend SVV eingerichtet. Dr. Luise Reddemann hat in Bielefeld eine Therapiestrategie entwickelt, die wir übernommen haben.

Praktisch alle traumazentrierten Behandlungsstrategien gliedern sich in drei Phasen:

1. Stabilisierungsphase
2. Traumaexposition und Abtrauern
3. Neuorientierung

Ziel der Stabilisierungsphase ist die gründliche Information der Patientin und die Schulung ihrer Imaginationsfähigkeit. Das therapeutische Vorgehen nutzt die Coping-Strategien der Patientinnen, nämlich Dissoziation, Imagination und Spaltung.

Die Traumaexposition geschieht durch drei Techniken:
Als wesentlichste Traumaexpositionstechnik steht uns Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) von Francine Shapiro zur Verfügung. Shapiro und Mitarbeiter vertreten die Auffassung, daß unser Gehirn eine angeborene Tendenz hat, Ereignisse und Informationen so zu verarbeiten, daß sie erträglich und integrierbar werden. Wichtig ist dabei die Arbeit des Traumes, der nachts die verschiedensten Informationen abgleicht. Diese Integration ist bei traumatischen Erfahrungen behindert.

Die sogenannte "Bildschirmtechnik" stammt aus der Hypnotherapie und der verhaltenstherapeutischen Desensibilisierung. Patientin und Therapeut betrachten sich gemeinsam auf einem imaginierten Bildschirm das traumatische Ereignis distanziert, dissoziiert wie in einem alten Film. Mit Hilfe einer vorgestellten Fernbedienung, die Patientin und Therapeut beide benutzen können, wird der Film immer wieder angehalten, sogar zurückgespult, betrachtet und geschildert. Dadurch soll eine Dekompensation mit Affektüberflutung und ein retraumatisierendes Abrutschen in die traumatische Situation möglichst begrenzt werden. Noch schonender ist die "Beobachtertechnik": distanzierte Betrachtung aus der Vogelperspektive.

Die dritte Traumaexpositionstechnik ist die regressionstherapeutische "Fahrstuhltechnik". Sie ist geeignet, eine vorsichtige Annäherung an abgespaltene, abgewehrte, verdrängte Erfahrungen zu ermöglichen.

Traumazentrierte Psychotherapie versteht sich heute nicht mehr als Katharsis (Reinigung) von belastenden Erinnerungselementen. Traumaexposition dient der Traumasynthese. Intrusionen und Flash-backs sollen zu Erinnerungen werden, die erträglich sind und nicht mehr den Einsatz dissoziativer Mechanismen erforderlich machen. Unser Therapieziel ist erreicht, wenn eine Patientin alles, was ihr im Leben widerfahren ist oder widerfahren sein könnte, emotionsgetragen erinnern kann, ohne Symptome entwickeln zu müssen.

Die Traumaexposition geschieht in einem stationären Behandlungsrahmen mit ressourcenzentrierten, nicht konfliktzentrierten Angeboten. Die Körpertherapie in Form von Aromatherapie, Qi Gong, Feldenkrais und Selbstbehauptungstraining ist stabilisierend und grenzverstärkend, nicht mobilisierend.

Prof. Dr. med. Ulrich Sachsse
NLKH Göttingen
Fachklinik für
Psychiatrie und Psychotherapie
Roßdorfer Weg 70
37081 Göttingen
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