Der Landesverband Niedersachsen der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes begrüßt die Initiative der Ärztekammer Niedersachsen, durch ideelle Unterstützung, Förderung von Kooperationen und Vernetzung vorhandener Projekte, die Wirksamkeit der Gesundheitserziehung an Schulen weiter zu entwickeln.
Die Gesundheitsämter sind in der Lage, vor allem durch ihre Kinder- und Jugendärztlichen Dienste jahrzehntelange Erfahrungen sowie gute Kontakte zu Schulen in diesen Prozeß einzubringen. Der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) ist mit verschiedenen Aktivitäten - wie etwa dem nachfolgend beschriebenen Projekt "Klasse 2000" - in der schulischen Gesundheitsförderung präsent und akzeptiert.
Auf dieser Basis sollte der Zugang zu künftigen Projekten ärztlicherseits durch den ÖGD vermittelt werden. Er kann hier neutrale Koordinierungsstelle sein und Beratung, den Abgleich von Standards und Supervisionen übernehmen. Er steht der Kammer-Initiative aufgeschlossen gegenüber und will zu ihrem Gelingen beitragen.
Am Beispiel des Gesundheitsamtes der Landeshauptstadt Hannover wird ein möglicher Zugang zur Gesundheitsbildung unserer Kinder und - mittelbar - auch zu deren Eltern skizziert.
Klasse 2000 - Ein Programm zur Gesundheitsförderung und Suchtprävention
Gesundheitsförderung im Sinne der Ottawa-Charta bedeutet Menschen zu befähigen, ihre Gesundheit positiv zu beeinflussen und zu verbessern. Die sozialen und persönlichen Möglichkeiten werden ebenso betont wie die körperlichen Fähigkeiten. Die Gesundheitsförderung und Suchtprävention in Grundschulen hat das Ziel, in den Kindern positive Kräfte, Fähigkeiten und Lebensweisen zu stärken, um damit schädigenden und krankhaften Lösungsversuchen (z.B. Sucht, seelische Störungen) vorzubeugen. Ein körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden wird als entscheidender Bestandteil von Lebensqualität angestrebt. Gesundheitsfördernd handeln heißt, Lebensfaktoren positiv zu beeinflussen und der Gesundheit zuträglich zu machen.
Gesundheitsförderung muß sich an Bedürfnissen orientieren. Sie sollte Lebensbewußtsein erschließen, Zugang zum Körper eröffnen und so auch den medizinischen Laien befähigen, darüber zu reflektieren, welches Symptom in welchem Kontext auftritt.
Die Ziele einer ganzheitlichen, gesundheitsbezogenen Bildung müssen die Verbesserung sozialer Kompetenz und lebenspraktischer Fähigkeiten sowie die Förderung der Gesundheit sein.
Schule als Interventionsort
Die Schule ist aus verschiedenen Gründen ein besonders geeigneter Ort, Gesundheitsförderung effektiv umzusetzen, da Kinder und Jugendliche für die Zielsetzungen der Gesundheitsförderung besonders empfänglich sind. In der Schule verbringen sie viele Stunden des Tages, dort laufen wichtige Meinungsbildungsprozesse ab. Wichtig ist auch, durch Kontinuität - und dieses ist sicher eine elementare Voraussetzung - Verhaltensmuster zu prägen und zu einer Internalisation bei Kindern zu führen. Bildung von gesundheitsbewußtem Verhalten ist unmittelbar an eine Zeit- und Intensitätsachse gebunden. Es handelt sich um einen komplizierten Lern- und Entwicklungsprozeß, in dem ein Wertebewußtsein für Gesundheit geschaffen werden soll.
Das Konzept von Klasse 2000
Das ganzheitliche Unterrichtskonzept zur Gesundheitsförderung mit Lehrplanbezug wurde von erfahrenen Fachleuten aus den Bereichen Pädagogik, Prävention, Sport und Medizin im Institut für präventive Pneumologie am Klinikum Nürnberg (III. Medizinische Klinik) erarbeitet und wird von einem als allgemeinnützig anerkannten Verein getragen. Es ist ein rein spendenfinanziertes Programm, das auf dem Patenschaftsprinzip beruht. Die Kosten für eine Klasse pro Schuljahr betragen 550 Mark, diese Summe wird zur Finanzierung des Unterrichtsmaterials eingesetzt. Konzeptionell vorgeschrieben sind der frühzeitige Beginn und die langfristige, kontinuierliche Durchführung, das heißt in den Grundschulklassen 1 - 4.
Die Durchführung
Klasse 2000 beginnt bei 6 - 7jährigen Kindern in der ersten Klasse und begleitet sie während der gesamten Grundschulzeit. Lehrkräfte und Jugendärztinnen des ÖGD arbeiten interdisziplinär zusammen. Die Gesundheitsförderer arbeiten nach inhaltlich für jede Klassenstufe fest vorgegebenen Materialien. Die Methodik setzt auf spielerisches und handlungsorientiertes Lernen. Die Jugendärztin gestaltet zwei - drei Unterrichtseinheiten pro Schuljahr durchgängig von Klasse 1 - 4. Die Eltern werden durch Informationsabende, Elternbriefe und ein Elternheft eingebunden.
Inhaltliche Schwerpunkte in den Klassenstufen
1. Klasse: Experimentelles Erfahren der Atmung mit Einsatz z.B. eines Spirometers zum Messen des Lungenvolumens. Die Bedeutung der Atmung und der Funktion der Lunge werden altersgerecht erklärt. Weiterer Inhalt ist die Auseinandersetzung mit gesunden Nahrungsmitteln. Die Kinder werden an Entspannungsübungen herangeführt.
2. Klasse: Umweltbewußtes Verhalten wird diskutiert, Erfahrungen mit guter und schlechter Luft werden gemacht. Das Thema gesunde Ernährung wird wieder aufgegriffen. Weitere Inhalte sind, die fünf Sinne kennen zu lernen, insbesondere den Geschmacksinn zu erfahren, das Thema Atmung im Bezug auf Bewegung und körperliche Belastung, sowie die Körperbeweglichkeit und Geschicklichkeit. Ergänzend wird die Bedeutung körperlicher Entspannung altersgerecht thematisiert.
3. Klasse: Psychosoziale Komponenten stehen im Vordergrund: Was ist eine Versuchung? Wie lernt man sich abzugrenzen, "nein" zu sagen; Bewußtmachen von Gruppendruck; Erproben von Rollenspielen, Bewegung und Entspannung; medizinische Erklärung zum Weg der Nahrungspassage; Kennenlernen von Herz-Kreislauf-Funktion mit Pulsmessung und Stethoskop.
4. Klasse: Im Vordergrund steht soziales Lernen, sich und seine Mitschüler besser kennenzulernen, Gefühle auszudrücken und Meinungen auszutauschen. Es geht hauptsächlich darum, Lebenskompetenz zu erweitern und zu erlernen, erneut die Sinne zu erfahren. Glücksversprechen durch die Werbung werden hinterfragt. Gruppenübungen und Gruppenspiele zum sozialen Lernen und Erleben von Sozialverhalten werden durchgeführt.
Die Hauptziele von Klasse 2000
Entwicklung eines positiven Körperbewußtseins und Gesundheitsbegriffes.
Stärkung der sozialen Kompetenz und des Selbstwertgefühls.
Schulung eines kritischen Umgangs mit Genußmitteln und Alltagsdrogen.
Schaffung eines gesundheitsfördernden Umfeldes.
Gesundheitsförderung durch den Jugendärztlichen Dienst - ein Resümee
Die Abteilung für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin des Gesundheitsamtes der Landeshauptstadt Hannover führt seit fünf Jahren Gesundheitsförderung mit Klasse 2000 im Grundschulbereich durch. Die finanzielle Förderung erfolgte zunächst schwerpunktmäßig durch den Lions-Club. Im Laufe der Zeit konnten immer mehr Patenschaften für Klassen gewonnen werden. Im September 2000 wurde das Programm in ideeller und finanzieller Weise durch eine Initiative der Pneumonologen aus Hannover und Umgebung, insbesondere durch starkes persönliches Engagement von Dr. med. H.-Peter Dirks, erheblich vorangebracht. Durch Patenschaften aus den Bereichen Medizintechnik und Pharmaindustrie gelang es, die Anzahl der betreuten Kinder in der Stadt Hannover zu verdoppeln. Derzeit wird die Gesundheitsförderung in 60 Grundschulklassen, jeweils kontinuierlich von Klasse 1 - 4, durchgeführt. Das Resümee ist eindeutig:
Nach vier Jahren Gesundheitsförderung greifen Klasse 2000-Schüler weniger häufig zur Zigarette als andere Kinder. Die hohe Identifikation der Kinder mit dem Thema spricht für sich. Bereits gelernte Sachverhalte werden mühelos wiedergegeben und die Kinder haben offensichtlich Freude am Programm.
Im Vergleich zu Kontrollklassen haben 7 Prozent der Klasse 2000-Schüler weniger Raucherfahrung. Das Verhalten differiert bei Mädchen und Jungen leicht. Mädchen der Kontrollklassen haben zu 26 Prozent Raucherfahrung, Klasse 2000-Mädchen nur zu 18 Prozent. Die Jungen der Kontrollklassen haben zu 38 Prozent Raucherfahrung, die Klasse 2000-Jungen zu 32 Prozent. Damit greifen nach vier Jahren Teilnahme am Projekt 8 Prozent weniger Mädchen und 6 Prozent weniger Jungen zur Zigarette. Diese Zahlen weisen darauf hin, daß die Mädchen besser mit dem Projekt erreichbar sind, Jungen hingegen stärkeren Gruppenzwängen unterworfen sind.
Die Eltern wurden nach ihrer Bewertung der Gesundheitsförderung durch das Projekt Klasse 2000 befragt. 54 Prozent halten das Projekt für "sehr wichtig", 38 Prozent für "wichtig", 6,3 Prozent gaben "wenig wichtig" und 0,9 Prozent "nicht wichtig" bei der Einschätzung an.
Die Pädagogen halten zu 40,3 Prozent das Programm Klasse 2000 für "gut geeignet", 41,6 Prozent für "geeignet", 7,8 Prozent für "wenig geeignet", 10,4 Prozent machen keine Angabe.
Damit hat sich das Projekt Klasse 2000 als Grundstein der Gesundheitsförderung für die 6 - 10jährigen Kinder bereits bewährt, womit eine weiträumige Ausdehnung das nächste Ziel sein sollte.
Anschrift der Verfasser:
Dr. med. Cornelia Ehrhardt
Dr. med. Hans-Bernhard Behrends
Gesundheitsamt Hannover
Weinstr. 2- 3
30171 Hannover
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