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Leserbrief
Ausgabe 12/2009
 
nä 01/2009
aktualisiert am: 07.01.2010

Prävention psychischer Störung 

  klinik und praxis

zarte seelen

Wenn die Kinderseele erkrankt, ist Heilung oft schwierig. Wirksame Prävention ist besser. Deshalb fordern Ärzte, Therapeuten und Wissenschaftler, psychischen Störungen künftig mehr vorzubeugen


 

Seelisch gesund groß werden lautete der Titel einer Fachtagung im vergangenen Oktober in Braunschweig, an der die Ärztekammer Niedersachsen und die Psychotherapeutenkammer Niedersachsen mitwirkten.
Seelisch gesund groß werden - das ist so leicht gesagt. In manchen Situationen ist es für Eltern gar nicht so einfach, die richtigen Entscheidungen für den Schutz der Kinderseele zu treffen. Manchmal brauchen die Eltern selbst therapeutische Hilfe, manchmal treiben familiäre Sorgen oder Finanznöte zur Verzweiflung und manchmal wiederum gibt es gar keinen Vater, der für das Kind da ist. Bei alleinerziehenden Müttern müssen Kinder oft viel Verantwortung auf ihren noch schmalen Schultern tragen. Wenn die Kinderseele erkrankt, steht nicht immer professionelle Hilfe an der Seite. Immer mehr Ärzte, Psychologen sowie Kinder- und Jugendpsychotherapeuten vertreten daher die Auffassung, dass künftig verstärkt präventiv gehandelt werden muss. Eine ihrer Forderungen lautet, Eltern in ihrer Erziehungskompetenz zu schulen. Dr. med. Gisbert Voigt, Kinderarzt und Vizepräsident der ÄKN, erläutert die Forderungen der Ärzteschaft im Interview mit dem niedersächsischen ärzteblatt.

nä: Herr Dr. Voigt, erschreckend oft gibt es Berichte über Gewaltverbrechen an Kindern. Was tut der Gesetzgeber dagegen?

Dr. Voigt: In Niedersachsen ist es so, dass der Landtag Ende Oktober ein neues Gesetz beschlossen hat. Danach werden die Eltern aller Kinder im Alter zwischen null und sechs Jahren zu genau definierten Terminen angeschrieben und verbindlich zu entsprechenden Vorsorgeuntersuchungen eingeladen. Das Gesetz wird zum 1. April 2010 in Kraft treten. Die durchführenden Ärzte sollen dann die Durchführung der Untersuchungen einer zentralen Stelle melden. Es ist im Gesetz vorgesehen, dass die Eltern dieser Meldung des Arztes zustimmen müssen. Andersherum gesagt: sie können dem auch widersprechen. Wir müssen in der Praxis abwarten, wie das funktionieren wird.

nä: Resultiert daraus ein großer Mehraufwand für die Kinder- und Hausärzte in der Praxis?

Dr. Voigt: In der täglichen Praxis ist es letztendlich kein Mehraufwand, weil es einen vorgefertigten Bogen geben wird, der abgestempelt und weggeschickt werden muss. Der bürokratische Aufwand ist sicherlich nicht sehr groß. Es geht mehr um das Grundprinzip Einhaltung der ärztlichen Schweigepflicht. Da halten wir es nach wie vor für schwierig, dass bei einer Untersuchung, die zur Erkennung von Vernachlässigung und Misshandlung des Kindes absolut nicht taugt, die Ärzteschaft in eine Meldeverpflichtung eintreten muss und damit letztendlich die ärztliche Schweigepflicht ausgehöhlt wird. Vor allem sehe ich in dieser Maßnahme nach wie vor keinen Effekt hinsichtlich einer Verbesserung des Kindesschutzes. Gerade deswegen wollen wir in der Prävention von Gewalt gegen Kinder neue Wege gehen.

nä: Studien besagen, dass mittlerweile fast jedes dritte Kind im Laufe seiner Entwicklung unter einer seelischen Erkrankung leidet, welche psychischen Störungen sind das?

Dr. Voigt: Wir müssen erst einmal genau differenzieren zwischen einer psychischen Erkrankung und einer psychischen Störung. Diese hohe Zahl, also jedes dritte Kind, die Sie hier ansprechen, bezieht sich auf Störungen, nicht auf Erkrankungen. Dies muss man sehr genau auseinanderhalten. Es gibt viele Kinder die auffällig sind. Bei den meisten verlieren sich diese Probleme. Bei denen, die dauerhaft Probleme haben, spielen Krankheitsbilder wie ADHS eine große Rolle. Zudem oppositionelle Verhaltensstörungen und Störungen des Sozialverhaltens, aber vor allem - und das wird eher unterschätzt, weil es die häufigste Erkrankung ist - Depression im Kindesalter.

nä: Sie sind Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin. Was ist aus Ihrer Sicht berufspolitisch gefordert?

Dr. Voigt: Wir müssen in der Aus- und Weiterbildung unserer Ärzte sehr darauf achten, dass sie mit dieser Thematik früh vertraut gemacht werden. Das geschieht zwar, aber das muss sicherlich intensiviert werden, weil gerade für die ambulant tätigen Kinder- und Jugendärzte das ein tagtägliches Problem geworden ist. Darüber hinaus müssen wir im ambulanten Bereich Möglichkeiten schaffen, Kinder mit diesen Störungen und Erkrankungen interdisziplinär betreuen zu können. Ein Muster wäre der ADHS-Vertrag, den die Kassenärztliche Bundesvereinigung ausgearbeitet hat. Der ist bisher leider nur in Baden-Württemberg in Kraft getreten und wäre auch in Niedersachsen sicherlich sehr sinnvoll.

nä: Inwiefern arbeiten Sie mit anderen Organisationen zusammen, um die politischen Forderungen durchzusetzen?

Dr. Voigt: Mit der Tagung "Seelisch gesund groß werden" haben wir im Oktober 2009 einen neuen Weg beschritten, indem die Ärztekammer Niedersachsen und die Psychotherapeutenkammer Niedersachsen gemeinsam diese Veranstaltung mit ausgerichtet haben. Im nächsten Schritt werden wir auf die niedersächsische Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann zugehen, um sie für ein landesweites Angebot von sogenannten "Elterntrainings" zu gewinnen. Mitte Januar findet dazu ein Gespräch im Sozialministerium in Hannover statt. Niedersachsen wäre mit diesem Programm Vorreiter unter den Bundesländern.

nä: Auf welchen Erfahrungen beruht das Konzept für "Elterntrainings"?

Dr. Voigt: In anderen Ländern haben ähnliche Projekte gezeigt, dass damit bis zu 80 Prozent der Eltern erreicht werden können. Wissenschaftliche Daten aus Australien und aus den USA belegen, dass Elterntrainings innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums eine deutliche Abnahme von Notaufnahmen von misshandelten Kindern und ein Absinken der Zahl getöteter Kinder in der Region bewirken. Für die Durchführung von Elterntrainings müssen Trainer qualifiziert werden. Zudem ist parallel eine Evaluation wichtig - zur Qualitätssicherung.

nä: Was kann man sich unter den Elterntrainings vorstellen?

Dr. Voigt: Elterntrainings sind von Psychologen und Psychotherapeuten entwickelt. Das Ziel ist es, die Erziehungskompetenz von Eltern zu stärken und zu verbessern. Ein sehr bekanntes Trainingsprogramm ist das Triple-P-Programm, das ursprünglich aus Australien kommt und mittlerweile international im großen Umfang angewendet wird. In mehreren Trainingseinheiten werden Eltern darin unterrichtet, wie sie mit erziehungsschwierigen Kindern umgehen und wie sie sich in Konfliktsituationen im Kontakt mit ihren Kindern richtig verhalten. Ihnen werden Lösungsstrategien an die Hand gegeben, mit denen Konflikte ohne Anwendung von Gewalt gelöst werden können.

nä: Wer kommt als Trainer in Frage?

Dr. Voigt: Die primären Coacher, die diese Trainer ausbilden, wären Psychologen und Psychotherapeuten, die es gewohnt sind, mit diesem Programm zu arbeiten. Zunächst gilt es, eine ausreichende Anzahl von Trainern zu qualifizieren. Als Trainer kommen in Frage zum Beispiel Erzieherinnen aus den Tagesstätten und Kindergärten und Lehrer in den Schulen. Die Arbeit dieser Trainer müssen wir evaluieren, um sicherzustellen, dass die Inhalte der Schulungen auch nachhaltig vermittelt werden. Wir brauchen einen Grundstock an primären Trainern, und die wären grundsätzlich vorhanden - wir haben ja hervorragende psychologische Institute im Land.

nä: Wie unterscheiden sich sinnvolle von weniger sinnvollen Präventionsangeboten?

Dr. Voigt: Aktuell ist das sicherlich schwierig, weil wir keine Kontrolle darüber haben, wie diese Elterntrainings durchgeführt werden. Ich möchte das anhand eines Vergleichs erläutern: Als Kinderpneumologe führe ich regelmäßig Asthmaschulungen bei Kindern durch. Diese Asthmaschulungen sind sehr klar definiert. Sie werden evaluiert und supervidiert. So stellen wir eine hohe Qualität und Effektivität dieser Schulungen sicher. Das ist etwas, was bei den von Ihnen angesprochenen Präventionsprogrammen bisher in dieser Form fehlt und was dringend nachgeholt werden muss. Wir wollen daher nicht nur ein landesweites Elterntraining initiieren, sondern dieses auch wissenschaftlich begleiten. Das heißt, es muss sichergestellt sein, dass die Trainer wirklich qualifiziert sind und dass ihre Arbeit beständig evaluiert wird. Nur dann erreichen wir auch eine Nachhaltigkeit. Nur dann ist sichergestellt, dass das, was dort vermittelt wird, Substanz hat.

nä: Worauf sollten Ärzte insbesondere achten, um psychische Störungen bei Kindern zu erkennen?

Dr. Voigt: Wenn es um das Erkennen von Verhaltensauffälligkeiten wie Hyperaktivität oder Oppositionalität geht, ist das nicht so schwierig. Das ist etwas, was sich aus dem täglichen Kontakt mit dem Kind und aus der Beobachtung der Interaktion zwischen Kind und Eltern sehr rasch erkennen lässt. Deutlich schwieriger stellt sich das bei psychischen Erkrankungen wie zum Beispiel einer Depression dar. Diese Kinder erscheinen auf den ersten Blick häufig sehr still, eher unauffällig, sind nicht sofort wahrnehmbar psychisch auffällig. Sie fallen eher durch sozialen Rückzug auf oder durch unzureichende Sozialkontakte zu gleich alten Kindern. Für die richtige Diagnose ist viel Erfahrung erforderlich. In Verdachtsfällen ist früh die zusätzliche fachärztliche Untersuchung beim Kinder- und Jugendpsychiater erforderlich.

nä: Werden neue Angebote für die Aus- und Weiterbildung entwickelt?

Dr. Voigt: Die Erkennung und Behandlung psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen wird zum Beispiel ein Thema der diesjährigen Psychotherapiewoche des Kindes- und Jugendalters auf Langeoog sein - nicht nur für Kinderpsychotherapeuten, sondern gerade auch für Kinder- und Jugendärzte.

nä: Inwiefern haben gesellschaftliche Veränderungen einen Einfluss auf das Wohl von Kindern?

Dr. Voigt: Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich verändert. Das klassische Rollenmuster - die Mutter macht den Haushalt, der Vater geht tagsüber arbeiten - gibt es vielfach nicht mehr. Oftmals treten weitere Personen wie Großeltern und Erzieher hinzu. Ungünstig wird es, wenn diese unterschiedlich in ihrer Erziehung agieren. Dann fehlt den Kindern Konstanz. Ein häufiger Fehler junger Eltern in Konfliktsituationen sind zum Beispiel Drohgebärden, bei denen die angekündigte Konsequenz für eine ungewünschte Handlung nie eintritt. So lernen Kinder sehr schnell, dass ihr Fehlverhalten ohne Folgen bleibt. Dann tanzen sie ihren Eltern im wahrsten Sinne des Wortes schnell auf der Nase herum, und die Eltern schaffen es immer weniger, ihre Kinder zu steuern. Anstatt zu agieren und die Richtung vorzugeben, reagieren sie nur noch hilflos.

Das Interview führten Jörg Blume und Julia Beatrice Fruhner

Verfasser/in:
Jörg Blume
Leiter der Pressestelle der ÄKN, Pressesprecher
Berliner Allee 20, 30175 Hannover

Julia Beatrice Fruhner
Redakteurin niedersächsisches ärzteblatt
Berliner Allee 20, 30175 Hannover



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