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09/1999 | |||||
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Vom 23. bis zum 25. Juni trafen sich, um die grundlegenden Veränderungen der Kommunikationsstrukturen im Gesundheitswesen durch neue Technologien zu diskutieren, Vertreter der verschiedenen Bereiche des Gesundheitswesens in der Evangelischen Akademie Loccum. Zu den Referenten gehörten auch Repräsentanten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Eingeladen hatte das Zentrum für Gesundheitsethik, Hannover, zusammen mit der Evangelischen Akademie Loccum und der Abteilung Medizinische Informatik der Universität Göttingen. Die sprunghaft fortschreitende technische Entwicklung in der Telekommunikation stellt das Gesundheitssystem vor einen grundlegenden strukturellen Wandel. In den letzten Jahren ist aus der Kombination von Telekommunikation und Informatik die Telematik hervorgegangen. Aus dieser Entwicklung heraus sind eine Vielzahl von digitalen Technologien entstanden, die sich zum Teil bereits im Routineeinsatz, zum Teil noch in einer Erprobungs- oder Projektphase befinden. In jedem Fall lassen sich schon heute einschneidende Folgen für die Informations- und Kommunikationsstrukturen absehen. Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Telematik haben die großen gesellschaftlichen Verbände einschließlich der Leistungserbringer im Gesundheitswesen noch nicht ausreichend wahrgenommen. Im Gegenteil, die technische Entwicklung ist der Diskussion zu diesem Thema weit voraus, indem Technologien eingeführt werden, die in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind und die Veränderungen induzieren, die die Fachwelt noch nicht hinreichend durchdacht hat. Eine Technologiefolgenabschätzung und die Suche nach einer ethischen Grundlage für den Einsatz der neuen Technologien im Gesundheitswesen hat bisher noch nicht in ausreichendem Maße stattgefunden. Die Veranstaltungsteilnehmer diskutierten in der besonderen Atmosphäre der Tagungsstätte drei Tage lang intensiv die ethischen Aspekte der neuen Kommunikationstechnologien. Der interdisziplinäre Ansatz der Tagung entsprach dem großen gesellschaftlichen Veränderungspotential telematischer Verfahren in der Medizin.
Der Theologe Professor Alberto Bondolfi aus Zürich diskutierte aufbauend auf den informatischen Grundlagen den theoretischen Bezug, die ethischen Aspekte sowie speziell die Frage der Haftung für menschliche und maschinelle Entscheidungen aufwürfen. Ausgehend von den beiden grundlegenden Fragen, ob denn Informatik eigentlich eine Ethik bräuchte und wie sie denn beschaffen sein sollte, entwarf er eine Technologiefolgenabschätzung. Die Telematik impliziere eine neue Art von Weltbild, war seine Grundthese. Dieses Weltbild gelte es zu interpretieren und die Ethik dazu zu entwerfen und zu ergründen. Die Technik, so stellte er klar, sei per se neutral, so daß es gelte, ihren Einsatz durch den Menschen zu interpretieren. Dabei gäbe es Technologien, deren Einsatz ethisch gesehen (zunächst) weder gut noch böse sei, wie z.B. das Sammeln von Informationen an sich - die "Quantifizierung der Informationsmenge" -, die durch moderne Technologien ermöglicht werde. Die möglichen und realisierten Datensammlungen in heutigen informatischen Systemen überstiegen jegliches menschliche Vorstellungsvermögen, weil sie in der Komplexität ihres Zusammenwirkens gar nicht vollständig zu erfassen seien. Die Vernetzung von Informationen sei somit der zu untersuchende kritische Punkt, weil erst durch sie der "gläserne Menschen" entstehen könne. Alberto Bondolfi forderte in seiner Reflexion eine "ethische Bescheidenheit" im Umgang mit den von Maschinen zur Verfügung gestellten Informationen, weil der Mensch sich bewußt sein müsse, daß die Maschinen - ebensowenig wie der Mensch - allwissend seien. Den vorangegangenen optimistischen, aber nicht unkritischen Stimmen schloß sich der Informatiker Professor Dr. Klaus Brunnstein von der Universität Hamburg mit seinem Vortrag über die Technologiefolgenabschätzung aus der Sicht eines Informationssicherheitsexperten an. Im historischen Vergleich mit der industriellen Revolution sah er im Vordergrund der Informationsgesellschaft eher den Informations- und nicht mehr den industriellen Mehrwert. Seit der Entwicklung der ersten Rechenanlagen in den 40er Jahren unseres Jahrhunderts gäbe es diesen Informations-Mehrwert, der durch die Aggregation und Filterung von Informationen sowie durch die mit ihrer Hilfe getroffenen Entscheidungen erreicht würde. Dabei würden ungeheure Anforderungen an Informationstechnologie-Systeme gestellt, was die Vertraulichkeit, die Funktionalität, die Verläßlichkeit und die Wartbarkeit anbelange. Die Werbung der Industrie, die ein "goldenes Informationszeitalter" heraufbeschwöre, täusche, so Brunnstein. Ein großes Problem sieht er in der Beherrschbarkeit einer Technologie, die durch mangelnde Sicherheitsmechanismen u.a. Möglichkeiten zur kriminellen Manipulation böten. Insgesamt fehle ein Regulativ für diese komplexe Problematik. Er schlug eine Kontrollinstanz vor, die ähnlich wie der Technische Überwachungsverein (TÜV) die Qualität und die Sicherheit von Softwaresystemen überprüfen solle, wobei allerdings nicht die Industrie die Federführung in einer derartigen Einrichtung haben sollte. Auch die Ausstattung von Personal mit informationstechnologischem Know-How sei voran zu treiben, wobei leider immer noch das Zertifikat für Medizinische Informatik der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS) weitgehend unterbewertet werde. Dr. med. Ernst Bruckenberger vom Niedersächsischen Sozialministerium sah große Anwendungspotentiale für die Telematik, ohne jedoch die Notwendigkeit einer geplanten, kontrollierten Einführung und Evaluation dieser Technologien zu unterschlagen. Die Häufigkeit, mit der die gesundheitspolitischen Vorgaben sich derzeit änderten, lasse jedoch die notwendige Sorgfalt bei diesem Unterfangen nicht zu. Telematik und Datenschutz "Wir wissen zwar nicht, wohin wir wollen - dafür sind wir schneller da." ist ein bekanntes Zitat des bayrischen Komikers Karl Valentin, das Reinhard Vetter, der Bayrische Landesbeauftragte für den Datenschutz, seiner Einschätzung der Datenschutzproblematik in der Gesundheitstelematik voranstellte. Die Patientenrechte in der Krankenversorgung ruhten auf fünf wesentlichen Pfeilern: dem Recht auf freie Arztwahl, der Einverständniserklärung des Patienten zur Behandlung, der Einverständniserklärung des Patienten zur Datenverarbeitung, den Auskunfts- und Informationsrechten, sowie dem Recht auf sichere Datenverarbeitung. Diesen Aspekten müßten alle Bereiche der Telematik in der Medizin Rechnung tragen. Den Abschluß der Vorträge bildete eine Einschätzung der Telematik und ihrer Folgen für das Gesundheitswesen durch Robert Paquet vom BKK-Bundesverband. Aus Sicht der Krankenkassen sei der Motor zur Umsetzung der neuen Technologien eine mögliche Kostenreduzierung. Jede neue Technologie, die sie ermöglicht, habe gute Aussichten auf Realisierung, obwohl dabei die Gefahr bestünde, daß sich nach ihrer Installation die sozialen Beziehungen veränderten. Wenn sich alledings die Unmittelbarkeit der Arzt-Patient-Beziehung durch die neue Technologie auflöse, würde vielen bewußt werden, wie sehr die Telematik in das soziale Gefüge eingreife. Aus diesem Grunde sei es dringend geboten, eine Übersicht über laufende Projekte der Gesundheitstelematik zusammenzustellen, die allen Beteiligten im Gesundheitswesen zur Verfügung stehe und damit zu einer allgemeinen Sensibilisierung für die Problematik beitragen könne. Zum Abschluß der Tagung einigten sich Teilnehmer und Referenten auf einen Katalog von Empfehlungen, den sie dem "Aktionsforum Telematik im Gesundheitswesen (ATG)" zugeleitet haben. Die Empfehlungen an das Telematik-Forum haben folgenden Wortlaut: 1. Eine Generaldebatte über die Weiterentwicklung unseres Gesundheitssystems ist notwendig. Die Debatte muß ausgehend von ethischen Normen zu Vorgaben für Verbände, Industrie und Akteure führen, um das Telematik-Potential zugunsten der Patienten gestalten und nutzen zu können. Dabei dürfen technische Systeme menschliche Zuwendung nicht ersetzen. 2. Telematik im Gesundheitswesen muß im Kontext der Entwicklung aller gesellschaftlichen Sektoren in Richtung auf eine Informationsgesellschaft gesehen werden. 3. Die Auswirkungen einer globalen und europäischen Vernetzung der Gesundheitssysteme auf Patienten, Heilberufe und Wertvorstellungen müssen bedacht werden. 4. Die zukünftigen Entgeltsysteme sollen den Einsatz von Telematik fördern. Allerdings müssen sie von Verfahren des Qualitätsmanagements begleitet sein, welche Ergebnis-Merkmale zugunsten der Patienten messen. 5. Angesichts der drohenden Umbrüche durch die Telematik müssen die Rollen der Berufsgruppen neu definiert werden. Vernetzung und Telekooperationen ermöglichen neue Arbeitsabläufe, können aber auch negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben. Die Ausbildung der Gesundheitsberufe muß zur kritischen Nutzung der Telematik befähigen. 6. Die verantwortlichen Personen in den Verbänden und Ministerien müssen im Hinblick auf die Optionen der Telematik fortgebildet werden. 7. Die Mitwirkungsrechte und -pflichten der Patienten sind zu untersuchen und kritisch abwägend neu zu gestalten. Informationsdienste über die Möglichkeiten der Telematik sind notwendig, um Patienten zu informieren und zum kritischen Diskurs und zur kritischen Nutzung zu befähigen. 8. Die Rolle aller Akteure muß im Kontext der Einführung elektronischer Krankenakten mit patientenbezogenen, ggf. lebenslangen Informationen erörtert und gestaltet werden. Große Brisanz wird der Ansammlung von Personenprofilen bis hin zu genetischen Profilen zugemessen. 9. Haftungsfragen beim Einsatz der Telematik müssen geklärt werden. Neue Ideen zur Weiterentwicklung des Datenschutzes und einer Sicherheitskultur und Sicherheitstechnik sind erforderlich. Anschrift der Autoren: Dr. Janko F. Verhey, Dr. Florian Leiner Dr. Tibor I. Kesztyüs Universität Göttingen Abt. Medizinische Informatik Robert-Koch-Str. 40 37075 Göttingen |
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