aktualisiert am: 09.12.2002
niedersaechsisches aerzteblatt
 

12/2002


Editorial: Ein paar Nullen zu viel


Liebe Kollegin, lieber Kollege,

noch ist das "Unwort des Jahres" nicht gekürt. Ginge es nach uns Ärzten, hätte "Beitragssatzsicherungsgesetz" gute Chancen.

Es wäre zu wünschen, daß sich die Kreativität unserer Regierung bei ihren Wortschöpfungen in eine entsprechende Qualität ihrer Gesetzgebung ummünzen ließe. Doch da hoffen wir wohl vergebens. Schon die Länge des Wortungetüms ist ein authentisches Abbild jener Entwicklung, die unser Gesundheitswesen unter einer immer stärkeren Bürokratisierung zu ersticken droht.

Griffiger, fast schon bürgernah gibt sich die Vokabel "Nullrunde". Für uns Ärzte verbirgt sich dahinter eine Zumutung. Vergessen hat die Politik ganz offensichtlich, daß die niedergelassenen Ärzte seit Jahren die Gesundheitspolitik mit ihrem Einkommen subventionieren. Der früher einmal angesetzte Punktwert von 10 Pfennig wurde niemals erreicht. Die jährlichen maximalen Honorarzuwächse in Höhe der Grundlohnsummenentwicklung haben die reale Kostenentwicklung nie auffangen können. Und jetzt also "Nullrunde".

Was die Politik nicht zur Kenntnis nehmen will: Unter Praxisbedingungen wird daraus eine Minusrunde. Addieren wir den zu erwartenden Anstieg der Personalkosten, der Inflationsrate, der steigenden Steuersätze, der weiter kletternden Beiträge zur Krankenversicherung und Altersvorsorge sowie den steigenden Bedarf an Rückstellungen für aufgeschobene Investitionen, dann liegen wir bei einem realen Einkommensverlust für die Ärzte von rund 6,5 Prozent.

Weder Gegenvorschläge noch Protest auf der Straße haben gefruchtet. Die Politik hat sich verrannt in eine Sichtweise, die uns Ärzte nur noch als "Besserverdiener", als Kostentreiber, als Profitjäger wahrnehmen will. Ist nicht sogar ein wenig Häme dabei, daß steigende Gesundheitskosten endlich den willkommenen Vorwand liefern, um die "Privilegierten" abkassieren zu können?

Einen Einkommensverlust von gerade mal 158 Euro hat Gesundheitsministerin Schmidt bei den niedergelassenen Ärzten durch die "Nullrunde" errechnet. Ein derartiger Realitätsverlust ist an der Spitze des Gesundheitsministeriums besorgniserregend. Ihre Maßnahmen vernichten Arbeitsplätze, verhindern Investitionen und verschlechtern die Patientenversorgung. Manche Praxis wird in Existenznot geraten. Ein Sozialabbau ungeheuerlichen Ausmaßes zeichnet sich ab - nicht nur zu Lasten der Ärzte, sondern zu Lasten aller krankenversicherten Patienten.

Bislang bringt die Regierung nicht den Mut auf, überfällige Reformen einzuleiten, den Tatsachen der Bevölkerungsentwicklung ins Auge zu blicken und auch den Patienten mehr Eigenverantwortung zuzutrauen. Sie läßt einzelne Berufsgruppen die Zeche zahlen für ihren Wahn, durch Umverteilung die Auswirkungen gesellschaftlicher Erosionen zuschaufeln zu können.

Der anhaltende Protest der Ärzteverbände ist ihr dafür sicher. Doch ein ständiges "Ohne uns" reicht nicht. Gerade in Zeiten der Stagnation müssen die Verbände durch konstruktive Arbeit ihre Zukunftsfähigkeit beweisen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen werden nicht müde werden, um einer besseren Gesundheitsversorgung willen der Politik zukunftsweisende Konzepte und Handlungsalternativen anzubieten.

Mit einer alternativen Begriffsdefinition können wir schon dienen. Blicken wir dieser Tage auf den Kabinettstisch in Berlin, dann kommen uns bei dem Begriff "Nullrunde" ganz andere Vorstellungen: Vielleicht findet man dort ein paar Nullen zu viel.


Herzlichst Ihre

Eberhard Gramsch
Vorstandsvorsitzender der KVN

Dr. Christioph Titz
Stellv. Vorstandsvorsitzender der KVN



 
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