aktualisiert am: 13.11.2000
niedersaechsisches aerzteblatt
 

11/2000


Deutliche Kongreßsignale aus Göttingen: Defizite in der Palliativmedizin zwingen zum Umdenken und Handeln


Das Tagungsmotto war auch als Appell gemeint: "Palliativmedizin - Ausdruck gesellschaftlicher Verantwortung" überschrieben die Veranstalter ihren 3. Kongreß für Palliativmedizin, der vom 28. bis 30. September in Göttingen mit mehr als 1 200 Teilnehmern zu einem der diesjährigen Kongreßhöhepunkte in der alten südniedersächsischen Universitätsstadt avancierte. Die Veranstaltergemeinschaft, die 1994 gegründete Gesellschaft für Palliativmedizin e.V. (DGP), das Zentrum Anaesthesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin an der Georg-August-Universität Göttingen, die Ärztekammer Niedersachsen sowie die Deutsche Krebshilfe e.V., präsentierten im riesigen Hörsaalgebäude des Göttinger Campus' nicht nur ein außergewöhnlich dichtes Kongreßprogramm, sondern zeigten mit ihrer Themen- und Referentenauswahl, daß Palliativmedizin nur im Verständnis als ganzheitliches Konzept im Umgang, in der Behandlung, Betreuung und Fürsorge unheilbar Kranker, zumeist Krebspatienten, und deren Angehöriger den Versorgungsauftrag zu erfüllen imstande ist. Dr. med. Franz Bernhard M. Ensink, Leiter des Modellprojekts SUPPORT und Kongreßsekretär, gab im Rahmen einer Eingangspressekonferenz die Marschrichtung vor: Nur wenn alle an der palliativmedizinischen Betreuung von Patienten engagierten Personen auf Konkurrenzdenken verzichteten und die vielen Facetten von Palliativmedizin als komplementäre und integrale Segmente eines ganzheitlichen Konzepts verstünden, könne diese Wissenschaft ihre optimale und segensreiche Wirkung entfalten.

Doch nicht nur diese Philosophie, auch die Infrastruktur dieses Wissenschaftszweiges unter den Aspekten Bettendichte, Einrichtungen, Aus-, Weiter- und Fortbildung hat noch nicht die Akzeptanz bzw. den Stand erreicht, der eigentlich notwendig ist. Die Bestandsdaten lieferte in Göttingen Prof. Dr. med. Eberhard Klaschik, Präsident der DGP, zugleich Leiter des Zentrums für Palliativmedizin am Bonner Malteserkrankenhaus. Nach seiner Kenntnis stehen in der Bundesrepublik 65 Palliativstationen und 61 Hospize zur Verfügung, womit sich hierzulande aktuell 6,4 Palliativbetten und 8,9 Hospizbetten pro 1 Million Einwohner errechnen. Der tatsächliche Bedarf wird in Anlehnung an Anhaltszahlen aus Großbritannien - das hierbei als großes Vorbild gilt - jedoch auf circa 50 Betten pro 1 Million Einwohner geschätzt.

Darüber hinaus existieren neun palliativmedizinisch/hospizliche Tageseinrichtungen und über 600 ambulante Dienste. Ferner gibt es lediglich fünf deutsche Universitäten (Berlin, Göttingen, Kiel, Köln, Mannheim), die eine eigene Palliativstation betreiben. Schließlich bestehen in Deutschland drei Lehrstühle für Palliativmedizin, von denen aber nur einer besetzt ist. Bis heute gibt es keine einzige öffentlich finanzierte Professur für Palliativmedizin in Deutschland, denn alle drei vorhandenen Lehrstühle sind als Stiftungsprofessuren eingerichtet.

Umfangreiche Mängelliste



Zwar sei, so der Bonner Wissenschaftler, hierzulande auf diesem Gebiet bereits einiges in Bewegung geraten, die insgesamt defizitäre Situation jedoch lasse sich nicht kaschieren, denn:

• rund drei Viertel aller Patienten, die an den Folgen ihrer Tumorerkrankung sterben, leiden während ihres letzten Lebensjahres zum Teil unerträgliche Schmerzen, die von den behandelnden Ärzten oft nicht adäquat behandelt werden;

• weil es vielen Ärzten an palliativmedizinischem Grundwissen fehlt, erfolgt auch die "Kontrolle" anderer körperlicher Symptome überwiegend nach dem "Trial-and-Error-Prinzip";

• bei der Verarbeitung ihrer psychischen, sozialen und seelischen Nöte werden die Patienten und deren Angehörige weitgehend im Stich gelassen;

• viele Ärzte haben keine klaren Vorstellungen und Kenntnisse vom Sterben und wissen daher nicht, daß sterbende Menschen fachkundige Hilfe benötigen;

• die ambulante palliativmedizinische Versorgung von schwerstkranken und sterbenden Menschen ist trotz zahlreicher ambulanter Dienste immer noch völlig unzureichend;

• die stationäre Versorgung dieser Patientengruppe wird insbesondere von den deutschen Universitäten fast völlig vernachlässigt;

• Ausbildungsangebote für Studenten sind eine Rarität und bisher nur an wenigen Universitäten realisiert;

• Fortbildungskurse für Ärzte und Krankenpflegepersonal gibt es ebenfalls nur in sehr wenigen Städten und

• Forschung auf dem Gebiet der Palliativmedizin gibt es in Deutschland bisher fast überhaupt nicht.

Ähnlich sah es auch der Präsident der Ärztekammer Niedersachsen, Prof. Dr. med. Heyo Eckel, der zwar die rigorose Kritik an Kenntnis- und Wissensdefiziten auch und gerade der Hausärzteschaft bei der Schmerztherapie und Palliativmedizin als "überzogen" zurückwies, dennoch die vornehme Zurückhaltung von Politikern und Kostenträgern hinsichtlich deren eigenen Engagements ganz im Sinne des Kongreßmottos kritisierte: "Da muß man gelegentlich ein wenig Terror machen, damit der Ernst der Lage begriffen wird", umschrieb der Göttinger Radiologe den aktuellen Handlungsbedarf. Deshalb setze sich die Ärztekammer Niedersachsen nachdrücklich für die Anerkennung dieser wichtigen Fachdisziplin im Kontext des Fächerkanons ein und fordere die Landesregierung auf, "nun endlich" auch in Niedersachsen eine Professur für Pallativmedizin zu schaffen. Dies wäre zugleich ein Signal dafür, daß die Gesellschaft ihrer Verantwortung gegenüber der hohen Zahl an schwerkranken, unheilbaren Krebspatienten gerecht werden will.

Prioritätenfolge ändern

So kann es der Sache nur gut tun, wenn auch Prominente wie der Moderator der ARD-tagesthemen und Schirmherr des Modellprojekts SUPPORT, Ulrich Wickert, ihren Hut in den Ring werfen. Sein Memento: "Während wir für alle möglichen Krankheiten und Wehwehchen wirksame Mittel und Behandlungen angeboten bekommen, können vor allem unheilbar Krebskranke nicht unbedingt darauf vertrauen, eine optimale Therapie zu erhalten, die ihre Schmerzen lindert und ihnen ein Leben und Sterben in Würde ermöglicht. 'Wellness'-Angebote für die Gesunden gibt es wie 'Sand am Meer', aber effiziente Betreuungsmöglichkeiten für Todkranke muß man suchen wie die 'Stecknadel im Heuhaufen'."

Um hier Abhilfe zu schaffen, sind die Protagonisten auch bemüht, zumindest für das SUPPORT-Projekt eine Anschlußfinanzierung durch die GKV zu erreichen, doch stehen die notwendigen Vertragsabschlüsse mit den Krankenkassenverbänden unverändert aus - "eigentlich unverständlich", meint Prof. Eckel, "waren es doch die Krankenkassen, die SUPPORT geradezu mit Anerkennungen und Preisen überhäuft haben." Aber auch über das eigentliche Leistungsrecht hinaus sollten alle Anstrengungen zur Weiterentwicklung der Palliativmedizin, die nach Ansicht von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Dietrich Kettler, Kongreßpräsident und Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Anaesthesiologie, Rettungs- und Intensivmedizin in Göttingen, unternommen werden, um auch diesen Teil des Behandlungsangebots zu fördern. Gerade vor dem Hintergrund der niederländischen Verhältnisse sei Palliativmedizin besonders gut geeignet, die ethischen Dimensionen des Arztberufes bereits im Medizinstudium anschaulich darzustellen, sagte der Wissenschaftler. Bleibt abzuwarten, ob den einschlägigen schönen Worten niedersächsischer Minister wie Heidrun Merk und Thomas Oppermann in ihren Grußadressen des Programmhefts auch die entsprechenden Taten folgen.
R. Heyde
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