Die traditionellen Bad Zwischenahner Fortbildungsgespräche, deren 29. Auflage am 7. Oktober in dem bekannten niedersächsischen Kur- und Heilbad zur Durchführung gelangte, versuchen in den letzten Jahren neben aktueller Medizin (Generalthema in diesem Jahr: "Diagnose und Therapie des chronischen Schmerzes") verstärkt, auch die Gesundheits- und Standespolitik gebührend zu Worte kommen zu lassen. Die Motivation dafür ist einleuchtend, denn, so die Veranstalter - die Bezirksstellen Aurich, Oldenburg und Wilhelmshaven - im Vorwort ihres Programmheftes sinngemäß: Wir alle sind verunsichert gegenüber der Weiterentwicklung des Gesundheitswesens. Prognosen in Form verläßlicher Leitlinien für ärztliches Handeln sind zwar rar oder ihrem Wesen nach allenfalls unverbindlich, doch durchaus ein nützliches Orientierungsinstrument.
Dennoch wird - zu Recht - versucht, diesem "Wesen" nicht nur auf die Schliche zu kommen, sondern auch individuelles berufliches ärztliches Handeln darauf einzustellen und neu zu justieren. Einer, der dieses in Bad Zwischenahn versucht hat, ist Dr. jur. Ernst Bruckenberger, Krankenhausreferent im Niedersächsischen Ministerium für Arbeit und Soziales. Der Verwaltungsfachmann überraschte sein Auditorium mit der aufrüttelnden Aussage: "In zehn bis 15 Jahren wird die überkommene traditionelle Krankenhauslandschaft nicht mehr existieren". Bruckenberger stellt sich vor, daß dann allenfalls noch auf entsprechendem Grund und Boden Großgebilde als Ensembles integrierter Teilversorgungsstrukturen inklusive Hospizeinrichtungen Bestand haben werden. Aus der ursprünglichen Philosophie, Gesundheitssicherung als unverzichtbares Element der Daseinsfürsorge zu sehen, mutiere das Ganze in Richtung "Wettbewerb und Kundenorientierung".
Der "Vierfach-Patient"
Daß es dafür tatsächlich einen zweifelsohne expandierenden, dynamischen Markt gibt, ist für Bruckenberger längst entschieden. "Das neunte Lebensjahr des Menschen ist statistisch gesehen das gesundeste überhaupt, danach kommt es zu einem kontinuierlichen Anstieg der Morbidität." Bei einer durchschnittlichen Rate von 190 behandlungsbedürftigen Mitbürgerinnen und Mitbürgern je 1 000 Einwohner machte er die Rechnung auf, daß vor allem der ältere und alte Patient "dank" seiner Multimorbidität gleich "vier Patienten" mit entsprechender Behandlungsnachfrage repräsentiere. Erst allmählich würden sich hierzulande die Versorgungsstrukturen auf diesen Prozeß einstellen, allerdings mit dem Ergebnis, auf bereits bestehende Versorgungseinrichtungen "additativ" aufzubauen, anstatt durch intelligente Lösungen der Umstrukturierung, des Abbaues und der Integration auch den gesundheitsökonomischen Erfordernissen dieses Prozesses gerecht zu werden.
Statt dessen expandierten alle Leistungssektoren - der ambulante, der klinische und der anschlußrehabilitative - jeder für sich kostenwirksam; eher selten setze sich die Einsicht durch, durch sinnvolle Kooperationen - beispielsweise durch gemeinsame Nutzung von Großgeräten durch Krankenhäuser und den ambulanten Bereich - Kostensteuerungseffekte zu erzielen. Positiv aus Sicht des Referenten ist in Niedersachsen die Tatsache, daß 80 Prozent aller in Krankenhäusern aufgestellten CT-Geräte durch den ambulanten Bereich mitgenutzt würden. Auch die zunehmende Einrichtung von Praxen ohne belegärztliche Tätigkeit auf Krankenhausgelände mit einer Dynamik von + 38,5 Prozent in den Jahren 1997 bis 2000 sei ein richtiger Ansatz.
Der Referent bestand weiterhin darauf, alle Leistungssektoren sollten künftig noch enger zusammenrücken, wobei entsprechende Arbeitsebenen (Bruckenberger: "Das ist jetzt die Stunde der Pragmatiker") ähnlich wie bei den Krankenhausstrukturgesprächen in Niedersachsen unter Beteiligung aller Sektoren die Zukunftsaufgabe "Integrierte Versorgung" angehen sollten. Ohnehin zeigten aktuelle Patientenströme unter dem Parameter "Wohnort-Krankenhausnutzung", daß nicht in jedem Falle die wohnortnahe Einrichtung - Niedersachsen verfügt derzeit über 200, im Krankenhausbedarfsplan aufgeführte Häuser, wobei ca. alle 15 km ein Krankenhaus zur Verfügung steht - die bevorzugte Behandlungsstätte darstelle. Gleichzeitig wirkten zahlreiche lokale Einrichtungen - nicht zuletzt auch dank des Ausbaus und der Fortschritte der Telemedizin - weit über ihre lokalen Grenzen in überregionale Bereiche hinein, indem sie "Kunden von weit her" anzögen - aus Bruckenbergers Sicht ein Beleg für die längst schon praktizierte Freizügigkeit unter Wettbewerbsbedingungen.
Wellness-Touristik weltweit
Eine für alle Zeiten gültige Überlebens- und Existenzgarantie hingegen wird es für kein Leistungssystem im gegenwärtigen Gesundheitswesen der Republik geben. Bereits das ab dem Jahre 2003 in den Kliniken verbindlich gültige Abrechnungsverfahren unter DRG-Bedingungen wird bei deutlich transparenterer Datenlage zu einer Selektion führen - mit allen Konsequenzen für den ambulanten Bereich, die Qualität und die Weiterbildung. Auch das Mißverständnis von der Bundesrepublik als "Insel der Glückseligen" erfährt durch die Entwicklungen auf EU-Ebene seine Entmythologisierung. Die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen endet künftig weniger denn je an den Grenzen der Nationalstaaten, sondern werde dort befriedigt, wo das "interessanteste", d.h. das am meisten Erfolg versprechende Angebot unter für den Patienten angenehmen Rahmenbedingungen vorgehalten wird. Bruckenberger süffisant: "Was glauben Sie wohl, warum Preussag sein Engagement im Reisesektor so ausgebaut hat? Antwort: Wellness-Touristik im Rahmen der Gesundheitsversorgung ist der global ausgerichtete Zukunftsmarkt!"
Die auf der gleichen Veranstaltung von Dr. med. Ottmar Kloiber, BÄK-Dezernent und Leiter des Auslandsdienstes, verneinte Nachfrageautonomie der Bürgerinnen und Bürger nach Gesundheitsleistungen - womit er gleichzeitig die Frage nach Marktmechanismen in Zweifel zog - kann sicherlich unter akutmedizinischen Leistungsanforderungen berechtigt sein; insgesamt sollte diese durchaus nicht ewige Fiktion bleiben. Auf die Frage, ob Wettbewerb im gesellschaftlichen Subsystem Gesundheit überhaupt kostensenkende Wirkung entfalten könne, wurde in Bad Zwischenahn keine Antwort gefunden. Daß es jedoch zu Umschichtungen und Verlagerungen der Geldströme - an wessen Empfängerkreis auch immer - komme, stehe außer Zweifel, hieß es auf der Veranstaltung, die Tagungsleiter Romuald Wehrmann, ÄKN Bezirkschef in Wilhelmshaven, souverän moderierend über den Tag brachte.
rhy
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