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Leserbrief
Ausgabe 12/2009
 
nä 01/2009
aktualisiert am: 07.01.2010

Prävention psychischer Störung 

  klinik und praxis

prävention forcieren

Wer die internationalen Fortschritte bei der Prävention kindlicher psychischer Störungen kennt, kommt schnell zu der Frage: Ist Deutschland ein Entwicklungsland?


 

Paar gesucht zum Auf- und Erziehen eines Kindes. Keine Vorerfahrung notwendig. Bewerber müssen 24 Stunden am Tag zur Verfügung stehen und Nahrung, Unterkunft, Kleidung und Beaufsichtigung bieten. Keine Bezahlung - Bewerber haben in den nächsten 18 Jahren etwa 180 000 Euro zu zahlen. Fortbildung wird nicht angeboten. Alleinstehende können sich bewerben, müssen aber auf die doppelte Arbeit gefasst sein.

Diese - zugegeben humorvolle - Anzeige zeigt, wie wichtig es ist, Eltern bei der Erziehung zur Seite zu stehen. Denn eine verstärkte Prävention psychischer Störungen zahlt sich aus. Die aktuelle Situation in Deutschland ist inakzeptabel: 20 bis 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen leiden im Verlauf ihrer Entwicklung unter einer psychischen Störung. 50 Prozent dieser Kinder werden auch noch als Erwachsene unter psychischen Störungen leiden. Das zeigt, wie wichtig Prävention ist: Wissenschaftlich bewährte Präventionsmaßnahmen belegen, dass mit ihnen die Häufigkeit von Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen deutlich reduziert werden kann. Und nicht nur das: In der South Carolina Missbrauchsstudie konnte erstmals gezeigt werden, dass nach der Einführung präventiver Maßnahmen wie Erziehungstrainings für Eltern die Anzahl der Missbrauchsfälle in Notaufnahmen von Krankenhäusern signifikant sank. Auch die Unterbringung von Kindern in Pflegefamilien oder Heimen sank deutlich.

Deshalb fordert die Weltgesundheitsorganisation (WHO): Die Prävention seelischer Störungen mit evidenzbasierten Programmen muss eine hohe Priorität haben. Wie aber ist die Situation in Deutschland? Es gibt circa 50 000 familienbezogene Präventionskurse pro Jahr. Deren Effektivität ist jedoch nur in circa 10 000 Fällen wissenschaftlich geprüft. Und das, obwohl es international wirksame Programme gibt! Seit 1980 wurden allein in den USA 420 kontrollierte Studien durchgeführt - in Deutschland nur fünf. Für Eltern und Erziehungspersonen besteht derzeit ein kaum überschaubares Nebeneinander von Erziehungsangeboten, das es Eltern unmöglich macht, zwischen wissenschaftlich bewährten und unerprobten Hilfen zu unterscheiden. Und somit kann die Frage mit "Ja" beantwortet werden: Deutschland ist hinsichtlich der Prävention von psychischen Störungen bei Kindern ein Entwicklungsland!

Auf der Homepage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend werden fünf Programme erwähnt, von denen kein einziges evidenzbasiert ist. Es wäre sicherlich sehr sinnvoll, international erfolgreiche Projekte zu übernehmen und nicht ständig neue Programme zu entwickeln, die meist hinsichtlich ihrer Langzeitwirkung unzureichend evaluiert sind und bald wieder in der Versenkung verschwinden. Wenn Programme verbreitet werden, muss das besser geplant und hinterher kontrolliert werden. Die erfolgreiche breite Anwendung wissenschaftlich überprüfter Präventionsmaßnahmen ist untrennbar verbunden mit begleitender Qualitätskontrolle und Supervision. Damit soll sichergestellt werden, dass ein Programm auch fünf Jahre nach seiner Einführung wie geplant angewandt wird.

Nach einem Vergleich mit internationalen Aktivitäten stellt sich heraus, was in Deutschland zu tun ist: Eine Institution muss eingerichtet werden, die präventive Maßnahmen bewertet und die Ergebnisse den Eltern im Internet zur Verfügung stellt. 10 000 Trainer müssen kostenlos für die Anwendung evidenzbasierter Programme ausgebildet werden. Eine fortlaufende, nachhaltige Supervision und Qualitätssicherung muss regelmäßig nach Anwendung der Programme sichergestellt sein.

Prävention kostet Geld. Deshalb folgender Vorschlag: In diesem Jahr erhalten 10 700 000 Familien mit einem Kind jeweils 164 Euro Kindergeld im Monat. Wenn pro Familie pro Monat ein Euro für Prävention gezahlt würde, stünden im Jahr rund 128 000 000 Euro zur Verfügung. Da diese Summe jedes Jahr zusammenkäme, wäre die Nachhaltigkeit gesichert. In einer Pilotumfrage mit 190 Eltern erklärten sich circa 65 Prozent bereit, diese Regelung zu akzeptieren.

Verfasser/in:
Prof. Dr. phil. Kurt Hahlweg
Technische Universität Braunschweig,Institut für Psychologie, Abteilung Psychologie, Psychotherapie
Humboldtstraße 33, 38106 Braunschweig
k.hahlweg@tu-bs.de


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