aktualisiert am: 02.10.2001
niedersaechsisches aerzteblatt
 

10/2001


24. Deutscher Hausärztetag: Ulla Schmidt fordert Stärkung der Hausarztposition


Es ist selten geworden, daß Gesundheitsminister auf Ärztetagen mit Standing Ovations verabschiedet werden. Ulla Schmidt ist auf der Eröffnungsveranstaltung des 24. Hausärztetages in Hannover eben dies gelungen. Doch mit Forderungen nach einer Lotsenfunktion für den Hausarzt, nach Ende des "Doktorhoppings" von Patienten oder nach mehr Ausbildungsplätzen zum Facharzt für Allgemeinmedizin hatte sie ihren Zuhörern ganz offenkundig aus dem Herzen gesprochen.

In der Regel sind Politikerreden zu solchen Anlässen keine programmatischen Reden. Auch Ulla Schmidt wiederholte bei ihrem Auftritt nur ihre bekannten Positionen. Bei der geplanten Gesundheitsreform weist sie den Hausärzten eine Schlüsselfunktion zu. Sie seien notwendig, um angesichts einer älter werden Gesellschaft die Menschen möglichst lange in ihrer angestammten Umgebung versorgen zu können. Die Hausärzte könnten zur "richtigen Versorgung an der richtigen Stelle" beitragen. Eine Einschränkung der freien Arztwahl sieht Schmidt in diesen Vorstellungen nicht: "Der Hausarzt als Lotse hat nichts zu tun mit einer Einschränkung der freien Arztwahl". Das gelte auch für die freie Facharztwahl. Der Gesundheitsministerin ging es mehr um eine Begrenzung des "Doktorhopping" von Patienten. Paralleluntersuchungen seien nicht nur aus Kostengründen nicht hinnehmbar; sie könnten auch dadurch, daß Mediziner ohne Wissen voneinander therapierten, zu Qualitätsverlusten führen. In dem Arzneimittelpass sieht die Gesundheitsministerin einen guten Weg zu mehr Transparenz.
Für ihre gestärkte Rolle im Gesundheitswesen billigte Schmidt den Hausärzten auch einen "angemessenen Anteil an der ambulanten Gesamtvergütung" zu. Sektoralen Budgets, auch getrennt für ambulante und stationäre Versorgung, gab die Ministerin jedoch keine Chance mehr. Für die Vergütungsanteile sah sie eher das Modell der "kommunizierenden Röhren" - was die eine Gruppe für ihre Leistungen mehr erhalte, bekomme die andere entsprechend weniger. In allen Bereichen solle "das Geld der Leistung folgen".

Den Hausarzt der Zukunft sieht Ulla Schmidt in dem Facharzt für Allgemeinmedizin. Die neue Approbationsordnung solle dazu beitragen, die künftigen Hausärzte und -ärztinnen auf die neuen Anforderungen vorzubereiten. Deshalb solle der praktische Unterricht am Krankenbett intensiviert werden. Eindringlich appellierte die Ministerin an die Krankenhäuser, die dafür erforderlichen Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Die Sorge um den ärztlichen Nachwuchs zwinge dazu, notfalls auch nach "geeigneten Instrumenten" dafür zu suchen.

Eine Absage dagegen erteilte die Ministerin den von ärztlicher Seite oft geäußerten Vorstellungen von einer Aufgliederung des GKV-Leistungskataloges in Grund- und Wahlleistungen. Wahlleistungen bedeuteten den Ausschluß von kranken Menschen, Grundleistungen den Ausschluß von Leistungen. Allerdings deutete Schmidt auch an, daß den Patienten dabei eine erhöhte Verantwortung zukäme: "Für seine Gesundheit ist jeder selbst verantwortlich, bei Krankheit tritt die Solidargemeinschaft ein", unterstrich die Ministerin.

Eine Politik der Restriktionen will Schmidt damit nicht verbinden. Es sei künftig Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Krankenkassen, selbst Wirtschaftlichkeits- und Versorgungsziele festzulegen und Konsequenzen bei ihrer Nichteinhaltung zu bestimmen.

Hoppe: Ohne schmerzhafte Eingriffe keine Veränderung

Bundesärztekammerpräsident Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe stellte in seiner Antwort vor allem die Gemeinsamkeiten mit der Position der Ministerin heraus. Man solle das deutsche Gesundheitswesen nicht kaputtreden; es gebe kein besseres im Ausland. Veränderungen seien allerdings unumgänglich. Mehr Wettbewerb müsse es vor allem um die ärztliche Qualität geben. "Die Assoziation 'Arzt und Geld' muß aus den Köpfen", forderte Hoppe. Um zu mehr Transparenz bei den Kosten zu kommen, regte Hoppe die Einrichtung einer neutralen Instanz zur Auswertung der Gesundheitsdaten an. Die Krankenkassen seien als Träger einer solchen Einrichtung, da selbst Partei, ungeeignet. Die Finanzierung des Gesundheitssystems sei auf eine breitere Grundlage zu stellen.

Zu seinen Forderungen gehörte auch ein Überdenken des ärztlichen Berufsrechts beim Thema "Werbeverbot" sowie eine Stärkung der Prävention. Das deutsche Gesundheitssystem sei noch zu sehr auf die kurative Medizin ausgerichtet. Dabei hätten die Patienten, gerade auch chronisch Kranke, wesentlichen Anteil an ihrer Heilung.

Eine leitliniengestützte Medizin befürwortete Hoppe, schränkte jedoch ein: "Leitlinien erfassen nur rund 30 Prozent der Prozesse, bei den übrigen 70 Prozent ist das Vertrauen der Patienten in die Behandlung des Arztes entscheidend." Hoppe, der selbst aus dem fachärztlichen Bereich kommt, brachte abschließend insbesondere seine Sorge um die Sicherstellung der Versorgung mit Allgemeinmedizinern zum Ausdruck. Viele junge Ärzte machten von der Approbation keinen Gebrauch, sondern wanderten in andere medizinische Bereiche ab.

Kossow: "Hauch von Arroganz bei Kassenvertretern"

Den Besorgnissen um eine ausreichende Versorgung mit Allgemeinmedizinern widersprach BDA-Präsident Klaus-Dieter Kossow. Bis 2008 gäbe es voraussichtlich keine Probleme bei der Neubesetzung von Hausarztpraxen.

Mit Nachdruck trat Kossow Überlegungen entgegen, die auf eine Auflösung der kassenärztlichen Vereinigungen und ihres Sicherstellungsauftrages hinauslaufen. Unerläßlich sei eine Organisation, die die gleiche Vertragsmacht wie die Krankenkassen repräsentiere. Einige Kassenvertreter, so rügte er, offenbarten jetzt schon einen "Hauch von Arroganz". Nur ein Kollektivvertragssystem sei dem ärztlichen Stand angemessen. "Der ärztliche Beruf ist kein Gewerbe", rief Kossow unter dem Beifall der Delegierten, "daher sollte er auch nicht unter Druck gesetzt werden."

Wahltarife für Versicherte im Kombination mit Anreizverfahren könnten ein Mittel sein, um die gesetzliche Krankenversicherung zu entlasten. Zugleich forderte Kossow, die Hausärzte an den für die geplanten Disease-Management-Programme bereitgestellten Mitteln zu beteiligen. Kossow sah den Hausarzt als Koordinator in den Disease-Management-Programmen. Das erfordere auch eine besondere Honorierung.

"Qualität" definierte der BDA-Präsident auch unter Kostengesichtspunkten. Sie erfordere es auch, den Patienten dort zu behandeln, wo es am kostengünstigsten möglich sei. Haus- und Fachärzte sollten im Interesse der Qualität zusammenwirken und bei der Behandlung aufeinander aufpassen.

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sperrte sich in einer kurzen Replik nicht grundsätzlich gegen die Idee, den Krankenversicherten Wahlleistungen anzubieten. "Wenn jemand zu wissen glaubt, was ihm gut tut, dann kostet ihn das eben mehr".
r.
 
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