Logo Hannoversche Ärzte-Verlags-Union
Berliner Allee 20
30175 Hannover
info@haeverlag.de
 
nä-Schnellsuche:


Erweiterte Suche

Leserbrief
Ausgabe 2/2010
 
nä 03/2010
aktualisiert am: 08.03.2010

Internet- und Computerspielsuc 

  klinik und praxis

hilfe gesucht

Wenn sich das eigene Kind in virtuelle Welten zurückzieht, wissen die Eltern meist keinen Rat. Christoph und Christine Hirte haben in München eine Selbsthilfegruppe für Betroffene und Angehörige gegründet


 

Bis zum Jahresanfang 2007 war uns der Begriff "Onlinesucht" noch völlig unbekannt. Doch dann erfuhren wir, dass unser erwachsener Sohn, Informatikstudent und 600 Kilometer von uns entfernt, dem Onlinerollenspiel "World of Warcraft" (WoW) vollkommen verfallen war. Er hatte Schritt für Schritt sämtliche sozialen Kontakte verloren, zog sich zunehmend zurück, war telefonisch nicht mehr erreichbar, vernachlässigte sein Studium und ließ seine Wohnung verwahrlosen. Er hatte die Kontrolle über seinen PC-Konsum und schließlich über sein Leben vollkommen verloren.

Wir waren zunächst tief geschockt. Doch wir wussten, dass wir unseren Sohn da rausholen werden. Nachdem wir vier Wochen umfassende Informationen eingeholt, Suchtberatungsstellen aufgesucht, Ärzte konsultiert und Kliniken ausfindig gemacht hatten, gelang es uns tatsächlich, unseren Sohn für zwei Tage nach Hause zu holen - mit dem naiven Gedanken: "Jetzt kann er eine Therapie machen, und dann wird alles gut." Wir erfuhren, dass er kurz bevor "World of Warcraft" auf den Markt gekommen war als Betatester die Aufgabe bekommen hatte, das Spiel bis in die Tiefen hinein nach eventuellen Fehlerquellen abzusuchen. Innerhalb von nicht einmal acht Wochen muss WoW ihn bereits so in seinen Bann gezogen haben, dass er in seinem zweiten Semester gar nicht mehr wirklich studiert hatte. Trotzdem konnte er sich eine Therapie nicht vorstellen, denn er sah sich außerstande, auf "World of Warcraft" zu verzichten. Wie ferngesteuert stand er plötzlich auf, packte seine Sachen und ging.

Zuerst waren wir wie gelähmt und dachten: "Wir haben versagt! Wir haben es nicht geschafft, unserem Sohn ins Leben zu helfen." Wir erzählten niemandem, was passiert war, schämten uns und suchten nur für uns nach Erklärungen und weiteren Informationen. Mehr und mehr wurde uns jedoch klar, dass unser Sohn kein Einzelfall ist - in Deutschland waren zum damaligen Zeitpunkt geschätzte 1,5 Millionen Menschen von dieser Sucht betroffen. Der Drogen- und Suchtbericht 2009 der Bundesregierung führte dann erstmals 2,8 Millionen Onlinesüchtige und ebenso viele Gefährdete auf.
Wir fassten den mutigen Entschluss, mit unserer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen und haben die Internetplattform www.rollenspielsucht.de erstellt, auf der Informationen aller Art zu finden sind. Zudem gründeten wir sowohl für Betroffene als auch für Angehörige in München eine Selbsthilfegruppe.2
Unser Sohn hatte das Glück, nach mehr als zwei Jahren aus eigener Kraft aus seiner schwierigen Situation herauszufinden und ist mittlerweile dabei, sein Leben Stück für Stück wieder aufzubauen. Wir können nur erahnen, wie schwer es für ihn gewesen sein muss, sich aus der totalen Isolation wieder in den normalen Lebensprozess zu wagen. Eltern, die frühzeitig darüber aufgeklärt werden, was passieren kann, wenn das Kind die Kontrolle über seinen PC-Konsum verliert, können aufmerksamer beobachten, sich rechtzeitig einmischen und konsequent handeln, damit es gar nicht erst dazu kommt.
Nach dem, was wir mittlerweile wissen, sind die Auswirkungen der Onlinerollenspielsucht sowohl für die Betroffenen als auch für deren Familien verheerend. Wir bekommen viele Briefe und sind immer wieder tief erschüttert, was aufgrund dieser Erkrankung in den Familien passiert. Am schwierigsten ist die Situation für alleinerziehende Mütter, deren heranwachsende Söhne ihnen körperlich überlegen sind. Die Mütter werden nicht selten körperlich attackiert, etwa in den Schwitzkasten genommen, um den Zugang zum Computer zu erpressen. Im Extremfall führt die Onlinesucht bis zur körperlichen Verwahrlosung.

Mithilfe unseres Netzwerks für Ratsuchende sollen die Betroffenen schneller Hilfe finden können. Es besteht sowohl für Betroffene als auch für Angehörige die Möglichkeit, sich unter der Adresse http://www.aktiv-gegen-mediensucht.de einzutragen und nach bereits bestehenden Gruppen zu suchen oder eine eigene Gruppe zu gründen. Im Netzwerk können sich auch Ärzte, Therapeuten, Ambulanzen, Kliniken, Sucht- und Beratungsstellen sowie Initiativen eintragen.

Verfasser/in:
Christoph und Christine Hirte
Hermann-Hummel-Straße 25, 82166 Gräfelfing
christoph.hirte@rollenspielsucht.de



inhalt 03/ 10
service
anzeigenaufgabe
leserbrief
umfragen
archiv
 



Alle Inhalte © Hannoversche Ärzte-Verlags-Union 1998-2010. Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 08.03.2010.
Design by Tim Schmitz-Reinthal, Support. | Impressum & Datenschutzerklärung