aktualisiert am: 13.11.2000
niedersaechsisches aerzteblatt
 

11/2000


Palliativmedizin: Rückhalt der Politik wird vermißt - Fischer sagt Teilnahme an Palliativmedizin-Kongreß ab

J. Hons


Trauen sich Politiker nicht an das schwierige Thema heran? Auf dem dritten Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin Ende September in Göttingen sollten auch im Rahmen einer Podiumsdiskussion Defizite in der Versorgung von terminal Krebskranken benannt und Lösungen gesucht werden - doch Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer (Bündnis 90/Die Grünen) ließ wenige Tage vorher ihre Teilnahme absagen. Erhofft hatten sich die Veranstalter ein Signal von der Ministerin: Daß die Palliativmedizin einen höheren Stellenwert bekommt.
Gerade in Deutschland gebe es größeren Nachholbedarf als in anderen europäischen Ländern, sagte Professorin Dagmar Schipanski, Vorsitzende der Deutschen Krebshilfe und Wissenschaftsministerin in Thüringen. Hierzulande habe man nur sieben Palliativbetten pro eine Million Einwohner, insgesamt fehlten damit 3 500 Betten in der Palliativmedizin. Neben diesem Problem sei es aber auch wichtig, Mediziner in der Aus- und Weiterbildung mit der Schmerztherapie vertraut zu machen. "Die Studenten sollten eine solide Basis haben und nicht nur aus ihrem gesunden Menschenverstand schöpfen." Außerdem müsse die ambulante Hilfe durch Pflegedienste, Seelsorger und Psychologen gestärkt werden, forderte sie.

Noch gibt es bundesweit nur einzelne Projekte, in denen Ärzte verschiedene Modelle zur Versorgung von terminal Krebskranken erproben. Nach Ansicht von Tagungspräsident Professor Dietrich Kettler muß sich die Gesundheitspolitik deshalb der Sache annehmen. "Was wir brauchen, ist eine Art Task Force für die Palliativmedizin beim Bundesgesundheitsministerium". Ärztekammerpräsident Professor Heyo Eckel pflichtete ihm bei: "Das Thema wird zu sehr der Selbstverwaltung überlassen, anstatt es als Ziel der Gesundheitspolitik zu verankern". "Es geht dabei nicht um mehr Geld für die Palliativmedizin", stellte Franz Bernhard Ensink, Leiter des "SUPPORT"-Projektes zur Versorgung terminal Krebskranker in der Region Göttingen, klar, "es geht darum, daß das Ministerium hier sagt, wir wollen, daß mehr für die Schmerzlinderung und Sterbebegleitung getan wird - einschließlich adäquater gesetzlicher Rahmenbedingungen."

Daß man in der Politik durchaus Zeichen setzen kann, betonte tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert, zugleich Schirmherr von Support, mit einem Blick nach Frankreich. Hier ist seit 1999 gesetzlich verankert, daß Todkranke ein Recht auf palliativmedizinische Versorgung haben. Arbeitnehmer dürfen drei Monate Sonderurlaub nehmen, um ihre sterbenskranken Angehörigen zu pflegen. Initiiert hatte dies Frankreichs Staatspräsident François Mitterand, der selbst einem Krebsleiden erlag.
Ob sich die Krankenkassen auch mit solche Plänen anfreunden können, blieb allerdings unbeantwortet, denn auch zwei Kassenfunktionäre hatten ihre Teilnahme wegen Krankheit kurzfristig abgesagt. Der niedersächsische KV-Chef Eberhard Gramsch gestand in der Diskussion allerdings auch Defizite bei den niedergelassenen Ärzten ein: So seien viele Mediziner auf die psychisch sehr belastenden Gespräche mit Krebskranken im Endstadium und deren Angehörigen nicht gut vorbereitet. Schmerzstillende Medikamente würden häufig nicht rechtzeitig verordnet, es hapere an der notwendigen multidisziplinären Zusammenarbeit mit Psychologen und Pflegediensten. Doch die Vertragsärzte säßen auch in einer Falle des Arzneibudgets, betonte er - und aus der könne sie nur die Politik befreien. Dies mochte Georg Baum, Unterabteilungsleiter im Bundesgesundheitsministerium, allerdings nicht gelten lassen. Das Ministerium habe die Einrichtung von Palliativstationen und Abteilungen finanziell sehr gefördert, ein Grund, warum es inzwischen 55 Palliativeinheiten in Deutschland gebe. KVen und Kassen müßten für die ambulante Aufgabe ihr Denken in sektoralen Budgets verlassen und über Verträge zur integrierten Versorgung nachdenken. Im übrigen habe die KV durchaus die Möglichkeit, die Schmerztherapie besser zu vergüten - sie müsse nur den Konflikt mit anderen Arztgruppen aushalten. Anders als in Frankreich, betonte Baum, habe man hierzulande aber nur begrenzte Möglichkeiten, Einfluß zu nehmen: "Gesundheitspolitik ist zum großen Teil Ländersache".

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