aktualisiert am: 29.08.2002
niedersaechsisches aerzteblatt
 

08/2002


Argumente für die KVN: Das Märchen von der "Kostenexplosion"

Dr. Uwe Köster


Unser Gesundheitssystem ist in die Diskussion gekommen. Oder ins Gerede - je nach Standpunkt. Zu teuer, zu ineffektiv sei es, behaupten Politiker und ihre wissenschaftlichen Berater. Die Schuldigen sind meist schnell ausgemacht: Die Ärzteschaft und ihre Selbstverwaltung. Sie würden sich auf Kosten der Versicherten bereichern, zu viel verschreiben, Ressourcen verschwenden und alle Sparappelle aus reinem Besitzstandsdenken heraus unterlaufen. Die Folge: Eine "Kostenexplosion" im Gesundheitswesen, von der die Ärzte mit überhöhten Einkünften profitieren. Was ist dran an diesen Vorwürfen?

"Die Gesundheitsausgaben sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Diese 'Kostenexplosion' hat zu immer neuen Beitragserhöhungen der Gesetzlichen Krankenversicherung geführt."

Das Schlagwort von der "Kostenexplosion" ist in aller Munde. Doch bei genauem Hinsehen gibt es dieses Phänomen eigentlich nicht. Überschaut man die letzten 25 Jahre, so läßt sich kein nennenswerter Anstieg der Gesundheitsausgaben im Verhältnis zum Volkseinkommen feststellen. Der Anteil aller Gesundheitsausgaben am Bruttosozialprodukt stieg in Westdeutschland von 9,1 Prozent im Jahr 1975 auf 9,2 Prozent im Jahr 2000 an. Mit anderen Worten: Die Summe aller Gesundheitsausgaben ist zwar gewachsen, doch nur in dem Maße, in dem auch das gesamtgesellschaftliche Einkommen gestiegen ist. Von einer "Kostenexplosion" kann also keine Rede sein.

Entsprechend stabil waren auch die Krankenkassenausgaben: Sie stiegen in Westdeutschland von 5,67 Prozent des Bruttosozialproduktes im Jahre 1975 auf 6,19 Prozent im Jahre 2000. Etwas anders sieht es aus, wenn man ab Beginn der 90er Jahre Ostdeutschland mit einberechnet. Auf Gesamtdeutschland bezogen sind die Kassenausgaben auf 10,7 Prozent des Bruttosozialproduktes im Jahr 2000 gestiegen. Doch dabei vergleicht man eigentlich Äpfel mit Birnen.

Denn: Mit einer Ausweitung der Ausgaben für Gesundheit hat das nichts zu tun. Vielmehr ist das Bruttosozialprodukt in den neuen Bundesländern sehr viel niedriger als in den alten. Der medizinische Standard dagegen nähert sich dem in den alten Bundesländern an. Deshalb zahlen die Kassen dort, prozentual gerechnet, mehr.

Allerdings mußten die Versicherten in den vergangenen Jahren immer mehr für die gesetzliche Krankenversicherung zahlen. So stiegen die Beitragssätze in den alten Bundesländern von durchschnittlich 11,3 Prozent (1975) auf 13,5 Prozent (2000). Dies liegt nicht an den explodierenden Ausgaben der Krankenkassen, sondern an deren sinkenden Einnahmen.
"Dennoch wollen Politik, Krankenkassen und Ärzteorganisationen die Kosten bei Arzneimittelverschreibungen senken. Also wird doch zu viel für Medikamente ausgegeben."

Wenn es um die Gesundheit eines Menschen geht, sollte es ein "zu viel" gar nicht geben. Tatsache ist: Die Kosten für Arzneimittel sind in den letzten Jahren überproportional angestiegen. Der Grund dafür liegt nicht etwa in einer "Verordnungswut" der Ärzte. Vielmehr ist für viele verbreitete Krankheiten wie etwa Bluthochdruck, Diabetes oder Rheuma eine ganze Generation neuer, biotechnisch erzeugter Medikamente auf den Markt gekommen. Sie sind häufig wirksamer und besser verträglich als die herkömmlichen Medikamente, aber auch deutlich teurer. Zugleich steigt die Zahl der älteren Patienten, die solche Medikamente vor allem benötigen, immer mehr an.

Die Ärzte haben keine Wahl, als solche Medikamente zu verschreiben, wenn sie ihre Patienten nicht vom medizinischen Fortschritt ausschließen wollen. Aber darin liegt ja auch eine Chance: Ein teures Medikament kann im Endeffekt "billiger" sein, wenn es Folgeerkrankungen verhindert, Heilungsprozesse verbessert und dadurch vielleicht einen kostspieligen Krankenhausaufenthalt überflüssig macht. Solche Einspareffekte sind aber noch nicht ausreichend untersucht. Noch ist umstritten: Welche neuen Medikamente bringen wirklich einen Behandlungsfortschritt?
Vor allem aber: Zu jedem Krankheitsbild gibt es heute eine Reihe konkurrierender Medikamente. Sie sind in Zusammensetzung und Wirkung sehr ähnlich, im Preis aber können gewaltige Unterschiede bestehen. Bei rund 40.000 Medikamenten, die in Deutschland zugelassen sind, kann kaum ein Arzt wissen, welches Medikament gerade das billigste in seiner Gruppe ist.

Eine Positivliste verschreibbarer Medikamente, wie Ärzte und Krankenkassen sie seit langem gemeinsam fordern, könnte das Problem lösen. Doch das Gesundheitsministerium hat das bislang nicht geschafft.

"Die Krankenversicherungsbeiträge sind immer mehr gestiegen. Trotzdem klagen die Kassen über Defizite. Warum reicht das Geld denn nicht?"

Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) wäre gesund, wenn man sie nicht ständig überfordern, krankreden und falsch therapieren würde. Ein großes Problem liegt darin, daß die GKV jährlich Milliardenbeträge für Leistungen ausgeben muß, die im Grunde mit der medizinischen Versorgung nicht viel zu tun haben. Ein Beispiel: Die "Riester-Rente", durch die ab 2002 bis zu 4 Prozent des Arbeitseinkommens sozialversicherungsfrei als private Altersvorsorge anlagefähig werden, entzieht der GKV in den nächsten Jahren rund 5 Milliarden Euro. Oder: Die Absenkung der Beitragsbemessungsgrenze für Arbeitslose seit 1985 auf 80 Prozent hat die GKV rund 2,5 Milliarden Euro gekostet. Es gibt noch viele andere derartiger finanzieller "Verschiebebahnhöfe". Sie entlasten den Staatshaushalt, die Arbeitsämter oder die Rentenkasse, bedeuten aber für die Krankenversicherungen einen Verlust von rund 9 Milliarden Euro jährlich. Die stehen für Behandlungen und Medikamente nicht mehr zur Verfügung. Ohne diese Verschiebebahnhöfe wäre die ganze derzeitige Debatte um Einsparungen und Lohnnebenkosten überflüssig.

"Aber auch die Ärzteorganisationen fordern, daß das System der Gesetzlichen Krankenversicherung umgebaut wird, um seine Finanzierung zu sichern. Warum?"

Es ist die Frage, ob unser Gesundheitswesen unter den Rahmenbedingungen, wie sie heute und in Zukunft herrschen, noch auf die herkömmliche Weise finanziert werden kann. Kurz gesagt haben wir keine "Kostenexplosion", sondern eine "Einnahmenimplosion" - die Einnahmen der GKV sinken seit Jahren ab. Diese Situation wird sich verschärfen. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Zum einen leisten wir uns seit vielen Jahren eine hohe Arbeitslosenquote. Für Arbeitslose werden aber nur verminderte Krankenkassenbeiträge gezahlt. Das Problem verstärkt sich durch den demographischen Wandel: Die Zahl der Arbeitnehmer, die in die GKV einzahlen, wird in Zukunft immer mehr abnehmen. Die geburtenstarken Jahrgänge von früher gehen dagegen allmählich in Rente. Rentner zahlen ebenfalls weniger Krankenkassenbeiträge, aber erfahrungsgemäß benötigen sie häufiger ärztliche Hilfe. Weniger Einnahmen stehen in Zukunft also immer mehr Leistungsempfänger gegenüber, die immer häufiger eine immer kostspieligere medizinische Versorgung benötigen.

Zum andern aber haben sich auch die Einkommensverhältnisse geändert: Die Lohnquote, also der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen, ist immer mehr gesunken. Viele Menschen sind zu Wohlstand gekommen: Fast 40 Prozent des gesamten Volkseinkommens bestehen heute aus Gewinnen und Vermögen. Doch wie vor Jahrzehnten, als die Masse der Menschen relativ wenig Besitz hatte und nur vom erarbeiteten Lohn lebte, berechnen sich die Kassenbeiträge nur aus dem Arbeitseinkommen. Daher gibt es Überlegungen, vielleicht auch andere Arten von Einkommen versicherungspflichtig zu machen. Wären Beschäftigung und Lohnquote seit Mitte der siebziger Jahre konstant geblieben, läge der Beitragssatz zur gesetzlichen Krankenversicherung heute um zwei Prozent niedriger.

"Gibt es nicht einfach zu viele Ärzte? Wenn weniger behandelt würde, würde es auch weniger kosten."

Die Zahl der Ärzte bestimmt ja nicht die Häufigkeit der Erkrankungen. Das lehrt ein Blick auf England: Dort herrschen Ärztemangel und Bettenmangel in den Krankenhäusern, aber die Zahl der Kranken nimmt deswegen nicht ab. Die kommen dann auf Wartelisten. Die Kassenärztlichen Vereinigungen stehen im Interesse der Patienten dafür ein, daß es zu solchen Zuständen in Deutschland nicht kommt.

Im übrigen wird die Zahl der Ärzte in einer Region gemeinsam von den Krankenkassen und den Kassenärztlichen Vereinigungen festgelegt. Die Zulassungsausschüsse prüfen zunächst, ob wirklich Bedarf für einen Arzt einer Richtung besteht. So wird eine Überversorgung mit Ärzten vermieden. Der Anteil für den ambulanten medizinischen Bereich an den Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung ist in den letzten zehn Jahren von 21,7 Prozent auf 16,3 Prozent bundesweit gesunken.

Davon unabhängig: Die Krankenkassen zahlen für die Arzthonorare jährlich ein festes Budget. Das wird nach einem Punkteverfahren auf die Ärzte je nach ihrem Leistungsaufkommen verteilt. Wenn sich die Zahl der Behandlungsfälle oder die Zahl der Ärzte ändert, geht das zu Lasten der gesamten Ärzteschaft. Die Krankenkassen müssen deshalb nicht mehr an Arzthonoraren zahlen.

"Aber verdienen die Ärzte nicht zu viel? Da könnte man doch sparen."

Das Bild von den niedergelassenen Ärzten als Großverdienern hat sich längst relativiert. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik hat erst kürzlich ermittelt: Ein Drittel aller niedergelassenen Allgemeinärzte verdient nicht mehr als 1.600 Euro im Monat. Natürlich gibt es auch die großen, florierenden Praxen, die ihren Besitzern mehr als 5.000 Euro monatlich einbringen.

Das klingt viel. Aber dafür haben Ärzte in der Regel auch eine 60-Stunden-Woche, Bereitschaftsdienste und Fahreinsätze. Die Praxisausstattung ist teuer und muß immer wieder modernisiert werden. Die Sprechstundenhelferinnen erwarten ein regelmäßiges Gehalt - der Arzt erfährt dagegen erst nach Monaten, wie viel er vom "Honorarkuchen" der Ärzteschaft erhält. Für ihn bleibt also ein erhebliches wirtschaftliches Risiko. Und schließlich: Ein Arzt hat eine sehr lange Ausbildungszeit, während der er kaum etwas verdient. Ein höheres Einkommen später ist also auch eine Kompensation für viele Jahre ohne Verdienst und ohne Altersvorsorge.
"Vielleicht würde es genügen, die vielen Abrechnungsbetrüger dingfest zu machen?"

Die "schwarzen Schafe", die unberechtigt Leistungen abrechnen, gibt es. Aber alle Kontrollen der Kassenärztlichen Vereinigungen haben gezeigt: Die überwältigende Mehrheit der Ärzte rechnet korrekt ab.

Die, die es nicht tun, schädigen ihre ärztlichen Kollegen, weil sie sich einen größeren Anteil vom Gesamthonorar erschwindeln. Die Krankenkassen und die Patienten sind davon nicht betroffen, denn das Gesamtvolumen der Ärztehonorare erhöht sich ja nicht. Aber die Kassenärztlichen Vereinigungen verfolgen solche Fälle konsequent. Sie wollen verhindern, daß die ehrlich abrechnenden Ärzte auch noch um den verdienten Lohn für ihren 12-Stunden-Tag gebracht werden.


 
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