aktualisiert am: 13.11.2000
niedersaechsisches aerzteblatt
 

11/2000


"Kein Grund zur Entwarnung" - LGA-Präsident Prof. Adolf Windorfer im Gespräch


Seit zehn Jahren ist in Deutschland kein einziger Fall von Kinderlähmung aufgetreten. Könnte da nicht längst Entwarnung gegeben werden?

Dem ist leider nicht so und zwar aus verschiedenen Gründen. Zum einen grassiert immer noch in vielen Ländern der Welt das Virus - insbesondere in Afrika und Asien. Im Zeitalter des internationalen Flugverkehrs sind natürlich auch die Erreger sehr mobil. Auf der anderen Seite nimmt der Impfschutz der Bevölkerung ab.

Polioschutzimpfungen gehören doch aber zum Standardprogramm jeder pädiatrischen Praxis?

Stimmt. Gleichwohl gibt es seit 1998 gravierende Veränderungen. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde Lebendimpfstoff oral verabreicht. Vor zwei Jahren wurde diese Schluckimpfung abgeschafft, weil die Gefahr der sogenannten vakzine-assozierten Poliomyelitis als zu hoch eingeschätzt wurde. Tatsächlich kam es in der Vergangenheit vereinzelt zu Polio-Erkrankungen, ausgelöst durch die Impfung, was in einem Land ohne Kinderlähmung zwangsläufig zu erheblichen Akzeptanzproblemen führt. Die Polioimpfung mit Totimpfstoff ist in dieser Hinsicht zwar ungefährlich, dafür haben wir aber andere Probleme.

Und die wären?

Einmal die zeitlich begrenzte Immunität, das heißt, spätestens nach zehn Jahren muß unbedingt eine Auffrischung erfolgen, und außerdem ist nur die geimpfte Person geschützt. Bei der früheren Schluckimpfung wurde das Virus einige Tage lang über den Stuhl ausgeschieden, was dazu führte, daß die ganze Familie als "Toilettengemeinschaft" automatisch mitgeimpft wurde. Dieser medizinisch gewünschte Nebeneffekt funktioniert beim Totimpfstoff leider nicht mehr. Aus diesen Gründen müssen wir langfristig mit einer Abnahme der Immunität in der Bevölkerung rechnen. Heute schon sind nur 90 Prozent der Menschen hier zu Lande gegen Polyomyelitis Typ 3 geschützt - Tendenz abnehmend. Deshalb mein Appell an alle Ärzte: nicht nachzulassen im Kampf gegen Polio, eine Impfung ist heute wichtiger denn je.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das WHO-Projekt "Polio-Eradikation in der Bundesrepublik Deutschland"?

Eradikation bedeutet Eliminierung von Erregern. Das haben wir in Deutschland mit Blick auf Polio zum Glück geschafft, doch so soll es langfristig auch bleiben. Die Gefahren, die uns hier drohen, habe ich mit dem Reiseverkehr bereits angesprochen. Mit das AFP-Surveillance verfügen wir jetzt über ein aktives Nullmeldesystem, das bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt Alarm auslösen kann, sollten tatsächlich einmal Polio-Infektionen auftreten. Die immunologische Überwachung ist ohne Zweifel die Voraussetzung für schnelles Handeln. Aus gutem Grund stellt die WHO das Zertifikat "poliofrei" nur dann aus, wenn das Meldesystem lückenlos funktioniert. Doch davon kann in Deutschland keine Rede sein.

Nun hat das Niedersächsische Landesgesundheitsamt als nationale Erfassungsstelle nicht weniger als 623 Kliniken in Deutschland mit der AFP-Surveillance vertraut gemacht, doch die Rückmeldungen sind eher dürftig.

Ja, das stimmt leider! In Deutschland gehen wir jährlich von 130 Fällen einer akut auftretenden schlaffen Lähmung (AFP) aus. Im vergangenen Jahr wurden aber nur 53 Fälle erfaßt und dokumentiert. In anderen europäischen Ländern, Großbritannien zum Beispiel, funktioniert das AFP-Surveillance nahezu reibungslos, aber dort greift auch ein staatlich gelenktes Gesundheitssystem. Bei uns herrscht das Prinzip der Freiwilligkeit. Der gute Wille bei unseren Pädiatern und Neurologen ist ganz sicher vorhanden, da bin ich überzeugt. Das eigentliche Problem sind die geringen Fallzahlen. Die Kliniken sehen Kinder mit akut auftretenden Lähmungen sehr selten, vielleicht nur einmal in fünf Jahren, da gerät die AFP-Surveillance schnell aus dem Blickfeld.

Meist wird bei einer schlaffen Lähmung die Diagnose Myelitis oder Guillain-Barré-Syndrom gestellt. Reicht das im Sinne der AFP-Surveillance nicht aus? Poliomyelitis kann hier doch ausgeschlossen werden?

Nein, eben nicht! Einziges Ausschlußkriterium für Poliomyelitis ist das Fehlen von Polio-Erregern. Und die lassen sich - wenn überhaupt - nur im Stuhl finden. Deshalb besteht die WHO bei der AFP-Surveillance auf zweimalige Stuhluntersuchungen. Viele, vor allem junge Pädiater, wissen heute gar nicht mehr, daß sich Polio-Viren im Stuhl massenhaft vermehren. Das ist auf der einen Seite ein durchaus positives Ergebnis, weil es zeigt, daß die Krankheit sehr selten geworden ist und nicht mehr unbedingt zur klinischen Ausbildung gehören muß. Ich sage: Achtung! Wenn die Aufmerksamkeit nachläßt, können die Erreger die neu entstandenen Freiräume nutzen. Und mit Echo, Coxsachien und co. ist wirklich nicht zu spaßen.
Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998-2000.
Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 13.11.2000.

Design by Tim Schmitz-Reinthal, webmaster@haeverlag.de.