Anfrage an ATIS Herr Dr. M., Facharzt für Allgemeinmedizin, beobachtete bei einigen Patienten, die ASS oder Clopidogrel einnahmen und gleichzeitig mit einem Selektiven-Serotonin-Reuptake-Inhibitoren (SSRI, z. B. Citalopram, Paroxetin, Fluoxetin) therapiert wurden, eine erhöhte Blutungsneigung, die über das erwartete Maß hinausging. Lässt sich diese verstärkte Blutungsneigung auf die Kombination mit den SSRIs zurückführen?
Antwort von ATIS Die beobachtete erhöhte Blutungsneigung bei Patienten unter Therapie mit einem SSRI und einem Plättchenaggregationshemmer ist auf eine pharmakodynamische Interaktion dieser Medikamente zurückzuführen. SSRIs bewirken - im Gegensatz zu trizyklischen Antidepressiva, MAO-Hemmern, Bupoprion und Mirtazapin - eine klinisch-relevante Thrombozytenaggregationshemmung. Dadurch können bei 0,1 Prozent bis 1 Prozent der Patienten kleinere bis lebensbedrohliche Blutungen auftreten. Diese unerwünschte Wirkung addiert sich zu den therapeutischen Effekten von Plättchenaggregationshemmern oder gerinnungshemmenden Medikamenten (z. B. Phenprocoumon, Heparine), woraus die beobachtete erhöhte Blutungsneigung resultiert. Daher sollte diese Kombination vermieden werden. Dies ist jedoch trotz strenger Indikationsstellung für das SSRI bzw. den Plättchenaggregationshemmer nicht immer möglich, da die Alternativen zu SSRIs entweder nicht indikationsgerecht oder wegen ihrer kardiovaskulären Nebenwirkungen bei Patienten mit einer KHK problematisch oder kontraindiziert sein können.
Kommentar
SSRIs sind die am häufigsten verschriebenen Antidepressiva. Die SSRIs führen neben ihrer Wirkung im Gehirn auch zu einer Depletion des Serotonins in den Thrombozyten, in denen sich 99 Prozent des Serotonins des menschlichen Körpers befinden. Dadurch kommt es zu einer verminderten Ausschüttung von Serotonin nach Thrombozytenaktivierung mit konsekutiv verminderter Thrombozytenaggregation. Außer der oben beschriebenen risikoreichen Kombination von SSRIs mit Plättchenaggregationshemmern oder Antikoagulantien besteht auch ein erhöhtes Blutungsrisiko, vornehmlich für GI-Blutungen, bei der gleichzeitigen Therapie von SSRIs und nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR). Insbesondere Naproxen, Piroxicam und Indometacin hemmen ausgeprägt die Plättchenaggregation und führen zu Schleimhautläsionen im gesamten Gastrointestinaltrakt. Sofern weder eine Alternative zu SSRI noch zu NSAR besteht, ist eine Gastroprotektion mit einem Protonenpumpeninhibitor (PPI) angezeigt, allerdings bieten PPI keinen Schutz für den unteren GI-Trakt. Eine Option in dieser Situation ist die Gabe eines Coxibs anstelle eines traditionellen NSAR, da Coxibe die Plättchenaggregation nicht hemmen und eine geringere Rate an gastrointestinalen Nebenwirkungen aufweisen. Ob ein Coxib in dieser Situation tatsächlich das Blutungsrisiko reduziert, ist nicht bewiesen; die Ergebnisse einer großen epidemiologischen Studie aus Finnland weisen jedoch auf eine solche Risikoreduktion hin.
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Verfasser/in:
PD Dr. med.
Dirk O. Stichtenoth
Institut für Klinische Pharmakologie, Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Str. 1, 30625 Hannover
Christoph Höner zu Siederdissen
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