Zum Artikel "Pay for Performance", Nds. Ärzteblatt, November 2009, S. 36
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir sind ja einiges gewöhnt: - Da bekomme ich von der Bezirksstellenleitung ein Anschreiben (unterzeichnet von einem Arzt) mit der Anfrage, ob ich in meiner Praxis "gegen Pandemie" impfe. - Da meint der Bezirksstellenleiter (ein Ökonom), daß im ärztlichen Bereitschaftsdienst nur "Erste Hilfe" geleistet wird. Es gäbe in Deutschland keinen Anspruch auf eine allgemeinärztliche Versorgung am Wochenende. Dann kann den Dienst ja jeder Autofahrer tätigen, denn als solcher hat man eine Erstehilfeausbildung. - Da wird uns ständig erklärt, daß wir Leistungserbringer für "Kunden" sind. Kunde ist man nur in einer Situation, in der man freien Willens ist, frei wie der Verkäufer. Als Kranker ist diese Art der Symmetrie nicht gegeben, sie muß auf eine andere Weise hergestellt werden. Wenn ein Versicherungsvertreter seine Agentur wie ein Arzt führt, wird er Pleite gehen. Wenn ein Arzt seine Praxis wie ein Versicherungsvertreter führt, dann gehört ihm die Approbation entzogen.
Und nun diese Kampagne "Pay4Performance"! Abgesehen von der auch hier zu erkennenden Verwirrung und Infantilisierung der Begriffe: In meiner Praxis behandele ich Patienten und mache keine Performance! Die Zielorientierung liegt eben nicht auf der Gewinnmaximierung. Aber Begriffe wie Berufsethos, humanitärer Anspruch, Mitmenschlichkeit spielen in der umsichgreifenden ökonomisierten Gedankenwelt keine Rolle mehr. Dieser zunehmenden Korrumpierung entspricht auch die Aufmachung des Artikels: fahrig wird Geld gezählt und die KV besiegelt, was richtig ist. Was für eine politbürohafte Anmaßung! Es ist höchstrichterlich bestätigt, daß eine medizinische Behandlung keinen Werkvertrag begründet, aus dem ein vorherzubestimmender Anspruch einzulösen ist. Medizin ist keine exakte Wissenschaft, sondern eine Erfahrungswissenschaft, die sich der Methoden der exakten Wissenschaften bedient! Niemand weiß, was eine richtige Behandlung ist. Wissen kann man nur, was nach derzeitigem Stand des Wissens und Gewissens die günstigste Behandlung zu sein scheint. Jede an Fremdmotivationen (hier Bezahlung, damals in der DDR u. a. Linientreue) orientierte Einschränkung des Spektrums von Behandlungsmöglichkeiten stört diesen Entwicklungsprozeß und führt korrumptions- oder ideologiehalber in Sackgassen. Wer schützt die Patienten (also potentiell uns alle) davor, daß nach Kassenlage evaluiert wird? Im Jahre 2009 kann niemand mehr ernsthaft behaupten, daß dies eine unbegründete Furcht ist. Folge der in dem Artikel angekündigten Fehlentwicklung wird sein, daß Patienten, von derem Zustand keine lohnende "Punktzahl" (man kann es nicht lassen!) abzuleiten ist, fürchten müssen, selektiert zu werden. Bekanntermaßen haben es heute schon oftmals die Kollegen im Notdienst schwer, "unwirtschaftliche" Patienten in Kliniken unterzubringen. Manfred Spitzer stellte in einem lesenswerten Editorial in der "Nervenheilkunde" klar, daß es dieses Konstrukt des "Homo öconomicus" in unserer Anlage für gesundes Verhalten nicht gibt. Es ist das Zerrbild des Gierhalses, der u. a. die Spielkasinos der Finanzmärkte beherrscht. Diese Gier frißt sich immer mehr in unsere Gesellschaft hinein und animiert wie ein Alkoholiker andere zum Mittrinken, um das eigene Leid und Gewissen nicht zu spüren. Es besteht die Gefahr, daß wir Ärzte und Psychologen uns in das Bild hineinentwickeln, welches Politik und Medien auf uns projizieren. Der Artikel zeigt, wie weit dies schon vorangeschritten ist.
Dipl.-Med. Andreas Thumulla Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie Bomlitz/ Jarlingen
Zur A/H1N1-Impfung:
Mehrfaches Telefonieren mit der Verteilerapotheke und Abholen des Impfstoffes im Kühlpack. Antelefonieren der Patienten mindestens im 10er-Pack, Entgegennehmen der Absagen und Umdisponieren wegen multipler Gründe. Mischen des Impfstoffes mit dem Adjuvans ASO3. Aufziehen des Imfstoffes in Einzeldosen. ASO3 hat eine "giftgelbe" Farbe, welche der Compliance nicht zuträglich ist. Aufwendige Dokumentation. Überwachung der Patienten mindestens 15 Minuten. In den darauffolgenden Tagen häufig Anrufe von verunsicherten Patienten- auch nachts- wegen "Nebenwirkungen". Und dies alles für ca. 5 Euro. Wenn schon GSK mit Pandemrix, aus welchen Gründen auch immer, das Rennen gegen den vermutlich besseren Impfstoff von Novartis gemacht hat (dessen Adjuvans MF59.1 wird schon länger im saisonalen Impstoff verwendet), steht es GSK gut an, den Mehraufwand der Impfärzte zu vergüten. Zu diskutieren ist auch das Verschreiben von GSK-Produkten.
Dr. Hartmut Heinlein Eschershausen
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