aktualisiert am: 08.12.2000
niedersaechsisches aerzteblatt
 

12/2000


Prävention durch Leichen-Show? Zur Ethik und Ästhetik des plastinierten Menschen

H.-W. Krannich

In unserer Gesellschaft des schönen Scheins finden Gedanken oder gar der Umgang "mit Sterben und Tod" kaum noch einen Platz. Obwohl uns grausamste Bilder aus aller Welt, von Programmdirektoren (wohl-?)dosiert und selektiert, in unserem heimeligen Zuhause erreichen. Wohl mehr visuell als emotional: der Konsumenten (An-)Recht auf Information wird in Minutentakt aufs Beste bedient.

Mit Eintritt eigener subjektiver Betroffenheit durch Sterben und Tod Nahestehender entzieht man sich häufig jedoch gerne einem "Tätigwerden", überläßt dies "Fremden": Pflegepersonal, Ärzten und Priestern. Die Intimität des Todes naher Angehöriger ist also eine Sache. Prickelndes Erleben vermeintlich schockierender oder (noch) nervenkitzelnder "Totenschauen" eine andere.

Das Zeitgeistgebläse hat nun auch diesen Bereich erfaßt: Leichen finden ihr Plätzchen - neuerdings in "Körperwelten"; als "Exponate" bzw. "Plastinate" eines Gunther von Hagens. Seine Wandershow preist unter unentwegtem Rühren der Werbetrommeln und sich fast überschlagender Erfolgsmeldungen seiner PR-Abteilung stetig steigende Besucherzahlen seiner schaurig-schönen "Anatomy Art". Dies ist jedenfalls als Anspruch auf der Hülle einer Pressemappe so fixiert.

Die mit diesen Zurschaustellungen, der laut von Hagens "Faszination des Echten", etwa in einem (Fest-)Zelt auf dem Kölner Heumarkt verbundenen Fragen sind vielfältiger Art:
Aspekte rechtlicher Natur sind etwa: Störung der Totenruhe, Verletzung der Menschenwürde (auch der Betrachter und der Angehörigen), Regelungen des Bestattungsrechtes, Tote als "Grundrechtssubjekt auf Zeit" sowie eine immer wieder mutmaßte zweifelhafte Herkunft einiger "Körperspenden".

Dem "spielerisch verfremdeten" Umgang mit toten Menschen oktroyiert man beiläufig den Begriff Kunst. Beuys Imitant bzw. Imitat von Hagens findet hierfür folgende geniale Erklärung:

Vom Tabubruch zur Handelsware

"Da der Kunstbegriff heute offen ist, kann dieser Sichtweise des einen oder anderen Betrachters nicht widersprochen werden. Die Kunst liegt im Auge des Betrachters." Und weiter: "Die Faszination am Schaurig-Schrecklichen hat die Menschen schon immer magisch angezogen. Doch was uns G. von Hagens (auch als "Magier der Anatomie und Meister des Makabren" bezeichnet) mit seinen spektakulären Inszenierungen (sic.!) zu präsentieren versucht, sprengt alle bisherigen Sehgewohnheiten und schafft ganz neue Aspekte der Ästhetik".

Viele Besucher, darunter allein am Ausstellungsstandort Oberhausen über 1 000 Schulklassen, dürften sich demzufolge als eintrittzahlende und schlangestehende Kunstkritiker publikumswirsamer "Events bzw. Performances" wähnen.

Die "Ästhetisierung" mit Hilfe dauerhafter Kunststoffe vermittelt jedoch ein falsches Bild von Toten mit "gebrochenem Blick", von der Endlichkeit. Wie klein ist wohl noch das letzte Schrittchen aus den Mauern eines Kunstmuseums in den Kunsthandel und von dort zu Käufern, Endabnehmern? Undenkbar? Von Hagens Art der "Zurschaustellung von toten Menschen" galt jedenfalls bis vor kurzem noch, bis zur Entdeckung des Plastinationsverfahrens durch den Impressario höchstselbst noch als Tabu!

Für von Hagens jedenfalls "entscheidet die Mehrheit (der Besucher seiner Ausstellung) über Moral". Dem öffnet sich das, nach Besuch der Ausstellung nun auch vom endlich "demokratisierten" Besucher zu identifizierende Herz, natürlich gern.

Wie könnte heutzutage noch Totenwürde gegen "künstlerische" Freiheiten oder gar "Demokratisierung" obsiegen?

"Leichenprostitution" - na und?

Metaphysisches läßt sich nicht visualisieren. "Körperwelten" erschließen sich augenscheinlich, auch Menschen mit blindem Fleck. In unserem Kulturkreis bislang selbstverständliche Wertvorstellungen kommen "wie anderen Leuten der Stock oder Hut" abhanden. Mit der Kommerzialisierung von Körperspenden zum Nutzen und Frommen eines zum Teil auch Grusel suchenden Publikums ist ein Damm gebrochen. Dem sich zu widersetzen wird nur der imstande sein, der bereit ist, als altmodisch bezeichnet zu werden: Einer, der die Zeichen der Zeit offensichtlich noch immer nicht erkannt hat.
Der Rat der Stadt Düsseldorf hatte seinerzeit ausdrücklich auf die Show verzichtet, trotz zu erwartender Einnahmen auch für deren Stadtsäckel. Die Stadt Köln war weniger prüde und machte dann ein großes Geschäft. Das Presse- und Informationsamt der Stadt Köln (FAZ vom 11. März 2000) konstatierte:
"Die Ausstellungsstücke sind als sogenannte Plastinate nach NRW gekommen, und das sind keine Leichen mehr". (!)
Von Hagens, inthronisierter Demokratisierer in "Sachen Leichenshow", ist da weniger entschieden. Publikumswirksam formulierte er (FAZ vom 9. Februar 2000):

"Wenn einer in einem Plastinat eine Leiche sehen will, dann soll er das tun. Ich will keinem Menschen etwas vorschreiben."

Die aggressive "Vermarktung" skurriler, effekthaschender Posen, als Kunst verbrämt, bringt, induziert durch voyeuristische Attitüden (tod-)sichere Renditen.

Unbestritten dürfte das Verfahren der Plastination ein Gewinn für die Unterrichtung aller mit dem menschlichen Körper befaßter Professionen sein. Der wissenschaftliche Wert hingegen scheint "endlich" zu sein. Einige Präparate bieten ansatzweise präventives Gedankengut: Etwa das gesunde versus dem zirrhotischen Leberpräparat oder die Darstellung einer Raucherlunge.

Anatomy Art oder: Die Faszination des Echten

"Damit vor allem junge Menschen bewußter mit sich umgehen!" proklamiert eine die Ausstellung betreuende bzw. begleitende Ärztin. Alles das aber könnten - unbestritten - auch weniger spektakulär nichtmenschliche Demonstrationsobjekte leisten. Von Hagens sagt Demokratisierung, Wissenschaftlichkeit, meint wohl aber: Vermarktung. Spräche er dies aus, wäre er glaubwürdig gegenüber allen Kritikern, aber auch gegenüber seinen Körperspendern.
Einzelne Kapitel des Begleitskatalogs zur Ausstellung zeigen nicht den geringsten Anflug des Motivs "Demokratisierung". Sie sind so abgehoben, daß sie nur einem kleinen Kreis zugänglich sein dürften.
Von Hagens postuliert die "medizinische Mündigkeit". "Demokratisierung" - auch der Anatomie - ist längst überfällig? Er stellt fest: "Noch nie wurde in Deutschland so intensiv darüber diskutiert, was der Laie sehen darf und was nicht."

Und anfassen kann und darf er, der Laie, zudem auch einige ausgesuchte Präparate. Der Kick kommt eben erst durch das "Echte", will heißen: durch die Verletzung der Integrität Verstorbener. Der Besucher soll seinen Körper besser verstehen und kennenlernen. Aber können ihm entstellte und zum Teil absonderlich präparierte, etwa "der Fechter", "Schachspieler", "Läufer" oder der "Lassowerfer" oder gar der "total expandierte Körper" konkretes anatomisches Wissen vermitteln? Vermögen dies skurrile und offenbar effekthaschende Posen, wie etwa die Darstellung des seine eigene Haut (zu Markte?) tragenden "Präparates" wirklich - über den Augenblick hinaus - mit Lehrwert?

Fazit: Es ist tröstlich, daß von Hagens sich nicht als Arzt der Behandlung lebender Patienten zugewandt hat. Denn diese haben Seelen. Mit der Faszination des Echten. Und Würde, die aber nicht zu plastinieren und zu vermarkten ist.

Prof. Dr. med. Ernst Benda, ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, konstatierte: "Auch der tote Mensch behält seine Würde, aber es ist nicht sein Körper, dem Respekt gebührt, sondern das, was nach der Glaubensüberzeugung nicht wirklich sterblich ist und sich von dem Leichnam gelöst hat und nach der gleichen Überzeugung ist er in guten Händen."

- Un- begreiflich?


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Dr. med. Dr. med. dent.
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