aktualisiert am: 13.11.2000
niedersaechsisches aerzteblatt
 

11/2000


Polio-Eradikation: Startprobleme mit dem AFP-Surveillance - Zu wenig Kliniken beteiligen sich am WHO-Projekt

M. Engel


Im Jahre 2005 soll die Welt poliofrei sein. Das ist der erklärte Wille der Vereinten Nationen im Zusammenspiel mit der Weltgesundheitsorganisation und Unicef. In der Tat stehen die Zeichen günstig: Erkrankungszahlen gingen in den vergangenen Jahren weltweit rapide zurück, sogar die ärmsten Länder der Erde können optimistisch in die Zukunft schauen. In Deutschland ist bereits seit zehn Jahren kein einziger Fall einer autochthonen Kinderlähmung aufgetreten. Gleichwohl ist die wohlhabende Industrienation Bundesrepublik Deutschland in den Augen der WHO immer noch nicht poliofrei wie zum Beispiel die USA und Kanada. Um als Land tatsächlich als "poliofrei" gelten zu können, muß ein Überwachungssystem aufgebaut sein, mit dem es möglich ist, unerwartet auftretende Poliomyelitiserkrankungen schnell zu erkennen und gegen die Weiterverbreitung eingreifen zu können. "Obwohl im Jahr 1998 begonnen, funktioniert das Meldesystem immer noch nicht", beklagt das Niedersächsische Landesgesundheitsamt, das seit 1997 die zentrale Erfassungsstelle der AFP-Fälle für die Bundesrepublik Deutschland ist.

Die Diagnostik ergab folgende Erkrankungen als Ursache der akut auftretenden schlaffen Lähmungen der Extremitäten:
Guillain-Barré-Syndrom: 58 %
Myelitis transversa: 9 %
Sonstige Ätiologie: 15 %
Unklare Ätiologie: 11 %
Kein AFP-Fall: 6 %
Vakzine-assoziierte Polio  1 %

Grundlage des von der WHO geforderten Überwachungssystems ist die Meldung von schlaffen peripheren Lähmungen der Extremitäten bei Kindern bis zum 15. Lebensjahr. Diese Lähmungen, kurz AFP genannt (acut flaccid paralysis), können durch mehrere Erkrankungen, vor allem durch ein Guillain-Barré-Syndrom oder durch eine Myelitis transversa, aber eben auch durch eine Poliomyelitis ausgelöst werden. Mit dem "AFP-Surveillance" wurde von der WHO ein Meldesystem entwickelt, das es ermöglicht, Poliomyelitis-Fälle auch wirklich zu entdecken. Wie andere europäische Länder hat sich die Bundesrepublik Deutschland für den Aufbau der AFP-Surveillance entschieden.

Im Rahmen des Surveillance sollen alle Kinder bis zum 15. Lebensjahr mit entsprechenden Symptomen zentral gemeldet werden. Nationale Erfassungsstelle ist das Niedersächsische Landesgesundheitsamt in Hannover. Im Verdachtsfall werden innerhalb von 14 Tagen im Nationalen Referenzzentrum für Poliomyelitis am Robert-Koch-Institut Berlin zwei Stuhlproben auf Enteroviren untersucht. Die Labordiagnostik ist kostenlos. Bei der abschließenden Follow-up Befragung wird nach der Abschlußdiagnose sowie nach eventuellen Restparesen gefragt, dies alles, um Poliomyelitis ganz sicher ausschließen zu können.

Seit März 1998 wird auch in Deutschland das AFP-Surveillance durchgeführt. Derzeit beteiligen sich "prinzipiell" 239 neurologische und 384 pädiatrische Kliniken aus der gesamten Bundesrepublik an diesem Überwachungssystem. Die Kliniken haben sich bereit erklärt, jedes Kind mit einer akut aufgetretenen schlaffen Lähmung der Zentralen Erfassungsstelle am Niedersächsischen Landesgesundheitsamt zu melden und Stuhluntersuchungen am Robert-Koch-Institut durchführen zu lassen. Jährlich wird von einem AFP-Fall pro 100 000 Kinder dieser Altersgruppe ausgegangen. Die WHO rechnet mit mindestens 130 Kindern in Deutschland, die eine akut auftretende schlaffe Lähmung erleiden. Im Sinne dieser Definition wird die Bundesrepublik von der WHO erst dann als poliofrei zertifiziert, wenn bei etwa 130 Kindern jährlich im Rahmen des AFP-Surveillance eine Poliomyelitis ausgeschlossen werden konnte.

Das Meldeverhalten der teilnehmenden Kliniken entspricht - zur Überraschung im Niedersächsischen Landesgesundheitsamt - leider immer noch nicht den Erfordernissen. Zur Zeit wird kaum die Hälfte der erwarteten Kinder gemeldet. Aus einigen Bundesländern haben die Meldungen seit 1998 zwar zugenommen, insgesamt sind aber die Melderaten mit rund 40 Prozent noch weit vom notwendigen Stand entfernt. Auf Grund der geringen Meldezahlen der ersten zwei Jahre wurde im September 1999 ein "Nullmeldesystem" eingeführt. Danach erfolgt bei allen beteiligten Kliniken jeden Monat eine schriftliche Abfrage, ob in dem jeweiligen Vormonat ein Kind entsprechend der Falldefinition behandelt wurde. Die Fragebögen werden zu einem hohen Anteil von 90 bis 95 Prozent zurückgesandt. So lassen sich Krankheitsfälle rückwirkend erfassen, ohne allerdings die erforderlichen Stuhluntersuchungen durchführen zu können. Ohne virologische Diagnostik sind diese Daten eigentlich wertlos, dennoch werden sie in der Statistik gegenüber der WHO geführt.

Über die Gründe für die geringen Meldezahlen läßt sich nur spekulieren. Wesentlicher Punkt, so das Niedersächsische Landesgesundheitsamt, seien die geringen Fallzahlen. Wenn in einer Klinik statistisch gesehen nur 1-2 AFP-Fälle pro Jahr auftreten, wird das Surveillance verständlicherweise immer wieder vergessen. Seit kurzem verschickt die Erfassungsstelle am Landesgesundheitsamt in Hannover etwa alle zwei Monate ein "Polio-Info" mit den neuesten Daten aus dem AFP-Surveillance. Ob's hilft, das ist zur Zeit die große Frage. Hoffnungen jedenfalls sind berechtigt, die Melderaten gehen langsam nach oben.

Während alle anderen europäischen Länder inzwischen ein weitgehend funktionierendes Überwachungssystem für die Polio-Eradikation aufgebaut haben, ist man in der Bundesrepublik Deutschland noch weit davon entfernt. Dies ist nicht nur in den Augen der internationalen Staatengemeinschaft blamabel, sondern verzögert auch das angepeilte Ziel der weltweit erklärten Polio-Eradikation und das damit verbundene Ziel, Polio-Impfungen gänzlich abzuschaffen.


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Michael Engel
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