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Leserbrief
Ausgabe 12/2009
 
nä 01/2009
aktualisiert am: 07.01.2010

Prävention psychischer Störung 

  klinik und praxis

eltern erziehen

Die psychische Gesundheit von Kindern zu erhalten, ist die große Aufgabe des Jahrhunderts. Mit wissenschaftlich fundierten Erziehungstrainings für Eltern kann diese Aufgabe gemeistert werden


 

Der psychische Gesundheitszustand unserer Jugend ist eine Zeitbombe. Und die Zeit läuft ab. Diesen Vergleich zog Dr. med. Hans Troedsson, früherer Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Jugendgesundheit. "Wenn wir jetzt nicht richtig handeln, werden Millionen von Heranwachsenden die Wirkungen spüren", sagte er.

Etwa vier Millionen Kinder und Jugendliche leiden in Deutschland jährlich unter einer psychischen Störung. Es sind vor allem aggressive Verhaltensauffälligkeiten und Angststörungen, die ihnen zu schaffen machen. Zudem ist heute klar, dass psychische Störungen bei einem Großteil der Kinder bis in das Erwachsenenalter bestehen bleiben und anders als früher vermutet nicht nur "Entwicklungsexzesse" sind. Dauern die psychischen Störungen bis nach der Volljährigkeit an, sind sie oft Vorläufer für psychische Erkrankungen von Erwachsenen. Neben dem individuellen Leid, das psychische Störungen und Erkrankungen für das Kind und die Familie bedeuten, sind es auch die Anforderungen einer alternden Gesellschaft, die eine Hinwendung zu Kindern unabdingbar machen. Der Anteil junger Menschen an unserer Gesellschaft wird immer kleiner. Immer weniger Kinder müssen immer mehr Anforderungen erfüllen, um die Lasten erfolgreich zu bewältigen. Nur starke und gesunde Kinder können die unweigerlich auf uns zukommenden Herausforderungen meistern. Es besteht deshalb ein dringender Bedarf nach flächendeckender Umsetzung von wissenschaftlich überprüften Programmen zur Förderung der seelischen Gesundheit von Kindern. Welche Maßnahmen sind geeignet?

Diese Frage kann beantworten, wer sich die Entstehung psychischer Störungen bei Mädchen und Jungen vor Augen führt. Die Datenlage dazu ist erstaunlich klar. Demnach basiert sie auf einem Zusammenspiel von:
- biologischen Faktoren wie Vererbung, geringes Geburtsgewicht und Geburtskomplikationen
- psychosozialen Bedingungen wie Wohnverhältnissen, Armut et cetera
- erzieherischen Kompetenzen der Eltern und Bezugspersonen.

Da Gene und psychosoziale Bedingungen nur schwer zu verändern sind, kann die Prävention psychischer Störungen nur erfolgreich sein, wenn die Erziehungskompetenzen von Eltern und Bezugspersonen verbessert werden. Übereinstimmend zeigt sich in zahlreichen Studien weltweit, dass Erziehungstrainings mit dem Ziel, Erziehungspersonen die Regeln eines autoritativen Erziehungsstils nahezubringen, eindrücklich zur Verbesserung des seelischen Befindens von Kindern beitragen. Dieser Erziehungsstil ist durch hohe Wertschätzung und klare Verhaltensregeln gegenüber dem Kind gekennzeichnet. Zudem mehren sich die Studien, in denen gezeigt werden kann, dass ein positiver Erziehungsstil das aus den biologischen Faktoren resultierende Risiko "abpuffern" kann.

Erfolgreiche Erziehungstrainings sind durch klare Handlungsanweisungen und das gezielte Einüben eines neuen Erziehungsverhaltens charakterisiert. Psychologen und Pädagogen können zur Anwendung solcher Trainings zertifiziert werden, und sie verpflichten sich auch zur regelmäßigen Qualitätssicherung. Während der Trainings üben Eltern oder andere Erziehungspersonen spezifische Verhaltensweisen ein.

1| Sie lernen, eine positive Eltern-Kind-Beziehung aufzubauen, indem Eltern gemeinsame wertvolle Eltern-Kind-Zeiten initiieren, Zuneigung zeigen und mit dem Kind reden.
2| Ihnen wird gezeigt, wie ein positives Verhalten des Kindes mit Loben und Schenken von Aufmerksamkeit gefördert werden kann.
3| Es wird geübt, dem Kind ein neues Verhalten zu vermitteln - mithilfe des Lernens am Modell und systematischer Beachtung von neuem Verhalten.
4| Sie lernen, wie sie konkret damit umgehen können, wenn das Kind ein Problemverhalten an den Tag legt. Dazu gehört es zum Beispiel, klare und ruhige Anweisungen zu geben und problematisches Verhalten zu ignorieren - etwa den Schimpfwörtern des Kindes keine Beachtung zu schenken. Zudem gilt es, logische Konsequenzen nach dem Fehlverhalten anzuwenden.

In einer Studie der Universität Braunschweig konnte auch für Deutschland gezeigt werden, dass mit einem solchen Erziehungstraining die Erziehungskompetenzen der Eltern langfristig - in diesem Fall innerhalb von drei Jahren - deutlich verbessert und die Rate der Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern reduziert werden konnte.

Zwar gibt es in Deutschland ein großes Angebot familienbezogener Programme zu Erziehungsthemen wie ein Bericht des Lehrstuhls für Psychologie der Universität Erlangen-Nürnberg aufzeigt. Doch sehr selten kommen jene zur Anwendung, deren Effektivität wissenschaftlich geprüft beziehungsweise belegt ist. Dies ist bemerkenswert, da die Wirksamkeit und Sicherheit psychologischer Maßnahmen eigentlich geprüft werden muss, bevor sie zur praktischen Anwendung kommen. Für Eltern und Erziehungspersonen besteht derzeit ein kaum überschaubares Nebeneinander von Erziehungsangeboten. Es ist für sie schier unmöglich, zwischen wissenschaftlich bewährten und unerprobten Hilfen zu unterscheiden. Dabei wünschen sich Eltern dringend Erziehungshilfen. 68 Prozent der Eltern geben einer Umfrage des Lehrstuhls für Klinische Psychologie der Technischen Universität Braunschweig zufolge an, sich mit Erziehungsfragen überfordert zu fühlen. Sie möchten konkrete und umsetzbare Handlungsanweisungen für den täglichen Umgang mit ihren Kindern.

Fazit ist, es gibt keine gute Entschuldigung für das Fehlen wissenschaftlich fundierter Präventionsmaßnahmen in Deutschland! Wir können uns nicht damit entschuldigen, dass es an überprüften und erfolgreichen Maßnahmen zur Prävention psychischer Störungen im Kindesalter mangelt. Stattdessen müssen wir uns der Frage stellen, warum sie nicht zur Anwendung kommen. Eine menschliche Schwäche scheint es zu sein, erst zu handeln, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Zudem haben Kinder keine oder nur eine schwache Lobby. Auch sind die strukturellen Rahmenbedingungen ungünstig und führen zu einer Verantwortungsdiffussion: Wer ist für Prävention zuständig? Wer zahlt? Nicht zuletzt mangelt es an einer besseren Vernetzung von Wissenschaft, Entscheidungsträgern und praktisch Tätigen.

Was ist zu tun?
1| Die Prävention psychischer Störungen im Kindesalter sollte als Herausforderung unserer heutigen Gesellschaft begriffen und entsprechend gehandelt werden.
2| Eine kleine, engagierte Task-Force-Gruppe muss gebildet werden, die konkrete und machbare Maßnahmen erarbeitet.
3| Gelder für Prävention müssen bereitgestellt werden: Ein Euro pro Monat vom Kindergeld für Prävention.

Verfasser/in:
Prof. Dr. rer. nat. Silvia Schneider
Institut für Psychologie, Klinische Kinder- und Jugendpsychologie
Missionsstrasse 60/62, CH-4055 Basel
silvia.schneider@unibas.ch


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Kindesmisshandlung: Vertrag für rasche Hilfe

Jugendämter und Kinderkrankenhaus verwenden einheitlichen Ablaufplan
Die Jugendämter in Hannover und Region und das Kinderkrankenhaus auf der Bult wollen künftig noch enger zusammenarbeiten, um schneller helfen zu können, wenn ein Kind misshandelt wird. Die Kooperationspartner haben daher Mitte Dezember eine Vereinbarung getroffen, die bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung einen verbindlichen Ablaufplan vorgibt. Dr. med. Thomas Beushausen, Ärztlicher Direktor des Kinderkrankenhauses auf der Bult, Thomas Walter, Hannovers Jugend- und Sozialdezernent sowie Regionsrätin Barbara Thiel unterzeichneten einen entsprechenden Vertrag im Kinderkrankenhaus vor Journalisten. Die Vereinbarung sieht vor, die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten - von der medizinischen Diagnostik und Behandlung bis zur gemeinsam festgelegten Weiterbetreuung - zu standardisieren. Die Kooperation auf persönlicher Ebene sei bereits sehr gut - "die Abläufe müssen aber auch funktionieren, wenn eine Person mal nicht da ist", sagte Dr. med. Thorsten Wygold, Chefarzt im Kinderkrankenhaus auf der Bult. "Allen Beteiligten muss transparent sein, wer die nächsten Ansprechpartner sind. Deswegen haben wir die Abläufe mithilfe der Selbstverpflichtung auf eine institutionalisierte Ebene gehoben", sagte Dezernent Walter.

Im Kinderkrankenhaus auf der Bult versorgen Ärzte und Krankenschwestern pro Jahr etwa 200 Kinder mit Verdacht auf Kindesmisshandlung, darunter sind auch Patienten aus anderen niedersächsischen Regionen. Bei einem Drittel der Kinder bestätigt sich der Verdacht. Der Kommunale Sozialdienst in Hannover erhält pro Jahr etwa 450 Hinweise darauf, dass das Wohl eines Kindes gefährdet sein könne. In 150 Fällen liegt tatsächlich ein ernster Hintergrund vor: häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch oder starke Vernachlässigung.

Seit Juli 2007 arbeiten die Institutionen in einem Modellprojekt zusammen, das zur Vernetzung für einen besseren Kinderschutz vom Land Niedersachsen gefördert wird. In Braunschweig, Hannover, Lüneburg und Oldenburg ist jeweils ein Koordinierungszentrum Kinderschutz eingerichtet worden. Weitere Informationen gibt es im Internet unter http://www.kinderschutz-niedersachsen.de.

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