aktualisiert am: 08.12.2000
niedersaechsisches aerzteblatt
 

12/2000


Die Gesundheitsfördernde Schule - eine Basisinnovation für die Schulentwicklung

P. Paulus


Der Ansatz der Gesundheitsfördernden Schule ist ein Schulentwicklungsansatz. Anders als herkömmliche Gesundheitsförderungs- und Präventionsprogramme, die nur bestimmte problematische Verhaltensweisen fokussieren, bezieht sich dieser Ansatz auf die Schule insgesamt. In der Gesundheitsfördernden Schule macht die Schule Gesundheit zu ihrem Thema und versucht das "Setting Schule" so umzugestalten, daß die Gesundheit der in ihr lehrenden, lernenden und anderweitig tätigen Personengruppen nachhaltig gefördert wird und damit günstige Voraussetzungen für schulische Lehr- und Lernprozesse geschaffen werden. Die gesundheitsfördernde Schule leistet damit einen grundlegenden Beitrag zur Verbesserung der Qualität schulischer Bildungsarbeit.

Welche gesundheitlichen Probleme aufgegriffen und zum Gegenstand der Bearbeitung gemacht werden, darüber entscheidet in diesem Ansatz die Schule selbst. Dabei sind im idealen Fall alle Personengruppen der Schule (Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Eltern, nicht-unterrichtendes Personal) mit ihren Wünschen und Erwartungen eingebunden. Die Schulen erfüllen damit das zentrale Ziel der Ottawa-Charta der Gesundheitsförderung, Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Diese Charta ist 1986 auf der ersten internationalen Konferenz der Weltgesundheitsorganisation zur Gesundheitsförderung in Ottawa (Kanada) verabschiedet worden.

Die Relevanz des Themas Gesundheit ist seit Jahren vielfach belegt. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen zur veränderten Kindheit und zum Wandel der Familie, gesundheitswissenschaftliche zum Gesundheitsverhalten von Kindern und Jugendlichen sowie von Lehrkräften und schließlich die Befunde epidemiologischer Studien, sie alle weisen unmißverständlich auf eine gesundheitlich bedenkliche Situation der heranwachsenden Generation hin und werfen ein Licht auf die sehr kritische berufliche Situation der Lehrkräfte.

Gesundheitsfördernde Schulen in Europa

Seit 1991 ist das Konzept der Gesundheitsfördernden Schule in Europa zu einem der erfolgreichsten Ansätze der Gesundheitsförderung geworden. Zur Zeit existieren 40 nationale Netzwerke Gesundheitsfördernder Schulen. Mehrere 1 000 Pilotschulen, mit mehr als 100 000 Lehrkräften und mit über 5 000 000 Schülerinnen und Schülern nehmen daran teil. Getragen wird das europäische Netzwerk von der Europäischen Kommission, dem Europarat und der Weltgesundheitsorganisation / Euro.

Bei aller Unterschiedlichkeit der Ausgangsvoraussetzungen in Europa sind es vor allem die folgenden fünf Bereiche, in denen die Gesundheitsfördernden Schulen Projekte erfolgreich realisiert haben.

1. Verbesserung der baulichen Substanz der Schule und des schulischen Umfeldes
(z.B. Verlegung von Wasserleitungen, Reparatur von Toilettenanlagen, Umgestaltung von Schulhöfen, Ausbesserung von Schulgebäuden)

2. Programme zur gezielten Bearbeitung verschiedener Themen
(z.B. Ernährung, Umwelt & Gesundheit, Rauchen, Drogen und Alkohol, Sexualerziehung, AIDS-Prävention)

3. Aufbau demokratischer Strukturen an Schulen
(z.B. Schülerinnen und Schüler ermutigen, sich aktiv zu beteiligen, das Lernen selbständiger zu organisieren, ihre Meinungen freier zu artikulieren)

4. Fortbildung der Lehrkräfte
(z.B. in Gesundheitserziehung und Gesundheitsförderung, Kommunikation, Lehr- und Lernmethoden und Kooperation mit der Elternschaft)

5. Entwicklung der Schulorganisation und Schulkultur
(z.B. die Pausenzeiten verändern um den Kindern genug Zeit zum Verzehr ihres Pausenfrühstücks zu geben, Regelungen zur Prävention von Gewalt)
In der Umsetzung des Konzeptes der gesundheitsfördernden Schule haben die Schulen oft mit anderen Schulen oder auch mit schulexternen Partnern (z.B. Krankenkassen, Hochschulen, öffentlicher Gesundheitsdienst, niedergelassenen Ärzten) erfolgreich kooperiert.

Entwicklungen in Deutschland

In Deutschland gibt es bislang erst vergleichsweise wenig Schulen, die gesundheitsbezogene Interventionen auf der Grundlage dieses Setting-Ansatzes zu realisieren versuchen. Immer mehr Schulen zeigen aber Interesse.

Die Entwicklung ist im letzten Jahrzehnt maßgeblich auch durch zwei bundesweite Schul-Modellversuche vorangebracht worden. Durch den Modellversuch Netzwerk Gesundheitsfördernde Schulen (1993 - 1997) und durch OPUS (Offenes Partizipationsnetz und Schulgesundheit - Gesundheitsförderung durch vernetztes Lernen), an dem sich zum Ende mehr als 500 Schulen beteiligt haben.

Ziel dieser Netzwerke in Europa und Deutschland ist es, die Schulen u.a. darin zu unterstützen,

• sich zu gesünderen Lebenswelten zu entwickeln, die die Gesundheit aller an ihrer Schule Beteiligten fördert;
• Gesundheitsprogramme und Gesundheitspraxen in den Alltagsroutinen ihrer Schule zu verankern;
• eine größere Bewußtheit für die Gesundheitsrelevanz der Arbeitsbedingungen bei den Beteiligten in der Schule zu erreichen;
• die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen in der Schule zu verbessern;
• bessere Kooperationsformen zwischen der Schule und der Kommune zu schaffen;
• Gesundheitsförderung in ihr Curriculum zu integrieren;
• die Qualität der pädagogischen Arbeit der Schule zu verbessern und
• ihre Erfahrungen untereinander mehr zu nutzen und voneinander für die Entwicklung der Schulen zu lernen.

Zukünftige Entwicklungen in Niedersachsen

Die Umsetzung des Konzepts der Gesundheitsfördernden Schule wird nach Auslaufen des Modellversuchs OPUS in vielen der beteiligten Bundesländern fortgeführt. In Niedersachsen sind z.Zt. 35 Schulen als Mitglieder registriert. Auf Landesebene existiert eine Koordinationsgruppe für diese Schulen. In Lüneburg hat sich darüber hinaus ein lokales Koordinationszentrum herausgebildet, durch das z.Zt. sieben Schulen betreut und unterstützt werden. In Niedersachsen ist vorgesehen, das Netzwerk auf lokaler, wie auf Landesebene weiter auszubauen und Unterstützungsstrukturen, wie sie in Lüneburg schon etabliert sind, in den drei anderen Regierungsbezirken zu etablieren...

Herausforderungen für die Gesundheitsfördernde Schule in Deutschland

Damit die Gesundheitsfördernde Schule ihren Anspruch behaupten und ihre Wirksamkeit über ihre geschilderten modellhaften Anfänge hinaus dauerhaft entfalten kann, sind Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen notwendig. Für deutsche Verhältnisse werden im folgenden die wichtigsten benannt:
• Auf der Ebene der Schule:
Die Schule muß sie sich mehr als bisher um die Schulpsychologinnen und -psychologen, die Beratungslehrerinnen und -lehrer, den schulärztlichen Dienst oder die Schulsozialarbeiterinnen und -arbeiter als Partner schulischer Gesundheitsförderung bemühen. Außerhalb der Schule können die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, psycho-sozialen Beratungsstellen, das Jugendamt, die Sportvereine, die Krankenkassen etc. vermehrt als Kooperationspartner angesprochen werden.

• Auf der curricularen Ebene:
Die schulische Gesundheitsförderung muß systematischer in den Rahmenrichtlinien verankert werden. Auch muß die Gesundheitsfördernde Schule ihre Interventionen stärker als bisher nach Kriterien wie soziale Schicht, ethnische Zugehörigkeit und Geschlecht differenzieren und sich stärker auf die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen beziehen.

• Auf der Ebene der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung:
Die schulische Gesundheitsförderung muß in seinen verschiedenen Facetten Bestandteil der Lehrerinnen- und Lehrerausbildung an den Hochschulen werden. Erste Schritte sind hierzu z.B. an der Universität Lüneburg unternommen worden.

• Auf der Ebene der Lehrerinnen- / Lehrerfort- und -weiterbildung:
Die entsprechenden Institutionen der Länder müssen mehr als bisher die Entwicklung Gesundheitsfördernder Schulen durch ein kontinuierliches Angebot von Bildungsmaßnahmen für Lehrkräfte absichern.

• Auf der politischen Ebene:
Hier bieten sich für die Gesundheitsfördernde Schule mehrere Gelegenheiten an, sich konstruktiv "einzumischen" und Verbündete für ein gemeinsames Vorgehen zu gewinnen, z.B. durch eine deutlichere Beteiligung
• an der bildungspolitischen und schulpädagogischen Diskussion um die Erneuerung der Schule,
• an Vorhaben zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte der Kinder. Dort ist in Artikel 24 "das Recht des Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit (..) sowie auf Inanspruchnahme von Einrichtungen zur Behandlung von Krankheiten und zur Wiederherstellung der Gesundheit" festgeschrieben.
• an lokalen Agenda-21-Initiativen. Gemeinsam mit ihnen und gestärkt durch die Idee der "nachhaltigen Entwicklung" kann die Gesundheitsfördernde Schule ihr Anliegen, Gesundheit nicht nur personal, sondern sozial und ökologisch zu verstehen, beispielhaft zu realisieren versuchen.

Ausblick

Die Gesundheitsfördernde Schule spannt einen weiten Horizont für ihr Aktionsfeld auf. Der Weg bis zur vollständigen Umsetzung des Konzeptes ist noch lang. Zudem birgt er auch Beschwernisse, denkt man etwa an die Folgen der sich noch verschärfenden gesellschaftlichen Wandlungsprozesse.
Auch der sich deutlich artikulierende Leistungsanspruch an Schule kann die gesundheitliche Balance des Systems und der betroffenen Schülerinnen und Schüler und ebenso auch der Lehrkräfte gefährden. Die Gesundheitsfördernde Schule kann hier im Verbund mit anderen Initiativen, denen es ebenfalls um eine gute, moderne und innovative Schule geht, für eine Balance zwischen Leistungsanspruch und Wohlbefinden sorgen. Ob ihr das gelingt, wird davon abhängen, inwieweit sie sich selbst als tragfähiges Konzept schulischer Gesundheitsförderung für die Praxis empfehlen kann und inwieweit sie von außen Unterstützung für ihr Vorhaben erhält. Die anstehenden Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen eröffnen hier Entwicklungschancen.

Literatur

Anschrift des Verfassers:

Prof. Dr. Peter Paulus
Institut für Psychologie
Universität Lüneburg
Scharnhorststr. 1
21335 Lüneburg
Tel. + Fax. (0 41 31) 78 17 02
e-mail: paulus@uni-lueneburg.de
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