Ausbildung Osteopathie
Die Ausbildung dauert mindestens sechs Jahre. Es gibt immer wieder Schulen, die es in kürzerer Zeit versuchen. Um jedoch die besondere Sichtweise der Osteopathie zu verinnerlichen, sowie sich das Wissen über kleinste anatomische, embryologische, physiologische und pathologische Besonderheiten anzueignen und die Beherrschung aller Therapietechniken zu erlernen, wird diese Zeit auch benötigt.
Allen Orthopäden und Kollegen, die der Meinung sind, Osteopathie lasse sich in Wochenendkursen "nebenbei mitnehmen", sei gesagt: auch Sie werden im "Vorwort" der eigentlichen Therapie stecken bleiben. Es werden tatsächlich sechs weitere Jahre für diese "Weiterbildung" benötigt.
Das sechsjährige Ausbildungsprogramm besteht in erster Linie aus Anatomie, Embryologie, Physiologie und die Umsetzung der Kenntnisse in spezifische Diagnostik- und Therapiestrategien. Dazu kommen noch die im Medizinstudium bekannten Grundfächer.
Die Osteopathen sind durch ihre Verpflichtung wenigstens eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben, eng mit den deutschen und ausländischen Universitäten verbunden.
(Einzelheiten zur Ausbildung unter
http://www.osteopathie.de)
Osteopathische Diagnosestellung und Behandlung
Diagnostik und Therapie verzichten auf invasiven Maßnahmen und beschränken sich auf den Einsatz der Hände. Die Osteopathie hat "Hunderte" von Techniken, mit denen sie sich der Individualität des Patienten anpassen kann. Aber Einzeltechniken machen noch keinen guten Osteopathen aus. Das Wichtigste ist, den Menschen mit seiner individuellen Anatomie und Physiologie durch osteopathische Diagnostik möglichst komplett zu begreifen.
Wenn die Funktion oder die Normalität von Bewegung erlernt und dann auch erkannt wird, kann man auch Dysfunktionen, sprich Funktionsstörungen dieser normalen Bewegungen feststellen. Beispielsweise die Schädelanatomie ist sehr komplex. Wie viel Zeit braucht ein Neurochirurg, um mit genauen Neuroanatomiekenntnissen zu guten chirurgischen Ergebnissen zu kommen. Auch der Osteopath braucht ähnlich gute Kenntnisse von der Schädelanatomie.
Unterschied Osteopathie und Chirotherapie
Auch in den USA gibt es diese Zweiteilung. Chiropraktik ist eine 3jährige Ausbildung mit Abschluß D.C. (doctor of chiropractic) und Osteopathie ist 6jährig mit Abschluß D.O. (doctor of osteopathy).
Die Chirotherapie ist ein Teilgebiet der Osteopathie.
Die Chirotherapeuten "arbeiten" mehr an der Wirbelsäule und decken z.B. Bewegungsverluste in den Facettengelenken der Wirbelsäule auf. Dies ist dann die chirotherapeutische, wie auch osteopathische Dysfunktion. In der Osteopathie diagnostiziert man nicht nur die Wirbelsäule, sondern beispielsweise auch die visceralen Organe, aber auch den gesamten Schädel. Es geht auch hier, wie bereits aus der Chirotherapie bekannt, um das Aufdecken von Bewegungsverlust.
Über ein diffiziles diagnostisches Vorgehen schafft sich der Osteopath ein dreidimensionales Bild von der "Struktur" des ganzen Patienten, also auch in Bereichen der Organe.
Um allerdings Bewegungsverlust von Organen aufdecken zu können, braucht man beispielsweise Kenntnisse aus der Embryologie. Es gibt Bewegungen der Organe durch die Atmung (z.B. Lungenatmung), wie auch die Embryologische Ur-Bewegung (der Weg der Entstehung) einen Einfluß hat.
In der Osteopathie wird versucht, die Gesamtheit aller Bewegungsverluste aufzudecken, eine Wertigkeit zwischen ihnen herzustellen und sie danach aufzulösen.
Spezialfall Osteopathie für Säuglinge und Kinder
Sie sind wichtige osteopathische Patienten. Sie haben nach den Geburten oft Bewegungseinschränkungen im Schädelbereich. Insbesondere, wenn es um Eingriffe wie Zangengeburt oder ähnliches geht. Die weichen Schädelknochen brauchen ein viel sanfteres Vorgehen des Therapeuten und dieser sollte daher eine langjährige Erfahrung mit Kindern nachweisen können. Kinderbehandlungen zeichnen sich durch Behandlungserfolg nach nur wenigen Behandlungen aus. Dagegen brauchen schwierige und ältere Patienten, wie bei anderen Behandlungsverfahren auch, eher einen längeren Behandlungszeitraum.
Fallbeispiele
1.
Ein sechs Monate altes Kind kommt in die Praxis. Es kann nur auf einer Seite liegen. Die Eltern haben seit sechs Monaten fast keine Nacht durchschlafen können, weil das Kind mehrmals nachts aufwacht und schreit. Die ganze Familie ist mit den Nerven am Ende.
Es stellt sich raus, die Geburt war extrem schnell (noch nicht einmal irgendwelche massiven gynäkologischen Eingriffe wie Zange und ähnliches). Meist können sich dann die Schädelknochen der Schädelbasis nicht schnell genug an die wechselnden Beckendiameter anpassen und es kommt zu Bewegungseinschränkungen z.B. zwischen os occipitale und os temporale. Der Schädel zeigt eine asymmetrische Form und das Kind findet es angenehmer, nur auf einer Seite zu liegen. Wir kennen diese Symptomatik in der Orthopädie meist als sog. KISS Syndrom und wissen bisher nicht, warum die Kinder so reagieren. Dies kann mit der Osteopathie aufgeklärt werden.
Durch die Minderbeweglichkeiten einiger Suturen kommt es auch zur Blockierung der Halswirbelsäule, die dann der Chirotherapeut versucht zu lösen. Der Osteopath würde gezielter an die primäre Bewegungseinschränkung herangehen und die Schädelfixation mit sehr weicher vorsichtiger Technik auflösen und damit verschwindet sofort auch die sekundäre kompensatorische Funktionsstörung. Das Kind bekommt nach ca. 3 - 5 Behandlungen wieder einen mehr symmetrischen Schädel und hält seinen Kopf wieder gerade. Seine Bauchprobleme sind mit Entlastung des N. vagus (Foramen jugulare) verschwunden, zunehmend stellt sich auch die Nachtruhe für die Eltern wieder ein.
2.
Ein Kind, sieben Jahre, kommt mit bisheriger Diagnose Spannungskopfschmerz und untypischer Migräne. Es hat diese Kopfschmerzen seit dem 3. Lebensjahr. Es wird immer schlimmer und seit der Einschulung fallen erhebliche Konzentrationsprobleme auf. Das Kind ist mit 1,5 Jahren vom Wickeltisch gefallen und hatte eine Commotio cerebri, wie genaues Nachfragen ergab.
Osteopathisch findet sich eine Bewegungseinschränkung zwischen os occipitale und os sphenoidale, sowie noch weitere kleine Bewegungseinschränkungen. Diese werden sanft gelöst und die Kopfschmerzen sind bleibend verschwunden. Auch die Konzentrationsstörungen können sich durch Aktivierung der Selbstheilungskräfte des ganzen Körpers deutlich verbessern. (Lit: Lamberts A: Konzentrationsverbesserungen bei Kindern nach osteopathischer Behandlung. Erfahrungsheilkunde, vermutlich 3/03 veröffentlicht)
3.
Eine Frau, 56 Jahre, kommt mit massiven Rückenschmerzen seit 20 Jahren. Diese sind bisher durch keine orthopädisch-schmerztherapeutischen Maßnahmen zu behandeln gewesen. Es helfen auch keine Schmerzmittel richtig. Vor 22 Jahren ist bei der Patientin eine Hysterektomie durchgeführt worden. In der Kindheit ist sie mehrfach beim Schlittschuhlaufen aufs Gesäß gefallen. Der Osteopath findet eine völlige Fehlstellung des gesamten Beckens, insbesondere des Steißbeins. Dies hat seine Bewegungsmöglichkeit komplett verloren. Aber auch eine chirotherapeutische Mobilisation brachte keine anhaltende Besserung der Beschwerden. Erst das Aufdecken der fehlenden Beweglichkeit in der Nierenloge und deren Behandlung brachte den Erfolg für den Therapeuten und die Schmerzfreiheit für die Patientin. Die Patientin hat durch ihre bleibende Nierenkonstitution zwar zeitweise Rezidive, aber dies nicht mehr als 1x im Jahr.
Schlußbemerkungen
Die Osteopathie gewinnt auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung - auch in der Prävention, weil sie frühzeitig funktionelle Erkrankungen aufdecken und eine Manifestation und Chronizität verhindern kann. Besonders wichtig ist sie bei der Behandlung von Säuglingen und Kindern. Eine noch engere Zusammenarbeit mit Kinderärzten und auch Hebammen ist dringend notwendig - und erfolgt auch.
Wir sollten in Deutschland die Osteopathie - ähnlich wie in den USA - als sinnvolle Ergänzung unserer Therapiemöglichkeiten nutzen.
Anschrift der Verfasserin:
Dr. med. Andrea Lamberts D.O.
Fuhsestr.36
29221 Celle