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Leserbrief
Ausgabe 12/2009
 
nä 01/2009
aktualisiert am: 07.01.2010

Lateinamerika 

  humanitäre hilfe

40 jahre engagement

Ein halbes Leben auf dem Friedenspfad: Der Internist Dr. med. Ernst Eibach aus Göttingen organisiert seit mehr als 40 Jahren Hilfe für die indigene Bevölkerung Lateinamerikas


 

Zweimal in seinem Leben wurden ihm höchste Orden verliehen. Einmal war es angenehm. Das war im Jahr 1997, und er hielt das Bundesverdienstkreuz in den Händen. Einmal hasste er es. Da wütete der Zweite Weltkrieg, und er bekam das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse. Er sagt: "Blutsorden, die ich nie getragen habe." Das Bundesverdienstkreuz nennt er hingegen "Friedenskreuz". Und: "Es versöhnt mich ein bisschen mit meiner Kriegsbiographie".

Dem Internisten Dr. med. Ernst Eibach ist jede Form von Kolonialismus ein Gräuel, er will "in Geduld diese Menschen begleiten". Diese Menschen? Mehr als 40 Jahre hat er Hilfe für die Indianer des südamerikanischen Regenwalds von Peru und die Mazahuas im zentralen Hochland Mexikos organisiert. Drei Jahrzehnte war er Vorsitzender des Vereins Freundeskreis Indianerhilfe.

Zusammen mit Teams vor Ort baute er Kleinstkliniken, Gesundheitsstationen, eine Basis- und Lehrfarm in entlegenen Gebieten auf und bildete einheimische "Promotores de Salud", wie in Lateinamerika die Gesundheitshelfer genannt werden, aus. Aufgrund von Dr. med. Eibachs Initiative gibt es in diesen Gebieten heute Impfprogramme, Geburtenkontrolle und bilinguale Lehrerprogramme für die Primarschulen der größeren Gemeinden.

Zwei Gruppen der über 350 Indianerstämme Amerikas, die Ashanincas und Yaneshas, hat Dr. med. Eibach in einem Buch vorgestellt. Er schildert sie als ehemalige Halbnomaden, die ursprünglich aus dem asiatischen Raum stammen, über die Behringstraße zugewandert sind und zunächst in Kleinfamilien in großen Entfernungen voneinander lebten. Ihre Siedlungsweise war unter anderem geprägt von kleinen, Chacras genannten, landwirtschaftlichen Rodungen. Sie ermöglichte es, den Urwald zu kultivieren - ohne dabei Narben zu hinterlassen. In den siebziger Jahren wurden die Indianer per Gesetz zu dorfähnlichen Zusammenschlüssen gezwungen - eine Folge davon waren gehäufte Müllmengen. Heute noch leben die Indianer in offenen Palmhütten und wählen ihre Häuptlinge auf Zeit. Eine mit unserer Gesellschaft vergleichbare Erziehung gibt es dort nicht - vielmehr eine "fürsorgliche, vorbildliche, beispielgebende Begleitung", wie Dr. med. Eibach sagt. Von den Eltern lernen die Kinder die Regeln des sozialen Miteinanders genauso wie die zum Überleben erforderlichen Techniken.

Der Ablösungsprozess vom Halbnomadentum hin zu Sesshaftigkeit mit Besitztum und Säkularisierung, fort vom naturnahen Animismus war für die Indianer ein schmerzhafter Prozess, verbunden mit großen epidemiologischen und alimentären Schwierigkeiten. Erkrankungen wie Tuberkulose, Typhus, Keuchhusten und Masern bedrohten die Völker. Noch immer haben Einwohner wie Hilfsorganisationen mit den Folgen dieser Veränderungen zu tun. Wenn nun, wie seit Jahren der Fall, ein System medizinischer Versorgung neuer Prägung etabliert wird, könne dessen Leitgedanke ausschließlich die Nachhaltigkeit sein, sagt Dr. med. Eibach überzeugt.

Beispielhaft ist der im Einzugsgebiet des Rio Pachitea und Rio Pichis eingerichtete flussärztliche Dienst. Er konnte 1989 in die Eigenverantwortung der 50 betroffenen Siedlungen überführt werden. Die Gesundheitshelfer schafften dann ein basismedizinisches Programm mit Gesundheitsposten und Dorfapotheke in Eigenregie.

Doch schnell geht in diesem Prozess nichts, darum will Dr. med. Eibach die Indianer ja "in Geduld begleiten". Seiner Meinung nach sind ein bis zwei Generationen nötig, um eine wirklich nachhaltige Wirkung zu erzielen. Drei bis vier Jahre, in denen normalerweise Projekte abgeschlossen sein sollten, reichen da nicht. Der Internist will unterstützend begleiten auf einem Weg in allmählich immer größere, eigene Entscheidungsfreiheit. Er will, dass die Bevölkerung ihr ursprüngliches, natürliches Selbstbewusstsein wiederentwickelt, das seiner Meinung nach in der Kolonialzeit zerstört wurde.

Dieser Weg ist eine beschwerliche Reise - wie auch die Fahrt zu den Indianern selbst beschwerlich ist: Manche können nur mithilfe eines sechs Meter langen, kleinen, offenen, flachen Holzbootes erreicht werden. Übernachtet wird dann oberhalb von Puerto Davis, in aller Frühe geht es weiter. Zweieinhalb Stunden gleitet das Boot über das Wildwasser des Apurucayali. Unterhalb einer gewaltigen Stromschnelle muss es entladen werden, alle steigen aus. Jede Hand packt mit an, wenn das leere Boot gegen die enorme Kraft des Wildwassers über die Felsen gezogen, alles Gepäck das Ufer hochgetragen und das Boot neu beladen wird. In umgekehrter Reihenfolge geht es am nächsten Tag zurück.

30 Jahre lang, ein oder zwei Mal im Jahr reiste Dr. med. Eibach nach Südamerika - ohne seine Frau Hannelore, die als ärztliche Psychotherapeutin in Göttingen arbeitet. Von seinen Reisen hat der heute 87-Jährige etwas mitgebracht: Seit Jahren unterrichtet er in Schulen seiner Stadt meditativen Tanz. In Mexiko hatte er zugesehen, wie Lehrer in den Schulpausen mit den Kindern tanzen. Nie hat er raufende Kinder gesehen. In Deutschland lud er seinen Enkel ein und fand heraus, dass Meditation und Konzentration ein Kind in der Bewegung zur Ruhe bringen können. "Nehmt euch Zeit. Schaut euch in aller Ruhe an", sagt er den Kindern in den Schulen immer, bevor er sie einlädt, die Meditation in Bewegung umzusetzen. "Das Kernproblem, das den Kindern hierzulande zu schaffen macht, ist die Reizüberflutung" meint Dr. med. Eibach. Experten bestätigen die positiven Auswirkungen seiner Bemühungen: "In einer Zeit, in der Kinder massiven Reizüberflutungen, Langeweile, existenziellen Bedrohungen, Perspektivlosigkeit und vermehrter Gewalt ausgesetzt sind, bieten diese wertvollen Stunden Geborgenheit, Halt, Struktur und Sicherheit", sagt die Pädagogin Petra Max-Kloß.

Vor elf Jahren, am 13. Mai 1998, erhielt Dr. med. Eibach für seine Verdienste die Ehrenplakette der Ärztekammer Niedersachsen.

Verfasser/in:
Raimund Dehmlow
Online-Redaktion der Ärztekammer Niedersachsen
Berliner Allee 20, 30175 Hannover
raimund.dehmlow@aekn.de


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Dr. med. Ernst Eibach war Referent bei der Gesprächsrunde Humanitäre Hilfe der Ärztekammer Niedersachsen. Weitere Informationen über die Projekte des Vereins Freundeskreises Indianerhilfe sind im Internet unter http://www.indianerhilfe.de zu finden.

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