aktualisiert am: 13.11.2000
niedersaechsisches aerzteblatt
 

11/2000


Posttraumatische Belastungsstörungen - nicht nur ein Frauenthema Impressionen vom 3. Niedersächsischen Ärztinnentag


Eher Täter denn Opfer? Bei weiblichen Patienten: lediglich "Hysterie" oder doch eher ernst zu nehmendes und auch ernstgenommenes Gesundheitsproblem mit erheblicher epidemiologischer Dynamik? Der 3. Niedersächsische Ärztinnentag am 4. Oktober im Ärztehaus Hannover bereitete das Generalthema "Posttraumatische Belastungsstörungen - Trauma ohne Ende?" (beileibe kein exklusives für, aber vorwiegend auf Frauen bezogenes Problem) unter mehreren Aspekten auf. Konkret hieß dies: entwicklungsgeschichtlicher Abriß, Überblick über aktuelle Therapieangebote und - in Darstellung einer besonderen Ausprägung des Krankheitsbildes - die "Gewalt gegen Frauen im Krieg". (vgl. auch niedersächsisches ärzteblatt 9/2000, Seite 3ff und den Beitrag "EMDR - Eine neue psychotherapeutische Behandlungsmethode für Patienten mit Posttraumatischer Belastungsstörung" ab Seite 6 in diesem Heft.)

Worum geht es?

Die zehnte Revision der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, kurz ICD-10-SGB-V genannt, beschreibt unter der Gliederungsziffer F43.1 die Posttraumatische Belastungsstörung als "ein Leiden, das als eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß (entsteht), das bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Prädisponierende Faktoren wie bestimmte, z.B. zwanghafte oder asthenische Persönlichkeitszüge oder neurotische Erkrankungen in der Vorgeschichte können die Schwelle für die Entwicklung dieses Syndroms senken und seinen Verlauf erschweren (...)." Nach einer ausführlichen Darstellung der typischen Merkmale, darunter übermäßige Schreckhaftigkeit und Schlafstörungen, Angst und Depression, Suizidalgedanken, heißt es weiter: "Der Beginn folgt dem Trauma mit einer Latenz, die wenige Wochen bis Monate dauern kann. Der Verlauf ist wechselhaft, in der Mehrzahl der Fälle kann jedoch eine Heilung erwartet werden. Bei wenigen Betroffenen nimmt die Störung über viele Jahre einen chronischen Verlauf und geht dann in eine andauernde Persönlichkeitsänderung über."

Der politische und gesellschaftliche Kontext

Heidi Merk, niedersächsische Ministerin für Frauen, Arbeit und Soziales, zugleich Schirmherrin des Ärztinnentages, und die stellvertretende Kammerpräsidentin Dr. med. Cornelia Goesmann stellten das Tagungsthema in einen politischen und gesellschaftlichen Kontext, wonach die Form physischer und psychischer Gewalteinwirkung, z.B. durch Kriege, Vertreibung, Rassenhaß, Ausgrenzung, aber auch in Form von Erziehungsdefiziten, Partnerschaftsproblemen oder, wie Dr. Christine Ebert-Englert, Oberärztin für Neurologie und Psychiatrie am Niedersächsischen Landeskrankenhaus Göttingen es ausdrückte, Resultat nicht beherrschter Aggressivität und Sexualität, die Basis für späteres Leiden und Krankheitsgeschehen bildeten. Nicht selten fänden sich dabei Fälle, z.B. Vergewaltigungen, in denen man gegenüber überlebenden Gewaltopfern besser nicht von versuchtem Mord, sondern von vollendetem Seelenmord sprechen sollte.

Heidi Merk, die sich vor den gut 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmern selbst wegen eines in der Türkei erlittenen Verhörs als persönlich Betroffene zu erkennen gab, wünschte sich eine moderne gesellschaftspolitische Ethik (auch in globalem Maßstab), die da heißt: "Wir dürfen konkurrieren und uns gegenseitig das Leben schwer machen, wir dürfen uns mit Worten angreifen und uns gegenseitig politisch bekämpfen - aber wir dürfen uns nicht gegenseitig traumatisieren. Es gibt kein Unrecht der Vergangenheit, keinen Glauben, keine politische Überzeugung, die uns berechtigen, einer oder einem Andersdenkenden das Leben zu nehmen, ihr oder ihm damit zu drohen, sie oder ihn zu vergewaltigen, Kinder, Partnerinnen oder Partner, Verwandte, Freundinnen oder Freunde körperlich zu schädigen und eine Gemeinde oder ein Zuhause zu zerstören."

Der stufentherapeutische Ansatz

Vor diesem Hintergrund ist nach Goesmanns Auffassung auch die ärztliche Selbstverwaltung gefordert, über ihren eigenen engeren Verantwortungskreis hinaus - dazu gehören eine entsprechende Qualitätssicherung in der Behandlung von Traumata-Opfern durch Weiter- und Fortbildung - aktiv zu werden. Die speziell in Niedersachsen betriebenen Projekte wie die Betreuung abgelehnter Asylbewerber, Obdachloser oder von Abschiebung bedrohter, vielfach auch traumatisierter Personen zeigten, daß die Kammern ein Recht auf Stellungnahme zu gesellschaftspolitischen Fragen dann beanspruchten, wenn ärztliche Arbeit direkt hiervon betroffen sei. Auch die Vizepräsidentin sprach sich dagegen aus, die wissenschaftliche und politische Diskussion über Posttraumatische Belastungsstörungen und ihre Behandlungsmöglichkeiten voneinander zu trennen. Sie plädierte nachdrücklich dafür, den bislang erreichten und gesellschaftlich allgemein akzeptierten Stand der medizinischen und psychotherapeutischen Betreuung von Unfall- und Katastrophenopfern auch auf diese besonderen Patienten- und Patientinnengruppen zu übertragen. Ob es dafür in jedem Falle ausgedehnter psychotherapeutischer Maßnahmen bedarf, sei dahingestellt. Aus einer von Goesmann zitierten, nicht repräsentativen Umfrage jedenfalls gehe hervor, daß in sehr vielen Fällen traumatische Erlebnisse zunächst einmal in Form eines "einfachen" Arzt-Patienten-Gesprächs bewältigt werden sollten. Die hier angedeutete Schlüsselrolle der haus- oder fachärztlichen Eingangsversorgungsebene ist nach Ansicht der Standespolitikerin anhand einer verbesserten Qualifizierung dieser Arztgruppen zu optimieren.
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