aktualisiert am: 08.12.2000
niedersaechsisches aerzteblatt
 

12/2000


Gesundheit im Schulalltag - Ansätze und Chancen

G. Windus, H. Roselieb


Eine effiziente politische Ausrichtung auf Gesundheitsförderung läßt sich nicht ohne ein klares Bekenntnis zur - auch gesellschaftlich getragenen - präventiven Orientierung gestalten. Dies gilt vor allem für Ansätze, die über die rationale Erfassung von Gesundheitsrisiken hinaus auf eine handlungsorientierte Gesundheitsbildung zielen und damit die WHO-Definition (Ottawa-Charta vom 21. November 1986) mit Leben erfüllen.

Besonders deutlich wird dies im Bereich der Gesundheitsförderung für Kinder und Jugendliche. In deren Umfeld bestehen zahlreiche und durchaus viel versprechende Möglichkeiten, schon früh auf die Vermeidung von z.B. Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel- und Krebserkrankungen hinzuwirken, die im späteren Lebensalter nicht mehr oder nur unter einem vielfach höheren Aufwand genutzt werden können. Bereits die UN-Konvention von 1989 hob hervor, daß Kinder ein Recht auf gesunde körperliche und geistige Entwicklung und Betreuung haben. Dieser humanitäre Konsens muß in Relation zu sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gestellt werden. Zu leisten ist dies allerdings nur in einer Umgebung, in der neben "körperlichem Wohlbefinden auch die geistigen, seelischen und sozialen Aspekte sowie umweltbezogene Lebensbedingungen einbezogen werden". In Projektion auf die Schule ist demnach der ganzheitliche Ansatz nur umsetzbar, wenn "das Klima" in der Schule stimmt und der Ansatz mehrheitlich bejaht, in den Schulalltag aufgenommen und somit gelebt wird.

Möglichkeiten (in) der Schule

Schule kann - wie vielleicht kein anderer Ort oder keine andere Instanz - einen Beitrag zur Gesundheitsförderung bei Kindern, Jugendlichen und den dort arbeitenden Erwachsenen leisten. Schule vereint viele Funktionen unter einem Dach: Sie ist Bildungsstätte, Lebensraum, Handlungs- und Gestaltungsraum sowie Konfliktort und -gegenstand. In ihr werden an Kinder und Jugendliche erste große Leistungsanforderungen gestellt; sie ist Ort von Begegnung und Sozialisation, dies um so mehr in Zeiten, in denen über eine absinkende Erziehungskompetenz bei Eltern geklagt wird, zumindest tendenziell bzw. in Teilen der Bevölkerung.

Aber sie ist auch ein "Betrieb" mit allen Schnittstellen zwischen technischen, organisatorischen und sozialen Funktionseinheiten, aus denen jeweils spezifisch physische und mentale Belastungsfaktoren erwachsen. Nicht ohne Berechtigung wird eine Analyse des "Arbeitsplatzes Schule" gefordert und die schulische Gesundheitsförderung in die Nähe der betrieblichen Gesundheitsförderung gerückt (bis hin zu den entsprechenden EU-Aktionsprogrammen). Gesundheitszirkel mit Vertretungen aller Beteiligten ähneln in der Tat den Strukturen der betrieblichen Gesundheitskonferenzen.

Die meisten Programme für den Lebensraum Schule verdeutlichen ihre Ausrichtung durch plakative Überschriften ("Zukunftsaufgabe gesunde Schule", "Lernziel Gesundheit" oder unlängst für eine Veranstaltung des Hartmannbundes: "Schule macht Streß, Streß macht krank"). Allen Maßnahmen ist gemein, daß sie sich auf die Schaffung eines gesunden Umfeldes für Lernende und/oder Lehrende und auf eine bessere Befähigung für den Umgang mit der eigenen Gesundheit beziehen.

Der Begriff der schulischen Gesundheitsförderung erstreckt sich - je nach Fassung - auf gesundheitsfördernde Aktivitäten im Kontext des Unterrichts, kann aber ebenso auf in Freizeit und Familie hinein wirkende Angebote der Schule oder auf gesundheitliche Maßnahmen in mittelbarem Zusammenhang mit der Schule angewandt werden wie beispielsweise die Schuleingangsuntersuchungen vor dem eigentlichen Schulbeginn mit ihrer Screening-Funktion. Unabhängig von dieser Einengung des Begriffs bleibt das ganzheitliche Verständnis für Gesundheitsförderung von grundlegender Bedeutung. Es findet sich wieder in Spiel- und Sportangeboten, im Selbstbau von Geräten aus umweltfreundlichen Materialien, in der Gestaltung von Klassenzimmern, in spielerischen Zahnpflege-Aktivitäten, in Sexual- und Sachkunde-Stunden; es schlägt sich aber z.B. für Lehrerinnen und Lehrer ebenso in Artikeln im Schulverwaltungsblatt nieder, die den Umgang mit an Asthma bronchiale oder an Diabetes mellitus erkrankten Kindern oder Kindern mit einer HIV-Infektion thematisieren.

Die Möglichkeit, heranwachsende Menschen über soziale, ethische und religiöse Schranken hinweg in der Gesamtheit ihrer Lebensumstände und -herausforderungen anzusprechen, ist daher in der Schule in besonderer Weise gegeben. Daß Gesundheitsförderung alle Aspekte des Lebens in der Schule (im Klassenraum, im Lehrerzimmer, auf dem Pausenhof etc.) ausdrücklich mit einschließt und dabei die aktive Beteiligung der Betroffenen in den Mittelpunkt stellt, bedarf keiner besonderen Betonung. Dies gilt auch für die Erkenntnis, daß nicht nur die ästhetische Gestaltung des Lebensraums Schule, sondern auch die Selbstkonzepte der beteiligten Personen für diese Aufgabenstellung ebenso relevant sind wie etwa Teamfähigkeit, Kooperationsbereitschaft sowie atmosphärische Komponenten in der Kommunikation.

Aktuelle Erfordernisse

Im Folgenden sind einige Aspekte ausgewählt, aus denen sich der Handlungsbedarf für schulische Unterstützung leicht ablesen läßt:

Erkenntnisse aus Schuleingangsuntersuchungen
Der Bedarf für verstärkte schulische Gesundheitsförderung läßt sich unschwer begründen: Bei den Schuleingangsuntersuchungen ist festzustellen, daß die Kinder insgesamt auffälliger geworden sind. Schon im Alter von 6 - 7 Jahren ist gegenüber früheren Jahrgängen eine Zunahme chronischer Erkrankungen zu verzeichnen, ebenso der Verhaltensstörungen, Teilleistungsstörungen und z.B. der relevanten Impflücken. (Die Schuleingangsuntersuchung stellt die erste "Schullaufbahn"-orientierte medizinische Begleitung dar, vergleichbar einer betriebsärztlichen Untersuchung mit Bezug auf das Umfeld Schule, also den "Arbeitsplatz" des Kindes. Die Beurteilung der Schulbelastungsfähigkeit, also der Frage, ob Kinder nach ihrem Entwicklungsstand mit der Aussicht auf Erfolg am Unterricht teilnehmen können, erfordert kinderärztliche Kompetenz und zusätzliche sozialpädiatrische Erfahrung. Untersucht werden u.a. Sprache, Verhalten, Wahrnehmung, motorische Entwicklung, Psyche. Die Schullaufbahn und den Schulerfolg belastende oder gefährdende Faktoren bzw. Indikatoren sollen durch das speziell darauf ausgerichtete Untersuchungsprogramm erkannt und geeignete Fördermaßnahmen innerhalb oder außerhalb der Schule für das Kind aufgezeigt werden.)

Teilleistungsstörungen
Sind Sprache und/oder Wahrnehmung beim Kind gestört, so wird seine kommunikative Kompetenz beeinträchtigt, was therapeutisch bzw. durch Fördermaßnahmen angegangen werden muß. Werden Teilleistungsstörungen festgestellt, so sind Schulschwierigkeiten erfahrungsgemäß zu befürchten. Gerade hinsichtlich Teilleistungsstörungen werden die Auswirkungen der sozialen Schichtung deutlich, die natürlich von Kommune zu Kommune unterschiedlich sein kann. Durchgängig ist aber zu beobachten, daß bei Kindern aus sozial problematischen Verhältnissen Teilleistungsstörungen besonders häufig vorkommen. Hier kommt der schulischen Gesundheitsförderung eine nachhaltige sozialkompensatorische Wirkung zu.

Lärm-bedingte Schwerhörigkeit
Neuere Untersuchungen zur Lärm-bedingten Schwerhörigkeit bei Jugendlichen, die noch keiner beruflichen Lärmbelastung ausgesetzt waren, aber bereits einen meßbaren Hörschaden allein auf Grund ihrer Hörgewohnheiten aufweisen, verzeichnen erschreckend hohe Zahlen. Informationskampagnen zur Lärmschwerhörigkeit bei Kindern und Jugendlichen (Veranstaltung des Gesundheitsamtes der Stadt Hannover, Initiative "Take care of your ears" in Nordrhein-Westfalen und das Projekt "VOHRsicht" in Hannover) stoßen z.B. auf nachhaltiges Interesse von Lehrerinnen und Lehrern und werden von Jugendlichen gut angenommen. "Cool" verpackte Präventionsbotschaften ("Hörkiste" mit kindgerechten Materialien wie Bilder- und Lesebücher, Videos, Aktionsmaterialien, die die Problematik und Gefahr spielerisch deutlich machen) machen es schon Kindern im Grundschulalter leichter, sich auf Gesundheitsförderung einzulassen.

Das Beispiel der Hörschäden zeigt zudem die Chancen von Prävention besonders weitreichend auf, weil es hierbei das gesamte spätere soziale Umfeld von Menschen zu bewahren gilt. Denn einer Hörbeeinträchtigung im Kindesalter folgen schnell Verzögerungen der Sprachentwicklung, Verhaltensauffälligkeiten, später Minderung der Ausbildungs- und Berufschancen, Probleme am Arbeitsplatz, Störungen der inner- und außerfamilialen Sozialkontakte sowie depressive Verstimmungen.

Gesundheitsförderung für Lehrerinnen und Lehrer
Die besonderen Erfordernisse des Gesundheitsschutzes und der Gesundheitsförderung für Lehrende am Arbeitsplatz Schule hatte erst im März dieses Jahres eine Große Anfrage der Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen an die Landesregierung zum Thema, in der u.a. die engen Zusammenhänge zwischen der Gesundheit der Lehrerinnen und Lehrer, der Gesundheit der Schülerinnen und Schüler und der Qualität des Unterrichts bzw. der Arbeitsprozesse in der Schule herausgestellt wurden. Die Anfrage forderte, Lehrerinnen und Lehrer bereits durch eine entsprechend ergänzte Ausbildung besser für die Bewältigung spezifischer Belastungssituationen auszustatten ("differenziertes Konzept für den Gesundheitsschutz und die Gesundheitsförderung").

Es ist nicht einfach, den Bedarf an z.B. schulischer Gesundheitsförderung durch (anonymisierte) Gesundheitsdaten von Schülerinnen und Schülern zu untermauern oder einzelne Vorhaben gezielt zu planen. Ebenso stößt man auf Probleme bei dem Versuch, Maßnahmen der schulischen Gesundheitsförderung auch außerhalb eines umschriebenen Projektrahmens zu evaluieren. Neben der sozialpädiatrischen Zielrichtung ist deshalb die statistisch-epidemiologische Bedeutung der Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchung zu beachten, denn sie ist die einzige Untersuchung, die einen kompletten Jahrgang erfaßt und, inzwischen EDV-unterstützt, statistische Daten zur Gesundheit des jeweiligen Kinderjahrgangs von hoher Datenqualität und mit statistischem Aussagewert ermöglicht und sicherstellt. Die in Niedersachsen konzipierte zeitgemäße Gesundheitsberichterstattung mit aktuellen gesundheitspolitischen Zielsetzungen (Arbeitsgruppe Gesundheitsberichterstattung im Niedersächsischen Landesgesundheitsamt, NLGA) wird daher die Daten der Schuleingangsuntersuchung systematisch einbeziehen, um Analysen, Vergleiche und Planungen speziell für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen. Mittelfristiges Vorhaben ist die Überleitung der Berichterstattung in die Formulierung von Gesundheitszielen.

Modell OPUS


Eine gesunde Organisation, eine gesunde Schule, ist offenbar an einem guten Schulklima und an der Arbeitszufriedenheit möglichst aller dort lernenden und arbeitenden Menschen zu erkennen. Das persönliche Wohlbefinden der einzelnen Akteure stellt dabei eine wichtige Größe dar und bestimmt mit die Qualität der Schule als gesunder Organisation. Gesundheitsfördernde Schulen benötigen daher für ihre Schulentwicklung Kollegien, deren Lehrkräfte die Fähigkeit des intensiven Erlebens, des Erfahrens, des Gestaltens, des Austauschens, des Zusammenwirkens, des Planens und Organisierens, der Reflexion und die Bereitschaft zu kritischer Revision mitbringen bzw. erwerben. Ein Konzept der Gesundheitsförderung, das fach-, themen- und schulübergreifende sowie schulvernetzende Aspekte einbezieht, kann zum Aufbau eines umfassenden darauf ausgerichteten pädagogischen Profils beitragen.

Seit 1993 wurde in der Bundesrepublik Deutschland in zwei Bund- / Länder-Modellversuchen der Settingansatz der "Gesundheitsfördernden Schule" erprobt, zunächst im Rahmen des "Netzwerks Gesundheitsfördernde Schulen", ab Mitte 1997 dann als Projekt OPUS ("Offenes Partizipationsnetz und Schulgesundheit - Gesundheitsförderung durch vernetztes Lernen"). An dem Modellversuch OPUS waren bundesweit etwa 200 Schulen beteiligt, davon 35 aus Niedersachsen.

Das Anliegen des Ansatzes der "Gesundheitsfördernden Schule" ist, alle am Schulbetrieb Beteiligten dazu anzuregen, gemeinsam Gesundheit zum Thema ihrer jeweiligen Schule zu machen. Damit ist die Aufforderung verbunden, einen Schulentwicklungsprozeß einzuleiten, innerhalb dessen "Gesundheit" zur leichteren alltagsrelevanten Wahl wird und dadurch die Gesundheit der dort Lehrenden, Lernenden und anderweitig Tätigen erhalten und gefördert wird. Für Schulen und Schulträger soll noch besser sichtbar werden, daß sie mit der Verwirklichung des Konzeptes besser in der Lage sind, ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag zu erfüllen. Die von Schulen selbst gewählten Einzelthemen waren u.a.:

• Fragen der Gesundheit der Lehrkräfte, die u.a. durch Teambildung und Teamarbeit bearbeitet werden,
• Präventive Maßnahmen zur Verminderung von Belastungssituationen und Förderung von Gesundheit und Leistungsfähigkeit,
• Modelle und Erfahrungen zum Bereich Ernährung,
• Förderung größerer Toleranz unter den Schülerinnen und Schülern, Integration von Außenseitern, weniger Schulangst, Gewalt, Konfliktlotsenmodell,
• Bewegungsfreundliche Schule.

Die (Zwischen-) Ergebnisse dieser beiden Modellversuche liefern erste Belege, daß es Schulen gelingen kann, sich zu gesundheitsfördernden Organisationen zu entwickeln. Durch transferierbares Wissen (zu gesundheitsrelevanten Themen wie Sitzen, Körperhaltung, Bewegung, Ernährung, Umgang mit technisch veränderter Umwelt etc.) können wiederum andere Schulen ihrerseits solche Prozesse auf den Weg bringen. OPUS prüft insbesondere, wie durch die Vernetzung von Schulen untereinander und mit außerschulischen Kooperationspartnern die "Gesundheitsfördernde Schule" verwirklicht werden kann.

Die Fortführung von OPUS nach Auslaufen der Modellversuchsförderung ist geplant, entsprechende Vorbereitungen sind bereits getroffen. Neben einer Steuerungsgruppe, die die niedersachsenweite Entwicklung voran bringen will, existieren bereits regionale Koordinierungsstellen (Netzwerkknoten) in den Regierungsbezirken Hannover und Lüneburg. Braunschweig und Weser-Ems sollen für eine Mitarbeit gewonnen werden. Bis zur Entstehung der notwendigen Strukturen werden die beteiligten Schulen über die vorhandenen Knoten betreut. Über das Internet informiert OPUS umfänglich über die "Gesundheitsfördernde Schule".

Entwicklung in Niedersachsen


Auf Landesebene hat sich in den vergangenen Jahren im Rahmen der Modellversuche eine intensive und tragfähige Zusammenarbeit ergeben, in die fallweise weitere Institutionen und Organisationen eingebunden werden, die an der Verwirklichung und Zukunftssicherung des Ansatzes der "Gesundheitsfördernden Schule" mitwirken. Schulen, die heute Gesundheit zum Thema machen wollen, können auf vielfältige Erfahrungen - nicht nur der Modellversuchsschulen - zurückgreifen.

Für das Niedersächsische Landesinstitut für Fortbildung und Weiterbildung im Schulwesen und Medienpädagogik (NLI) ist Gesundheitsförderung einer der Schwerpunkte geworden. Niedersächsische Hochschulen (z.B. Lüneburg) bieten in ihren Lehramtsstudiengängen verstärkt Themen schulischer Gesundheitsförderung an. Niedersachsen hat an die Universität Lüneburg einen Forschungsauftrag zur Situation älterer Lehrkräfte vergeben und eine Kontaktgruppe "Netzwerk Gesundheitsförderung für Lehrkräfte" eingesetzt, die sich mit Modellen möglicher Entlastung und Unterstützung für Lehrende befaßt.

Die Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e.V. hat vor drei Jahren ein "Praxisbüro Gesunde Schule" eingerichtet, das als Unterstützungs- und Servicezentrum für interessierte Schulen und Einrichtungen Anregungen, Hilfestellung und Beratung zur Gestaltung einer angenehmeren Arbeits- und Lebenssituation im sozialen System Schule gibt. Hier wird eine Projektdatenbank "Gesundheit und Schule" gepflegt, in der Informationen zu bereits bestehenden Projekte erfaßt sind und auf Anfrage weitergeleitet werden.
Die Erfahrungen zeigen, welche Herausforderung das Konzept der Gesundheitsförderung beinhaltet und welche Chancen sich gleichzeitig damit eröffnen. Es kristallisiert sich eine Schulentwicklungsaufgabe heraus, die nicht mit traditionellen Belehrungskulturen gleich zu setzen ist. Andere Formen der Schulorganisation, eine veränderte Kommunikations- und Partizipationskultur, die Gestaltung eines Lebens- und Erfahrungsraumes Schule u.a. sind damit verbunden. Am Beispiel der Ernährung soll dies verdeutlicht werden:

Beispiel: Ernährungserziehung als Teil von Gesundheitsförderung

Das in Grundschulen und zum Teil auch in Orientierungsstufen seit vielen Jahren erfolgreich praktizierte Projekt "Gemeinsam Schmausen in den Pausen" leistet einen bedeutenden Beitrag zum Schulleben, zur Entwicklung einer "gesunden" Eßkultur und - quasi nebenbei - zur Sozialerziehung. Es hat in vielen Schulen zu Recht einen festen Platz im Gesamtkonzept schulischer Gesundheitsförderung eingenommen.

Aber mit einem gemeinsamen Schulfrühstück ist es nicht getan. Zwar ist dies ein richtiger und wichtiger Schritt der Schule als bedeutender Sozialisationsinstitution, um das Handlungsfeld "Ernährung" positiv zu besetzen. Auch Informationsvermittlung ist notwendig; jedoch ist das Abliefern der Zuständigkeit bei einem Fach oder einigen wenigen Fächern im Sinne eines Ansatzes, der Ernährungserziehung und Gesundheitsförderung als fächerübergreifendes Unterrichtsprinzip begreift, eher kontraproduktiv. Sinneserfahrungen und Erlebnismöglichkeiten, z.B. über eine Wiederbelebung der Schulgartenarbeit, werden benötigt; ein ganzheitlicher Umgang mit der Materie ist gefordert; das Thema muß gelebt und nicht doziert werden. Dann besteht eine Chance, die Schülerinnen und Schüler zu erreichen, z.B. auch dadurch, daß ihnen Verantwortung zugetraut und überlassen wird.

Am Beispiel des sog. Müsli-Erlasses (Niedersächsisches Kultusministerium: "Verkauf von Getränken und Eßwaren in Schulen", Erl. d. MK v. 9. 9. 91 - 209-82114/7, SVBl. S. 288) wird die Aufgabenstellung deutlich. Nicht die Informationsvermittlung oder die kognitive Dimension allein wird auf dem Handlungsfeld Ernährung erfolgreich sein können. Die ausschließlich organisatorische Zuschreibung von Aufgaben, Verantwortung und Erledigung verspricht keinen Erfolg; es war lange genug zu beobachten, daß Biologie, Chemie, Hauswirtschaft und Sport allein keine qualifizierte Ernährungserziehung und Gesundheitsförderung leisten können, auch wenn es als Auftrag direkt oder indirekt in den jeweiligen Richtlinien formuliert war. Nur im Zusammenwirken mit allen in der Schule arbeitenden und lernenden Menschen läßt sich das Leitbild der Gesundheitsförderung verwirklichen.

Die erforderliche Unterstützung bei der Umsetzung eines entsprechenden Ansatzes finden Schulen am ehesten durch Vernetzung mit außerschulischen Partnern und anderen Schulen. Projekte wie "Schule und Landwirtschaft" in Kooperation mit dem Niedersächsischen Landvolk verringern durch "Öffnung von Schulen und Bauernhöfen" die Distanz zu den Grundlagen menschlichen Lebens, ermöglichen Einblicke in Zusammenhänge, schaffen Sinneseindrücke sowie prägende Erlebnisse und Erfahrungen. Andere Partnerinnen und Partner wie das Landesinstitut für Fortbildung und Weiterbildung im Schulwesen und Medienpädagogik (NLI), Fachkräfte für die Schulentwicklungsberatung (SEB) bei den Bezirksregierungen, Krankenversicherungsträger, Gesundheitsämter, Universitäten (z.B. Lüneburg), das Zentrum für angewandte Gesundheitswissenschaften Lüneburg (ZaG), die Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e.V. ("Praxisbüro gesunde Schule"), die Verbraucherzentrale mit ihren Ernährungs-Regionalberatungen oder Aktionen ("Tage des ökologischen Landbaus") und Wettbewerbe ("Umweltschutz beginnt auf dem eigenen Teller") sowie Materialangebote (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, BZgA) ergänzen das Unterstützungsangebot, auf das Schulen unbedingt angewiesen sind, wenn ihre Schulprogrammentwicklung auf dem vorstehend skizzierten Ansatz fußt.

Chancen und zugleich Gefahren ergeben sich durch Sponsoring, auf das Schulen in zunehmenden Maße bei ihrer anspruchsvollen Arbeit angewiesen sind. Schulen werden sehr genau zu überprüfen haben, mit wem sie in eine Kooperationsbeziehung treten, damit sie sich nicht etwa zu "McDonalds"-, "Burger King"- oder "Coca-Cola"- Schulen entwickeln.

Bemühungen auf bundespolitischer Ebene

Kritisch bleibt anzumerken, daß man in der Bundesrepublik Deutschland von einer breiten Umsetzung umfassender Konzepte schulischer Gesundheitsförderung noch ein gutes Stück weit entfernt ist. Dies gilt um so mehr, als den Krankenkassen mit der Novellierung des § 20 SGB V im Jahre 1997 weithin die Möglichkeiten genommen waren, Maßnahmen der schulischen Gesundheitsförderung zu unterstützen oder durchzuführen. Die amtierende Bundesregierung hat aber mit der Wiedereinführung der Prävention die Krankenkassen im Rahmen einer Sollvorschrift aufgefordert, Leistungen zur Primärprävention zu erbringen, insbesondere zur Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustandes und zur Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen. Die Spitzenverbände sind verpflichtet, einheitlich und gemeinsam die Kriterien für die Leistungen hinsichtlich des Bedarfs, der Zielgruppen, des Zugangswesens, der Inhalte und der Methodik festzulegen.

In den vergangenen Jahren haben sich auf Bundesebene die Kultusministerkonferenz (KMK) wie auch die Konferenz der Gesundheitsministerinnen und -minister (GMK) mehrfach gemeinsam um Ansätze der schulischen Gesundheitsförderung bemüht. Dieses ressortübergreifende Konzept soll auch zukünftig beibehalten werden, denn das Ziel ist weder rein pädagogisch zu verfolgen noch ein ausschließlich medizinisches bzw. ärztliches Vorhaben. Gerade für den Schulalltag ist es essentiell, daß Möglichkeiten zum Einbau von gesundheitsbezogenen Bestandteilen je nach Erfordernis und Eignung für das jeweilige Lernziel, aber auch unter didaktisch Erfolg versprechenden Gesichtspunkten gesucht werden.

Schlußbemerkung/Ausblick

Schulen, die sich auf den Weg zur Gesundheitsförderung begeben haben - z.B. im Rahmen des Modellversuchs OPUS oder des von der Robert-Bosch-Stiftung geförderten Projektes "Gesunde Schule" - belegen beispielhaft und motivierend, wie vorhandene Gestaltungsspielräume kreativ genutzt werden können. Sie zeigen auch, welche umfassenden Anstrengungen bei der Verwirklichung der gesundheitsfördernden Schule unternommen wurden, und den Gewinn an Qualität, der in der erfolgreichen Gestaltung eines gesundheitsfördernden Lebens- und Erfahrungsraums in diesen Schulen erkennbar ist.

Der Psychologe und Berater für Schulentwicklung und Professionalisierung von Schulleitungen, Otto Herz, hat die Aufgabenstellung und die ihr innewohnenden Chancen treffend zusammengefaßt: "Der positive Wert Gesundheit in seinem umfassenden Verständnis als personale, soziale, regionale und globale Kraft kann ein sehr guter Weg sein, die Schule zu dem werden zu lassen, was sie doch zuallererst sein muß: human und solidarisch."

Die Debatte um die Schulprogrammentwicklung kommt - nicht nur für die Gesundheitsförderung - gerade zur rechten Zeit. Eine Besinnung auf die Aufgabenstellung, die Ziele, das pädagogische Konzept, die Organisation, die Regeln, die Außendarstellung (in) der Schule ist notwendig und überfällig. Für Schulen kann das Konzept der Gesundheitsförderung hilfreich sein, weil es prozeßhaft angelegt ist, die Beteiligten nicht überfordert, Sichtbares erzeugt und somit die Handfestigkeit aufweist, die Gegnern langwierigen Theoretisierens entgegen kommt.

Dank und weitere Hinweise

Herrn Dr. med. Hans-Gerd Dahmen (Leiter des Gesundheitsamtes des Landkreises Ammerland) wird für die Überlassung eines Papiers zu "Perspektiven kinder- und jugendärztlicher Arbeit der Gesundheitsämter an der Jahrtausendwende" gedankt, aus dem Anmerkungen übernommen wurden. Einige Anregungen wurden von Frau Irmtraud Windel (M.S.P.) aus einem Beitrag für die Zeitschrift IMPULSE (Newsletter der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e.V.) zum Thema "Gesundheitsmanagement in der Schule - Schule als Betrieb" übernommen.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA, 51101 Köln) hat kürzlich in der Fachreihe "Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung" einen Band "Schulische Gesundheitserziehung und Gesundheitsförderung" herausgegeben.

Für Information zu Maßnahmen in Niedersachsen stehen zur Verfügung:

• Nds. Landesinstitut für Fortbildung
und Weiterbildung im Schulwesen und
Medienpädagogik (NLI),
Keßlerstr. 34, 31134 Hildesheim

• Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e.V.,
Fenskeweg 2, 30165 Hannover

• Landesarbeitsgemeinschaft
Jugendzahnpflege e.V.,
Fenskeweg 2, 30165 Hannover


Anschriften der Autorin/des Autors:

Ministerialrätin Dr. med. Gabriele Windus
Nds. Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales, Referat 402
Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz 2
30159 Hannover

Regierungsdirektor Horst Roselieb
Nds. Kultusministerium, Referat 204
Schiffgraben 10
30159 Hannover
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