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12/2000 |
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Der Referent hatte im doppelten Sinne Gewichtiges aus Utrecht nach Hannover mitgebracht: Neben dem heute schon obligatorischen Laptop und Beamer für eine Multimedia-Präsentation türmte Dr. Arno Timmermans, Direktor der Nederlands Huisartsen Genootschap (NHG) - auf deutsch: Vereinigung der niederländischen Primärärzte - den staunenden Teilnehmern der Mitgliederversammlung des Niedersächsischen Vereins zur Förderung der Qualität im Gesundheitswesen Berge von Informationsmaterial auf den Tisch. Handbücher, kunststoffbeschichtete Karten mit Kurzfassungen für den Praxisverbrauch und diverse CDs sind das Material, an dem sich in den Niederlanden die Hausärzte in ihrer Berufsausübung orientieren. Insgesamt steht den "General Practitioners" unseres westlichen Nachbarn ein Konvolut von circa 80 (Praxis-)Leitlinien zur Verfügung, dessen Entwicklung nach dem Motto "Von Allgemeinmedizinern für Allgemeinmediziner" im Jahr 1989 begonnen hatte. Mit diesen Practrice Guidelines, ergänzt durch sog. Practice Assistances, ist es möglich, den aktuellen wissenschaftlichen Stand der primärärztlichen Versorgung darzustellen sowie aktuelle Entscheidungen über Diagnose und Therapie, z.B. aufgrund einer Beschwerde oder nach Auseinandersetzungen um Behandlungsfehler, möglichst zeitnah zur Verfügung zu stellen. Dabei liegt der Fokus nicht allein auf der ärztlichen Tätigkeit, sondern bezieht die Aufgaben des Praxispersonals ebenso mit ein wie die Spezifikation von Schnittstellen zu anderen (externen) Einrichtungen und deren Personal. Über das rein Medizinische hinaus vermitteln Leitlinien und Assistenten auch Wissenswertes über das interne Qualitätsmanagement, z.B. zur (richtigen) Praxisorganisation. Bislang sind etwa 80 Leitlinien entwickelt worden, also acht bis zehn pro Jahr. Die NHG geht davon aus, daß der Bereich Allgemeinmedizin mit etwa 100 bis 120 Leitlinien vollständig abzudecken sei. Die Entwicklung einer derartigen guide dauert in der Regel ein bis eineinhalb Jahre, während die Einführungsphase dann noch einmal bis zu vier Jahre, je nach ihrer Komplexität, in Anspruch nimmt. "Denn", so der Referent lapidar, "so eine Leitlinie implementiert sich nicht von selbst, dazu gehört eine gehörige Portion Überzeugungsarbeit und Aufnahmebereitschaft der Kollegen." Damit ist es eine der Hauptarbeiten der NHG, ihre Mitglieder - immerhin sind es in den Niederlanden weit über 90 Prozent aller dort tätigen Hausärzte - zur freiwilligen Anwendung dieser Leitlinien zu motivieren. Evaluationen haben ergeben, daß immerhin gut 70 Prozent der in Frage kommenden Ärztinnen und Ärzte diese Leitlinien auch befolgen. Ihre nahezu flächendeckende Präsenz in der niederländischen Hausärzteschaft ist sicherlich auch das Ergebnis des dortigen Systems mit der hausärztlichen "Gatekeeper-Rolle", die - auch für privatversicherte Patienten - das Aufsuchen von Fachärzten ausschließlich auf Überweisungen eben dieses Hausarztes ermöglicht. Deren berufliche Qualifikation ist ferner von einem regelmäßigen Nachweisverfahren ("Zertifizierung") abhängig, wobei natürlich ein gewisser "sanfter" Druck durch regelmäßige Prüfungen die Akzeptanz von Leitlinien als Qualitätssicherungsinstrument fördert. Unterstützend kommt die kostenlose Zuverfügungstellung des gesamten Informationsmaterials hinzu, obwohl die Gesamtkosten durch die NHG-Mitgliedsbeiträge nicht annähernd zu decken sind. Daher gibt die niederländische Regierung für jede neu einwickelte Leitlinie einen Unterstützungsbetrag. Für die Überarbeitung (review) einer Leitlinie ist ein Zyklus von etwa zwei Jahren festgelegt worden. An der Erarbeitung einer Leitlinie arbeiten etwa vier bis acht General Practitioners mit; mit den weiteren "Produktionsstufen" wie Kommentar, Autorisierung und Promotion in der Kollegenschaft sind die vier Schritte zur Einführung einer guideline beschrieben. Dennoch will die Genootschap nicht bei dem jetzt erreichten Standard stehenbleiben. Es ist geplant, sog. "joint guidelines" in Kooperation mit anderen Facharztgruppen zu entwickeln. Dabei wird jeder Fachbereich auch weiterhin seinen eigenen Geltungs- und Zuständigkeitsbereich behalten, allerdings soll verstärkt an der Festlegung fachübergreifender Leitlinien vor allem bei gemeinsamen Schnittstellen gearbeitet werden. Ergänzend zu diesen, vorwiegend auf die Ärzte und das Praxispersonal zugeschnittenen Materialien werden in den Niederlanden auch die Patienten mit seriösen medizinischen Informationen ausgestattet. So fließen pro Jahr über 700 000 Informationsblätter in die Wartezimmer, wo sie "vor Ort" studiert oder aber auch mit nach Hause genommen werden können. | ||||||
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