aktualisiert am: 02.10.2001
niedersaechsisches aerzteblatt
 

10/2001


Der Arzt als Detektiv: Gewaltursachen nicht immer gleich erkennbar

P. Schmidt


Obwohl etwa jede zehnte Frau in ihrer Partnerschaft Gewalt erlebt hat und diese Gewalt oft zur Notwendigkeit von Behandlungen im Krankenhaus oder in der Notaufnahme führt, ist dies in Deutschland in der medizinischen Fachliteratur ein nur wenig diskutiertes Thema. In internationalen Veröffentlichungen wird der Prozentsatz von Frauen, die wegen Verletzungen notfallmäßig behandelt werden müssen und deren Verletzungen durch Angriffe des Partners verursacht wurden mit 9 % (Atlanta) bis 30 % (Kentucky) angegeben. (Zahlen aus Deutschland in der entsprechenden medizinischen Fachliteratur existieren hierzu nicht.)

Die Gewaltanwendung durch den Partner wird im Notfallzusammenhang jedoch oft nicht erkannt.
Welche Merkmale, die Mißhandlungen vermuten lassen, konnten bisher herausgearbeitet werden?
Mißhandlungen erfolgen oft in den Abend- und Nachtstunden, außerdem häufiger an Wochenenden als an Werktagen.
Jüngere Frauen zwischen 16 und 30 Jahren werden häufiger mißhandelt als ältere. Das Risiko steigt bei einer Schwangerschaft insbesondere im letzten Trimenon. Hier erfolgen vor allem Schläge auf Bauch, Brust und Genitalien, die zu höheren Raten an Fehlgeburten, vorzeitigen Wehen und Verletzungen des Fetus führen.

Bei den übrigen Patientinnen sind vor allem Kopfverletzungen führend. So konnte 1996 in Atlanta gezeigt werden, daß zwar "nur" 23 % der dort in einem Jahr vorgestellten Frauen mit Kopf- und Gesichtsverletzungen Gewaltopfer waren, aber 94 % der Gewaltopfer in diesem Bereich Verletzungen erlitten hatten.

Weiterhin sind Verletzungen an üblicherweise von Kleidung bedeckten Körperteilen wie Brust und Bauch häufig, ebenso Abwehrverletzungen, z.B. Frakturen und Hämatome an Unterarmen und Handgelenken. Schließlich sind oft Verletzungen verschiedenen Alters vorhanden, bzw. die Patientinnen suchen die Notaufnahme häufig wegen verschiedener Verletzungen auf.

Auch ein die betroffene Frau in der Notaufnahme isolierendes Verhalten des Partners kann ein Indikator sein. Zusätzlich sind Verletzungen und Unfallmechanismus oft nicht schlüssig, so wird überproportional häufig angegeben, die Treppe heruntergefallen zu sein.
Mißhandlungen werden von den behandelnden Ärztinnen und Ärzten aufgrund einer Vielzahl von Ursachen nicht erkannt. Schwer beizukommen ist hier tief verwurzelten Vorurteilen und Überzeugungen wie etwa "die mißhandelte Frau ist selbst schuld". Fortbildungsmaßnahmen können aber zu einer höheren Rate des Erkennens häuslicher Gewalt führen. Zeitmangel in der Notfallbehandlung wird als weiterer Grund angegeben, die betroffenen Frauen nicht zu Mißhandlungen zu befragen. Demgegenüber reichen wenige im geschützten Rahmen gestellte Fragen zum Screening aus:
• Sind Sie im letzten Jahr von jemandem getreten, geschlagen oder gestoßen worden, wenn ja von wem?
• Fühlen Sie sich in Ihrer derzeitigen Partnerschaft sicher?
• Fühlen Sie sich durch einen früheren Partner bedroht?

Mißhandelten Frauen können dann neben der medizinischen Behandlung auch Betreuungsmaßnahmen bereits im Notfallrahmen angeboten werden.


Anschrift der Verfasserin:
Dr. med. Petra Schmidt
Medizinische Hochschule Hannover
Visceralchirurgie, Station 16
30623 Hannover

 
Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998-2001.
Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 02.10.2001.

Design by Tim Schmitz-Reinthal, webmaster@haeverlag.de.