aktualisiert am: 08.12.2000
niedersaechsisches aerzteblatt
 

12/2000


Ärzte und Lehrer gemeinsam an der Präventionsfront - Zur Theorie und Praxis einer neuen Gesundheitspädagogik

F. v. Brachel-Thiem


Die materielle Lebenssituation hat sich außerordentlich verbessert, das medizinische Versorgungssystem ist leistungsfähiger geworden, wir genießen die Vorzüge eines flächendeckenden Krankenversicherungssystems und effektiver Hygienemaßnahmen. Dieses sticht besonders im Vergleich zu früheren Generationen und zu nichtindustriellen Ländern ins Auge. Aber trotzdem werden in den letzten Jahren zunehmend erhebliche Gesundheitsbeeinträchtigungen und neuartige Krankheitsbilder bei Kindern und Jugendlichen beobachtet.

Ja, die Gesundheitssituation von Kindern und Jugendlichen hat sich in allen Industrieländern in den letzten Jahren in vielen Bereichen sogar verschlechtert. Aggressionen und Gewalt haben zugenommen, es treten psychische Störungen im Leistungsbereich auf, Jugendliche zeigen vermehrt suchtartige Störungen. Auffälligkeiten finden sich für die gesundheitsabträglichen Muster im Bereich von Ernährung, Bewegung, Hygiene, Sexualaktivität usw.
Bei Schülern und Schülerinnen zeigen sich vermehrt Konzentrationsschwächen, Aggressionsäußerungen, Wahrnehmungsstörungen, motorische Schwächen und zum Teil gravierende Haltungsschäden in unterschiedlicher Ausprägung.

Die Schule ist für viele neben dem Elternhaus der wichtigste Ort, an dem Gesundheitserziehung stattfinden kann. Da aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen bei den familiären Lebensformen durch z.B. Scheidungen, alleinerziehende Elternteile, broken-home-Verhältnisse u.ä. die Erziehung von Kindern immer höhere Anforderungen an die Schule stellt, wird die Notwendigkeit der Gesundheitsförderung für die Schule durch ihren Erziehungsauftrag noch zunehmen.

Deshalb ist es so wichtig, schon im schulischen Rahmen, den alle Kinder durchlaufen müssen, sowohl gesundheitsförderliche Lebensbedingungen zu schaffen, als auch die Entwicklung entsprechender individueller Kompetenzen zu unterstützen.
Die traditionelle schulische Gesundheitserziehung mit Information, Aufklärung und Belehrung über die Risikofaktoren für Gesundheit und Wohlbefinden haben nur begrenzten Erfolg für Gesundbleiben und Gesünderwerden. Um Kindern und Jugendlichen eine von ihnen akzeptierte Eigenverantwortlichkeit im Umgang mit dem eigenen Körper und der eigenen Gesundheit zu ermöglichen, wird es immer dringlicher, gesundheitsfördernde Maßnahmen in Schulen und anderen Institutionen zu unterstützen, die ein positives Verständnis von Gesundheit stärken, so daß es sich für den einzelnen lohnt, seine Lebensweise zu verändern.
Durch das Konzept des kooperativen Gesundheitsunterrichtes sollen sich Kinder und Jugendliche dem Thema "Gesundheit" mit Hilfe der gebündelten fachübergreifenden Kompetenz von Ärzten / Ärztinnen und Lehrern / Lehrerinnen nähern. Durch eine interdisziplinäre Vorbereitung und Durchführung des Unterrichts können sowohl pädagogisches als auch medizinisches Wissen in das Projekt einfließen.
Gesundheit, verstanden als Zustand körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens, ist nicht auf einige wenige Fächer wie Sachkunde oder Sport zu reduzieren, sondern findet sich in praktisch allen Belangen des Schulalltags wieder und kann auch innerhalb dieser Bereiche jeweils themenspezifisch eingearbeitet und fächerübergreifend behandelt werden.

Ziel dieser Maßnahme ist die Stärkung all jener Faktoren bei Kindern, die eine positive Einstellung zur Gesundheit fördern und einem gesundheitsschädlichen Verhalten vorbeugen. Dazu gehören die Schulung eines kritischen Umgangs mit Genußmitteln und Alltagsdrogen, die langfristige Entwicklung eines positiven Körperbewußtseins und Gesundheitsbegriffes, die Stärkung der sozialen Kompetenzen und des Selbstwertgefühles sowie die Schaffung eines gesundheitsfördernden Umfeldes.
Mit den Prinzipien einer erlebnisorientierten Pädagogik, Elementen von Selbstreflexion und Selbstwahrnehmung, aber auch der klassischen Formen der Wissensaneignung lernen die Schülerinnen und Schüler wesentliche Inhalte der Gesundheitsförderung. Auf diesem Weg wird eine Zielgruppe angesprochen, die sonst von Ärzten nur schlecht erreicht wird, da Kinder und Jugendliche in der Regel selten einen Arzt aufsuchen. Zu diesem gesundheitspolitisch erwünschten Effekt kommt noch ein Gewinn aus standespolitischer Sicht hinzu: die mitwirkenden Ärzte beziehen auch außerhalb ihres eigentlichen Arbeitsplatzes Stellung zu Fragen der Gesundheitsförderung und tragen dadurch dazu bei, präventives ärztliches Engagement einer breiteren Öffentlichkeit deutlich zu machen.
Natürlich erfordert die Vorbereitung des Gesundheitsunterrichtes auch einen gewissen zeitlichen und organisatorischen Einsatz, vor allem, wenn man einen praktischen Unterrichtsteil plant. Dieser Zeitaufwand reduziert sich allerdings mit der Häufigkeit der Wiederholungen . Lehrern, die derartigen Neuerungen kritisch gegenüberstehen, ist zu vermitteln, daß man nicht ihre Kompetenz infrage stellt sondern lediglich ergänzt.

Die Kooperation von Ärzten / Ärztinnen und Lehrern / Lehrerinnen im Unterricht stammt ursprünglich von der Brendan-Schmittmann-Stiftung des NAV-Virchowbundes in Köln und lief 1989 - 1995 in einer Modellphase.
Am meisten überzeugt hat das gemeinsam von der Kassenärztlichen Vereinigung und der Ärztekammer Westfalen-Lippe sowie der medusana-Stiftung getragene Projekt "Schule und Gesundheit - Lehrer und Ärzte für Prävention", das seit 1997 erprobt wird. Mit der Begleitforschung ist das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung beauftragt.

Seit Beginn des Schuljahres 2000/2001 sind 33 Teams an 24 Schulen aktiv. 19 befragte Teams haben mehrheitlich gute Erfahrungen gemacht. Die unterstützende Infrastruktur erhielt eine positive Bewertung. Nur 5 Prozent der bis jetzt befragten Schüler und Schülerinnen haben negativ geurteilt. Alle teilnehmenden Teams haben sich verpflichtet, im Laufe eines Schuljahres vier Doppelstunden und einen Projekttag oder drei Projekttage sowie einen Elternabend zu Beginn des kooperativen Unterrichtes durchzuführen.

Eine flächendeckende Einführung des Modells in Nordrhein-Westfalen hängt von den künftigen personellen und finanziellen Ressourcen ab. Unverzichtbar ist es, auch nach der Modellphase einen Support in Form von unterstützender Infrastruktur, Koordinierung, Beratung und Fortbildung beizubehalten. Neben der Gesundheitsförderung für Schüler und Schülerinnen stellt schulische Gesundheitsförderung in dieser Kooperation auch ein alternatives Berufsfeld für Ärztinnen dar. Dies würde allerdings eine Regelfinanzierung voraussetzen. Bislang sind in Westfalen-Lippe ausschließlich niedergelassene Ärzte und Ärztinnen tätig. Aber auch die Möglichkeit einer Wiedereingliederung arbeitsloser Ärztinnen, die nach der Erziehungspause stundenweise wieder zu Zeiten, in denen sich ihre Kinder in der Schule befinden, zurück in den Beruf möchten, ist denkbar.
Im Raum Osnabrück möchte die Regionalgruppe des Deutschen Ärztinnenbundes besonders für Wiedereinsteigerinnen über Seminare und Workshops eine Rückkehr zur Berufstätigkeit erleichtern. Die praktische Durchführung ließe sich hier ankoppeln.

Zu wünschen ist die Einführung einer derartigen Möglichkeit von Gesundheitserziehung an Schulen in Anlehnung an das medusana-Projekt auch in Niedersachsen. Bisherige Kontakte mit Schulen, Bezirksdirektionen und dem Generalvikariat haben das große Interesse an kooperativem Gesundheitsunterricht auch im Osnabrücker Raum deutlich gezeigt.
Eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen als präventive Leistung wäre ebenfalls wünschenswert.
Der Arzt-Lehrer-Unterricht eignet sich, das Thema Gesundheit in die Schulen zu tragen und dort Entwicklungen in Gang zu setzen. Eine Vernetzung medizinischer und pädagogischer Potentiale kommt vor allem den Kindern zugute, die von zu Hause aus weniger Gesundheitsförderung erfahren.

Zu hoffen ist, daß die Wichtigkeit einer derartigen Maßnahme auch in Niedersachsen anerkannt wird. Nordrhein-Westfalen ist hier weit voraus. Das Medusana-Projekt hat nicht von ungefähr den Gesundheitspreis des Landes NRW im Jahr 2000 erhalten.


Anschrift der Verfasserin:

Dr. med. Felicitas v. Brachel-Thiem
Ärztin für Allgemeinmedizin
Naturheilverfahren
Vorsitzende der Gruppe Osnabrück
des DÄB
Steingräberweg 3
49565 Bramsche
Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998-2000.
Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 08.12.2000.

Design by Tim Schmitz-Reinthal, webmaster@haeverlag.de.