nä 12/2003
aktualisiert am: 11.12.2003
 prävention

erkennen lernen

Die Therapeutische Frauenberatung in Göttingen hat ein europäischesFortbildungsprojekt entwickelt. Es soll den Blick für gesundheitliche Folgen von Gewalt an Frauen schärfen


Fallzahlen und wissenschaftliche Untersuchungen belegen: Statistisch gesehen sitzt in deutschen Wartezimmern jede fünfte Frau mit gesundheitlichen Beschwerden, die mit Gewalterfahrungen zusammenhängen1. Im europäischen Ausland ist die Situation vergleichbar.

Die Formen von Gewalt sind vielfältig und treten meist nicht isoliert voneinander auf. Ebenso komplex sind deren Akut- und Langzeitfolgen für die körperliche und seelische Gesundheit von Frauen. Sie reichen von inneren Verletzungen und psychosomatischen Störungen bis hin zu Ängsten, Depressionen, Eßstörungen und Substanzabhängigkeiten. Direkte Kausalitäten sind indes nicht leicht zu erkennen. Die Posttraumatische Belastungsstörung (PostTraumaticStressDisorder) weist noch den eindeutigsten Zusammenhang mit Gewalt auf. Kennzeichnend sind zum Beispiel emotionale Taubheit oder Übererregungszustände, Panikattacken und dissoziative Phänomene.

Gewalt wird oft übersehen

Gerade bei den psychosomatischen und psychischen Störungen aber werden die Symptome oft nicht auf einen möglichen Gewalthintergrund bezogen: Frauen scheuen sich, das Thema Gewalt direkt anzusprechen; Ärztinnen und Ärzte ziehen diese Ursache nicht in Erwägung und fragen nicht nach. Die Therapeutische Frauenberatung in Göttingen hat ein spezielles Fortbildungskonzept entwickelt, um diesem Problem Abhilfe zu schaffen. Weil es auch in anderen europäischen Ländern existiert, unterstützt die Europäische Kommission eine länderübergreifende Umsetzung im Rahmen des Daphne Programms (aktuell in Großbritannien und Spanien). Mit ihm fördert die Europäische Union seit 1997 vorbeugende Maßnahmen zur Bekämpfung von Gewalt gegen Kinder, Jugendliche und Frauen. Mit Daphne anerkennt die EU-Kommission die zentrale Bedeutung von Nichtregierungsorganisationen und ihren Netzwerken im Kampf gegen Gewalt.

Den Blick schärfen

Ziel des Projekts ist es, die Aufmerksamkeit der Fachleute im medizinischen und sozialen Bereich für diese Problematik zu steigern und sie darin zu unterstützen, die Versorgung von Hilfesuchenden zu optimieren. Hindernisse können etwa in Informationsdefiziten oder in Handlungsunsicherheiten bestehen, zum Beispiel in der Fragetechnik. Nicht jede Frage ist hilfreich, wenn es darum geht, Gewalt aufzudecken und das Vertrauen der Opfer zugewinnen.

Die Fortbildung ist kurz (maximal drei Stunden) und handlungsorientiert. Das Konzept weist ein offenes Design als ergänzbares Modulsystem auf und kann optimal auf spezifische Interessenslagen zugeschnitten werden. Zentraler Bestandteil ist ein Film, der zum Beispiel über Symptombildungen bei Traumatisierten informiert. Anhand einer filmischen Beratungssequenz können praktische Fragen im Gespräch mit Betroffenen erörtert werden. Das Wissen um spezifische regionale Angebote der Unterstützung ermöglicht eine kompetente Weiterleitung an andere Hilfestellen.

Die Berufsgruppen des Gesundheitswesens sind eine wichtige Schnittstelle zwischen Frauen mit Gewalterfahrungen und spezifischen Hilfeeinrichtungen - vorausgesetzt ihr Blick ist geschärft für die Tatsache, daß gesundheitlichen Problemen von Frauen vielfach Gewalttaten zugrunde liegen.


 

Verfasser/in:
Ilse Hilliger, Wiebke Landwehr
Therapeutische Frauenberatung e.V.
Groner Straß;e 32/33, 37073 Göttingen, (05 51) 4 56 15
therapeutische-frauenberatung@w4w.de

12/2003

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