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Leserbrief
Ausgabe 9/2006
 
nä 10/2006
aktualisiert am: 00.00.0000

Genetik 

  sucht und drogen

veranlagung

Über die Forschung zur genetischen Disposition für Suchterkrankungen und ihren Verlauf


 

Es gibt Menschen, die können andere spielend unter den Tisch trinken und sind danach noch fähig, aufrechten Ganges den Raum zu verlassen. Abgesehen von der Frage, ob dies tatsächlich eine beneidenswerte Leistung ist und der Tatsache, dass diese Menschen möglicherweise suchtkrank sind, können manche Alkohol augenscheinlich besser vertragen als andere. Darüber hinaus gibt es jene, die trotz regelmäßigen Alkoholkonsums offensichtlich nicht suchtkrank werden. Diese Alltagsbeobachtungen weisen darauf hin, dass genetische Faktoren bei der individuellen akuten Wirkung von Alkohol und der Entwicklung einer Suchterkrankung eine Rolle spielen.

Ergebnisse neurobiologischer Grundlagenforschung sowie klinischer Studien zeigen, dass mit Sicherheit von einer multiplen genetischen Disposition für Suchterkrankungen auszugehen ist. Dies trifft sowohl für die Reaktionsempfindlichkeit eines Individuums auf einzelne Dosen Alkohol oder eines anderen Suchtmittels (Opioide, Cannabinoide, Schlaf- und Beruhigungsmittel, Psychostimulantien, Nikotin) zu, als auch für das Risiko, eine Suchterkrankung zu erleiden und für deren Verlauf. Wie sich jedoch eine solche genetische Disposition auf die akute Wirkung süchtig machender Substanzen und im Langzeitverlauf detailliert auswirkt, ist noch nicht geklärt.

Neurobiologisch betrachtet führen zeitabhängige Wechselwirkungen von genetischer Disposition, Umwelteinflüssen und den Effekten eines Suchtmittels in charakteristischen Phasen vom kontrollierten Gebrauch des Suchtmittels zu abhängigem Verhalten mit Kontrollverlust. Letzterer bedeutet in diesem Fall, dass ein Individuum nicht mehr in der Lage ist, an einem Tag Alkohol zu trinken und dies am selben Tag von sich aus wieder zu beenden. Kontrollverlust stellt neben anderen ein wichtiges diagnostisches Kriterium für die Diagnose einer therapiebedürftigen Abhängigkeitserkrankung dar. Welche Gene jedoch etwa für die Entwicklung des Kontrollverlustes eine Rolle spielen, ist bisher ebenfalls noch nicht geklärt.

Aus der Suchtforschung ist allerdings bekannt, dass für die Entwicklung einer Abhängigkeit mit Kontrollverlust auf der Basis genetischer Vulnerabilität und verschiedener Risikofaktoren Prozesse der Sensitivierung und Desensitivierung sowie der Konditionierung in suchtrelevanten neurobiologischen Systemen des Gehirns eine wichtige Rolle spielen. Dies führt zu einem Ungleichgewicht bis hin zur Entkoppelung neuronaler Regelkreise im Gehirn. Veränderungen im dopaminerg regulierten Belohnungs(Sucht)-System und nicht-dopaminerger Regelkreise auch auf der Ebene der Genregulation sind daran entscheidend mit beteiligt.

Genetische Disposition spielt eine Rolle

Hat sich die Erkrankung manifestiert, treten Prozesse des Suchtmittelentzugs und der Rückfallneigung hinzu. Sie werden bei Versuchen, abstinent zu werden und zu bleiben, deutlich. Vor allem das Ausmaß der Rückfallneigung wird durch die Trias - multiple genetische Disposition, Umwelteinflüsse und Effekte eines Suchtmittels - sowie durch individuelle Persönlichkeitsfaktoren bestimmt. Das gleichzeitige Vorhandensein anderer psychiatrischer Erkrankungen wie Angst- und depressive Störungen haben ebenfalls signifikanten Einfluss auf den klinischen Verlauf einer Suchterkrankung. Das hat eine Studie des Norddeutschen Suchtforschungsverbundes (NSF e.V., http://www.nsfv.de) mit mehr als 550 alkoholabhängigen Patienten gezeigt. Dabei scheinen auch genetische Dispositionen des serotoninergen neuronalen Systems im Gehirn mit eine Rolle zu spielen.

Klinische Studien zeigen hinsichtlich des Auftretens der Alkoholabhängigkeit deutlich eine familiäre Häufung. Die Metaanalyse von 39 Familienstudien ergab, dass einer von drei Alkoholkranken zumindest einen alkoholkranken Elternteil hat. Solche Patienten beginnen im allgemeinen früher zu trinken, vertragen schon in der Anfangsphase mehr und haben später häufiger Probleme im Zusammenhang mit Alkohol (zum Beispiel Trunkenheit am Steuer, aggressive Durchbrüche) als Alkoholkranke ohne alkoholkranke Eltern.

Zwillingsstudien erlauben, den relativen Anteil genetischer und Umweltfaktoren auf die phänotypische Varianz abzuschätzen, weil monozygote Zwillingspaare genetisch identisch sind und dizygote zur Hälfte genetisch übereinstimmen. Die Analyse sämtlicher Zwillingsstudien ergab einen genetischen Anteil zwischen 0,3 und 0,6 in Bezug auf die Alkoholkrankheit. Diese Zahlen belegen eindeutig eine genetische Komponente für diese, wobei dieser Anteil bei Männern mit etwa 50 Prozent höher ist als bei Frauen (25 Prozent). Sie belegen im Umkehrschluss jedoch auch die Bedeutung nicht-genetischer Faktoren, wie psychische und soziale. Für Suchtkrankheiten anderer Substanzen liegen derartige Zahlen noch nicht vor.

Dass Menschen auch ohne eine genetische Disposition suchtkrank werden, könnte möglich sein, da auch psychische und soziale Faktoren sowie die Wirkung der Droge selber eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Abhängigkeit spielen. Hierüber kann jedoch zum jetzigen Zeitpunkt keine sichere Aussage getroffen werden, da bisher nur einzelne der multiplen genetischen Faktoren bekannt sind.

Welchen Einfluss eine genetische Disposition auf den Therapieerfolg hat, ist im Detail ebenfalls nicht bekannt. Allerdings zeigen die klinischen Ergebnisse der Suchttherapie von Patienten mit positiver familiärer Suchtanamnese auch positive Therapie-Response-Raten. Wichtig ist offenbar, dass die süchtigen Patienten überhaupt eine suchtspezifische und auf die individuellen Bedürfnisse angepasste Therapie erhalten und zu dieser motiviert werden können. Sie ist auch bei genetischer Disposition keinesfalls zwecklos.

Verfasser/in:
Professor Dr. med. Ursula Havemann-Reinecke
Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Göttingen
von Sieboldstraße 5, 37075 Göttingen, Tel.: (05 51) 39 66 10, Fax: (05 51) 39 22 41
uhavema@gwdg.de


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Literatur

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