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Leserbrief
Ausgabe 7/2008
 
nä 08/2008
aktualisiert am: 08.08.2008

Kardiologie 

  klinik und praxis

ein herz und eine seele

Von der Psychokardiologie zur ganzheitlichen Herzmedizin. Psychosoziale Risiken werden im Praxisalltag noch zu wenig beachtet.


 

Die psychokardiologische Forschung hat in den vergangenen Jahrzehnten eindrucksvoll gezeigt, dass psychische und soziale Faktoren wesentlichen Anteil an Entstehung und Verlauf von Herzerkrankungen haben. [7]

Niedriger Sozialstatus, chronischer Stress in Beziehungen und Berufsleben sowie negative Emotionen, etwa depressive Verstimmungen, erhöhen das Risiko von Myokardinfarkten und Herzinsuffizienz. Akute Stressoren können Infarkte, Arrhythmien und Stresskardiomyopathien auslösen.

Andererseits stellt die Herzerkrankung selbst einen massiven Stressor dar, der zu psychischen Folgeproblemen wie Depressionen, Angst- und Anpassungsstörungen führen kann.[4] Diese sind mit schlechten subjektiven Verläufen, erhöhten Folgekosten und erhöhter Mortalität assoziiert.[1] Sekundär funktionelle Herzbeschwerden auf dem Boden der ängstlichen Verunsicherung durch die Herzkrankheit können neben der organisch erklärbaren Symptomatik auftreten und oft ähnlich wie die primäre Herzangststörung Anlass zu umfangreicher, im Ergebnis meist unergiebiger Organdiagnostik geben.

Psychosoziale Faktoren nicht ausblenden

Psychosoziale Faktoren können auf zweierlei Weise die Entstehung und das Fortschreiten kardiovaskulärer Erkrankungen begünstigen:[5] Zum einen beeinflussen sie das Gesundheits- beziehungsweise Krankheitsverhalten inklusive der Behandlungsadhärenz. Die meisten kardiovaskulären "Standard-Risikofaktoren" sind durch psychische und Verhaltenseinflüsse mitbedingt. Diese können teilweise als missglückte Versuche der emotionalen Selbstregulation verstanden werden, indem zum Beispiel Rauchen und übermäßiges Essen als "Stressbremsen" eingesetzt werden. Zum anderen sind auch Stress und Depression psychosomatische Phänomene mit nachhaltigen Effekten auf zahlreiche in der kardiovaskulären Pathophysiologie relevante Regulationssysteme. So kommt es etwa zur autonomen Imbalance mit Aktivierung von Gerinnungs- und Entzündungsprozessen, Störungen der Vasomotorik und elektrischer Instabilität des Herzens.

Auf der Basis dieser Evidenz werden seit Jahren psychosoziale Elemente in der Behandlung von Herzpatienten angeboten. Diese können nach Metaanalysen [6] nicht nur Befinden und Risikofaktoren sondern zum Teil auch den somatischen Krankheitsverlauf günstig beeinflussen. Sie beschränken sich jedoch in der Routine meist auf die kurze Phase der stationären Rehabilitation sowie die anschließende psychosomatische Grundversorgung durch den Hausarzt. Sie erreichen auch nur einen Teil der Patienten; ihre Indikation wird oft willkürlich gestellt und die Dosis ist häufig unzureichend.

Zur Verbesserung der interdisziplinären Forschung und Patientenversorgung wurde daher an der Universitätsmedizin Göttingen bereits 2004 die bundesweit erste Professur für Psychokardiologie etabliert. Mittlerweile stellt der psychokardiologische Arbeitsbereich einen Schwerpunkt der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsmedizin dar. Die Abteilung wurde als Vollmitglied ins Herzzentrum Göttingen aufgenommen und ist dort maßgeblich an Forschungsprojekten zur Psychosomatik kardiovaskulärer Erkrankungen beteiligt. Daneben engagiert sie sich für die zunehmende Integration psychokardiologischer Inhalte in die Routinebehandlung der Patienten in den verschiedenen Behandlungsphasen und Versorgungssegmenten.

Eher zögerliche Umsetzung der Leitlinien

Ziel ist dabei eine "ganzheitliche" Herzmedizin wie sie zunehmend von nationalen und internationalen Leitlinien gefordert, bislang aber kaum umgesetzt wird.[2,3] Dabei sollte bereits in der Herz-Kreislauf-Prävention eine tragfähige Arzt-Patient-Beziehung mit Beachtung psychosozialer Risikofaktoren etabliert werden. Über eine partizipative Entscheidungsfindung mit Berücksichtigung psychosozialer Barrieren gelingt es noch am ehesten, die wünschenswerten Lebensstilveränderungen umzusetzen. Gegebenenfalls kann bereits hier ein zusätzliches psychosomatisches oder verhaltensmedizinisches Angebot unterbreitet werden.

Spätestens nach Diagnose einer kardialen Erkrankung wäre neben einer optimalen somatischen Versorgung die obligate Erfassung psychischer Komorbiditäten und sozialer Problemlagen wünschenswert, mit der Folge eines gezielten Behandlungsangebotes. Hierfür wird in Göttingen am Ausbau des Konsiliar-Liaisondienstes im Herzzentrum sowie an der Etablierung eines ambulanten Versorgungsnetzwerks gearbeitet. Zusätzlich besteht eine Zusammenarbeit mit den psychologischen Diensten regionaler Rehabilitationseinrichtungen. Für Patienten in der chronischen Krankheitsphase entsteht in der psychosomatischen Ambulanz ein multimodales Behandlungsangebot für Herzpatienten mit psychischer Komorbidität. Und für Patienten mit komplexen kardiologisch-psychosomatischen Krankheitsbildern wird ab 2009 im Göttinger Klinikum eine psychokardiologische Station eingerichtet.

(Die Zahlenangaben in Klammer beziehen sich auf das Literaturverzeichnis.)

Verfasser/in:
Christoph Herrmann-Lingen
Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Göttingen




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Der Autor ist Facharzt für Innere Medizin und für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Experte für Psychokardiologie. Seit September 2007 leitet er als neuer Direktor die Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Zentrum Psychosoziale Medizin an der Universitätsmedizin Göttingen.

Literatur

[1] Barth J, Schumacher M, Herrmann-Lingen C (2004): Depression as a risk factor for mortality in patients with coronary heart disease: A meta-analysis. Psychosom Med 66:802-13
[2] Bjarnason-Wehrens B, Held K, Hoberg E, Karoff M, Rauch B (2007) Deutsche Leitlinie zur Rehabilitation von Patienten mit Herz-Kreislauferkrankungen (DLL-KardReha). Clin Res Cardiol Suppl 2:III/1-III/54
[3] Graham I, Atar D, Borch-Johnson K, Boysen G, Burell G, Cifkova R, Dallongeville J, De Backer G, Ebrahim S, Gjelsvik B, Herrmann-Lingen C, Hoes A, Humphries S, Knapton M, Perk J, Priori SG, Poorala K, Reiner Z, Ruilope L, Sans-Menendez S, Scholte Op Reimer W, Weissberg P, Wood D, Yarnell J, Zamorano JL (2007) European Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice: executive summary. Fourth Joint Task Force of the European Society of Cardiology and other Societies on Cardiovascular Disease Prevention in Clinical Practice. Eur Heart J 28:2375-414.
[4] Herrmann-Lingen Ch, Albus Ch, Titscher G (2008) Psychokardiologie - Ein Praxisleitfaden für Ärzte und Psychologen. Deutscher Ärzteverlag Köln
[5] Herrmann-Lingen Ch (2008) Psychosomatik der koronaren Herzkrankheit. Psychotherapeut 53:143-156
[6] Linden W, Phillips MJ, Leclerc J. Psychological treatment of cardiac patients: a meta-analysis.Eur Heart J. 2007 Dec;28(24):2972-84.
[7] Rozanski A, Blumenthal JA, Davidson KW, Saab PG, Kubzansky L (2005) The epidemiology, pathophysiology, and management of psychosocial risk factors in cardiac practice: the emerging field of behavioral cardiology. J Am Coll Cardiol 45:637-51.


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