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| nä 12/2003
aktualisiert am: 11.12.2003 |
ethik | ||||||||
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Es gilt hier und anderswo darüber nachzudenken: was heißt "Gesundheit" oder "Krankheit"? Hierzu ein paar Definitionen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) formuliert: "Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen, körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit und Gebrechen."[1] Kommentar: Diese Definition krankt an ihrer umfassenden Perspektive. Nach ihr wären wir nur in Momenten unseres Lebens gesund, vielleicht nur dann, wenn wir wunschlos glücklich sind. Vielleicht, wenn wir verliebt sind? Oder sind wir dann vielleicht ein bißchen verrückt? Aber natürlich können wir uns darauf einigen, daß Gesundheit mehr ist als nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen. Definitionen sind nämlich ihrem Wesen nach immer Vereinbarungen, die auch in Frage gestellt werden können. Der Theologe Jürgen Moltmann unterscheidet zwischen Gesundheit als Zustand und Gesundheit als Einstellung.[2] Kommentar: Wenn es bloß so einfach wäre,wie die folgende Quelle glauben machen will: "Gesundheit bezeichnet den Prozeß der Anpassung,... die Fähigkeit, sich auf wechselnde Milieus einzustellen, älter zu werden, zu gesunden, zu leiden, in Frieden den Tod zu erwarten." Gesundheit ist dann "die Fähigkeit, Schmerz, Krankheit und Tod autonom zu bewältigen".[3] Kommentar: Aber wer definiert, ob jemand gut angepaßt ist? Ist Anpassung Gesundheit? Wenn Theologen Gesundheit definieren, trägt das nicht unbedingt zur Klärung bei: "Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Störungen, Gesundheit ist die Kraft, mit ihnen zu leben."[4] Karl Barth schreibt kurz und bündig: "Gesundheit ist die Kraft zum Menschsein."[5] Kommentar: Und was haben wir mit dieser Definition gewonnen? Hier ist der Gesundheitsbegriff ganz aufgelöst. Ein anderer Theologe, Hans Grewel, schreibt: "Wir verstehen Gesundheit als die Bereitschaft und Fähigkeit und Kraft, mit den Begrenzungen oder Störungen oder Schädigungen zu leben, das heißt den durch sie umgrenzten Horizont an Lebensmöglichkeiten auszuloten, zu erproben und einzuüben."[6] Kommentar: Diese Definition könnte ich fast unterschreiben. Aber ich würde umgekehrt anfangen: Gesundheit ist die Bereitschaft und Fähigkeit und Kraft, Lebensmöglichkeiten auszuloten, zu erproben und einzuüben, mit den je wechselnden Begrenzungen, Störungen und Schädigungen, die das Leben mit sich bringt. Es ist nicht gleichgültig, ob zuerst von den Begrenzungen oder von den Lebensmöglichkeiten die Rede ist! Wenn die Grenzen zuerst genannt werden, ist der defizitorientierte, resignative Blick schon vorprogrammiert. Wo die Grenzen sind, steht ja gerade nicht von vorneherein fest! Wer jetzt aber glaubt, die Medizin hätte einen naturwissenschaftlich klaren Gesundheitsbegriff, der sich nach Gesundheit oder Krankheit als Zustand ableitet, der irrt wie ich, als ich nach medizinischen Gesundheitsdefinitionen geforscht habe. Natürlich kann man sagen: "Krankheit ist die Störung des statistisch normalen Funktionierens eines Organismus entsprechend den Umweltansprüchen dieser Art".[7] Kommentar: Aber Krankheiten abstrakt gibt es nicht. Es gibt lediglich kranke Menschen. Ob sich ein Mensch krank fühlt und zum Arzt geht, hängt von seiner Einstellung ab! Wann definiert er sich als krank? Medizinische Krankheitsdefinitionen werden dem nur beschränkt gerecht. Wozu Definitionen gut sein könnenDefinitionen entstehen, wenn Menschen über komplizierte Sachverhalte nachdenken und versuchen, die Resultate ihres Denkens in möglichst einfache Sätze und Begriffe zu konzentrieren und zu verallgemeinern. Sie sind gleichsam Kristallisationen von Denkprozessen. Sie sollen der theoretischen Orientierung und dem praktischen Handeln dienen. Die kritische Frage ist immer: Tun sie es wirklich? Denn jede Definition verstellt auch den Blick auf die Wirklichkeit. Deshalb empfiehlt es sich, sie nebeneinander zu stellen und sie gegeneinander abzuwägen, nicht aber eine von ihnen absolut zu setzen. Dies gilt besonders für Gesundheits-, Krankheits- und Behinderungsdefinitionen. |
Verfasser/in: Dr. theol. Esther Bollag Pädagogisch-Ethisches Institut e.V. Bebelallee 23, 22299 Hamburg 12/2003 Archiv Umfragen
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