Seit Anfang des Jahres 2001 hat sich eine Arbeitsgruppe zur Stärkung von Frauenbelangen im Gesundheitswesen mit dem Thema "Häusliche Gewalt" beschäftigt. Die Arbeitsgruppe mit Vertreterinnen und Vertretern des Niedersächsischen Ministeriums für Frauen, Arbeit und Soziales, der Ärztekammer Niedersachsen, der Psychotherapeutenkammer, der Akademie für ärztliche Fortbildung, der Medizinischen Hochschule Hannover und der Landesvereinigung für Gesundheit e.V. initiierte dazu eine Umfrage zur Bedarfsermittlung und Akzeptanz von Informationsveranstaltungen und Fortbildungsangeboten zum Thema "Häusliche Gewalt" (Juni-Ausgabe 2001 des niedersächsischen ärzteblattes). Die Antworten wurden vom Zentrum für Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen, Ärztekammer Niedersachsen, ausgewertet und die Ergebnisse werden nachfolgend von der Arbeitsgruppe vorgestellt.
Demografische und berufliche Daten der antwortenden Ärzte und Ärztinnen
Insgesamt wurden 101 Fragebögen zurückgeschickt, wobei deutlich mehr Frauen (65 = 64,3 %) als Männer (36 = 35,7 %) zu dem Thema Stellung bezogen. Ein ähnlich deutliches Verhältnis zeigt sich, wenn nach dem Tätigkeitsbereich der antwortenden Ärzte und Ärztinnen differenziert wird. Den größten Anteil bildet der Bereich der ambulanten Versorgung mit 64,3 % (= 65), gefolgt von dem stationären Bereich mit 28,7 %(= 29). Die restlichen sieben Antwortenden sind aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst, dem medizinischen Dienst oder aus der Administration. Nur drei Personen sind Ärzte/ Ärztinnen im Praktikum aus dem stationären Bereich. Die Altersverteilung weist keine Besonderheiten auf. Über 95 % der Antwortenden sind zwischen 30 und 60 Jahren mit einem überwiegenden Anteil von ca. 50 % in der Gruppe zwischen 40 und 50 Jahren.
Um mögliche Schwerpunkte oder Unterschiede hinsichtlich der Bewertung des Themas "Häusliche Gewalt" zu ermitteln, wurde auch die Fachrichtung der Befragten erfaßt. Dabei wurden fünf Gruppen ermittelt:
Allgemeinmedizin - 25 = 24,8 %
Innere Medizin - 10 = 9,9 %
Gynäkologie - 13 = 12,9 %
Psychotherapie/Psychiatrie - 26 = 25,7 %
Verschiedene Facharztnennungen - 19 = 18,8 %
In der Gruppe "Verschiedene Fachärzte" sind einzelne Fachnennungen zusammengefaßt. In sieben Fällen ist keine Fachrichtung angegeben. Bezüglich Geschlecht, Alter und Tätigkeitsbereich gibt es keine wesentlichen Unterschiede in den fünf Gruppen.
Wichtigkeit des Themas "Häusliche Gewalt" und Informationsstand
Das Thema "Häusliche Gewalt" wird von 25 (= 24,8 %) der Antwortenden als sehr wichtig für ihre tägliche Arbeit in der Praxis oder Klinik eingestuft. Andererseits bezeichnen aber auch 21 (= 20,8 %) Personen dieses Problem als unwichtig oder weniger wichtig. Die Psychotherapeuten/innen halten dabei das Thema zu 53,8 % (14 von 26) für sehr wichtig, während nur acht der restlichen Antwortenden (= 11,8 %) diese Bewertung vornehmen. Noch deutlicher wird diese unterschiedliche Sichtweise, wenn der Anteil mit der Bewertung unwichtig oder weniger wichtig betrachtet wird. Bei den Psychotherapeuten/innen findet sich nur eine Person (= 3,8 %), während in den anderen Fachgruppen 29,8 % diese Einschätzung teilen.
Bei der Frage nach der Notwendigkeit, dieses Thema in Fortbildungsmaßnahmen einzubeziehen, antworten 40 der 101 Antwortenden (= 39,8 %) mit "sehr wichtig" und nur sechs (= 5,9 %) stufen dieses Thema als unwichtig oder weniger wichtig ein. Auch das Antwortergebnis dieser Frage wird überwiegend durch die Gruppe der Psychotherapeuten/innen bestimmt. Insgesamt 15 (= 57,7 %) von ihnen halten dieses Thema bei Fortbildungsangeboten für sehr wichtig.
Die Analyse des derzeitigen Informationsstands zeigt, daß sich 60 (= 59,4 %) der Antwortenden als uninformiert oder wenig informiert über das Thema "Häusliche Gewalt" fühlen (Abbildung 1). Hierbei liegt bei den Ärzten der Anteil mit 72,2 %
(= 26 von 36) erheblich höher als bei den Ärztinnen mit 52,3 % (= 34 von 65). In der Gruppe der Psychotherapeuten/innen ist dagegen der Anteil der (sehr gut) informierten Personen mit 76,9 % (= 20 von 26) erheblich größer als bei den restlichen Facharztgruppen mit 29,9 % (= 20 von 67).
Hilfreiche Materialien für die tägliche Arbeit
Als wichtigste Unterstützung bei der täglichen Arbeit mit den Patientinnen werden zum Thema "Häusliche Gewalt" Listen mit Beratungsstellen oder sonstige Hilfsangebote (71,3 %) und danach, nahezu gleichbedeutend, Material zur Weitergabe an die betroffene Patientin während des Gesprächs (= 58,4 %) sowie Material zur Auslage in der Praxis / in der Klinik (Beratungsstellen, Notrufe, sonstige Hilfsangebote) (= 56,4 %) angesehen. Deutlich weniger wichtig wird ein Leitfaden für die Arztpraxis mit detaillierten Informationen (35,6 %) und Informationen über eine forensisch verwertbare Dokumentation (= 29,7 %) eingestuft. Am wenigsten (= 19,8 %) wird auf Hintergrundinformation oder wissenschaftliches Material zu diesem Thema Wert gelegt. In mehr als 50 % der Fälle werden mindestens zwei dieser Materialien von den Antwortenden gleichzeitig als sehr wichtig genannt.
Insgesamt bewerten nur drei Personen eines der vorgeschlagenen Hilfsmittel als unwichtig. Nur fünf (= 5,0 %) Antwortende halten Listen zu Beratungsstellen für weniger wichtig, während 34 (= 33,7 %) Informationen über eine forensisch verwertbare Dokumentation als nicht so wichtig einstufen.
Wahrnehmung von Fortbildungsangeboten
Als wichtigste Fortbildungsmaßnahme werden mit 86,1 % Hinweise, wie das aktuelle Schutzbedürfnis von Patientinnen/ Patienten abgeklärt werden kann, genannt. Nahezu gleich häufig (= 83,4 %) wird die Wichtigkeit von Materialien zur Auslage in der Praxis / in der Klinik (Beratungsstellen, Notrufe, sonstige Hilfsangebote) eingestuft. Hierbei fällt insbesondere der hohe Anteil von 42,6 % mit der Nennung sehr wichtig auf. An dritter Stelle von wahrzunehmenden Fortbildungsangeboten steht eine bessere Vernetzung mit anderen Berufsgruppen (= 78,2 %), gefolgt von einer Schulung für eine angemessene Gesprächsführung (= 65,3 %). Zuletzt werden ärztliche Gesprächskreise zum Umgang mit Opfern häuslicher Gewalt aufgeführt (= 55,4 %). Letztere werden auch zu 12,9 % als unwichtig angesehen (Abbildung 2). Hinsichtlich der Einstufung als sehr wichtig erstreckt sich das Spektrum von maximal 42,6 % (Material siehe oben) bis zu 5,9 % (Gesprächskreise). Die verbesserte Vernetzung der Berufsgruppen zu diesem Thema wird vor allen Dingen von den Psychotherapeuten/innen befürwortet (= 46,2 %), während dies in den restlichen Fachgruppen nur zu 15,9 % so gesehen wird.
Attraktivität von Fortbildungsangeboten zum Thema "Häusliche Gewalt"
Ein Fortbildungsangebot zu diesem Thema, das sich ausschließlich an Ärztinnen und Ärzte richtet, wird von 18 (= 17,8 %) als gar nicht wünschenswert angesehen und von 27 (= 26,7 %) der Antwortenden uneingeschränkt befürwortet. Hierbei findet sich besonders in der Gruppe der Psychotherapeuten/innen ein hoher Anteil von 32,0 % (= 8 von 26), der ein derartiges Angebot ablehnt.
Ein Fortbildungsangebot mit einem interdisziplinären Ansatz wird von 69,8 % uneingeschränkt begrüßt. Nur sieben Personen (= 6,9 %) schätzen es als nur wenig attraktiv ein. Niemand lehnt es gänzlich ab. Unterschiede gibt es zwischen Fachnennungen und Tätigkeitsfeldern nicht.
Fortbildungsangebote, die auch Fragen der Abrechnung und besseren Honorierung von Gesprächen mit Opfern häuslicher Gewalt aufgreifen, werden von nur 14,9 % der Antwortenden absolut gewünscht, während 31,7 % sie gänzlich ablehnen. Dabei ist der Anteil der Befürworter mit 20,3 % (= 13 von 64) unter den Ärztinnen deutlich höher als bei den Ärzten mit 5,6 % (= 2 von 36). Unterschiede zwischen Fachnennungen, Tätigkeitsfeldern und Alter finden sich nicht.
Hemmnisse für die Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen
Als häufigstes Hemmnis für eine Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen zum Thema häusliche Gewalt wird eine Überforderung des eigenen beruflichen Alltags mit diesem Thema genannt (= 31,7 %). Mit Abstand werden nahezu gleich häufig mangelndes Verständnis bei den Kolleginnen/Kollegen (= 19,8 %), der Wunsch, sich nicht über die eigenen Möglichkeiten in persönliche Angelegenheiten einmischen zu wollen (= 18,8 %) und Vorgesetzte, die das Thema für unwichtig halten (= 17,8 %) aufgeführt.
Die beiden Hemmnisse des mangelnden Verständnisses bei Kolleginnen/Kollegen und des Vorgesetzten werden wesentlich durch die unterschiedlichen Tätigkeitsbereiche bestimmt. Während 81,5 % (= 53 von 64) im Bereich der ambulanten Versorgung gar keine Probleme mit dem Vorgesetzten in dieser Hinsicht äußern (... sie sind ja "ihr eigener Herr"), sind dies für die anderen Bereiche nur 31,0 %. Ähnlich sah das Bild hinsichtlich des Unverständnisses bei den Kolleginnen/Kollegen aus. Im ambulanten Bereich haben 67,7 % gar keine Schwierigkeiten, im stationären Bereich hingegen nur 37,9 %.
Die mehr persönlich geprägten Hemmnisse weisen deutlich Unterschiede zwischen den Fachnennungen auf. Eine Überforderung wird nur von drei (= 11,5 %) der Psychotherapeuten/innen genannt, während zwischen 31,6 % und 70,0 % in den anderen Facharztgruppen diesen Grund als Hemmnis aufführen. Ebenso äußert nur ein Psychotherapeut (= 3,8 %), sich nicht in persönliche Angelegenheiten einmischen zu wollen, während es in den anderen Arztgruppen zusammen 16 (= 30,8 %) sind.
Unterschiede hinsichtlich Tätigkeitsfeldern, Geschlecht und Alter finden sich nicht.
Zusammenfassung
Unter den antwortenden 101 Ärztinnen und Ärzte finden sich überwiegend Mitglieder aus Facharztgruppen (über 80 %), von denen zu erwarten ist, daß während ihrer täglichen Arbeit das Thema "Häusliche Gewalt" am ehesten präsent ist; Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Gynäkologie (da die Befragung überwiegend auf Gewalt gegen Frauen ausgerichtet war) und Psychotherapie. Auch der hohe Anteil (64 %) von antwortenden Ärztinnen kommt bezüglich des Themas nicht unerwartet. Insgesamt ist also von einer zwar kleinen, aber interessierten und von dem Thema betroffenen Gruppe der Antwortenden auszugehen.
Das Thema "Häusliche Gewalt" wird somit von circa einem Viertel der antwortenden Ärzte und Ärztinnen als sehr wichtig für ihre tägliche Arbeit eingestuft, aber dennoch von circa 20 % als weniger wichtig bewertet. Deutlich höher wird der Bedarf an Fortbildung (circa 40 %) zu diesem Thema gesehen. Bei beiden Fragen wird die Bedeutung von den Psychotherapeuten/innen erheblich höher eingeschätzt. Dieser Bedarf an Fortbildung ist durch einen derzeitigen Mangel an Information (circa 60 %) zu dem Thema, den die Befragten empfinden, klar belegt. Auch hier weicht die Gruppe der Psychotherapeuten/innen mit einem Anteil von 77 % gut informierter Mitglieder erwartungsgemäß stark ab.
Auch die Analyse gewünschter und notwendiger Materialien und Hilfsmittel zum Thema "Häusliche Gewalt" belegt deutlich einen Bedarf bei den Ärztinnen und Ärzten. Dabei wird durchgängig vorrangig Informationsmaterial zur Bereitstellung für die Patientinnen, auch mit Hinweisen auf weitere Beratungsstellen, erwünscht (circa 80 %).
Bei der Frage nach Fortbildungsangeboten steht dieser Wunsch ebenfalls im Vordergrund, wird aber noch übertroffen von der Vermittlung von Hinweisen, wie das aktuelle Schutzbedürfnis von Patientinnen abzuklären sei (83 %). Weitere Schulung in Gesprächsführung und ärztliche Gesprächskreise werden deutlich weniger gefordert (um 60 %). Dieser Bedarf nach sehr praktischer und zielgerichteter Hilfestellung wird auch in mehreren Klartextangaben zum Ausdruck gebracht, wo ein ausgewogenes und angemessenes Verhältnis zwischen Fortbildungsnutzen und -aufwand, trotz der Wichtigkeit des Themas, gewünscht wird. Eine bessere Vernetzung wird besonders von den Psychotherapeuten/innen als absolut vorrangig angesehen (46 %).
Letzterer Aspekt zeigt sich auch bei den Stellungnahmen zur Attraktivität von Fortbildungsangeboten nur für Ärztinnen und Ärzte (18 %) und interdisziplinären Ansätze (70 %), der von allen Gruppen nahezu gleich eingeschätzt wird (... auch hier mit einer etwas höheren Betonung durch die Psychotherapeuten/innen).
Mangelndes Verständnis bei Kolleginnen/ Kollegen oder Vorgesetzten für eine Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen zu diesem Thema war nur ein eher untergeordnetes Problem (circa 20 %), mit natürlicherweise unterschiedlicher Gewichtung im ambulanten und stationären Bereich. Persönliche Aspekte, wie eine mögliche Überforderung im eigenen beruflichen Alltag (32 %) und der Wunsch nach Nichteinmischung in persönliche Angelegenheiten (19 %) zeigen zum einen nochmals die Befürchtung auf, mit einem zusätzlichen Einstieg in das Thema "Häusliche Gewalt" und Fortbildungsveranstaltungen an die eigene Belastungsgrenze zu gelangen. Andererseits geben doch circa 50 % der Antwortenden, auch durch zusätzliche klartextliche Zusatzbemerkungen, an, daß für sie als Ärztinnen und Ärzte das Thema und die daraus folgende Notwendigkeit zur Information und Fortbildung von großer Wichtigkeit sind.
Anschrift des Verfassers:
Paul Wenzlaff
Zentrum für Qualitätsmanagement im
Gesundheitswesen
Einrichtung der Ärztekammer
Niedersachsen
Postfach 4749
30047 Hannover
Telefon: 0049-(0)511-3 80-21 11
Fax: 0049-(0)511-3 80-21 18
Email: wenzlaff@zq-aekn.de